Das sensible Moor

Über die Einheit von äußerer und innerer Natur

von Ulrich Fischer erschienen in Hagia Chora 10/2001

Moore sind faszinierende Landschaften, die eine tiefe Erfahrung des Werdens und Vergehens vermitteln. Schon die frühen Menschen gaben ihnen spirituelle Bedeutung. Ungezählte Opferplätze an Sumpfrändern und in Wasserlöchern sind über Jahrtausende belegt. Für Ulrich Fischer sind Moore das Gedächtnis der Natur - Schwellenräume, die der "Traumzeit" angehören.

Moore sind geheimnisvolle Lebensräume. Umfangen von einer eigentümlichen Atmosphäre muten sie uns mit herber Fremdheit an. Ein Schauer überläuft uns, der Boden schwankt. Es sind Orte des Übergangs oder Schwellenräume, weder zum Land, noch zum Wasser gehörig. Schwellenräume in der Natur sind zugleich Tore zur unsichtbaren Welt. Die Moore sind dunkle Augen der Landschaft, aus denen uns das innere Wesen und die Vergangenheit der Erde entgegenleuchten. Sumpflandschaften können lebensfeindlich und beängstigend wirken. Sagen berichten von verbannten Seelen, die hier ihr Unwesen treiben. Auch warten hier Versuchungen: Moorjungfern, die den Wanderer vom rechten Wege abbringen wollen. Die Moorgeister fordern uns dazu auf, vorbehaltlos unserer Sehnsucht zu folgen. Aber ist es nicht zu gefährlich, die Kontrolle aufzugeben und sich womöglich in die schwarze Tiefe ziehen zu lassen? Schließlich kennt die Umgangssprache das Wort "versumpfen"! Um jedoch Zugang zur Welt der Moore zu gewinnen, wollen wir es einmal wagen, uns vertrauensvoll auf diese zunächst dunkel wirkenden, geistig-seelischen Sphären einzulassen. Wo Wasser im Überfluss vorhanden ist und das Klima die Entfaltung einer torfbildenden Vegetation ermöglicht, können Moore entstehen. Das Wort Moor ist verwandt mit Meer - was nochmals seine enge Verbundenheit zum Wasser zeigt. Wasser ist ein Ausdruck für ein erdverbundenes Leben, für die Seele eines Landes. Moor hat vom Wortsinn auch zu tun mit Moder, und dieses Wort verweist auf Mutter. Die sprachlichen Abwandlungen führen zurück zum allumfassend Weiblichen, zu den ursprünglichen, dunklen und unbewussten Mächten der Erde. Dies meint aber keine Geschlechterpolarisierung in der Landschaft. Im Grunde ist die Wasserlandschaft maskulin und feminin zugleich. In keltischen Mythen bewachen die wilde Frau und der wilde Mann beide den See. "Wild" steht hier für "Ursprung". Die wilden Wesenheiten auf dem Grunde des Wassers verkörpern etwas Nasses, Dunkles, Sumpfiges und Tiefes, sie verkörpern die Seele. Der amerikanische Dichter Robert Bly verwendet das Bild eines Sumpfes, um den ursprünglichen Nährboden der Kultur zu charakterisieren. Aus diesem Sumpf steigen "feuchte" Mythen auf, die in den Initiationsritualen ursprünglicher Stammeskulturen weitergegeben werden. Er schreibt, dass diese uralten Mythen zum Beispiel junge Männer "in die Feuchtigkeit der Generationen von Sumpfvätern" zurückführen und Jahrtausende in die Vergangenheit reichen. Hier steht "Sumpf" gewissermaßen für die Quelle der Ahnenkräfte eines Landes.

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