Kraftorte - arg strapaziert

von Rüdiger Sünner erschienen in Hagia Chora 10/2001

Geomantie" und "Kraftort" sind für mich sowohl anziehende als auch diffuse und mit dem Schatten des Missbrauchs behaftete Begriffe. Durch meine Beschäftigung mit den mythologischen Hintergründen des Nationalsozialismus kenne ich die Möglichkeit übersteigerter Interpretation, aber auch die meisten neueren esoterischen Publikationen zum Thema erfüllen mich eher mit Unbehagen. Dennoch habe ich selbst bewegende Erfahrungen an solchen Orten gemacht, die mich bis heute beschäftigen. Zur Klärung dieser Ambivalenz soll der folgende Beitrag dienen.

Geomantie als "Erlebnis germanischer Gesittungshöhe"

Über Geomantie im Dritten Reich ist bisher etliches geschrieben worden, was eher im Bereich der Vermutungen blieb. Eindeutige Belege findet man z.B. in der SS-Zeitschrift "Germanien" und in den Bundesarchiv-Akten über Karl Maria Wiligut, der sechs Jahre lang zu den esoterischen Beratern von Heinrich Himmler zählte. Einer der Autoren von "Germanien" war der Heimatforscher Wilhelm Teudt, der dort zahlreiche Beiträge zu Kultstättenforschung und "Ortungssystemen" veröffentlichte. Sie sollten das deutsche Volk durch Besinnung auf eine gloriose Vorzeit wieder "zu hohen Idealen und sich lohnenden Zielen" führen. Es ginge darum, so schrieb Teudt bereits 1929, den Irrglauben abzustreifen, als habe der Deutsche nach der "Romanisierung" durch Karl den Großen seinen germanischen Charakter verloren. Man müsse jetzt alle Fremdbestimmung durch "orientalische" Religionen überwinden und wieder zum eigenen Erbe zurückfinden, das sich unter anderem in ausgedehnten prähistorischen Kultanlagen Deutschlands manifestiere.1 Dies war ein bereits vor 1933 weit verbreitetes Argument, dessen Untermauerung jedoch zu überzogenen und teilweise skurrilen Forschungshypothesen führte. Teudt selbst veröffentlichte 1929 das Buch "Germanische Heiligtümer"2 und zahlreiche Zeitschriftenaufsätze, welche die Gegend um die Externsteine im Teutoburger Wald als ausgedehntes germanisches Heiligtum mit Sonnenwarten, Kultstraßen, Gelehrtenschulen und Gerichtsstätten bezeichneten: Wunschvorstellungen, die schon damals wegen ihrer schwärmerischen Übertreibung kritisiert wurden.3 Ein anderer geomantisch interessierter Autor der Zeitschrift "Germanien" war August Meier-Böke, der dort 1937 einen Aufsatz über "Die Ortung von Lemgo in Lippe" verfasste. Wie für andere "Kultstättenforscher" dieser Zeit hing auch für ihn nahezu alles mit allem zusammen und wies auf germanische Vorgeschichte zurück. So sah er zwei mittelalterliche Türme Lemgos durch eine Linie verbunden, die auf den "Teutberg" zulief, der seiner Meinung nach ein frühgeschichtlicher Versammlungsplatz war.

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