Fabeltier Geomantie

von Ulrich Magin erschienen in Hagia Chora 10/2001

Geomantie ist ein seltsames Tier - ein Kompositum aus anderen Wesen mit einem deutlich fabelhaften Charakter. Eine Parabel erzählt, wie mehrere Biologen in einer dunklen Kammer einen Elefanten abtasten. "Es ist ein Baum", erklärt der Professor, der die Beine erfühlt. "Es ist eine Schlange", meint der Experte, der den Rüssel in Händen hält. "Ach was!", wirft schließlich der dritte Experte ein, "es ist ein Dinosaurier - achten Sie doch auf die borkige Haut und die immense Größe des Tieres!" "Es ist eine Disziplin der Geschichtswissenschaft, genauer der Architekturgeschichte", ruft ein Experte, der nur Baupläne sieht. "Es ist ein Kapitel der Religionsgeschichte", meint der andere, der nur nach Spuren des Schamanismus sucht. "Nein, es ist die einzigartige Möglichkeit, mit Mutter Erde Kontakt aufzunehmen", meint der Mystiker. "Da setze ich einen schönen, verzierten Menhir hin, dann ist das Strahlenfeld wieder o.k., und die Erdgeister haben Ruhe" - so wiederum der praktisch veranlagte Erdheiler. Dabei ist Geomantie ein Elefant - weder Baum noch Schlange oder Dinosaurier. Nur wenige Fakten stehen fest: Wie der fiktive Elefant der Parabel ist Geomantie ein neu entdecktes Tier. Bevor John Michell 1969 in seinem Buch "The New View Over Atlantis" die Vorstellungen von Alfred Watkins über Leylines - der darin alte, gerade Händlerstraßen der Steinzeit sah - mit dem chinesischen Feng Shui, den Lehren der französischen Wünschelrutengänger und den deutschen Vorstellungen über biopathologische Erdstrahlen zusammenfügte, gab es keine Geomantie. Wohl gab es verschiedene, zum Teil sehr gut dokumentierte Praktiken der symbolischen Erdgestaltung von der Errichtung der megalithischen Alignments über die etruskische Disziplin, die mittelalterlichen Stadtanlagen und die großen barocken Landschaftsentwürfe, nicht aber eine Lehre von feinstofflichen Kräften der Erde, die manipuliert und zu unserem Wohle genutzt werden können. Alle Behauptungen, Träger solcher uralten Traditionen zu sein, stammen aus der Zeit nach Michells Buch. Es gibt keinen einzigen wissenschaftlich verwertbaren Beleg, keine einzige alte Quelle, die von Erdstrahlen, Erdchakren oder Energiezentren spricht. Eine weitere, ebenso unumstößliche Tatsache ist aber auch, dass Geomantie mittlerweile ein weites Feld geworden ist, in dem die subjektive Erfahrung höher als der objektive Beleg gewertet wird. War ein Ley nach der Definition Alfred Watkins im Jahre 1921 (da er das Phänomen entdeckte, sollte er eigentlich die Autorität sein) noch eine Linie oder ein Pfad, der megalithische Orte auf einer Geraden verband, so sind Leylines heute für viele Geomanten feinstoffliche Erdströme, die gerne auch mäandern können und im Querschnitt einer Sanduhr gleichen. Da solche Vorstellungen von einer Mehrheit der am Projekt "Geomantie" beteiligten Forscher, Autoren und Denker geteilt werden, darf man diese Ideen nicht als etwas der Geomantie eigentlich Fremdes verstehen. Eine dritte Tatsache scheint mir, dass das Wort Geomantie von jeder Schule in ihrem eigenen Sinn verwendet wird. Die Kommunikation ist problematisch. Symptomatisch ist eine Unkenntnis der Geschichte der Geomantie, des Wortes, des Konzepts. Das Ich, die Subjektivität, steht im Mittelpunkt. Viertens schließlich steht fest, dass es neben der Konsensrealität eine "Anderswelt" gibt, die mit seltsamen Wesen und bedeutungsvollen Orten gefüllt ist. Über den Realitätsgehalt (in einem materialistischen, physikalischen Sinn) dieser Kraftorte, dieser Elementarwesen klafft die Anschauung der Geomanten genauso weit auseinander wie bei der Definition der Disziplin selbst. Es ist unbestreitbar, dass diese Parallelwelt erlebt werden kann und immer wieder erlebt wird - ich selbst habe ein beeindruckendes Gefühl von kosmischer Einheit in Steinkreisen erfahren. Jenseits subjektiver Empfindungen allerdings, im überpersonalen Bereich, gibt es kein Kriterium, die Anderswelt festzulegen. Die Anderswelt und die "physikalische Wirklichkeit" sind in der Konsensrealität in den meisten Bereichen getrennt (eine Ausnahme bildet z.B. eine Staatsreligion), im persönlichen Leben allerdings eng verknüpft. Man kann die eigenen Erlebnisse mit der Anderswelt wohl kommunizieren - ein gutes Beispiel dafür ist etwa die Lyrik -, darf aber nicht erwarten, dass diese sehr persönlichen Erfahrungen Allgemeingültigkeit beanspruchen können. Was beim Besuch der Anderswelt für mich real ist, ist für andere bestenfalls irrelevant. Das Gegenteil zu behaupten, ist unehrlich.

Welche Basis hat "Geomantie"?

Das sind die wenigen Tatsachen, die sich feststellen lassen. Die Frage, wie eine Geomantie der Zukunft beschaffen sein könnte, beweist sich alleine aus diesen Feststellungen als unbeantwortbar. Welcher Geomantiebegriff ist denn gemeint? Geht es um reale Praktiken, die früher angewendet wurden, um Landschaftslinien zu errichten und symbolische Landschaften anzulegen? Geht es darum, wieviele Kupferstücke in Reizstreifen vergraben werden müssen, damit die Gesellschaft davon profitiert? Geht es darum, ob wir verstärkt Steine mit keltischen Symbolen in Parks stellen sollten, um die Erde zu heilen? Oder darum, dass jeder seinen magischen Gnom findet, mit dem er über den Schmerz von Mutter Erde redet? Das soll nicht zynisch sein. Aber wie wollen wir über die Rolle der Geomantie sprechen, wenn diejenigen, die sich der geomantischen Forschung widmen, nicht einmal ein für alle Seiten tragfähiges Konzept davon haben, was Geomantie ist? Wie sollen wir herausfinden, ob sich durch geomantische Praktiken - seien sie nun althergebracht oder neu erfunden - eine wie auch immer geartete Verbesserung der Lebensqualität ergeben kann, wenn für solche Effekte häufig genug eine nicht nachweisbare, eben nur gefühlte Harmonisierung angeführt wird?

Gegenseitiges Anerkennen

Ich zweifle daran, dass Geomanten irgendwann eine gemeinsame Sprache sprechen können - es sei denn, man ließe ein willkürliches Anything goes als Maxime durchgehen. Ein Anfang könnte gemacht werden, in dem die "wissenschaftlichen" (bzw. "materialistischen") Geomanten anerkennen, dass Geomantie eben nicht nur ein Forschungsfeld der Religions- und Architekturgeschichte ist, sondern für viele - in meiner Sicht allerdings allzuviele - eine neue, moderne Form der Spiritualität. Die Mystiker sollten dann zugeben, dass Erdheilung etwas rein Subjektives ist, nicht messbar, und die Erfolge nur fühlbar für den, der daran glaubt. Von vornherein geomantisch geplante Städte - man denke an Karlsruhe, an Mannheim, an Washington oder Rom - sind weder friedfertiger noch harmonischer, noch näher an Mutter Erde als Orte, bei deren Planung geomantische Aspekte ignoriert wurden. Das könnte zumindest dazu führen, dass man in der Geomantie klar unterscheidet, was in der Geschichte tatsächlich geschehen ist, und was die moderne Spiritualität der Disziplin hinzugefügt hat. Der mystische Geomant könnte sagen: "Ich spüre, dass diese Kirche auf einem Kraftort steht", aber er könnte nicht mehr sagen: "Die Menschen des Mittelalters haben diese Kirche hier erbaut, weil sie den Kraftort spürten". Der materialistische Geomant, als dessen Beispiel ich hier auftrete, darf dann nicht mehr sagen: "Das mit dem Kraftort ist Unsinn", er muss sagen: "Dass die Kirche hier steht, hat bestimmte symbolische und infrastrukturelle Gründe. Der Ort ist aber offenbar so gewählt, dass er noch moderne Menschen unmittelbar zu inspirieren vermag." Letztlich, meine ich, sollte allen Beteiligten deutlich sein, dass es "Geomantie" als solche bislang gar nicht gibt - nur subjektive, andere Sichtweisen meist ausblendende Vorstellungen davon, was Geomantie ist, sein sollte oder sein könnte. Und nach wie vor scheint es mir so zu sein, dass wir für unser aller Erde mehr tun können, indem wir auf Fleisch verzichten, weniger Auto fahren, kein Tropenholz kaufen, ab und zu etwas für Greenpeace spenden, als wenn wir uns lange darüber unterhalten, welche feinen Ausstrahlungen der Erde wir durch Lichtgeister-Meditationen stärken könnten. Das mag wie Zynismus klingen, aber der hat seine Ursache in derselben großen Sorge um unsere Welt, die auch die "esoterischen" Geomanten antreibt.