Das sensible Moor

Über die Einheit von äußerer und innerer Natur

von Ulrich Fischer erschienen in Hagia Chora 10/2001

Moore sind faszinierende Landschaften, die eine tiefe Erfahrung des Werdens und Vergehens vermitteln. Schon die frühen Menschen gaben ihnen spirituelle Bedeutung. Ungezählte Opferplätze an Sumpfrändern und in Wasserlöchern sind über Jahrtausende belegt. Für Ulrich Fischer sind Moore das Gedächtnis der Natur - Schwellenräume, die der "Traumzeit" angehören.

Moore sind geheimnisvolle Lebensräume. Umfangen von einer eigentümlichen Atmosphäre muten sie uns mit herber Fremdheit an. Ein Schauer überläuft uns, der Boden schwankt. Es sind Orte des Übergangs oder Schwellenräume, weder zum Land, noch zum Wasser gehörig. Schwellenräume in der Natur sind zugleich Tore zur unsichtbaren Welt. Die Moore sind dunkle Augen der Landschaft, aus denen uns das innere Wesen und die Vergangenheit der Erde entgegenleuchten. Sumpflandschaften können lebensfeindlich und beängstigend wirken. Sagen berichten von verbannten Seelen, die hier ihr Unwesen treiben. Auch warten hier Versuchungen: Moorjungfern, die den Wanderer vom rechten Wege abbringen wollen. Die Moorgeister fordern uns dazu auf, vorbehaltlos unserer Sehnsucht zu folgen. Aber ist es nicht zu gefährlich, die Kontrolle aufzugeben und sich womöglich in die schwarze Tiefe ziehen zu lassen? Schließlich kennt die Umgangssprache das Wort "versumpfen"! Um jedoch Zugang zur Welt der Moore zu gewinnen, wollen wir es einmal wagen, uns vertrauensvoll auf diese zunächst dunkel wirkenden, geistig-seelischen Sphären einzulassen. Wo Wasser im Überfluss vorhanden ist und das Klima die Entfaltung einer torfbildenden Vegetation ermöglicht, können Moore entstehen. Das Wort Moor ist verwandt mit Meer - was nochmals seine enge Verbundenheit zum Wasser zeigt. Wasser ist ein Ausdruck für ein erdverbundenes Leben, für die Seele eines Landes. Moor hat vom Wortsinn auch zu tun mit Moder, und dieses Wort verweist auf Mutter. Die sprachlichen Abwandlungen führen zurück zum allumfassend Weiblichen, zu den ursprünglichen, dunklen und unbewussten Mächten der Erde. Dies meint aber keine Geschlechterpolarisierung in der Landschaft. Im Grunde ist die Wasserlandschaft maskulin und feminin zugleich. In keltischen Mythen bewachen die wilde Frau und der wilde Mann beide den See. "Wild" steht hier für "Ursprung". Die wilden Wesenheiten auf dem Grunde des Wassers verkörpern etwas Nasses, Dunkles, Sumpfiges und Tiefes, sie verkörpern die Seele. Der amerikanische Dichter Robert Bly verwendet das Bild eines Sumpfes, um den ursprünglichen Nährboden der Kultur zu charakterisieren. Aus diesem Sumpf steigen "feuchte" Mythen auf, die in den Initiationsritualen ursprünglicher Stammeskulturen weitergegeben werden. Er schreibt, dass diese uralten Mythen zum Beispiel junge Männer "in die Feuchtigkeit der Generationen von Sumpfvätern" zurückführen und Jahrtausende in die Vergangenheit reichen. Hier steht "Sumpf" gewissermaßen für die Quelle der Ahnenkräfte eines Landes.

Raum der Ahnen

Jahrtausende alte Moorheiligtümer belegen eine tiefe Verbindung unserer Ahnen mit diesem Naturraum: Moore waren bedeutende Kultorte und Opferstätten. Vor nicht allzu langer Vergangenheit wurden die großen Moore und Sümpfe dagegen oft als Aufenthaltsorte böser Geister gesehen. "Teufelsmoore" gibt es von Sibirien bis Schottland. Es galt als schwierig, sie zu durchqueren, denn nur zu leicht konnte man sich verirren und den Moorgeistern in die Hände fallen. Sie waren Verbannungsorte geschundener Seelen und "alter Jungfern", Pforten zur Hölle, konnten manchmal aber auch Quellen inspirierender Kräfte sein, aus denen die Kinder geboren wurden. Viele Menschen empfinden Moore und Sümpfe auch heute noch von lebendigen Geistgestalten der "Wasserwelt" belebt und durchdrungen. Auf dem Grunde der Moore leben nach wie vor mythische Wesen von archaischer Kraft. Sie können uns in vielfältiger Weise begegnen und verraten uns etwas vom Wesen dieses geheimnisvollen Naturraumes. Am Anfang unserer Hinwendung zum Wesen der Landschaft steht die Ahnung, dass wir als Menschen nicht die einzige Quelle geordneter Intelligenz und bewusster Kenntnisse sind. Robert Bly schreibt: "Weder Bewusstsein‘ noch Intelligenz der Natur‘ sind treffende Ausdrücke. Die Menschen haben das Wort Bewusstsein‘ ersonnen, um ihre eigene besondere Empfindung zu beschreiben, doch die Bewusstheit der Natur ist nicht genau das gleiche wie Intelligenz oder Empfindung, Bewusstsein oder Bewusstheit. Alle diese Wörter erfassen es nicht richtig . Angenommen, wir würden uns die Intelligenz der Natur, statt sie mit einem abstrakten Begriff wie Bewusstsein oder mit einem Ausdruck wie unermessliche Welt des Entzückens‘ zu umschreiben, als ein Wesen vorstellen? Wir nehmen an, dass unsere frühen Vorfahren, die in enger Verschmelzung mit der Natur lebten, genau dies taten und dieses Tier-Gott-Mensch-Wesen mit ihrem inneren Auge sahen. Sie sahen durch die äußere Welt hindurch auf eine mythologische Schicht, die als ein alles überspannender innerer Himmel empfunden wurde. Dieser Himmel ist nicht leer, denn dort leben die Götter ."

Landschaftsökologie und Geomantie

Die emotional-intuitive Wahrnehmung der mythologischen Landschaftsschicht ist wie eine Sprache durch uns allmählich wiedererlernbar. Wir sind ihr über eine analoge Denkart auf der Spur. Die Geistseele des Landes findet in uns ihr Echo in Form von Symbolen und mythischen Bildern. Ebenso ist sie in Gestalten der Außenwelt inkarniert, in bestimmten Pflanzen, Tieren und Menschen. Der innere Reichtum einer Landschaft enthüllt zugleich den inneren Reichtum ihrer Bewohner. Alle Entwicklungsprozesse der Landschaft finden im Seelenleben der Menschen ihre Entsprechung. Seit meinem Studium der Landschaftsökologie habe ich mich intensiv mit den Mooren, speziell mit den Flusstalmooren in Vorpommern beschäftigt. Dieser Lebensraum faszinierte mich schon als Kind. Ich durchstreifte das Peenetal in der Nähe meines Heimatortes, beobachtete Vögel und sammelte alle Beobachtungsdaten. Dann halfen mir die Forschungen für meine Diplomarbeit, Zusammenhänge von Vegetation, Standort und anthropogener Nutzungsgeschichte zu verstehen und so das Werden und den Wandel der Landschaft naturwissenschaftlich zu erfassen. Dabei verbrachte ich viele Tage und Wochen im Moor. Als ich mich zunehmend spirituellen Dimensionen zuwandte, entfaltete sich in mir die Geomantie als eine Wahrnehmungs- und Interpretationskunst. Ich begriff allmählich, dass die Gefühls- und Bewusstseinsebene das eigentlich Lebendige ausmacht, und genau das wird in der Naturwissenschaft meist übersehen. So sehe ich das Moor in seinem Sein als vieldimensionales, lebendiges Wesen, eingebettet in die beseelte Landschaft. Ich verbinde mich bewusst mit den Atmosphären, Wesen und Kräften und erhalte Antworten auf meine Fragen über Gefühle, innere Bilder und Intuitionen. Durch diese Rückbindung stärke ich zugleich die Selbstheilungskräfte des Landes.

Moore leben vom Wasser

Ich werde nun das Wesen natürlicher Moore auf verschiedenen Ebenen beleuchten. Zunächst kennzeichne ich die stoffliche und energetische Natur. Moore nehmen eine Sonderstellung in den Stoffkreisläufen der Natur ein. Ihre selbstwachsende Kraft unterscheidet sie von allen anderen Ökosystemen. Es sind Lebensräume mit positiver Stoffbilanz, d.h., die Bildung organischer Substanz im Ergebnis der Photosynthese der Pflanzen ist größer als ihre Zersetzung und damit ihr Aufbrauch. Dieser Zuwachs an organischer Masse wird Jahr um Jahr und Schicht um Schicht als Torfkörper abgelagert. Voraussetzung ist dabei ein Wasserüberschuss. Die Vegetationsdecke "ertrinkt" fortwährend im Wasser ohne dabei ihr Wachstum zu unterbrechen. Es sind also wachsende Lebensräume. Eingebettet als Senken in der Landschaft, haben sie Funktionen, welche den Nieren in unserem Körper vergleichbar sind. Sie reinigen die sie umgebende Landschaft durch ihre enorme Speicherkraft. Zum einen speichern sie das Wasser, das in den fossilisierten Pflanzenstrukturen gehalten wird. Schon Alexander von Humboldt verglich sie mit riesigen Schwämmen, die in der Lage sind, große Wassermengen schnell aufzunehmen und langsam wieder abzugeben. Dadurch stabilisieren sie den Wasserhaushalt und bewirken einen Klimaausgleich. Außerdem werden Nähr- und Schadstoffe festgelegt. Moore sind zudem Gedächtnisse der Landschaft, komplexe Geschichtsarchive. Ihre über Jahrtausende abgelagerten, meterdicken Torfschichten verkörpern im wahrsten Sinne Ge-Schichte. Zahlreiche Informationen, stofflicher wie feinstofflicher Natur, sind in den unter Luftabschluss konservierten Pflanzenresten der Torfe gespeichert. Stofflich entfällt insbesondere das Eiweiß den Lebenskräften dieser Landschaft und wird in einem halblebendigen Zustand konserviert. Moorleichen sind daher noch nach Tausenden von Jahren mit Haut und Haaren erhalten. Aus den eingeflogenen Pollen und anderen Pflanzenteilen kann man heute Pflanzenarten, die vor zehntausend Jahren dort wuchsen, sowie die damalige Vegetation der Umgebung erkennen. Moore haben in ihren Torfen über Jahrtausende Sonnenenergie gespeichert. Dieser Reichtum potenzieller Energie macht hier das Vorkommen feurigen Äthers erklärlich, welchen wir neben dem wässrigen Äther am intensivsten spüren können. Künstler, die an einem internationalen Symposium im Wittemoor bei Oldenburg teilnahmen, beschrieben seine energetische Eigenart mit einem Kunstwerk, das sie "Moor-Batterie" nannten. Ihre Wahrnehmungen decken sich mit meinen eigenen und denen anderer Geomanten: "Moor-Batterie war unsere Umsetzung einer subtilen, aber spürbaren Eigenart des Moores: einen psychologischen und physiologischen Effekt auf seine Besucher auszuüben. Zuerst verspürten wir einen deutlichen Kraftschwund, nach längerem Verbleiben aber wurde dieser Effekt umgekehrt zu einer Kräfteaufladung von Körper und Geist, die eine länger als üblich andauernde mentale und physische Aktivität hervorbrachte. Diese Beobachtungen ließen das Moor als etwas einer Batterie Ähnliches erscheinen. Metaphorisch funktioniert es als großes Gedächtnis, Speicher, Akkumulator von Erinnerung und stofflich als Konservierungsort oder Grab für Artefakte und für menschliche und tierische Überreste."

Wie sind Moore entstanden

Die Landschaften Nordostdeutschlands sind von einer Vielzahl verschiedenartiger Feuchtgebiete durchdrungen. Nach dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 12000 Jahren wurden in Becken, Flusstälern und Senken, die die abtauenden Gletscher geschaffen hatten, Torfbildungsprozesse in Gang gesetzt. Durch den Wasserüberschuss und das sich allmählich erwärmende Klima wuchsen durch die Jahrtausende hindurch mehrere Meter mächtige Torfschichten vom Grunde in die Höhe und füllten die Vertiefungen mit so genannten Niedermooren aus. In Küstennähe, im Einflussbereich des atlantischen Klimas, wuchsen an einigen Stellen durch Regenwasserspeisung die Torfe aus dem Grundwasserniveau heraus. Es entstanden Hochmoore, welche die typischen Eigenschaften - vor allem in Hinblick auf die Reduktion der Lebenskräfte - ungleich stärker ausbildeten als die in den Flüssigkeitshaushalt der Landschaft integrierten Niedermoore. Flusstalmoore, zu denen das Peenetal in Mecklenburg-Vorpommern gehört, sind typische Niedermoore und besondere Bildungen in der geologisch sehr jungen Landschaft. In Nordostdeutschland bilden sie ein System, das als größtes zusammenhängendes Moorgebiet Mitteleuropas gilt. Das ist für den Naturschutz von großer Bedeutung. Die Peene ist ein träge wirkender, trüber Fluss, der doch einen besonderen Charakter besitzt. Gespeist aus vielen Zuflüssen fließt er vom Kummerower See in die Ostsee. Sein Gefälle ist so gering, dass Hochwasser in der See sogar die Fließrichtung umkehrt. Das Peenetal ist ein Mosaik aus satten Grünländern, buntblumigen Feuchtwiesen, nassen Seggenrieden und Röhrichten sowie dichten Feuchtgebüschen und Erlenbruchwäldern. Sein Reichtum an sehr seltenen und vom Aussterben bedrohte Pflanzen- und Tierarten macht es zu einem Vorranggebiet für den Naturschutz: Es gibt Orchideen, Seeadler, Kraniche, Blaukehlchen, ebenso Biber und Fischotter. Bis vor 300 Jahren waren Moore die letzten beinahe unverbrauchten Naturräume Mitteleuropas. Danach wurde jedoch ihr Bannkreis weitgehend durch intensive Entwässerung und Nutzung gebrochen. Ihr Wachstum kam zum Erliegen. Nur selten haben sich relativ naturnahe Refugien erhalten. Das Peenetalmoor ist eines von ihnen. Hier können wir noch einen Eindruck gewinnen von der Ausstrahlung und Kraft eines naturnahen Moores. Doch sogar dieses Gebiet ist durch den Menschen geprägt. Es ist stärker und tiefgreifender in dreihundert Jahren menschlicher Nutzung verändert worden, als uns das natürlich anmutende Bild der Bruchwälder und Röhrichte vermuten läßt. Viele einst unzugängliche Moore sind so stark verändert, vernutzt und aufgebraucht worden, dass sie heute fast gänzlich verschwunden sind, z.B. viele große Regenmoore Nordwestdeutschlands. Innerhalb weniger Jahrzehnte verwandelten sie sich in öde Kultursteppen. Das Wasser - als Sinnbild der Seele - wurde in Gräben abgeleitet und verbannt. Die Wasserlandschaften halten unserer Kultur den Spiegel vor. Wir verdrängen, dass aus diesen dunkel anmutenden, wässrigen, mondhaften Kräften neues Leben geboren wird.

Auf den Seelengrund tauchen

Auf Wanderungen durch das Peenetal kamen wir in Berührung mit der mythologischen Ebene, ihrem Symbolgehalt und ihrer Seelenwirkung. An einem sonnigen Juni-Wochenende hatte ich zu einer solchen geomantischen Wanderung eingeladen. Wir begannen sie mit einer Meditation am Ufer des Kummerower Sees. Unser Weg führte uns von nun an immer entlang dem Peenetalmoor, das bei Verchen den See verlässt, um sich in nördlicher, bald in östlicher Richtung duch die Landschaft zu winden. Unser erstes Ziel war ein zentraler Punkt des Tales. Er befindet sich genau dort, wo eine "Drachenlinie" quert. Die Drachenlinie - als Leitbahn geistig-seelischer Kräfte, die sich durch das Symbol des geflügelten Drachens dem inneren Auge enthüllt - verbindet die ehemaligen Klöster Verchen und Dargun miteinander, welche jeweils am Rande des Tales liegen. In diesem Bereich sind vor Jahren bei Baggerarbeiten viele Gegenstände verschiedener Zeitepochen im Torf gefunden worden. Archäologen vermuten hier einen alten Opferplatz. Heute ist hier eine buntblumige Feuchtwiese, in Sichtweite fließt die Peene. Hier erfuhren wir die Eigenschaften und Wirkungen des Torfgrundes, auf dem wir standen. Wir empfanden ihn als sehr tief und eindringlich wirksam, schwammig und locker, aber auch als glitschig, dunkel und unergründlich. Obwohl wir festen Fußes in der Wiese stehen konnten, schienen wir innerlich in einer Fülle gedanklicher Themen und Angebote zu "versinken", die auch Bedrückung und Verwirrung hervorrufen konnten. Zugleich hatten wir das Gefühl, dass die Kräfte des Lebens von uns abflossen. Das Moor nahm auf, es nahm alles in sich hinein - ohne Absicht, ohne Wertung, ohne Vergleich. In diesen Wahrnehmungen drückt sich aus, wie die Moore aus dem Reich des Unterbewussten zu uns sprechen. Wir werden mit dunklen und beängstigenden Inhalten konfrontiert, die wie "Moorleichen" im Finstern liegen können. Das Unbewusste ist machtvoll! In einem Märchen der Gebrüder Grimm lebt ein schrecklicher, wilder Mann, der Eisenhans, auf dem Grunde eines sumpfigen Pfuhls. Er stiftet viel Unheil, indem er jeden zu sich in die Tiefe zieht, der ihm zu nahe kommt. Durch einen beherzten Jäger wird der Pfuhl entwässert und der Eisenhans ans Licht geholt. Im Glanz der Sonne verliert er seinen Schrecken und wird zum Mentor eines Prinzen. Ganz am Ende werden Eisenhans und der Prinz erlöst und erstrahlen in ihrem wahren Licht. Die Geschichte ist ein Hinweis darauf, dass Unerlöstes zum rechten Zeitpunkt ins Bewußtsein aufsteigen kann, wo es erhellt wird. Der bewusste Weg führt dabei zuerst auf den Grund des Dunklen. Dorthin gelangen wir nur, wenn wir der Sehnsucht in uns nachgeben - den Kräften des Mondes, die uns auf den Grund unseres Seelenmoores führen. Das ist der Beginn eines Einweihungsweges. Robert Bly erkennt im Eisenhans eine wichtige Schlüsselfigur der männlichen Initiation. Es gibt eine Grundtendenz des Menschen, Unerwünschtes und Entwürdigtes in Löcher, Tümpel und Sümpfe zu versenken, um es einfach von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Vor zweitausend Jahren wurden so Verbrecher im Moor hingerichtet und versenkt, wie es Tacitus von den Germanen beschrieb. Doch nicht nur Verbanntes wurde in den Sumpf geworfen. Zahlreiche archäologische Funde zeigen, daß an heiligen Stätten Dinge bewusst als Opfergaben abgelegt wurden. Besonders für die germanische Zeit des letzten vorchristlichen Jahrtausends sind viele Opfermoore mit zahlreichen Fundstücken bekannt geworden, die über Jahrhunderte verehrt wurden. Miranda Green schreibt: "Zum verbreiteten Ritualverhalten der europäischen Spätvorgeschichte gehört das Versenken von Votivgaben in Wasser - Flüssen, Seen oder Sümpfen." Sie beschreibt, dass eine Anzahl heiliger Kessel in Teichen und Sümpfen gefunden wurde. Kultkessel symbolisieren zum Beispiel in den keltischen Mythen Reichtum und Wiedergeburt. Der bekannteste ist der Gundestrup-Kessel aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., der im Rævemosen-Moor in Jütland gefunden wurde. Seltener sind auch hölzerne Kultfiguren und Kultgebäude aus germanischen Moorheiligtümern geborgen worden, wie z.B. im Thorsberger Moor bei Süderbrarup in Schleswig-Holstein. Für Menschenopfer sprechen die in Nord- und Westeuropa gefundenen Moorleichen, die oft Anzeichen von Gewalteinwirkung und ritueller Behandlung aufweisen. Für wen wurden sie geopfert?

Orte der Schwarzen Göttin

Moore gehören der "Traumzeit" an. Es sind Schwellenräume, der gewohnten Realität entrückt. Sie binden Lebenskräfte, aber sie geben geistige Inspiration. Deshalb können wir Moore als Orte der Schwarzen Göttin bezeichnen. Bei den Germanen trat die Schwarze Göttin als Unterweltsgöttin Hel in Erscheinung. Hier verkörpert sich der dunkle Aspekt des allumfassend Weiblichen, der verschlingenden Mutter, in welche die bewussten, individualisierten Kräfte zurückkehren und aus der sie wiedergeboren werden. Die Ethnologin Dorothee Westermann führt dazu aus: "In traditionellen Kulturen kennt man Bilder und Rituale, die das gefährliche Durchschreiten von Teilen der menschlichen Natur im Bild der verschlingenden Mutter darstellen. Diese Rituale helfen, Zeiten des Übergangs zu bestehen, in denen der Initiant seelisch durch die Erfahrung von Tod und Wiedergeburt gehen muss, um zu einem vollständigeren Menschen zu reifen. Das Erlangen einer vollständigeren Identität setzt immer ein Opfer alter Persönlichkeitsmuster voraus. In Indien verehrt man den gefahrvollen Prozess von Tod und Wiedergeburt im Bild der schwarzen Göttin Kali, die als grausame Erdmutter ihre Kinder verschlingt und zugleich wiedergebärt: Tod und Fruchtbarkeit . Schwarz und Grün." Das sind die Farben des Moores. Und Buffy Johnson schreibt: "In alten Zeiten war der Tod eng mit den Fruchtbarkeitsriten der Großen Mutter verknüpft. Die Funde in den Mooren Dänemarks und Nordeuropas beweisen, wie viele Menschen man der Gottheit zum Opfer brachte. . Diese Seite der Göttin hat mit Verwesung, Blut, Tod, dem Grab und der engen, heiligen Finsternis zu tun, denn auch dies gehört schließlich zum Lebenszyklus. Dem Tod, wie schlimm er auch sein mochte, folgte, so glaubte man, die Erneuerung." Als Pforten zwischen der Welt der Lebenden und der Toten waren Moore also tatsächlich "Hölleneingänge" ("Hölle" leitet sich her von Holle und Hel!). Später wurde die Unterwelt dämonisiert. Doch durch sie wird Neues, Wahres und Lichtes erst ermöglicht. So hat Hel zugleich die stärkste Kraft der Heilung. Moorbäder zum Beispiel sind eine anerkannt wirkungsvolle Heilmethode.

Der Mythos des Seelenflusses

Immer wieder wurden wir auf unserer Wanderung auf die verdrängte Unterwelt aufmerksam, auch als wir uns dort zu Geschichten inspirieren ließen. Wir befanden uns mitten auf einer sonnigen, nassen Wiese, die von großen Torflöchern und dichten Weidengebüschen gesäumt wurde. Wir verbanden uns untereinander und stimmten uns darauf ein, uns an einen Ort führen zu lassen, jeder für sich, an welchem wir eine Geschichte empfangen würden. Als wir sie zusammentrugen, zeichneten sich jeweils zwei zentrale Symbole ab. Das erste war das Schiff in Form eines "Beerdigungsbootes", eines "Drachenbootes" und eines "Seelenschiffes". Wir erhielten einen übereinstimmenden Begriff von einem Mythos, der im Peenetal verankert ist: Drachenboote und Seelenschiffe sind keine gewöhnlichen Schiffe. Man kann sie nur im Morgendunst und in abendlichen Nebelschleiern sehen. Aber niemand weiß, wer ein solches Schiff steuert, und niemand wagt es herauszufinden. Der Mythos beschreibt die Peene als einen Fluss der Seelen. Mit einem Schiff werden am Abend die Seelen der Verstorbenen über den schwarzen Fluss durch die Moorlandschaft geleitet und strömen dem offenen Meer - der Ostsee - zu. Es trägt auf einem weißen Banner das Symbol eines geflügelten Pferdes, des Pegasus. Bei den indogermanischen Völkern war das Pferd Seelengeleiter, bei den Kelten symbolisiert es den Zyklus von Geburt, Tod, Jenseits und Wiedergeburt. Am Morgen, wenn das Schiff mit den Seelen der Kinder vom Meer wieder stromaufwärts fährt, bringt es diese geistige Inspiration mit ins Binnenland. Die Wikinger bereisten in diesen Drachenbooten auch tatsächlich die Peene und erkundeten das Landesinnere, so dass der Fluss ein wichtiger Kulturbringer war. Am Rande des unteren Peenetals bei Menzlin fanden Archäologen Siedlungsreste eines Handelsplatzes, der von Wikingern und Slawen vor mehr als eintausend Jahren gemeinsam genutzt wurde. Auf einem Hügel am Rande der Moorniederung sind Bootsgräber der Wikinger gefunden worden. Bei Barbara Walker ist zu lesen: "Das altnordische Totenschiff - Fahrzeug der berühmten Wikingerbestattung‘ - wurde ludr genannt; das Wort bedeutete Boot, Sarg und Wiege. Es brachte die Toten zurück zu ihrer Mutter, dem Meer." Das zweite Symbol in unseren Geschichten war das eines gigantischen Wesens, das auf dem Grunde des Moores lebt - wir erlebten es als real existent. Symbolisch ist lediglich seine Gestalt, in der es sich uns zeigte. Auch bei diesem Motiv handelt es sich um einen alten Mythos, wie ich nachträglich feststellte. Es zeigt, dass das Wesen des Moores tief im Untergrund sehr kraftvoll ist, auch wenn es sich um ein an der Oberfläche entwässertes Moor handeln sollte. Ich habe bereits den Eisenhans erwähnt, den "Wilden Mann", der als ein solches Moorwesen gelten kann. Mir ist das Wesen des Peenetalmoores in Gestalt eines Wasserdrachen begegnet. Schlangengleich regt und windet er sich in den tiefsten Torfschichten. Dieser Wasserdrachen gehört zum Schöpfungsmythos des Peenetalmoores. Er gebiert den Lauf des Flusses, er erschafft durch seine Bewegungen das Tal in seiner Form. Er zeigt, dass die Kräfte der Verwirklichung in den Tiefen des Moores geborgen sind und bis auf den heutigen Tag wirken. In der Geschichte eines Teilnehmers taucht das Moorwesen als Riese auf, der unter dem Moor lebt. Er ist so gigantisch, dass ihm Torf und Wasser nur bis zu den Knöcheln reichen, sobald er sich aufrichtet. Dieser Riese bekommt für erwiesene Dienste von den Menschen jährlich einen Teil ihrer Ernte. Nur wenn diese Gaben ausbleiben, holt er sich seinen ihm zustehenden Teil in Form von Tieren und Wagenladungen, die im Moor versinken. Eine ähnliche Figur existiert auch im angelsächsischen Beowulf-Epos als ein Dämon namens Grendel, der als riesiger, unverwundbarer Menschenfresser geschildert wird. Er haust mit seiner Mutter in einem Wasser mitten im Sumpf. Das Wort "Dämon" ist lediglich eine Diabolisierung des griechischen daimon: "der innewohnende Geist". Christliche Anschauungen setzten unterirdische Drachen und Moordämonen als Hüter der Unterwelt gewöhnlich mit dem Teufel gleich. Der Moordämon als Eisenhans, Drache oder Grendel verkörpert die Kräfte des Ursprünglichen, Wilden, Unzähmbaren. Er ist nur über die Hingabe an die der kulturellen Ordnung scheinbar entgegenstehenden Gefühlskräfte - das gefürchtete "Versumpfen" oder z.B. in der Ekstase - erreichbar. Es ist diese seelische Qualität unseres Ursprungs, die uns lebende Moore vermitteln können. Sie regen die Erfahrung unseres eigenen Moordaimons an. Denn was in uns stark und groß ist, braucht die ursprüngliche Üppigkeit der wilden Natur.

Moorjungfern und Irrlichter

Wir näherten uns dem Ende der geomantischen Wanderung und fanden einen Schlafplatz ganz in der Nähe des Flusses an einem großen, wassergefüllten Torfstich. Im letzten Tageslicht bauten wir unsere Zelte auf, bevor sich die Nacht über das Moor senkte. Die Atmosphäre wurde klar und frisch, während Nebelschleier aus der Wiese steigen. In der Nacht wirkt das Moor in außergewöhnlicher Lebendigkeit fast aufgeregt und flirrend. Etwas zog mich unweigerlich zum Rande des Torfstichs. Ich folgte dem Impuls bis an den Rand des Wassers und ließ meinen Geist auf den Grund des Torfstichs sinken. Ich wehrte mich nicht länger gegen die beängstigende Vorstellung der lauernden Tiefe. Zu meiner Überraschung nahm ich eine gleißend-helle Kugel auf dem Grunde wahr. Ich betrachtete den Brennpunkt eines Elementarwesens von außergewöhnlich verführerischer Schönheit. Meine Angst vor Dunkelheit und Tiefe war völlig verschwunden. Meine Sehnsucht wuchs, ganz loszulassen und mich einfach in die Arme der Wasserfrau fallen zu lassen. In vielen Sagen tauchen die Elementarwesen als Moorjungfern und mitunter als Irrlichter auf - als kleine Wassergeister oder "brennende" (verlorene) Seelen. Elementarwesen sind wie Bewusstseinszellen des Moorgeistes. In der Begegnung mit ihnen spiegelt sich wieder das mythische Leitmotiv dieses Lebensraumes: Die Hingabe an unser Gefühl und unsere Sehnsucht wird zur Reise durch dunkle Welten und befähigt uns zur Entdeckung unseres wahren, noch im Unbewussten verborgenen Wesens. Eines Tages wird unser Wesen erlöst und im Glanz der Sonne erstrahlen.