Wahrnehmung kommunizieren

von Josef Volsa erschienen in Hagia Chora 10/2001

Es bereitet mir immer Schwierigkeiten, Wahrnehmungen während meiner geomantischen Arbeit mitzuteilen. Wahrnehmung ist etwas sehr Subjektives. Bei meinen Seminaren mache ich immer wieder die Bekanntschaft mit Leuten, die Orte nicht fühlen, sondern riechen, schmecken, in Symbolen oder Farben sehen, als Musik oder als Ton hören usw. All das ist zulässig und richtig. Der Schlüssel liegt im Wort Wahrnehmung - das, was man wahrnimmt, "als wahr nehmen". So ist es wahr, wenn jemand einen Ort als "Geruch von Zimt" beschreibt oder wenn ein Ort als grün empfunden wird oder an ein Stück von Ravel oder den Beatles erinnert. Einen gemeinsamen Nenner für eine allgemein gültige Beschreibung finden zu wollen, macht einen Großteil der Schwierigkeiten aus. Ein Teilnehmer berichtete mir z.B., wie er ein Buch, in dem die Autorin "das Qi der Wiese im Morgentau blau aufsteigen" sah, sofort wieder zuklappte, da er mit derartigen Schilderungen nichts anfangen könne. Schwierigkeiten sehe ich auch darin, dass Menschen mit einer etwas erweiterten Wahrnehmung oft das Gefühl haben, einem Blinden von einer Farbe zu erzählen. Die Beschreibung von Naturwesen, einer Aura oder auch eines Kraftortes als eine Art "Energie" ohne Farbe, ohne besondere optische Eigenschaften, ist für Außenstehende, die über diese Art der "sichtigen" Wahrnehmung nicht verfügen, unbefriedigend und nicht nachvollziehbar. Wo liegt der Ausweg aus dem Dilemma? Bei spezifischen Gruppen ist es relativ einfach. Wenn ich etwa Radiästheten die energetischen Eigenschaften einer Kirchenkanzel beschreiben will, kann ich mit Grifflängen arbeiten. Ich werfe etwa ein "12,3" in den Raum, und alle wissen, was gemeint ist. Bei geomantischen Gestaltungsprojekten habe ich es aber mit Firmen und deren Repräsentanten zu tun, denen andere Ebenen der Wahrnehmung meist fremd sind. Hier ist es sinnlos, über Geomantie zu reden, man muss über das Spüren gehen. Wenn ich meinen Kunden dazu bringen kann, die Vor- oder Nachteile eines Ortes zu spüren, ihn diese am eigenen Leib erfahren lassen kann, habe ich schon gewonnen. Bei mancher Besprechung über Projekte, bei denen man aneinander vorbeigeredet und sich nicht verstanden hat, brachte das Fühlbarmachen der Orte und Qualitäten den Durchbruch. Dazu "initialisiere" ich den von mir gemeinten Ort oder die Raumqualität als eine temporäre Installation. Dies hilft allerdings bei Texten wie diesem nicht weiter. In Seminaren ziehe ich mich hier auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der Wahrnehmung zurück. Die objektive Wirkung eines Ortes kann mittlerweile mit einem EEG-Gerät oder mit verschiedenen anderen Messmethoden festgestellt werden. Hier kann man, unabhängig von der eingangs konstatierten Subjektivität, Aussagen treffen wie: dieser Ort stärkt die Atemfunktionen, jener baut Blockaden im Herzbereich ab. Das ist es auch, was meine Kunden von mir erwarten - Raumqualitäten oder Orte geomantisch so zu verändern, dass ganz bestimmte, vorher besprochene Wirkungen eintreten, dass z.B. an einem Schreibtisch ein Konzentrationsplatz entsteht. Es wäre gewiss kontraproduktiv, über einen Schreibtisch zu sagen, er schmecke nach Sojasauce oder wirke auf mich wie ein Lied Oswald von Wolkensteins. Wenn ich dem Firmenchef sage: "Dieser Ort macht depressiv. Man fühlt sich hier nutzlos", kann er dies anhand seiner Wahrnehmungen überprüfen. Ich spreche in seiner Realität zu ihm. Interessant ist, so genannten Insidern zuzuhören, wenn über Wahrnehmungen berichtet wird. Meist hört man da allgemeine Aussagen, welche über die Qualität eines Ortes oder einer Energiequalität nicht wirklich etwas aussagen. Hier ist von "starken Plätzen", von "extremen Energien" oder von "kräftigen Orten" die Rede, Aussagen, die der Eigenschaft eines Ortes nicht nahe kommen. Interessant war es auch für mich, auf einer Esoterik-Messe zwei Ausstellerinnen zuzuhören, welche sich in den Schilderungen ihrer Aurasichtigkeit in den kräftigsten Farben zu übertreffen versuchten. Aus verschiedenen Eigenheiten der beiden war zu schließen, dass alle beide nicht "sichtig" waren. Hier werden Vorstellungen weitergegeben, Dinge, die man gelesen hat . Unsere Sprache ist kaum für derartige Schilderungen geeignet. Realität prägt Sprache - und für die meisten Menschen sieht die Realität eben nur materiell aus. In der Durchschnittsrealität ist kein Platz für Naturwesen, Aura, optische Wahrnehmung von Ortsqualitäten, Störzonen und vieles andere. Beschreibungen erzeugen leicht suggestive Bilder, die von anderen übernommen werden, obwohl sie nicht ihrer Wahrnehmung entsprechen. Immer wieder wird diskutiert, eine eigene Sprache dafür zu entwickeln, eine Fachsprache, wie sie Ärzte, Techniker oder Juristen verwenden. Ich denke aber, man würde der Geomantie damit keinen guten Dienst erweisen. Wenn ich mir vorstelle, in einer Lokalzeitschrift zu lesen, dass ein Seminarzentrum durch eine geomantische Optimierung "lilienhaft" geworden ist, wäre das wieder nur für Insider verständlich. Ich sehe schon die Seminarankündigungen vor mir, wo man lernt, welche Orte "lilienhaft" sind, und diese wieder in Schubladen eingeordnet werden. Eine andere Idee war, sich nicht auf den kleinsten, sondern auf den größten gemeinsamen Nenner zu einigen - einfach alle möglichen Wahrnehmungen und deren Beschreibungen anzuführen und aufzulisten. Diese Hagia-Chora-Ausgabe wäre dann kein Heft, sondern eine Bibliothek. Dabei stellt sich noch ein weiteres Problem: Was ich etwa als lieblich oder liebevoll erlebe, kann für jemand anderen etwas ganz anderes bedeuten. Ein entsprechendes Erlebnis hatte ich beispielsweise bei der geomantischen Optimierung einer "strengen Kammer". Ausgerechnet dort sollte ich eine "liebevolle" Schwingung installieren. Erst nachdem ich ein Dutzend verschiedene Ortsqualitäten aufgebaut hatte, fanden wir einen einigermaßen gemeinsamen Nenner. Auf dieser Basis konnte ich dann einen Ort geomantisch initialisieren, den zwar nicht ich, aber dafür das betreffende Paar als "liebevoll" erlebte. Abschließend muss ich feststellen, dass ich keine befriedigende Lösung dafür gefunden habe, wie man die subjektive Wahrnehmung von Orten objektiv mitteilen kann. Ich würde mich darüber freuen, wenn im Hagia-Chora-Forum dieses Problem thematisiert werden könnte (www.geomantie.net) und wir vielleicht einer Lösung näherkommen.