Das Loch in der Realität (Teil 1)
Für viele Menschen hat der 11. September 2001, schockartig, die Koordinaten ihrer bisherigen Wirklichkeit verschoben, die Vorstellungen darüber, was wirklich und was unwirklich, was möglich und was unmöglich ist, durcheinander gebracht, und zwar irreversibel. Es gehört zur Eigenart des Menschen, solche Schockmomente dann doch irgendwie abzufangen, abzumildern, ihnen den Schrecken zu nehmen, das Loch in der Realität wieder zu stopfen. Erklärungen und Einordnungen dienen diesem (verständlichen) Bedürfnis ? es sind Erklärungen und Einordnungen aber, die zugleich der individuellen und kollektiven Verdrängung dienen. Das aufgerissene Loch in der für so sicher gehaltenen Realität ist zugleich ein Loch in der Seele, mit dem sich nur schwer leben und zur Tagesordnung übergehen lässt. Der Terroranschlag in den USA, der Unmenschlichkeit, Präzision und Symbolkraft so gnadenlos grell gebündelt und zum globalen Medienspektakel gemacht hat, hat nicht nur die Verwundbarkeit der hochtechnisierten und "offenen" Gesellschaft demonstriert (von der Politiker und Journalisten jetzt gerne reden), sondern auch die Verwundbarkeit und den kollektiven Wahn des gesamten Projekts der technischen Vernutzung der Erde. Dieser Vernutzung liegt eine bestimmte Bewusstseinsverfassung zugrunde, die auf ihre Art selbst fundamentalistische Züge trägt ? auch wenn es gegen die Political Correctness verstößt, dies gerade jetzt zu äußern. Der technisch-motivierte Fundamentalismus, der die Erde als Ganze im Blick und Griff hat, ist im Grunde ein Wahn, ein Konstrukt ohne Rückbindung an das Lebendige, ein menschen- und naturfeindliches Monstrum. Kein Wunder, dass er dumpfe Revolte hervorruft, dass die chromblitzende Welt der Megatechnik und der Megabauten auch als Terrorismus eigener Art empfunden wird und ohnmächtigen Hass hervorruft, der sich als Terrorismus der "bekannten Spielart" entlädt. Zu dem Fundamentalismus und der globalen Allgegenwart der Megatechnik und ihrer Symbole gehört eine Weltdeutung der Abstraktion und des zunehmenden Verlustes der Wirklichkeit. Die abstrakte und technische Naturwissenschaft, und diese ist die herrschende heute, produziert nicht nur abstrakte Weltbilder, in denen das Leben nicht oder kaum vorkommt, sondern ist nur möglich durch die fortgesetzte Missachtung und Verleugnung der Wirklichkeit des Lebendigen. Und der Wirklichkeit spiritueller Innenräume oder "Anderswelträume".
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