Das Loch in der Realität (Teil 1)

von Jochen Kirchhoff erschienen in Hagia Chora 10/2001

Für viele Menschen hat der 11. September 2001, schockartig, die Koordinaten ihrer bisherigen Wirklichkeit verschoben, die Vorstellungen darüber, was wirklich und was unwirklich, was möglich und was unmöglich ist, durcheinander gebracht, und zwar irreversibel. Es gehört zur Eigenart des Menschen, solche Schockmomente dann doch irgendwie abzufangen, abzumildern, ihnen den Schrecken zu nehmen, das Loch in der Realität wieder zu stopfen. Erklärungen und Einordnungen dienen diesem (verständlichen) Bedürfnis ? es sind Erklärungen und Einordnungen aber, die zugleich der individuellen und kollektiven Verdrängung dienen. Das aufgerissene Loch in der für so sicher gehaltenen Realität ist zugleich ein Loch in der Seele, mit dem sich nur schwer leben und zur Tagesordnung übergehen lässt. Der Terroranschlag in den USA, der Unmenschlichkeit, Präzision und Symbolkraft so gnadenlos grell gebündelt und zum globalen Medienspektakel gemacht hat, hat nicht nur die Verwundbarkeit der hochtechnisierten und "offenen" Gesellschaft demonstriert (von der Politiker und Journalisten jetzt gerne reden), sondern auch die Verwundbarkeit und den kollektiven Wahn des gesamten Projekts der technischen Vernutzung der Erde. Dieser Vernutzung liegt eine bestimmte Bewusstseinsverfassung zugrunde, die auf ihre Art selbst fundamentalistische Züge trägt ? auch wenn es gegen die Political Correctness verstößt, dies gerade jetzt zu äußern. Der technisch-motivierte Fundamentalismus, der die Erde als Ganze im Blick und Griff hat, ist im Grunde ein Wahn, ein Konstrukt ohne Rückbindung an das Lebendige, ein menschen- und naturfeindliches Monstrum. Kein Wunder, dass er dumpfe Revolte hervorruft, dass die chromblitzende Welt der Megatechnik und der Megabauten auch als Terrorismus eigener Art empfunden wird und ohnmächtigen Hass hervorruft, der sich als Terrorismus der "bekannten Spielart" entlädt. Zu dem Fundamentalismus und der globalen Allgegenwart der Megatechnik und ihrer Symbole gehört eine Weltdeutung der Abstraktion und des zunehmenden Verlustes der Wirklichkeit. Die abstrakte und technische Naturwissenschaft, und diese ist die herrschende heute, produziert nicht nur abstrakte Weltbilder, in denen das Leben nicht oder kaum vorkommt, sondern ist nur möglich durch die fortgesetzte Missachtung und Verleugnung der Wirklichkeit des Lebendigen. Und der Wirklichkeit spiritueller Innenräume oder "Anderswelträume".

Wir wirklich ist die Wirklichkeit nach dem 11. September?

Längst hat die technisch fabrizierte Simulationswelt nicht nur alles Unmittelbar-Lebendige zerstrahlt, sondern auch die sublimen Räume des seelisch-geistigen Innen jenseits der Abstraktion kolonisiert. Überspitzt gesagt: Das "Jenseits" ist technisch herstellbar geworden und wird auch von vielen genauso empfunden. Jenseitswelten und auch kosmische Visionen sind fast völlig durchsetzt mit technischen Bildern, häufig vermischt mit "ätherischem Kitsch". Der 11. September hat ein Loch aufgerissen, in einer Welt, die immer eine Illusion war! Man muss dies in ganzer Schärfe sehen. Der Abstraktionswahn, der global fundamentalistisch durchgepeitscht wurde, hat niemals Wirklichkeit produziert, die diesen Namen verdient. "Wie wirklich ist die Wirklichkeit" nach dem 11. September 2001? Wie wirklich ist sie nun, die (angemaßte) Wirklichkeit in der technischen Welt, die von unzähligen Menschen, wie es scheint, mit Inbrunst Tag für Tag mit ihren seelischen Energien aufgeladen und als alternativlos hingestellt wird? Ein technischer Koloss ist nicht deshalb wirklich, weil er, beispielsweise, Leben zermalmen oder schmerzhafte Wunden reißen kann, wenn "etwas schiefgeht" oder er kollabiert. Wirklichkeit, in diesem Fall die des empfindlichen einzelnen Leibes, stellt sich erst im je Einzelnen und in seinem Bewusstsein her. Das ist essenziell. Es gibt keine "Wirklichkeit an sich", die eine abstrakte und letztlich "tote Wirklichkeit" wäre, keine Wirklichkeit "da draußen". Sie wäre von keinem lebendigen Subjekt, keinem Bewusstsein jemals zu verifizieren. Es gibt nur lebendige Wirklichkeit. Was heißt das, und wie lässt sich Wirklichkeit überhaupt bestimmen? Abstrakt-theoretisch gar nicht! Jeder Versuch, abstrakt-theoretisch zu bestimmen, was denn nun die berühmte und ständig bemühte Wirklichkeit "wirklich ist", muss scheitern. Schon aus simplen logischen Schlüssen ist das ableitbar. Wir sind integrale Teile eines uns unendlich übersteigenden Ganzen, oder bescheidener: des mit dem Gestirn Erde gegebenen Ganzen, wobei dieses "Ganze" sich nur im engen Ausschnitt dem je Einzelnen zeigt. Was immer nun der Einzelne über die "Gesamtwirklichkeit" und ihre Kriterien aussagen möchte und kann, setzt eben diese "Gesamtwirklichkeit" voraus, auch, verengt, die "Gesamtwirklichkeit des Einzelnen", aus der niemand aussteigen, die niemand von außen wie ein Objekt oder Ding betrachten kann. Man kann nicht Kriterien aufstellen, die für die Wirklichkeit gelten sollen, weil wir keinen Standort außerhalb der Wirklichkeit haben. Wir sind die Wirklichkeit, so unlösbar verfugt mit der Wirklichkeit, ja ihr Ausdruck, dass jede "Definition" von Wirklichkeit unmöglich oder müßig ist. Was man angeben kann, ist der Punkt, an dem sich für jeden Einzelnen Wirklichkeit zeigt, und das ist der Einzelne selbst, in seiner seelisch-geistig-leiblichen Gesamtheit. Hier bekundet sich das, was Wirklichkeit ausmacht, ? und nur hier. Wirklichkeit ist in diesem Sinne existenzielle Wirklichkeit. Auch wenn die reduktionistische Naturwissenschaft alles Innen zum Außen zu machen versucht und dabei beklemmende Erfolge erzielt, so bleiben doch auch deren Vertreter Menschen und sind als solche keine abstrakten Gespenster, sondern konkrete Gestalten, Seele-Geist-Leib-Einheiten, die ihr Leben, ihr Lebendig-Sein völlig außerhalb der Abstraktionen bekunden. Und noch niemals ist Lebendiges aus Totem abgeleitet worden, noch niemals Bewusstsein aus abstrakten Formalismen. Leben entsteht aus Leben. Alles andere ist Postulat, Behauptung, Dogma, wogegen unsere lebendige Erfahrung ständig Protest einlegt.

Wirklichkeitsverlust

Wirklichkeit ist lebendige und existenzielle Wirklichkeit. Jeder weiß das auch in der Tiefe und kann es jederzeit erfahren. Und doch steht dieser im Grunde schlichten Feststellung (so schlicht, dass sie häufig übersehen wird), die herrschende Vorstellung von Wissenschaft gegenüber, die bekanntlich völlig anders aussieht. Die lebendige existenzielle Wirklichkeit des je Einzelnen zählt so gut wie gar nicht im herrschenden Verständnis von Wissenschaft. Sie kommt darin nicht vor und soll es auch nicht. Sie stört. Wer die Entwicklung der neuzeitlichen Wissenschaft ? und das war primär und ist noch immer "Naturwissenschaft" ? mit vorurteilsfreiem Auge überblickt, dem müsste auffallen, dass Wissenschaft und Leben bzw. lebendige Wirklichkeit immer mehr auseinanderklaffen. Ständig sehen wir eine Abstraktionsstufe die andere ablösen, und heute haben wir einen Grad des Abstraktionismus erreicht, dessen "Wirklichkeitsverlust" (Erwin Chargaff) kaum noch steigerbar ist. Wissenschaft bestimmt sich geradezu durch diesen hohen Grad der Abstraktion. Wissenschaft ist Abstraktion. Wirklichkeit ist Leben. Wie soll das zusammengehen? Und es geht auch nicht zusammen. Dies muss zu allererst gese-hen werden, ehe man an die Frage geht, ob es eine "Wissenschaft des Übersinnlichen" geben könne, eine Scientia visionis, wie dies Ken Wilber behauptet, eine "Wissenschaft der Anderswelt". Der herrschende Abstraktionismus ist auch technisch und ökonomisch gestützt; er dient global ? noch einmal Chargaff ? der "Erschaffung einer Scheinwirklichkeit", an der heute Forschungsgelder, Karrieren und die so unbegrenzt erscheinenden Möglichkeiten der Simulation hängen. Technisch hergestellte Bilder und Simulationen haben längst in den Köpfen vieler die Wirklichkeit ersetzt. Dieser Wahn hat durch den 11. September 2001 einen schweren Schock erlitten, der noch immer anhält. Gibt es eine Alternative? Eine "andere Naturwissenschaft", wie ich das nenne? Ansätze dazu hat es stets gegeben, und auch ich selbst habe einen Ansatz dazu vorgestellt. Dass dieser von den Sachwaltern der Mainstream-Naturwissenschaft nicht mit Begeisterung aufgegriffen wird, ist naheliegend. Die Wissenschaft, wie sie heute mehrheitlich ist, bedarf keiner "Reform". Diesem absoluten Herrscher werden sich kaum parlamentarische Reformen abringen lassen. Einzig eine Revolution erscheint hier erfolgversprechend, eine solche des Bewusstseins wohlgemerkt, die alle dumpfen Revolten nach bekanntem Muster hinter sich lässt. Ausgangs- und Angelpunkt hierfür ist die Wiedergewinnung der Wirklichkeit, nichts Geringeres! Wenn es wahr ist, dass die herrschende Naturwissenschaft infolge des in ihr waltenden Abstraktionismus im Kern wirklichkeits- und lebensfeindlich ist, dann ist von dieser Art Wissenschaft aus keine Brücke zu schlagen zu "übersinnlichen Erfahrungen", zur lebendigen Erschließung höherer und anderer Bewusstseinsformen. Was Fritjof Capra Mitte der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts behauptete und was seitdem von vielen aufgegriffen und immer weiter popularisiert wurde, also die Konvergenz von Spiritualität und neuester Physik, hat sich weitgehend als Illusion erwiesen. Am intelligentesten wohl hat Ken Wilber diese Illusion entlarvt. Er tut dies seit mehr als zwanzig Jahren, hat aber die enorme Popularität der These "Physik = Mystik" nicht ernsthaft erschüttert. Es finden sich ständig Autoren, die die These aufgreifen und ihr neues Leben einflößen.

Die Quantentheorie und der Grashalm

Nehmen wir die Quantentheorie, auf die sich die meisten beziehen, wenn sie die Vereinbarkeit oder Konvergenz von neuer Naturwissenschaft und Mystik/Spiritualität zu beweisen glauben. Die Quantentheorie ist ein hochabstrakter, aber im Kern einfacher mathematischer Formalismus, mit dem bestimmte Paradoxien der Mikrowelt, etwa der Widerspruch zwischen Welle und Teilchen, auf statistische Weise beschrieben werden können. Diese Beschreibung "funktioniert", das heißt es gibt weitgehend präzise Voraussagen. Auch wenn man diesen Formalismus "ontologisiert", ihm also Wirklichkeitsstatus zuspricht, und das tun ja sehr viele Physiker, verbleibt man auf einer sehr niedrigen Seinsebene, weit entfernt auch nur von der chemischen und biologischen Ebene, zu schweigen von höheren organischen und bewusstseinsmäßigen Ebenen. Mit der Quantentheorie lässt sich kein Grashalm erklären, höheres Bewusstsein schon gar nicht. Der Formalismus der Quantentheorie ist tot und bleibt tot; zur Erklärung des Lebendigen leistet er nichts, auch wenn unermüdlich das Gegenteil behauptet wird. Und nun gar spirituelle oder transpersonale Bewusstseinszustände, "übersinnliche Erfahrungen", die zwar auch gelegentlich einen paradoxen Charakter aufweisen, aber, und das ist das Wesentliche, sich auf einer völlig anderen ? und höheren ? Ebene vollziehen! Das Beobachtersubjekt wird in der Quantentheorie nur abstrakt einbezogen, nur in völliger Loslösung von der lebendigen Ganzheit dessen, was den Menschen ausmacht. Auch die abstrakte Physik kennt so etwas wie eine Anderswelt, wenn die Sinnenwelt der erfahrbaren Phänomene als die eine Welt gesetzt wird. Diese "physikalische Anderswelt" ist der imaginäre Ort der mathematischen Formalismen. Mit der Anderswelt mythologischer oder spiritueller Erfahrungsebenen hat er nicht das Geringste zu tun. Das gilt auch für die postulierten "höheren Dimensionen" jenseits der vierdimensional vorgestellten Raumzeit. Schon die Annahme der Zeit als vierter Dimension ist alles andere als eine Erfahrungswirklichkeit, es ist ein Konstrukt, das "funktioniert", um bestimmte Phänomene zu beschreiben ? mit unserer lebendigen Erfahrung von Zeit hat dieses Konstrukt nichts zu tun. Die Relativitätstheorie verhilft uns nicht dazu, mystische oder spirituelle Erlebnisse zu verstehen.

Wissenschaft ? was ist das überhaupt?

Wenn der Begriff "Wissenschaft" überhaupt richtig gewählt ist bei "übersinnlichen Erfahrungen" oder "Anderswelt-Erfahrungen und ihrer verstehenden Deutung", dann kann es nur um einen prinzipiell anderen Wissenschaftsbegriff gehen als den der herkömmlichen Naturwissenschaft. Dieser andere Begriff von Wissenschaft wird zwar von vielen "Außenseitern" in Anspruch genommen, es gibt reichlich Angebote auf dem Markt der Ideen, aber eine Verbindlichkeit, die mehr als eine Nische oder eine kleine Gruppe von Adepten umfasst, liegt nicht vor. Das ist ein eher trauriger und ernüchternder Sachverhalt, aber ihn zu leugnen führt nicht weiter. Wir müssen ihm ins Auge sehen, auch in der Geomantie. Was ist überhaupt Wissenschaft? Was sind ihre Kriterien und Prinzipien? Zwei sind sicher Objektivierbarkeit und Reproduzierbarkeit. Ob sie in Idealform jemals erreichbar sind, ist nicht so wichtig wie der grundsätzliche Anspruch, der damit verbunden ist. Und schon dieser Anspruch, ohne den Wissenschaft kaum möglich ist, lässt sich auf dem Gebiet der Anderswelt-Erfahrungen nicht durchhalten. Wenn hier überhaupt von Objektivierbarkeit und Reproduzierbarkeit gesprochen werden kann, dann hat diese einen grundsätzlich anderen Charakter als in der Mainstream-Wissenschaft. Diese hatte ihre großen Triumphe dort, wo wir heute ihre Defizite erkennen, also in der reduktionistischen Beschränkung auf das Messbare, das Quantitative, also all das, was sowohl dem Experiment als auch dem mathematischen Formalismus in seinen "objektiven Zügen" zugänglich erscheint. Dazu mussten alle Qualitäten, alles, was mit Seele, Bewusstsein, Liebe, Mitgefühl, höherer Verbundenheit uund Ähnlichem zu tun hatte, gnadenlos ausgesondert oder abgeschliffen und dem "bloß Subjektiven" zugeschlagen werden. Diesem subjektiven Innenraum des Einzelnen, dessen Existenz zwar nicht bestritten, aber letztlich gering geachtet wurde, ging jede übergreifende Verbindlichkeit verloren. Es gab nicht mehr, wie noch in mythischen oder magischen Kulturen, einen für alle verbindlichen kollektiven Seelenraum. Das hat zwar das moderne Individuum erst entstehen lassen, es aber zugleich isoliert und verarmt. Wenn nun keine verbindlichen kollektiven Räume der Seele mehr existieren, wird das "Seelenleben" mehr oder weniger zur "Privatsache". Wenn die Götter abgeräumt oder verstummt sind, werden "Offenbarungen", wenn sie noch Einzelnen zuteil werden, heikel, ja geraten schnell in den Verdacht des Sektierertums oder des religiösen Wahns, der dann zu therapieren ist, vor dem jedenfalls das sich frei dünkende "moderne Subjekt" geschützt werden muss. "Moderne Menschen sind Leute, die sich vor Offenbarungen in Sicherheit gebracht haben." (Peter Sloterdijk) Das Menschenbild, das der Wissenschaft zugrunde liegt, wie sie gemeinhin betrieben wird, ist eher trostlos; der Mensch wird hier zum geheimnislosen Profanwesen, jedenfalls soweit er sich im sozial verbindlichen Raum bewegt. Als "Privatperson" kann er auch "nichtprofan" sein, er kann und darf seine niederen oder höheren Ekstasen haben (sofern nicht so genannte Drogen ins Spiel kommen). Der Physiker z.B., der sein Geld damit verdient, zu beobachten und zu messen, wie Teilchen aufeinander prallen, kann und darf Zen-Buddhist, Moslem, Anthroposoph, Musikfreund, Tantriker oder sonst etwas sein, wenn dies im privaten und damit unverbindlichen Raum bleibt und damit keine weiterreichenden Ansprüche, auch Wissensansprüche, verbunden sind. Das ist der zentrale Punkt. Er darf sogar, in seiner "Freizeit", Geomant sein! Zur Reproduzierbarkeit im üblichen Verständnis gehört ein Set von Regeln, das, richtig angewendet, buchstäblich jedem, auch dem Minderbegabten, wenn er nur richtig misst und beobachtet, zu Resultaten führt, die von der Scientific Community, also allen ähnlich Geschulten, dann als richtig oder eben falsch erwiesen werden können. Was heißt aber "richtig", und was heißt "falsch" auf dem Feld der "übersinnlichen Erfahrungen"? Gibt es richtige und falsche Geomantie? Wenn es aber diese Unterscheidung in einem absoluten Sinne gar nicht gibt, was dann? Kann dann nicht jeder mehr oder weniger behaupten, was er will? Ist dann nicht subjektiver Willkür und Phantasterei Tür und Tor geöffnet? Dass dieser Verdacht aus der Sicht der herrschenden Wissenschaft erhoben wird, ist naheliegend, aber ist er gänzlich von der Hand zu weisen? Muss es nicht doch Kriterien geben, Maßstäbe, an denen sich, wenigstens bis zu einem gewissen Grad, Wahrheit und Wahn erkennen und abgrenzen lassen? Das wäre doch das Mindeste, was verlangt werden muss, wenn hier überhaupt von so etwas wie Wissenschaft die Rede ist oder diese angestrebt wird. Eine ganz andere Frage ist, ob die Mainstream-Wissenschaft ihre eigene Maßstäbe und Kriterien überhaupt durchhält. Jeder Wissenschaftskritiker weiß, dass ein beträchtlicher Teil der so genannten Objektivität auf Fiktionen beruht oder pure Ideologie ist, dass häufig genug Dogmen und weltanschauliche Vorurteile das wissenschaftliche Ergebnis färben, Messergebnisse oft mehrdeutig sind und, modellabhängig, verschieden interpretiert werden können, dass Manipulation und Betrug keine Seltenheit sind und vieles mehr. Aber darum geht es nicht. Es geht in erster Linie um den Anspruch, der ein Ideal ist. Es geht um das für jede Wissenschaft unerlässliche System von verbindlichen Kriterien. Auch wenn wir uns darauf zurückziehen, "Anderswelt-Wissenschaft" von vornherein "nur als Kunst" zu betrachten, also keinerlei wissenschaftliche Ansprüche damit verbinden, bleibt die Gretchenfrage nach den Kriterien. Ohne Kriterien kann es keine Kunst geben.

Anderswelt und Bewusstsein

Was ist überhaupt die Anderswelt? Wie anders ist sie denn? Im "Lexikon der keltischen Mythologie" von Sylvia und Paul Botheroyd heißt es: "Abweichend von den anderen Indoeuropäern dachten sich die Inselkelten ihre Anderswelt, das Reich der Abgeschiedenen, nicht von der realen Welt getrennt, nicht als abgesonderte Sphäre unter der Erde oder in himmlischen Gefilden, sondern im Hier und im Jetzt. In den Sagen ist sie überall und nirgendwo: Die Menschen leben mitten in ihr, auch wenn sie sie normalerweise mit ihren sterblichen Augen nicht wahrnehmen." So wäre die Anderswelt, im Sinne der Kelten, eine Art Jenseits, das nicht "woanders" ist, keinen, räumlich gesehen, "anderen Ort" darstellt, sondern eine ständig gegenwärtige und wirksame Schicht in der Wirklichkeit, die uns umgibt und die wir sind. Diese Wirklichkeitsschicht ist für "sterbliche Augen" unsichtbar; um sie dennoch zu sehen oder, besser: zu schauen, müssen wir die "unsterblichen Augen" in uns öffnen, die auch in uns Sterblichen vorhanden sein müssten. Denn was wir nach dem Tode schauen, ist schon jetzt da, ist oder wäre schon jetzt kontaktierbar. Aber wie? Sicherlich nur in einem Bewusstseinszustand, der nicht der des profanen Alltagsbewusstseins ist, der die Koordinaten von linearer Zeit, dreidimensionalem Anschauungsraum und separatem, körperfixiertem Ich übersteigt. Zur "Anderswelt-Schau" bedarf es eines Bewusstseins, das den Eigenarten, der Wirklichkeitsform und den Gesetzen der Anderswelt adäquat ist. Ist damit ein "veränderter Bewusstseinszustand" im Sinne der Bewusstseinsforschung der letzten Jahrzehnte angesprochen (also einschließlich der Psychedelik)? Gewiss ist das der Fall, nur liegt das Hauptaugenmerk weniger auf dem grundsätzlich Anderen dieser Bewusstseinszustände, als auf dem "spezifisch Anderen", dem Höheren. Es gibt auch pathologische Spielarten des Anderen. (Dass manches uns pathologisch Erscheinende in einem höheren Sinne als dem der Psychiatrie auch als gesund gelten kann, ist dabei mitgedacht.) Viele wollen von "Höherem" nichts hören oder wissen, weil sie darin Hierarchien argwöhnen, aus denen sich Herrschaftsansprüche ableiten. Dennoch gilt: Ohne Hierarchien ? oder Holarchien ? kommen wir nicht aus. Es gibt, und das ist nicht ernsthaft zu leugnen, Ebenen und Stufen des Bewusstseins. Und es gibt eine Entwicklung des Bewusstseins entlang dieser Ebenen und Stufen. Auch wenn man statische Vorstellungen oder Schematismen vermeidet, wie sie gelegentlich Ken Wilber angekreidet werden (obwohl er sich dagegen verwahrt), bleibt der Prozesscharakter des Bewusstseins vom Niedrigeren zum Höheren nicht nur eine empirische Größe, die sich schon auf der systemtheoretischen Ebene nachweisen lässt, sondern bei Licht gesehen auch eine Denknotwendigkeit. Nur so wird ein universales Flachland des Geistes vermieden. "Gleiches wird nur von Gleichem erkannt", sagt der altgriechische Philosoph Empedokles, womit ein Kernprinzip von Erkenntnis überhaupt genannt ist, das bislang noch niemand widerlegen konnte. Dieses Kernprinzip müssen wir auch auf die Erforschung und Erkenntnis der Anderswelt anwenden. Und damit ist erneut die Frage der Ebenen oder Schichten berührt. Welche Ebene oder Schicht der Anderswelt wir immer kontaktieren, unser Bemühen darum, wenn es zu wirklicher Erkenntnis führen soll, muss "ebenenadäquat" sein. Wie alle "mystischen Erfahrungen" belegen, gibt es auch spontane Öffnungen "nach drüben"; wenn diesen jedoch keine Bewusstseinsschulung vorausgeht und keine integrative "Nacharbeit" folgt, bleiben diese Öffnungen inselhaft, isolierte Überwältigungen, für die zumeist auch die Sprache fehlt. Das grundsätzlich "Unsagbare" ist nicht kommunizierbar.

Anderswelt und Wirklichkeit

Alles hängt an der Frage der Andersheit der Anderswelt. Wie weit geht diese? Handelt es sich um eine Andersheit, von der aus es keine Brücken gibt zur physisch-sinnlichen Welt, tut sich ein Abgrund auf, der auch die sublimste Erkenntnisbemühung verschlingt oder unmöglich macht. Jedenfalls kann von einer wie auch immer gearteten "Wissenschaft des Übersinnlichen", einer Wissenschaft der Anderswelt aus prinzipiellen Gründen keine Rede sein. Anderswelt-Erfahrungen, soweit wir davon wissen können, deuten aber auf etwas Anderes: Was immer diese rätselhafte Andere Welt, diese "Welt hinter der Welt" wirklich ist, sie ist offenbar nicht unüberbrückbar getrennt von "dieser Welt", kein Sterblichen grundsätzlich verschlossenes Jenseitsreich. Vielmehr wirkt diese Andere Welt spürbar in die hiesige, die sinnlich-physische hinein, ja zuweilen stellt sich der Verdacht ein, als sei diese Andere Welt eigentlich das, was der physisch-sinnlichen Welt ? als Ursache! ? zugrunde liegt. Dann wäre die Sinnenwelt, die Welt der Erscheinungen "nur" eine Welt der Wirkungen. Dann wäre die Anderswelt die eigentliche Wirklichkeit, die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit, auf jeden Fall wirklicher als die unseren Sinnesorganen und unserem ordnenden Verstand zugängliche Welt. Besonders in asiatischen Traditionen wird ja im Schlüsselbegriff der Maya ein derartiger Gedanke gedacht; dann ist rundweg alles in der physisch-sinnlichen Welt Schein, die suggestive Phantasmagorie eines höheren Geistes. Diese Frage des Wirklichkeitsstatus der physisch-sinnlichen Welt ist keine intellektuelle oder theoretische, sie ist von höchster existenzieller und auch spiritueller Bedeutung; es bestimmt unsere Lebenspraxis, wie wir uns dazu stellen. Der Materialist hält die Sinnenwelt für wirklich, wie er auch sein Bankkonto, seinen Arbeitsplatz und ? vor allem ? sein Ego für wirklich, ja für allein wirklich hält. Für den konsequenten Spiritualisten zerfließt die Sinnenwelt zu einer Traum- und Scheinwelt, hinter der und in der die eigentliche und wahre Wirklichkeit, die des höheren Geistes, existiert. In den mythologischen Vorstellungen der Kelten, aber auch in allen ihnen ähnlichen Gedanken und Erfahrungen anderer Völker ist die Andere Welt, die auch die der Verstorbenen ist, nicht nur "ganz nah" (sozusagen um die Ecke, ja im Hier und im Jetzt), sondern auch in ihrem Wesen der physisch-sinnlichen verwandt, also gerade nicht unüberbrückbar getrennt oder absolut verschieden. Jedenfalls, und das ist auch für die Geomantie wichtig, ist eine Schicht dieser Anderen Welt der sinnlichen Welt verwandt und ihr sehr ähnlich und wirkt ständig in die sinnliche Welt hinein. In vielen Strömungen wird diese Schicht der Anderen Welt, die in die Erscheinungswelt hineinwirkt und dieser ähnlich ist, als eine mittlere Welt gedeutet, eine mediale Zone zwischen der ausschließlich geistigen und der ausschließlich materiellen Welt. Diese Unterscheidung ist für die Anderswelt-Vorstellung der Kelten zunächst unbedeutend. Für sie, und sie mögen hier als Beispiel dienen, ist die Anderswelt eine Art feinstoffliches Double der Sinnenwelt. Alles ist mehr oder weniger "so wie hier", nur "ätherisch", nur feinstofflich, losgelöst von der groben Materialität, nicht aber grundsätzlich und unüberbrückbar anders. Das ist von entscheidender Bedeutung. Und wir berühren hier eine Frage, die ja sofort auftaucht, wenn von "Anderswelt" die Rede ist. Sich ihr zu nähern, sie geistig zu umkreisen, dazu dient dieser Essay. Eine gewisse Denkarbeit ist dazu unerlässlich. Verweigert man sich dieser, landet man in gedanklicher und sprachlicher Beliebigkeit, im extremsten Fall im Sektierertum oder in "spiritueller Folklore" mit dogmatischen Zügen. Jede der einschlägigen Gruppierungen hat ihren eigenen Kanon dessen, was sie für möglich und unmöglich erachtet, und häufig genug sind die Grenzen der Spiritual Correctness ähnlich eng gezogen wie die der Political Correctness.

Das Ich und die Anderswelt

Die Anderswelt (englisch: Otherworld) trägt diesen Namen, weil sie anders ist als die Sinnenwelt, die physisch-sinnliche Welt, anders aber auch als die "Innenwelt" des je Einzelnen, die mit dem Ich gegeben ist. Es ist eine selten in der Tiefe bedachte Seltsamkeit, dass die Menschen zwar eine gemeinsame Außenwelt bewohnen, auch wenn jeder diese aus einer anderen Perspektive wahrnimmt, aber dass es zusätzlich noch die Innenwelt jedes Einzelnen gibt. Diese separate Innenwelt des Einzelnen, deren Fokus das Ich ist, mag nun real sein oder nicht-real, wie die Buddhisten sagen, ? sie bleibt dennoch eine staunenswerte Sache. Die Erkenntnis dieser "Sache" wird dadurch erschwert, dass der Erkennende diese nicht nur "hat", sondern ist. Diese Ich-Innenwelt ist zunächst einmal dunkel; das Licht des Geistes richtet sich nach außen, nicht nach innen. Innen ist die Quelle des nach außen gesendeten Lichtes, aber man kann die Richtung der Lichtstrahlen nicht einfach in den Ursprung zurückführen. Dieser Ursprung bleibt dunkel, jedenfalls in jener Bewusstseinsform, die in westlichen Gesellschaften als die "normale" und einzig legitime gilt. Wir leben in einer spannungsreichen Innen-außen-Polarität, jeder Mensch lebt in einer solchen Polarität, auch wenn diese nach Maßgabe der kollektiven und individuellen Bewusstseinsverfassung oder -ebene einen jeweils anderen Charakter aufweist. Über die Außenwelt können sich die Menschen, zumindest die eines Kulturkreises, relativ schnell einigen und verständigen; sie liegt, so scheint es, real um uns ausgebreitet als ein "objektives Etwas", das unsere Sinnesorgane erfassen und der Verstand in eine gewisse Ordnung zu bringen weiß. Anders sieht es mit den unzähligen Innenwelten aus. Eher traditionelle Kulturen haben einen als verbindlich gesetzten kollektiven Seelenraum, der auch die Innenwelt des Einzelnen zwar nicht völlig aufhebt in ihrer Separatheit, aber diese doch "abmildert" bzw. einbettet. Anders "bei uns". Hier ist dieser kollektive Seelenraum zunächst einmal verschwunden, von Restbeständen, die es natürlich gibt, abgesehen. So ist der Einzelne in seiner Ich-Innenwelt erst einmal allein, auch wenn er sich anderen seelisch und sozial verbindet. Spätestens in Todesnähe wird dies deutlich. Zwar gibt es ein starkes Bedürfnis, genau dieses Alleinsein des separaten Ich zu überwinden, sich neu-alte kollektive Seelenräume zu erschließen, aber das hebelt die historisch gewachsene Ichheit nicht einfach aus. Mit dieser Ichheit gegeben ist ("bei uns") eine Grundskepsis gegenüber Wissensbehauptungen, die sich aus "Offenbarungen" oder aus einer ihrem Wesen nach unkontrollierbaren Schauung übersinnlicher Art herleiten. Psychoaktive Substanzen waren so "erfolgreich" in den 60er- und 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, weil sie (scheinbar?) direkte Erfahrung ermöglichten, und zwar unabhängig von allen Formen überlieferter Spiritualität. Wir wollen wissen, nicht glauben. Wir wollen, und das ist nicht mehr rückgängig zu machen, nicht einfach glauben oder ungeprüft hinnehmen, wir wollen selbst erfahren. Was immer jemand sagt, der ein höheres Bewusstsein für sich beansprucht, wir wollen es empirisch und mit unserem eigenen Bewusstsein "nachvollziehen". Wir wollen kein Dogma, wir wollen "die Sache selbst". Und so auch mit der Anderswelt. Wir wollen "sie selbst" erfahren und nicht nur von ihr hören oder über sie lesen. Da dies aber nicht "einfach so" zu haben ist, von spontanen Öffnungen abgesehen, brauchen wir verlässliche Methoden und Kriterien. Brauchen wir eben damit so etwas wie Wissenschaft? Das ist ja die entscheidende Frage. Oder muss sich jeder, "unwissenschaftlich", allein durchschlagen, mit allen Risiken, die damit verbunden sind? Und es gibt diese Risiken! Es ist ja nicht "harmlos", Zugang zu gewinnen zu veränderten Bewusstseinszuständen. Diese sind nicht vordergründig zu wollen; und was immer hier erfahren wird, das rationale Selbst der uns so vertrauten Navigation in der Welt gerät aus den Fugen, bestimmte Halterungen oder Sicherungssysteme brechen weg oder laufen zumindest Gefahr wegzubrechen. Es sagt sich leicht, man solle seine ichhafte Bewusstseinskontrolle auch in grenzensprengenden Erlebnissen aufrechterhalten. Die Wirklichkeit der Seele sieht anders aus. Die Anderswelt ist kein Park, in dem man folgenlos lustwandeln und genüsslich um sich blicken kann. Wer hier hineingerät, tut dies nur als Verwandelter. Die Andere Welt erfordert ein anderes Selbst!

Geomantie lebt durch die Anderswelt

Geomantie ohne Anderswelt ? das ist unmöglich. Die Anderswelt ist ein integraler Teil, ja die Grundlage jeder ernst zu nehmenden Geomantie, und genau da liegt die zentrale Schwierigkeit, die zentrale Herausforderung. Wie können wir Geomantie betreiben, wenn wir keine verbindlichen Kriterien, keine übergreifenden und fundierten Maßstäbe haben über das, was die höhere Wirklichkeit der Anderswelt ausmacht? Es kann doch nicht sein, dass jeder, je nach Gusto und Phantasie, auf diesem Felde wildert und sein "subjektives Weltbild" als Wirklichkeit anbietet. Das heißt nicht, den immer mitspielenden und die Qualität der Erfahrung bestimmenden subjektiven Faktor zu leugnen. Um die in den Mainstream-Wissenschaften waltende Subjektblindheit gerade geht es nicht. Nur ist die Einbeziehung und Würdigung des subjektiven Faktors, also des konkreten, lebendigen Menschen in seiner Ganzheit, kein Subjektivismus; als solcher wäre er unverbindlich oder allenfalls künstlerisch bedeutsam. Und genau hier liegt die Herausforderung; hier ist wirklich Neuland zu erschließen, und zwar umfassend verstanden: gedanklich, existenziell, geistig, spirituell, sprachlich. Weder ist es so, dass jeder nun seine eigene und ganz private Geomantie erfinden kann und soll (Geomantie als Spielwiese des Subjektivismus, das kann nicht funktionieren!), noch ist es so, dass wir einer vorgegebenen "Wissenschaftlichkeit" oder "Objektivität" Folge zu leisten hätten, die gerade den so notwendigen Subjektanteil ausschaltet oder für ganz unwichtig hält. Beides also geht nicht. Beides sind Sackgassen oder Irrwege. Daraus folgt, dass eine (erst herzustellende!) "Wissenschaft der Geomantie", die ja zugleich eine "Anderswelt-Wissenschaft" sein müsste, kaum Ähnlichkeit haben kann mit dem, was im Mainstream und auf allen Akademien dieser Erde als Wissenschaft angestrebt wird und so hoch im Kurs steht. Der Philosoph Henri Bergson hat es prägnant formuliert: "Wenn es eine Erkenntnis der metaphysischen Wirklichkeit gibt, so muss sie einen andern Charakter tragen als alles, was an Wissenschaft erinnert."

Das Problem erst einmal in den Blick bekommen

Also müssen wir auf Wissenschaft oder Wissenschaftlichkeit ganz verzichten? Was bleibt uns dann, und wo landen wir dann, wenn wir nicht im Irrgarten der esoterischen Meinungen, Spekulationen und puren Behauptungen landen wollen? Dieser Punkt ist bislang ungelöst. Und es ist wahrlich verfrüht und auch geistig unredlich, hier "Entwarnung" zu geben. Wichtig erscheint mir, das Problem in ganzer Schärfe überhaupt erst einmal in den Blick zu nehmen und es nicht gleich zuzudecken mit den je eigenen Vermutungen, dem eigenen Glauben, der eigenen (meist ungeprüften) Ideologie. Was die "exakten Naturwissenschaften" so erfolgreich gemacht hat, ist zugleich das, was ihre "Kehrseite" ausmacht, ihr Verhängnis, ihren Ruin: der konsequente Verzicht auf die Wesensfrage einschließlich der Frage nach dem Wesen des wissenschaftlichen Subjekts. Einen solchen Verzicht können wir uns heute schlicht nicht mehr leisten, wenn wir auch nur einen Millimeter vorankommen wollen, schon gar nicht, wenn wir Geomantie betreiben. Denn wie immer wir Geomantie bestimmen und wie wir sie verstehen, wenn wir nicht einfach "praktizieren", ohne uns mit derlei Nachdenken zu beschweren, ? wir sind stets, als lebendige Wesen, unablösbarer Teil dessen, was wir untersuchen, und wir selbst, jeder Einzelne, sind das einzige Instrument, das wir in Anschlag bringen können. Nicht hinter Apparate und Formalismen können wir uns zurückziehen, um ansonsten unberührt zu bleiben. Unsere Verwandlung, unsere Transformation ist gefragt. Die Feingliedrigkeit und Tiefenschärfe des Instrumentes, das wir selbst sind, bestimmen und formen wir selbst ? durch unser lebendiges Sein. So gesehen, ist geomantische Arbeit auch ein alchemistisches Werk (auch im Sinne C.G. Jungs). Und wir können nur die Erfahrungen machen und deutend erschließen, die unserem lebendigen Sein entsprechen. Das eben unterscheidet Geomantie prinzipiell von jedweder "objektivierenden Wissenschaft", die im Letzten im Draußen bleibt, im subjektblinden Rechnen und Messen. Unsere Erfahrung im Grenzland der Seele, in der Anderswelt in ihrer unvorstellbar zarten und subtilen Wesenheit, ist keine abgetrennte, abstrakte, über Apparate und Messungen vermittelte, und Simulationen sind gerade hier unmöglich, weil sie die lebendige Erfahrung ins Technisch-Abstrakte transponieren und damit das zerstören, worum es gerade geht. Wir müssen nicht begrifflich präzise bestimmen und bestimmen können, was Geomantie "ist", was die Anderswelt "ist", weil sich erst im lebendigen Tun das erschließt und herstellt, was hier Gegenstand der Forschung ist. Aber wir können dennoch nicht völlig verzichten auf erkenntniskritische Reflexion, auf die Arbeit des Denkens und auf die Arbeit des Bewusstseins im Sinne einer konsequenten Schulung und Verfeinerung des Geistes. Verzichten wir darauf, landen wir im Niemandsland der Beliebigkeit und der Unverbindlichkeit, bleibt Geomantie als Anderswelt-Forschung einfach schlechte Poesie (um es eher milde zu formulieren). Zweierlei setzt die Geomantie voraus und muss sie voraussetzen,um sich selbst ernst zu nehmen:
- die Lebendigkeit der Erde (und naturgemäß die ihr entsprechende Lebendigkeit des Bewusstseins),
- die Existenz einer "Welt hinter der Welt", einer höheren und anderen Wirklichkeit in der physisch-sinnlichen, zu der wir, eine entsprechende Verfeinerung unserer Wahrnehmung vorausgesetzt, auch erkennend Zugang gewinnen können. Wobei diese andere und höhere Wirklichkeit eine solche der Allgegenwart ist, der ständigen, wenn auch meist verborgenen Präsenz, des unaufhörlichen Hineinwirkens (also kein abgetrenntes "Jenseits").
Die Lebendigkeit der Erde im Sinne der Geomantie geht weit über die bekannte Gaia-Theorie, auch die der starken Form, hinaus. Sie müßte auch die Lebendigkeit des Kosmos einschließen. (Zur Lebendigkeit der Erde und des Kosmos habe ich mich in "Was die Erde will" und "Räume, Dimensionen, Weltmodelle" eingehend geäußert.) Damit sind wir im (durchaus heiklen und schwierigen) Grenzbereich von Wissenschaft, Philosophie und Spiritualität, und kaum ein Schritt, den wir hier tun, versteht sich von selbst. Eine wirkliche Tradition, auf die wir uns berufen könnten, gibt es nicht. Ein Stück echter Pionierarbeit liegt in unserem Unterfangen. Aber "einfacher" ist es nicht zu haben, wenn wir nicht Sektierer und Ideologen sein wollen. Im zweiten Teil dieses Essays, der in der folgenden Ausgabe 11 von Hagia Chora unter dem Titel "Wie anders ist die Anderswelt?" erscheinen wird, will ich "konkrete Schritte" beschreiben, will zu verdeutlichen versuchen, wie wir, möglicherweise, "weiterkommen" können. Ausgehend von Beispielen von Anderswelt-Erfahrungen, auch eigenen, will ich Wege aufzuzeigen versuchen, wie die Phänomenologie dieser Erfahrungen/Erlebnisse sprachlich-gedanklich erschlossen und auch kommuniziert werden kann, so dass ein sinnvoller Dialog entsteht, der nicht durch vorgestanzte Überzeugungen blockiert wird. Lebendige, kommunizierbare Phänomenologie ist das Herzstück jedweder Anderswelt-Forschung.