Wege zum Frieden

von Siegfried Prumbach erschienen in Hagia Chora 10/2001

Shalom chaverim. Bomben sind kein Weg zum Frieden, denn "es gibt", wie Martin Luther King sagte, "keinen Weg zum Frieden, wenn nicht der Weg Frieden ist". Auf eine neue Geomantie bezogen, würde das heißen, dass es sie nur dann geben kann, wenn der Weg selbst neu ist. Die Geschichte hat aber gezeigt, dass neue Wege erst dann begangen werden, wenn die alten an ihren inneren Widersprüchen im Schlamm versunken sind. Viele Menschen glauben, man brauche die alten Werte nur zu transzendieren, um in eine neue Entwicklungsphase zu treten. Die alten Ordnungen und Wertvorstellungen haben uns aber persönlich, sozial und auf die Erde bezogen an einen kritischen Punkt gebracht - vorausgesetzt, wir haben noch nicht die Augen verschlossen vor dem, was in und um uns täglich geschieht. Geomantie basiert auf Ordnungs- und Wertesystemen und war immer Ausdruck einer Kulturepoche. Jede Kultur, gleich welcher Grundordnung, ist vergänglich und zeigt an ihrem Ende Zerfallsprozesse; das gilt auch für die Geomantie. 10000 Jahre Geschichte haben gezeigt, dass die Ordnungs- und Wertesysteme autoritärer, patriarchaler Kulturen im Krieg endeten. Der Römer Vitruvius, der Vater der Architektur, war Cäsars erster Heeresbaumeister. Seine Aufgabe war es, neben der Entwicklung neuer Waffensysteme, die Heereslager nach geomantischen Gesichtspunkten anzulegen. Er bediente sich der sakralen Geometrie und schuf so die "göttliche" Legitimation für die römischen Vernichtungsfeldzüge. Die Geschichte ist voll von solchen Beispielen. Wir können viel daraus lernen, besonders wie man es nicht machen sollte. Das erfordert eine Hinterfragung der zugrundeliegenden Ordnungen jener Gesellschaften.

Die Kultur der Zahl Vier

Zahlenwerte und Archetypen sind seit Beginn der Menschheit das erste Ausdrucksmittel für die Darstellung von Ordnungssystemen. Der Neandertaler malte bereits vier Punkte im Quadrat in seine Kulthöhlen und drückte damit das männliche Prinzip aus. Drei Punkte im Dreieck angeordnet drücken das Weibliche aus. Sie sind das archetypische Zeichen für die Göttin. Die meisten klassischen antiken Kulturen beruhen auf der Grundordnung der Zahl Vier und deren Vielfachen. Die Griechen und Römer legten ihrer Weltsicht die 4 Himmelsrichtungen und 8 Winde zugrunde. Die Etrusker kannten 16 Winde, deren jeder ein Gott war. Den Christen waren die Zahlen 12 und 24 heilig. Karl der Große ließ die Aachener Pfalzkapelle nach der Ordnung der Zahl 32 anlegen. Allen Anschauungen gemeinsam ist die Wurzelzahl Vier. Nach diesem Ordnungsprinzip wurden in der antiken Geomantie die Grabstätten, Tempel, Städte und selbst ganze Reiche angelegt. Die qualitative Bedeutung der Zahl Vier ist: Dienst an der Gemeinschaft, schöpferisches Tun, Kunst, Verwirklichung, Bauen, gemeinnütziges Handeln, Körperlichkeit, materielle Wirklichkeit, Arbeit, Handel und Ökonomie, Besitz, Sicherheit, Quadrat, rechter Winkel, Würfel, Festigkeit, Eigenwillen, Macht und Erstarrung. Diese Eigenschaften spannen den Bogen vom aufbauenden Beginn einer Kulturordnung bis zu ihrem Zerfall. Das mit der Zahl 4 verbundene Wertesystem gründet auf selbstlosem Dienen, Gemeinwohl und Brüderlichkeit. In der Zerfallsphase wird es zu Machterhalt, Konkurrenzverhalten und Grenzenlosigkeit. Die widersprüchlichen Begriffe sind die Kehrseite der Medaille. Auch die großen Religionen wie das Christentum, der Islam, das Judentum, der Hinduismus und Buddhismus basieren auf der Ordnung der Vier. Sie ist das Ordnungsmuster einer männlichen Weltsicht, die von aufopfernder Selbstlosigkeit bis zur grenzenlosen Ichsucht reicht. Am Ende dieser Kulturen mussten, damals wie heute, immer Kriege geführt werden. Wertvorstellungen, die im Krieg enden, sind schwer zu transzendieren. Es scheint mir sinnvoller, nach neuen Wegen und Werten zu suchen. Ein neuer Weg könnte mit der Frage beginnen: was ist Frieden? Frieden ist nicht das Gegenteil von Krieg, obwohl beide Begriffe immer zusammen genannt werden. Krieg ist Verletzung und Zerstörung. Sein Gegenteil ist Heilung und Wiederaufbau. Was ist dann Frieden? Meiner Meinung nach ist Frieden ein Gleichgewichtszustand. Er ist die Stille zwischen zwei Atemzügen. Frieden ist auf der Grenze zwischen zwei Erscheinungen zu finden und ruht in dem winzigen Punkt des Nichts, so wie das Nichts zwischen dem Nord- und Südpol eines Magneten. Alle parallel laufenden Linien führen in einen einzigen winzigen Fluchtpunkt, der das Tor in die Unendlichkeit öffnet. Tatsächlich fliehen die Linien nicht dorthin, sondern werden aus dem Nichts geboren. Allein diese Überlegung führt uns mitten in einen Kosmos der Leere, ins Nichtsein, ins Verborgene. Von uns aus gesehen liegt das Verborgene immer in der Mitte, so kann es die Welt der Gegensätze balancieren. Der Frieden kommt aus der Quelle der leeren Mitte, und wie die leere Mitte hält er Licht und Finsternis im Gleichgewicht. Der Mensch, der die Sonne im Osten aufgehen und im Westen untergehen sieht, steht in der Mitte zwischen beidem, er ist der Mittler zwischen den Gegensätzen. "Auf der Grenze zwischen Ewigkeit und Zeitlichkeit, zwischen Urbild und Einzelgeschöpf, zwischen Verstandeswelt und Sinnwelt, überall an den Wesen beider teilnehmend und gleichsam die Lücke ausfüllend, zwischen den sich fliehenden Enden: so - aufgerichtet am Horizont der Natur - steht der Mensch", sagte Giordano Bruno. Als Menschen bewegen wir uns ständig zur einen oder zur anderen Seite, sei es zum Licht oder zur Finsternis, und geraten sofort in Ungleichgewicht, denn wir haben den Nullpunkt des Friedens verlassen. Es gibt viele Bezeichnungen für die Welt hinter diesem Punkt. Manche nennen es kosmische Energie, Kraft, Nichtsein, Leere, Dao, Qi, Prana, Äther, Seele der Welt, Anderswelt, das Weiße Land, das Verborgene, das Unfassbare, Licht, Liebe oder Gott und Göttin. Indem der Mensch, in der Mitte stehend, die Beziehung zum Verborgenen erinnert, ahnt, fühlt und zum Ausdruck bringt, mit seiner Stimme, seinen Händen und Füßen, entstanden die ersten Gebärden, die in einfachster Form die Schöpfung spiegeln. Sie drücken sich als Tanz, Gesang und Kunstschaffen aus. Gebärden sind Urzeichen, Archetypen; Rudolf Steiner nannte sie Bildekräfte, die aller Gestalt und Form zugrundeliegen. Als ich mich in den 70er-Jahren mit den Grundlagen einer neuen Geomantie befasste, begannen meine Untersuchungen bei den Formarchetypen. Die ersten Quellen waren die ältesten Zeichen der Kulturen, die Marie König erforscht hatte, Johann Wolfgang von Goethe, Rudolf Steiner und Hugo Kükelhaus waren weitere Quellen des Glücks. Neun Zeichen begegneten mir immer wieder - sichtbar gemachte Urgebärden, die Bildekräfte jeder Form, die ich Formarchetypen nannte. Jeder Mensch, jeder Baum, jeder Berg, jedes Tal versteht und erkennt sie sofort. Sie sind die Wegmarken ins Reich des Verborgenen an der Grenze zwischen Sein und Nichtsein. Sie sind der Schlüssel zum Tor in die andere Welt und die Matrix zur Erschaffung der offenbaren Welt.

Archetypische Formen

Im Wörterbuch steht unter Geomantie: "Geomantik (gr.-nlt. w;-): Kunst, aus Linien und Figuren im Sand wahrzusagen". Die Zeichen und Figuren im Sand sind sichtbar gewordene Archetypen, sie sind Vergangenheit und Zukunft, Ausdruck einer kosmischen Wahrheit. Um die Archetypen eines Ortes zu erkennen, arbeite ich mit unterschiedlichen Diagnoseebenen, zu denen auch die Archetypen in der Landschaft und die Zeichen im Sand gehören. Die Summe der Ergebnisse widerspiegelt das komplexe archetypische Muster des Ortes und führt zur Prognose, und diese ist eine Vorhersage und im wörtlichen Sinne Geomantie. Von der Gestalt, vom Zeichen im Sand auf die Archetypen zu schließen, beinhaltet auch den umgekehrten Weg: Aus den Urzeichen die Gestalt zu finden, welche die Wahrheit des Verborgenen wiedergibt. Das ist die andere Bedeutung von Geomantie, die "Geoform" heißen könnte, oder "Geotherapie" als Gestaltung für Orte. Jeder Ort besitzt charakteristische Zusammensetzungen von Archetypen, die in einem Metamorphoseprozess im Sinne Steiners Gestalt annehmen und dem Ort antworten. So beschreibt auch Hugo Kükelhaus lebendige Kunst: "Es ist so, als ob der kindliche Mensch aus dem Grunde des musikalischen Gewebes der Schöpfung die Klangbildungen der eigenen Tiefe vernimmt. Er greift sie auf, wandelt sie ab durch seine Worte, durch Tanz und Spiel, das Schaffen seiner Hände, in der Form des Gemeinschaftslebens und endlich in dem Bezirk, wo er, frei von beengenden Rücksichten, das Wesentliche seines Geistes Gestalt werden lässt, in der Kunst; kurz, er bildet in Fortführung der Großen Schöpfung eine eigene Schöpfung, durch die jene gleichsam verklärt wird und ihre Erfüllung findet."

Der Schöpfung antworten

Könnte man eine neue Geomantie treffender beschreiben als eine die Schöpfung nachvollziehende Gestaltkraft, als einen Gleichgewichtspunkt für die Seele? Das ist der Weg zum Frieden. Die neue Geomantie hat nicht die Veränderung der Schöpfung zum Ziel, sondern sie antwortet ihr. Sie ist auch ein Weg der Selbsterkenntnis oder, um es mit Zhuang Zi zu sagen: "sie vergessen nicht ihren Ursprung, sie streben nicht dem Ende zu, sie nehmen ihr Schicksal hin und freuen sich darüber. Sie beeinträchtigen nicht durch Eigensinn den Sinn und möchten nicht durch ihr Menschliches der Natur zu Hilfe kommen. Also sind die wahren Menschen. Dadurch erreichen sie, dass ihr Herz fest wurde, ihr Antlitz unbewegt und ihre Stirn einfach heiter." Es war einmal ein Baum, der groß und stattlich in einem alten Park stand und krank war. Er stand an einem Ort, den sehr viele spirituelle Menschen besuchten. Jeder ging zu dem Baum, um ihm Heilung zu geben. Als wir im nächsten Jahr wieder an diesen Ort kamen, war der Baum fast tot. Die Besitzer des Parks baten uns, den Baum geomantisch zu behandeln. Wir zogen einen großen Kreis um ihn und umspannten den Kreis mit einem Seil. Wir stellten Schilder auf mit der Aufschrift: "Bitte nicht betreten". Jetzt, nach 5 Jahren, habe ich den Baum wiedergesehen. Er stand groß und gesund dort im Park. Die Abgrenzung aber war immer noch da. Das meint Zhuang Zi, wenn er davon spricht, nicht durch Menschliches der Natur zur Hilfe zu kommen. Wir sind nicht die Gestalter der Schöpfung, wir sind ihr Ausdruck und ihre Antwort. Der Schöpfung in ihrer Sprache zu antworten, ist das Wesen der Kunst, und im Wesen der Kunst liegen die Urzeichen. Sie stehen an der Grenze zum Offenbaren. Deshalb sind Grenzen heilig - bei den Kelten war die Grenze zwischen Wald und Wiese, zwischen Tag und Nacht und zwischen Wasser und Land heilig, denn nur dort sind die Zugänge zur Anderswelt. Wir leben heute im Zeitalter der Globalisierung, die von einem Weltbild der Eroberung geprägt ist, deren höchster Wert grenzenlose Macht heißt. Mit dieser Legitimation werden Kreuzzüge gegen alle Andersfühlenden geführt. Unsere Jetztkultur basiert auf der Grundordnung der 4, sowohl die christliche, jüdische wie auch islamitische Kultur. All diese Kulturen haben bereits ihre Blütezeit überschritten. Unsere Ordnungsstruktur besitzt große Werte, wie selbstloses Dienen oder Brüderlichkeit, der wir nur noch die Schwesterlichkeit hinzufügen müssten. Das sind Werte, die wir heute dringend brauchen. Diese Werte verwandeln sich aber am Ende jeder Kulturepoche in ihr Gegenteil, dann wird aus Brüderlichkeit Konkurrenzverhalten. Es gibt auf dieser Erde auch andere Kulturen mit anderen Ordnungen und Werten. Die Völker Australiens kennen z.B. keinen Ausdruck für rechts und links. Sie nennen die entsprechenden Himmelsrichtungen, um ihren Standpunkt zu bestimmen. Ihre Kultur basiert auf der Zahl Zwei. Die Richtungen Osten und Westen prägen ihre Lebenshaltung. Für sie sind Licht und Finsternis die großen polaren Kräfte - das Offenbare und das Verborgene. Das australische Wort für Verborgenes lässt sich nicht übersetzen. Die Ethnologen prägten den Begriff des Träumens dafür, und das Reich des Verborgenen wurde zur Traumzeit. Die Bilder der Traumzeit wohnen in allem Sichtbaren, in den Formen der Landschaft, ihren Höhlen, Bergen, Steinen, Wasserläufen, Seen, den Pflanzen und Tieren. Je einfacher eine Ordnung ist, um so vollkommener kann sie das Verborgene, die Bilder der Traumzeit, gestalten. Ein solches Bild ist der Kreis als die Ausdehnung des Punktes in die Unendlichkeit und gleichzeitig seine Begrenzung. Die Aborigines malen konzentrische Ringe in den Sand - die Mitte lassen sie leer. Das ist in meinem Verständnis auch der erste Gestaltungssatz der neuen Geomantie: Die Mitte aber ist leer.

Von den Aborigines lernen

Wir können von den Aborigines, dem ältesten Volk der Erde, viel über die Anfänge der Geomantie lernen. Sie haben die Verbindungen von Traumzeit und Wirklichkeit seit mehr als 60000 Jahren erkundet. Robert Lawlor berichtet in seinem Buch "Am Anfang war der Traum" von der Austragung eines Stammeskonfliktes. Die streitenden Parteien trafen sich im Dunkel der Nacht, stellten sich östlich und westlich einer imaginären Linie auf und schrieen sich bis zum Morgengrauen an, ohne die Linie übertreten zu dürfen. Danach begannen die Männer jeder Partei rituelle Kunstobjekte herzustellen. Diese Arbeit konnte viele Wochen in Anspruch nehmen. Nachdem die Kunstwerke fertig waren, kamen beide Parteien zusammen und tauschten sie aus. Der Streit war beigelegt. Was war geschehen? Die Streitenden verbinden sich bei der Herstellung ritueller Kunstwerke mit den Urbildern. Die Kunst der Aborigines ist eine Kunst der abstrakten Zeichen. Tausendfach dringt die Kraft der Traumzeit aus jedem Punkt ihrer Malerei. Im Herstellungsprozess erlöst das Bildererlebnis die Starrkrämpfe und Stauungen des Eigensinns. Der Mensch schwingt wieder in Liebe, er ist gesund, er hat Frieden. Das nenne ich Geotherapie, wenn der Heilprozess sich des Archetypen bedient. In diesem Beispiel hatte die Grenzlinie eine tragende Rolle. Trotz des Streites wurde sie nicht überschritten. In ihrer Weltsicht war sie das Tor zur Traumzeit, zur Quelle des Lebens. Grenzen zu setzen und zu akzeptieren gehört zu den schwierigsten Aufgaben unserer Generation, die im grenzenlosen Wohlstand aufwuchs. Der Politik-Wissenschaftler Robert Axelrod schrieb 1979 einen Wettbewerb unter Mathematikern und Systemtheoretikern aus, um das Computerspiel mit der besten Erfolgsstrategie zu finden. Es gab keine Einschränkungen, komplizierte, listige, gemeine, ausgefeilte, geistreiche Programme traten gegeneinander an. Die rücksichtslosesten Programme konnten gleich zu Beginn große Gewinne verbuchen, aber keines der Programme war dem des Systemtheoretikers und Mathematikers Anatol Rapoport aus Toronto gewachsen. Es setzte sich gegen alle durch. Dabei besaß es nur vier Regeln:
- "Ich spiele offen." (keine geheimen Regeln auf der Hinterhand, d.h. keine Übervorteilung).
- "Ich spiele immer auf Kooperation" (Zusammenarbeit zum Gewinn beider Parteien, heute würde man Synergie sagen).
- "Wenn mich einer, weil ich so nett spiele, ausnutzen will, schlage ich unverzüglich zurück" (Feedback oder Rückkopplung).
- "Aber ich bin nicht nachtragend, schon in der nächsten Runde spiele ich wieder auf Kooperation. Ich bin schnell im Vergelten und schnell im Vergeben."
Anatol Rapoport hatte diese Regeln nicht selbst erfunden. Sie basieren auf der Arbeit von James Lovelock, einem Forscher, der das Ökosystem der Erde untersuchte und zu dem Schluss gekommen war, dass sie ein lebendiger Organismus ist. Die drei Grundregeln Offenheit, Kooperation und Rückkopplung nannte er das Gaia-Prinzip. Er hat es in den komplexen Regelkreisläufen der Natur gefunden. Die Erde, Gaia, lehrt uns, welche Werte und welche Ordnung Aussicht auf dauerhaften Erfolg haben. Es muss keine Verlierer und keine Unterdrücker geben, sonst hätte unser Planet nicht diese Vielfalt entwickeln können und wäre nicht seit Jahrmillionen das, was er ist: ein Paradies in den Weiten des Kosmos. Diese drei ökologischen Prinzipien sehe ich als Grundwerte der neuen Geomantie. Das Prinzip der Erdökologie wird in der Methodik und in der Gestaltung angewandt. Sie ist systemisch und trägt Züge der Tiefenökologie und der systemischen Therapie. Emotionale Ebenen wie Wahrnehmung, gruppendynamische Reaktionen auf Orte oder persönliche Gestaltprozesse werden ebenso einbezogen wie analytische Ebenen. Ein Ort kann beispielsweise seinen Zugang über die subjektive Wahrnehmung seines Wesens, über Körperreaktionen, temporäre Ereignisse oder über die Analyse der Landschaftsformen oder des topographischen Kartenmaterials öffnen. Wie in der Gestaltung mit den Werten des Gaia-Prinzips, z.B. Kooperation, gearbeitet werden kann, möchte ich am Beispiel der Untersuchung eines Wohnortes beschreiben: Kooperation bedeutet, gemeinsam mit den Bewohnern die Situation ihres Wohnortes zu erarbeiten und herauszufinden, was für sie das Beste ist. Die Geomantin und der Geomant werden zum Moderator, der die Selbstheilungsprozesse von Mensch und Ort in Gang setzten. Die eigentliche Arbeit liegt bei den Bewohnern. Ein Beispiel für Offenheit in diesem Zusammenhang sind alle Maßnahmen, die Vertrauen bilden und den Bewohnern die Angst nehmen. Wir tun nichts Geheimnisvolles oder wollen Macht ausüben. Die Offenheit wird balanciert durch Feedback, Rückkopplung, das heißt durch Grenzen wie einen Handlungsrahmen, Vereinbarungen und Absprachen. So kann ein Beziehungsrahmen entstehen, der die Grundlage für das Inkrafttreten von Qi, Prana, Äther usw. ist. Die ursprüngliche Bedeutung von Templum (Tempel) ist "begrenzter Raum", der als eine Nachbildung des Kosmos gedacht war. Das Universum selbst muss begrenzt sein, sonst könnte es keine archetypischen Schwingungsmuster bilden. Ohne einen Rahmen, ohne Grenzfläche, gibt es weder Form noch Farbe, weder Klang noch Bewegung. Bei der Gestaltung geomantischer Objekte ist in meiner Erfahrung die Beschäftigung mit den vier Elementen der wesentliche Kern. Feuer ist reine Energie, Luft ist flüchtiger Dampf, Wasser ist flüssig, Erde ist fest. Treten die vier Elemente in ihrer naturgemäßen Reihenfolge auf, entsteht die fünfte Kraft, die Quintessenz, das Element Äther oder Licht, die alles durchdringende Kraft des Verborgenen. Ziel einer jeden geomantischen Gestaltung ist es, die Archetypen durch einen Metamorphoseprozess zu leiten, bis die Kraft des Äthers wahrnehmbar, fühlbar und unverzichtbar geworden ist. Ebenso wichtig sind die sieben Richtungen - die vier bekannten, Norden, Osten, Süden, Westen, sowie Oben, Unten und die Mitte - als Quelle aller anderen Richtungen. Ihre Qualitäten sind nach meiner Auffassung immer regional und lokal zu sehen. Viele geomantische Ordnungen beruhen auf Analogien zu den Himmelsrichtungen. Aber sie lassen sich nicht auf andere Regionen übertragen. Das gilt für Feng Shui ebenso wie für Vaastu. Jede Religion, jeder Ort, jedes Haus hat eine eigene Beziehung zu den Richtungen. In einer Wohnung beispielsweise ist dort der Süden, wo das meiste Licht einfällt, und dort der Norden, wo es am dunkelsten ist. Pauschalisierungen gehen am Wesen des Ortes vorbei.

Die Zahlen Drei und Fünf

Die Dreiwertigkeit des Gaia-Prinzips ist ein universales Muster. Der Physiker Hartmut Müller aus Erfurt konnte den mathematischen Beweis für die Dreiwertigkeit des ganzen Universums liefern. Seine Gravitationstheorie geht von einem schwingenden Medium aus, das den ganzen Kosmos durchwebt. Dabei entstehen Schwingungsknoten, die durch Leerräume so getrennt sind, wie in der Musik die Noten durch Leerräume getrennt sind. Die Rhythmen, die er dabei fand, waren regelmäßig. Sie basieren auf der Zahl Drei und deren Vielfachen. Die Zahl Drei steht für Bewegung, Magnetismus oder die drei Mondphasen. Sie ist weiblich wie die drei Göttinnen der Urzeit. Jeder dritte Takt bildet einen Knotenpunkt in der Gravitationswelle. In den leeren Zwischenräumen besitzt die Natur keine Schwingungsmuster. Die dreifach geordnete Gravitationswelle schwingt vom endlich Kleinen zum endlich Großen. Darin ähnelt sie dem Wesen der Zahl Fünf, die wie das fünfte Element, der Äther, alles durchschwingt. Der geometrische Archetyp des Äthers ist der Zwölfflächner, auch Dodekaeder genannt, der aus zwölf Fünfecken besteht. Jedes einzelne Fünfeck vertritt das Prinzip des goldenen Schnitts. Alles Runde, also auch die Erde, wird von den fünf vollkommenen geometrischen Körpern, den so genannten platonischen Körpern durchdrungen. Sie sind die Matrix der Kristallbildung, die Fangarme des Lichts. Aber nicht nur Sterne und Planeten richten sich nach den Mustern der platonischen Körper, der gesamte Raum, das Universum selbst, wird von der Wechselbeziehung dieser Körper getragen. Sie sind die Leitbahnen, an denen die Schöpfung kondensiert. In Mittelfrankreich wurde um einen kleinen Kalkhügel, am Zusammenfluss zweier Wasserläufe, vor tausenden von Jahren ein geomantisches Straßennetz angelegt, das einen Fünfstern bildet. Einige Straßen sind heute noch zu sehen. Fünfecke können über ihren inneren Fünfstern geometrisch ins Winzige und Riesige wachsen. Wenn man den Landschaftsfünfstern von Bourges, so heißt die Stadt in Mittelfrankreich, geometrisch wachsen lässt, so erreicht man bald eine Fünfeckgröße, die zwölfmal auf den Globus passt und so einen Zwölfflächner bildet. Das kann nur geschehen, wenn dieser Landschaftsfünfstern im richtigen Maß angelegt wurde, oder, anders ausgedrückt, die Größe der Erde muss bekannt gewesen sein, als man im Megalithikum den Fünfstern anlegte. Jeder Körper besitzt Drehachsen, auch ein Dodekaeder. Die Theorien über die Beziehung von kristallinen Planetenstrukturen zu den platonischen Körpern, also auch zum Dodekaeder, sind bekannt und wurden bereits ausführlich in dieser Zeitschrift behandelt (Hagia Chora Nr. 3; siehe auch die Artikelserie "Der Kristallplanet" von Marco Bischof seit Hagia Chora Nr. 7 sowie die Foren in Nr. 4-9; Anm. d. Red.). Bei allen bisherigen Veröffentlichungen jedoch sind diese kristallähnlichen Gebilde immer geozentrisch verortet, das heißt eine ihrer Drehachsen geht durch den Nord- und Südpol. Für das Fünfeckgebilde, das seinen Bezugspunkt in Bourges hat, gilt dies jedoch nicht. Eine seiner Drehachsen kommt den Polen bis auf rund 30° nahe, aber der Erd-Dodekaeder ist seltsam verschoben auf dem Planeten verortet. Er nimmt keinen Bezug zu den Polen auf. Hartmut Müller entdeckte den Grund. Die von den Polen weg verschobene Drehachse weist seinen Aussagen nach genau auf das Zentrum unserer Galaxis, auf die leere Mitte der Milchstraße. Das globale Dodekaeder wäre damit galaktisch verortet, im Unterschied zur Drehachse der Erde. Das Wesen des Fünfecks und damit des Zwölfflächners ist die Verbindung vom Winzigen zum Riesigen nach göttlichem Maß. Der Erd-Dodekaeder ist somit einer der fünf geometrischen Archetypen der Erde, durch den die unendliche Kraft des Kosmos einströmt, die Kraft der leeren galaktischen Mitte. Die Menschen, die in Frankreich diese Struktur anlegten, kannten offenbar die Bildekräfte des Fünfecks, ihnen war die galaktische Dimension ihrer Arbeit bekannt, denn sie haben sie mit mathematischer Präzision ausgeführt. Heute besteht dieser Lichtkörper der Erde aus einigen Fragmenten, aus den Spuren um Bourges, aus der Grail Line, die Peter Dawkins fand, und aus der Cosmic Line, die ich entdecken durfte und die zur Erkenntnis des Erd-Dodekaeders führte. Im kommenden Sommer wird in Bourges zur 3. "Global Harmonics Konferenz" eingeladen werden, um die geomantische Heilungsarbeit fortzuführen. Die Dreiwertigkeit des Gaia-Prinzips, die fünf Verfestigungsstufen der Elemente und die neun Formarchetypen sind Ausdruck universaler Prozesse. Die sieben Richtungen, das Zusammenspiel der Formarchetypen und die elf Therapie- und dreizehn Diagnoseebenen sind immer ortspezifische Erscheinungen. In meinem Ansatz beziehe ich mich auf die Ordnung der Drei und der Fünf: die Drei wie die drei Aspekte der Göttin Gaia, die das Miteinander lehrt - ihre Werte sind Offenheit, Kooperation und Feedback -, die Fünf wie die fünf Entwicklungsstufen vom Festen zum Licht - sie lässt uns unsere Herkunft nicht vergessen. Die Fünf ist der Schlüssel zur leeren Mitte. Die verbundenen Werte sind Einfachheit, Bescheidenheit und Friedfertigkeit. Im Sommer 2003 rufen wir zu einer Pilgerwanderung "Weg des Friedens" auf, die zu Fuß in 108 Tagen von Aachen über Ravenna nach Assisi führen wird. Die Teilnahme ist kostenlos, denn das Projekt soll auf Spendenbasis finanziert werden. Wir laden alle Geomantinnen und Geomanten, alle Interessierten und alle, die am Wege wohnen ein, mitzukommen, einen Tag, eine Woche, einen Monat. Es ist eine Reise von einem alten Zentrum weltlicher Macht, von Aachen, nach Assisi, dem Wirkort von Franz von Assisi, dessen Credo die Einfachheit und Armut war.