Die alles durchwirkende Zeit

von Otto Schärli erschienen in Hagia Chora 10/2001

Die Konkretisierung der Zeit ist eine der Voraussetzungen für eine integrale Kultur. "Denn es kann nur das Konkrete, niemals das Abstrakte integriert werden" (Jean Gebser, 1905-1973). Im Frühjahr bin ich von der Montessori-Gesamtschule Potsdam (Schulleiterin Ulrike Kegler) beauftragt worden, auf dem Schulhof ein Sinneserfahrungs-Gelände zu gestalten. Nach einer eingehenden Besichtigung und Gesprächen mit dem Gestalter der bisherigen Anlage, Vertretern des Grünflächenamtes und der bevorstehenden Bundesgartenschau erarbeitete ich das Projekt, das in der Woche vom 17. bis 21. September 2001 durch 160 Schülerinnen und Schüler ausgeführt wird. Von der Bundesgartenschau sind zwei Fachleute zur Verfügung gestellt, Lehrerinnen und Lehrer beteiligen sich helfend und organisierend.

Ein Schulhof zur Entfaltung der Sinne

Das zu gestaltende Areal ist ein Birkenwäldchen mit Jungbäumen, die vor etwa 30 Jahren in Reih und Glied angepflanzt wurden. Einige Lücken haben sich von Natur aus gebildet, einige alte Bäume standen schon auf dem Areal, vor allem eine große Eiche in der Mitte des Wäldchens. Für die Projektwoche konnten sich die Kinder verschiedene Arbeitsgruppen anschließen - in jeder Gruppe waren alle Altersstufen vertreten. Im Sinneserfahrungs-Gelände waren die Gruppen "Sinnespfad", "Spielgeräte", "Mergelplatz", "Duftgarten", "Klangobjekte" und "Dokumentation" beschäftigt. Die Kinder waren über das Projekt gründlich informiert worden, und die Arbeit war so gründlich vorbereitet, dass schon nach dem ersten Werktag ein eindrucksvolles Ergebnis vorlag, das alle Beteiligten beflügelte. Ein Fuß- und Sinneserfahrungspfad windet sich durch das Wäldchen. Das flache Gelände ist durch aufgeschüttete Hügel gestaltet, die mit Brücken verbunden werden. Eine der Brücken ist als Kettensteg, die andere als Hangelreck ausgebildet. Mit den Füßen ertasten wir die Mutter Erde, die uns trägt und ernährt (Material - Mater). Wir beginnen, sie zu verstehen. Ihre Energie stärkt uns. Der Anblick von mächtigen Bäumen lässt uns in der Wirbelsäule aufrichten, den Kontakt zwischen Erde und Himmel innerlich herstellen. Im bewussten Atmen erfahren wir die Baumgestalt unserer Lunge als sich bedingende und erhaltende Gegenform zu den Sauerstoff spendenden Bäumen. Natur in uns und Natur um uns vereinigen sich zu einem Ganzen. Wir lauschen dem Rauschen der Blätter in den Bäumen. Feine Klangmobile, bewegt durch einen leisen Wind, verbreiten zarte Klänge im Zauberwald. Die Welt ist Klang. Wir alle klingen, wenn wir uns öffnen und unsere Spontaneität sich äußern lassen. Wir nähern uns dem Hangelreck, das den Graben zwischen zwei Hügeln überbrückt. Hangelnd richtet sich unser Blick nach oben, ungewollt Himmel, Wolken im Wind, Sonne wahrnehmend. Eine neue, kosmische Dimension eröffnet sich uns - wenn wir bereit sind, sie wahrzunehmen. Der kreisrunde, ebene Mergelplatz bietet den Freiraum im Dickicht des Birkenwaldes für Spiele, Tänze, Versammlungen im Rund. Kleinere Gruppen setzen sich im Kreis der Weidenhütte. Begegnung im Gespräch: Spiele aushecken, gemeinsame Pläne schmieden, Ausführungen planen oder einfach schwatzen. Düfte aus dem Kräutergarten lassen Erinnerungen auftauchen und inspirieren zu neuen Taten. Eine Projektgruppe war für die Verpflegung der Arbeitenden verantwortlich. Sie hatte eine Theke aufgebaut, wo in den Pausen Getränke, Kaffee und Kuchen erhältlich waren. Zu Mittag wurde eine kleine, wohlfeile Mahlzeit angeboten. In kleinen Gruppen versammelten sich Jung und Alt zum Erfahrungsaustausch bei leckeren Mahlzeiten. Dabei wurde der Zusammenhang des ganzen Projekts ersichtlich: Wer übernimmt Verantwortung für was? Feiern ist ein tiefes Bedürfnis des Menschen. Nach Abschluss der Projektwoche versammelt sich die ganze Schule in der Turnhalle. Die Gruppen erläutern ihre Arbeit, zeigen Schwierigkeiten auf und beschreiben das Ergebnis. Dabei kommen auch die Kleinsten zum Zuge und werden von den andern Mitschülern beklatscht. Eine Stimmung der Freude, der Befriedigung verbreitet sich. Die Arbeit mit und an den Sinnen hat zu Sinn-Erfahrung geführt. Durch die Sinne zum Sinn.

Die Zeit im integralen Bewusstsein

Ich habe einen konkreten, aktuellen Vorgang geschildert, weil er mir vorbildlich für den Weg zu einer Integralen Kultur erscheint. Zum ersten haben wir bei der Jugend zu beginnen. Hier liegt das Potenzial für eine Neugestaltung unserer Gesellschaft und ihrer Beziehung zu Erde und Kosmos. Wenn wir gemahnt werden: "Werdet wie die Kinder", so ist die Fähigkeit gemeint, die Wirklichkeit möglichst offen, vorurteilsfrei wahrzunehmen. "Es ist das Schwerste im Leben, was uns das Leichteste dünket; mit den Augen zu sehen, was uns vor Augen liegt" - so belehrt uns Goethe in diesem Zusammenhang. Ich beobachtete vor einiger Zeit ein etwa vierjähriges Mädchen, das einem vorbeifliegenden großen Vogel nachschaute. Es schaute - schaute und hob langsam seine Ärmchen, den Flügelschlag des Vogels nachvollziehend. Im offenen, kindlichen Wahrnehmen geraten wir in den Zustand des Wahrgenommenen. Subjekt und Objekt werden eins - das Trennende ist aufgehoben. Damit haben wir die Dimension der Zeit beschrieben, Qualität und Intensität des Augenblicks. Dazu kommt bei uns Erwachsenen das Bewusstsein - dass wir uns selber im Zustand des Gewahrseins beobachten. "Frage dich beim Waschen, wer wäscht wen", hat Hugo Kükelhaus als Anweisung zum Bewusstwerden geraten. Jean Gebser hat in seinem epochalen Werk "Ursprung und Gegenwart" den Einbruch der Zeit als Auslöser und Bedingung eines neuen Bewusstseins bezeichnet. Was bedeutet "Einbruch der Zeit"? Das rationale Denken, das noch weitgehend Wirtschaft, Politik und selbst Wissenschaft beherrscht, ist räumlichend. Alle Erscheinungen werden analysiert, systematisiert, quantifiziert. Die Welt ist geteilt in Subjekt (res cogitans) und Objektwelt (res externa). Über diese Objektwelt wird nach rationalen Zwecken verfügt, seien es Erde, Menschen, Kosmos. Die Folgen sind bekannt. "Einbruch der Zeit" bedeutet die Aufhebung der Trennung von Subjekt und Objekt. Gebser hat diesen Vorgang ausführlich für Lebensweise, Wissenschaft und Kunst beschrieben. Als Architekt beschäftige ich mich mit den Konsequenzen für unser Verhältnis zur Architektur. Für das rationale Denken und das davon beeinflusste Wahrnehmen sind architektonische Werke dreidimensionale Gebilde, die beschrieben werden als Zusammenspiel ihrer Elemente. Wände, Decken, Treppen, Öffnungen, Konstruktionen, Materialien, Raumfunktionen und deren Beziehungen etc.

Architektonische Gestaltung

Im Gebserschen Integralen Bewusstsein bricht die Zeit als wahrnehmendes, erlebendes und erleidendes Subjekt, als nicht ablösbarer Teil einer Ganzheit, in diese Räumlichkeit ein. Wenn durch den Einbruch der Zeit der erlebende Mensch ins Spiel jeder Betrachtung kommt, so werden in der architektonischen Gestaltung die räumlichen Elemente nur in Bezug auf das zeitliche Erleben eine Bedeutung bekommen. Daraus folgt, dass Gestaltungsprinzipien der zeitlichen Künste: Rhythmik, Musik, Tanz, Dichtung mitbestimmend für die Architektur werden. Ein Beispiel aus der Rhythmik mag dies verdeutlichen (Vol. V der "Beiträge", internationale Jean Gebser Gesellschaft; "Der Architekt", Nr. 3/1996): Bewegungs- und Erschließungsräume spielen eine wichtige Rolle in Gebäuden. Für deren Gestaltung sollten Kriterien der Zeitgestalt angewendet werden. Wenn wir statt überlanger, gerader Korridore, die beengen und ermüden, Versetzungen und Knicke einführen, geschieht Folgendes: Wenn der Fußgänger von der Richtung A her auf die Situation 0 zugeht, überblickt er diese nicht, geht also auf Unbekanntes zu. Dabei baut sich eine emotionale Erwartung auf. Bei 0 angelangt, überschaut er die Situation: aus der Erwartung wird Erfüllung. Indem der Fußgänger weiterschreitet in Richtung B, klingt dieses Erlebnis als Erinnerung nach, bis ein weiteres Ereignis die Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Diese Zeitgestalt: Erwartung - Erfüllung - Erinnerung nennt man ein Rhythmisches Paar. Es leuchtet ein, dass Architektur, gestaltet als raum-zeitliches Kontinuum, dem Erleben des Menschen mehr bietet als rationale Additions-Konzepte. Die Dimension Zeit wird erlebbar als Qualität und Intensität. Ein ganzheitlicher Umgang mit Architektur wird sich intensiv mit der Bedeutung von Bauten befassen. Wir haben uns mit dem Erleben des einzelnen Menschen befasst. Unsere Lebensgestaltung und Entwicklung des eigenen Potenzials liegt wohl den meisten westlichen Zeitgenossen am nächsten. Die letzten Jahrhunderte seit der Renaissance haben einen Individualismus entstehen lassen, der bedrohliche Folgen für das Überleben und Weiterleben der Menschheit erzeugte. Nach dem Aufweichen alter Strukturen von Gemeinschaft müssen wir neue Formen des Zusammenwirkens von Gleichgesinnten finden und uns in grenzüberschreitenden Projekten verbünden. Der Regenbogenkatalog ist so ein Versuch, Projekte aus allen Kontinenten bekannt zu machen und zu vernetzen (Rainbow Project, CH-3433 Schwanden, www.rainbow-project.ch).

Die Veränderungskraft der Dimension Zeit

Die dynamische Dimension Zeit wird auch unser gesellschaftlich-wirtschaftliches System grundlegend verändern. Der Besitz an Dingen wird an Bedeutung verlieren zugunsten einer zeilich begrenzten Nutzung von Gebrauchsgegenständen unseres Lebens. Dies betrifft sowohl Immobilien wie auch Mobilien, z.B. Autos und größere Nutzgegenstände wie Computer etc. Jeremy Rifkin sagt voraus, was schon begonnen hat: "Im 21. Jahrhundert werden wir nicht Produkte kaufen, sondern die Zeit, während der wir sie benützen dürfen. Zeit ist das wertvollste Gut, das wir haben, und es war dennoch lange das letzte, das nichts kostete." In unserer mediengeprägten Zeit ist die Besinnung auf unsere Leiblichkeit von größter Bedeutung. Wenn wir integral, das heißt ganzheitlich leben wollen, ist unser Bezug zur Wirklichkeit mit allen Sinnen, Gefühl wie Verstand, linker wie rechter Hirnhälfte, Tag- wie Nachtseite des Lebens unabdingbare Voraussetzung. Unter Leib verstehe ich die unlösbare Einheit von Körper, Seele und Geist. Mit dem Leib haben wir Anteil sowohl an unserer Mitwelt wie an unserer Innenwelt. Die Verbindung beider geschieht durch unsere Sinne. Die Organe und Bereiche des Leibes "verkörpern" qualitativ verschiedene Bewusstseinsformen und entsprechende Bezugsweisen zur Wirklichkeit. Es zeigt sich bei näherem Hinsehen, dass Kopf, Herz und Bauch, Beine und Hände oder die einzelnen Sinne die Wirklichkeit in sehr verschiedener Weise erschließen. In den Worten "begreifen" und "verstehen" weist auch die Sprache auf diesen Zusammenhang hin. Was wir mit den Händen begriffen haben, wurde auch im Gehirn begriffen. Die verschiedenen leiblichen Ebenen seines Wirklichkeitsbezuges werden dem Menschen zunächst nicht reflexiv und begrifflich bewusst, sondern im und durch das Erleben. Dabei weist der Begriff des Erlebens zugleich nach innen und außen. Im Erleben bin ich nicht nur bei den Dingen und in Kontakt mit der Welt, sondern zugleich auch bei und mit mir. Durch den Leib hindurch werde ich der Welt und meiner selbst bewusst. Im Heft 11/2000 von "Geo" wird das neuronale Netz in unserem Bauch beschrieben, das wichtige Erkenntnisfunktionen übernimmt. Hugo Kükelhaus hat diese Zusammenhänge erforscht und lebendig dargestellt. In seinen "Erfahrungsfeldern zur Entfaltung der Sinne" kann der Selbstversuch überzeugend erprobt werden. Im Buch von Markus Dederich "In den Ordnungen des Leibes" (Waxmann, 1996) sind Zusammenhänge mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Forschungen aufgezeigt. Leibliche Prozesse sind ganzheitliche Zeit-Vorgänge. Die Betrachtungen über den Einfluss der Zeit für die Entstehung einer Integralen Kultur auf unserem Planeten soll nicht abgeschlossen werden, ohne Jean Gebser nochmals zu Wort kommen zu lassen: Er spricht von der "Zeitfreiheit" als Frucht eines integralen Bewusstseins. Dabei wird ein enger Zusammenhang mit der menschlichen "Ganzheit" ersichtlich, wie er im Abschnitt über "Leiblichkeit" angesprochen wurde. Als leibliche Wesen sind wir Teil unseres Planeten Erde, der aus dieser Sicht auch als beseeltes Wesen erfahren wird. Geomantie kann so als umfassendes Verhältnis von Mensch und Mitwelt verstanden und praktiziert werden. Dieses Konkretisieren des Welt- und Selbstbezuges geschieht auf allen Ebenen, die Gebser als Entwicklungs-Stufen dargestellt hat: archaisch, magisch, mythisch, mental. Das Leben vollzieht sich ständig durch alle diese Ebenen. Je nach Situation reagieren oder agieren wir instinktiv, gefühlsmäßig oder rational. Es leuchtet ein, dass wir dazu verschiedene Organe des Leibes für Wahrnehmung und Wahrgebung benötigen. "Es geht um den integralen Versuch, die Größe Mensch so weit aus ihren Teilen wieder herzustellen, dass sie sich selber bewusst dem Ganzen integrieren kann" (Jean Gebser). Die Konkretionen früherer Stufen werden nicht rational durchleuchtet - das hieße, sie zu zerstören - jedoch integral vergegenwärtigt; sie werden transparent oder diaphan. "Im Schöpferischen wird der vorbewusste Ursprung bewusste Gegenwart. Es ist der direkteste, aber auch seltenste Vorgang der Gänzlichung, die, einmal realisiert, unverlierbar bleibt. Wem es im Alltag gelingt, das Ganze über sein Ich zu stellen (ein Ich, das er deshalb noch lange nicht verlieren muss), wer aus Ichfreiheit heraus zu handeln vermag, dem wird die Welt und selbst der Alltag durchsichtig. Dann rücken sich die allgemeinen Umwelts-Gegebenheiten von selbst zurecht: sie strukturieren sich neu, da sie, sowohl die sozialen wie die technikbedingten Systeme, die aus der rationalen Haltung hervorgegangen sind und durch sie ermöglicht wurden, der neuen Realisationsweise, die nun ihrerseits die Umwelt gestaltet, inkongruent sind. Da diese Realisationsweise beispielsweise ein bloßes Zweckdenken ausschließt, wird sich auch die Umwelt, und zwar in allen ihren Aspekten, die wir ja selber jeweils unserer Bewusstseins-Struktur entsprechend gestalten, wandeln. Dann wird auch der Alpdruck unserer Zeit weichen: die falsche Verwendung der Maschinen, deren leere Bewegung, deren bloße Motorik, autonom zu werden droht. Es würde offensichtlich werden, dass sie und die heutige Technik eine rücknehmbare physische Projektion sind, der wir Meister zu werden vermögen, zumal in der Technik hier und dort vierdimensionale Ansätze vorhanden sind." Soweit Gebser. Ich denke, dass sich geomantische Haltung und Handlung an kosmischer Spiritualität orientieren muss. Das Bewusstsein der Allverbundenheit mit allen Wesen und die angestrebte Verbindungsachse von Erde und Himmel heißt Liebe. Sie gibt unserem Leben Richtung und Sinn.