Alles ist Leben

von Gesine Stöcker erschienen in Hagia Chora 10/2001

Alles ist Leben - wir sind nicht von toter Materie umgeben, das kann gar nicht sein, denn wir sind Teil eines Lebens, wir sind Leben und sind verbunden mit dem Leben um uns. Die Frage, ob wir von toter Materie umgeben sein könnten, taucht nur deswegen auf, weil wir - die Menschen - durch unseren Erkenntniswillen gezwungen waren, die Dinge zu zerlegen. Dabei haben wir uns zunächst auf die Materie beschränkt, als ersten Schritt der großen Trennung - und im Laufe der Zeit haben wir vergessen, dass dies nur eine Ebene des Lebens ist. Auch der lebendige menschliche Körper lässt sich in "tote Materie" zerlegen - anders hätte sich z.B. die Schulmedizin nicht entwickeln können -, aber zumindest in Bezug auf uns selbst wissen wir irgendwie noch, dass das nicht alles ist, was Leben ausmacht. Da gibt es noch etwas anderes, etwas, das in uns und durch unseren Lebensraum in uns ist - und was in unserem Lebensraum durch uns ist, nämlich das, was wir spüren können - physisch, emotional, mental. Zu unserem Lebensraum gehören andere Menschen, Tiere, Landschaft, Stadtlandschaft, der Himmel, die Erde. Wahrnehmen heißt, wir spüren etwas - es hinterlässt Spuren in uns. Durch unsere Wahrnehmung erfüllen wir etwas mit Leben und es erfüllt uns mit Leben. Wodurch sollte unser Lebensraum begrenzt sein? - Wir haben ihn höchstens selbst begrenzt. Nur deswegen können sich Ideen wie "die Materie um uns ist tot" entwickeln. Wir können nur sein, weil alles um uns ist. Es ist ein Gegenseitiges. Dazu gehören alle Ebenen des Lebens - aber wir müssen uns dabei auf unsere Wahrnehmungsfähigkeiten beschränken. Denn wer sagt, dass es nicht noch mehr gibt als Körper, Gefühl, Seele und Geist? Auch das Bewusstsein, als Mensch zwischen Himmel und Erde zu sein, ist ein Hilfsmittel - zweifelsohne ist es gut und hilft auf unserem Weg ins ganzheitliche Denken und Sein. "Zwischen Himmel und Erde" ist aber nicht gegenständlich zu sehen, sondern bildlich, denn auch die Erde ist Geist und nicht nur Physis, auch sie ist "zwischen Himmel und Erde". Wer bestimmt das Maß an Lebendigkeit? Sicherlich gibt es unterschiedlich intensive Lebenszustände, manches erregt uns mehr oder weniger - oder regt uns mehr oder weniger auf.