Zeit zur Besinnung

von Nigel Pennick erschienen in Hagia Chora 10/2001

Die Greueltaten in den Vereinigten Staaten und deren Nachspiel sind verständlicherweise das beherrschende Thema der Medien in der letzten Zeit. Dies ist nicht der Ort, um zu diskutieren, wie tief die Menschheit schon gefallen ist, oder auf welche Ursachen die Katastrophe zurückgeht. Aber für jemand, der sich Zeit seines Lebens mit der Welt der Symbole auseinander gesetzt hat, ist die Ähnlichkeit der Ereignisse mit der Tarot-Trumpfkarte "Der Turm" schon bemerkenswert, sowohl was die physische Realität als auch die symbolische Bedeutung betrifft. Vor einigen Jahren ging ich während eines Urlaubs in der englischen Seestadt Scarborough in Yorkshire an einer viktorianischen Kirche vorbei. Im Schaukasten an der Kirchenmauer bemerkte ich ein Hinweisschild: People with open minds should have them closed ("Menschen mit offenem Geist sollten diesen verschließen"). Ich war schockiert über die brutale Arroganz, die aus dieser Aufschrift sprach. Unwillkürlich musste ich an die Inquisition denken. Die jüngsten Ereignisse haben meine Erinnerung an dieses Warnungschild wiedererweckt. Seit geschichtlichen Zeiten wissen wir von Fanatikern, die der Welt ihren Willen aufzwingen wollen, und so wird es wohl traurigerweise auch immer bleiben. Ich habe über 40 Bücher und 70 Broschüren zu vielfältigsten Themen geschrieben, darunter Geomantie, Leylines, Labyrinthe, heilige Geometrie, unterirdische Orte, westliche magische Alphabete, Brettspiele, Kalender, Untergrundbahnen, Numerologie, Geschichte des Heidentums, Astrologie, christliche Heilige, Wahrsagekunst, Runen, militärische Bunker, keltische Mysterien, versunkene Länder, Kirchen, Morris-Tanz, traditionelles Bauen und die Geschichte der Pferdetrambahn in Cambridge. Das breite Spektrum meiner Interessen, die durchwegs von einem symbolischen Verständnis des Daseins zusammengehalten werden, hat immer wieder zu Verwirrung und Verärgerung bei Menschen geführt, die eher auf Einzelthemen hin ausgerichtet sind. Einige der genannten Themen scheinen besonders dazu angetan, in den Herzen gewisser Menschen irrationale Leidenschaften zu entfachen, und so bin ich über die Jahre zu einer beliebten Zielscheibe für solche "Rechtgläubigen" geworden.

Verfechter des einzig wahren Glaubens

Wenn ich bedenke, wer mich beschimpft hat, so waren es Vertreter aller meiner Interessensgebiete mit rühmlicher Ausnahme der Brettspieler und der Tram- und Eisenbahnenthusiasten, die für derlei Obsessionen nicht anfällig zu sein scheinen. Viele der "Rechtgläubigen" waren fanatische Erdmystiker oder Geomanten, die mich sogar bedrohten, weil ich etwas geschrieben oder gesagt hatte, mit dem sie nicht einverstanden waren. Anhänger gewisser Konzepte von Ley Lines, spezifischer Erdenergien oder gitterförmiger Kraftliniensysteme haben mich beleidigt, wenn ich mir erlaubt habe, freundlich ganz normale Fragen zu stellen, die jeder forschende Geist stellen würde. Anstatt ordentlich mit mir zu debattieren, bekam ich hässliche Telefonanrufe und zwanzigseitige Briefe voll Gift und Galle, sah ich mich verleumderischen Angriffen ausgesetzt, manchmal auch in den Medien. Ähnliches kam aus Richtung der keltischen Mystiker, der Runenforscher und Esoteriker, wo mich egozentrische Fanatiker, die glaubten, sie hätten die einzige, exklusive Wahrheit gepachtet, als Gefahr für ihre Weltsicht empfanden und zum Sündenbock abstempelten. Im Lauf der Zeit haben mich die Fanatiker mit so ziemlich jedem denkbaren Ausdruck bedacht. So eine Sammlung von Beleidigungen wäre zum Lachen, würden hier nicht auf bedenkliche Weise die immanenten Gefahren von bigotten Glaubenssystemen sichtbar werden. So beschuldigten mich die Linken, ein Faschist zu sein, weil ich über Runen schrieb; auf der anderen Seite griffen mich Vertreter der Rechten an, weil ich mich nicht dem Nazi-Mythos verschreiben wollte, die Runen stammten aus dem "Arischen Norden". Deutsche Nationalisten, ignorant gegenüber der uralten Verwendung und Tradition der Runen in Großbritannien und Irland, beschimpften mich, als Engländer die Unverfrorenheit zu besitzen, über das zu schreiben, was sie "Germanentum" nennen. Sie verunglimpften mich wegen meines keltischen Familiennamens, demzufolge ich Mitglied einer "minderwertigen Rasse" sei. Alles völlig absurd - und dennoch scheinen sie es aus ganzem Herzen zu glauben. Auch religiöse Eiferer sahen in mir jemanden, dem Diffamierung gebührt. Betrüblich ist, dass viele Sekten und Kulte ihre eigene Identität über die Gegnerschaft zu jemand anderem definieren. So reagierten engstirnige Neuheiden beleidigt, weil ich in Büchern die jüdische Kabbala erwähnte oder über das christliche Symbol des Keltenkreuzes und die keltisch-christlichen Heiligen schrieb. Als sei das nicht lächerlich genug, haben mich von der anderen Seite (wenn man das noch so nennen kann) christliche Fundamentalisten mit Schmähungen überhäuft, und zwar sowohl wegen "jüdischem Okkultismus" als auch wegen Unterstützung "heidnischer Philosophie" in Form traditioneller Feste wie Maifeiertag, Erntedank und Wintersonnwende. Mein Buch "The Mysteries of King’s College Chapel" über die Geomantie und den Symbolismus einer vom Königshaus gestifteten mittelalterlichen Kirche in Cambridge, wurde von Katholiken verdammt, weil es protestantisch sei, und von Protestanten, weil es katholisch sei! Über dreißig Jahre lang habe ich regelmäßig Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen, ja sogar körperliche Gewalt erfahren, aus dem einfachen Grund, weil ich versuchte, ohne Vorurteil die Welt der Symbole und des Geistes zu erforschen. Oft habe ich ernsthaft daran gedacht, aufzugeben, wenn mir die Belastung durch diese ausnahmslos männlichen Verrückten über den Kopf zu wachsen schien. Wie soll man mit gutem Willen etwas Verständnis in die Welt bringen, wenn selbst das beste Wollen aus bestimmten Ecken nur feindliche Reaktionen hervorruft? Ich habe mich das oft gefragt. Die Fratze des Fanatismus ist in der Geschichte und in der heutigen Welt überdeutlich sichtbar. Fanatiker auf dem Feld der Geomantie (und anderer esoterischer Künste) sind im günstigen Fall harmlose Enthusiasten, deren persönliche Leidenschaft sich nichtsdestoweniger über ihre Beziehung zur Welt und zur Menschheit hinweggesetzt hat. Im schlimmsten Fall widerspiegelt auch ihr Verhalten das monströse Böse, zu dem alle Menschen fähig sind. Bewaffnet mit dem unerschütterlichen Glauben, im Recht zu sein, gibt es keine Niederung, in die sie sich nicht begeben würden. Wie schwer ist es doch, das Banner der Menschlichkeit aufrechtzuerhalten, wenn selbst in den Bereichen, die eigentlich der Humanität dienen wollen - wie es die Geomantie und andere Künste des Geistes behaupten - das zerstörerische Virus des Egoismus und der Machtbesessenheit derart offensichtlich ist. Nur wenn es gelingt, die Geomantie und die anderen segensreichen esoterischen Künste auf die Basis eines tiefgründigen ethischen Ansatzes zu lenken, kann der verbreitete Fanatismus daran gehindert werden, alles in Verruf zu bringen. Diese Zeit muss erst noch kommen.