Fabeltier Geomantie
Geomantie ist ein seltsames Tier - ein Kompositum aus anderen Wesen mit einem deutlich fabelhaften Charakter. Eine Parabel erzählt, wie mehrere Biologen in einer dunklen Kammer einen Elefanten abtasten. "Es ist ein Baum", erklärt der Professor, der die Beine erfühlt. "Es ist eine Schlange", meint der Experte, der den Rüssel in Händen hält. "Ach was!", wirft schließlich der dritte Experte ein, "es ist ein Dinosaurier - achten Sie doch auf die borkige Haut und die immense Größe des Tieres!" "Es ist eine Disziplin der Geschichtswissenschaft, genauer der Architekturgeschichte", ruft ein Experte, der nur Baupläne sieht. "Es ist ein Kapitel der Religionsgeschichte", meint der andere, der nur nach Spuren des Schamanismus sucht. "Nein, es ist die einzigartige Möglichkeit, mit Mutter Erde Kontakt aufzunehmen", meint der Mystiker. "Da setze ich einen schönen, verzierten Menhir hin, dann ist das Strahlenfeld wieder o.k., und die Erdgeister haben Ruhe" - so wiederum der praktisch veranlagte Erdheiler. Dabei ist Geomantie ein Elefant - weder Baum noch Schlange oder Dinosaurier. Nur wenige Fakten stehen fest: Wie der fiktive Elefant der Parabel ist Geomantie ein neu entdecktes Tier. Bevor John Michell 1969 in seinem Buch "The New View Over Atlantis" die Vorstellungen von Alfred Watkins über Leylines - der darin alte, gerade Händlerstraßen der Steinzeit sah - mit dem chinesischen Feng Shui, den Lehren der französischen Wünschelrutengänger und den deutschen Vorstellungen über biopathologische Erdstrahlen zusammenfügte, gab es keine Geomantie. Wohl gab es verschiedene, zum Teil sehr gut dokumentierte Praktiken der symbolischen Erdgestaltung von der Errichtung der megalithischen Alignments über die etruskische Disziplin, die mittelalterlichen Stadtanlagen und die großen barocken Landschaftsentwürfe, nicht aber eine Lehre von feinstofflichen Kräften der Erde, die manipuliert und zu unserem Wohle genutzt werden können. Alle Behauptungen, Träger solcher uralten Traditionen zu sein, stammen aus der Zeit nach Michells Buch.
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