Geomantie in Worte fassen?

von Hartmut Lüdeling , Ingeborg M. Lüdeling erschienen in Hagia Chora 10/2001

Geomantie - Weissagen aus den Zeichen der Erde - beruht auf sehr individuellen Erfahrungen. Kann sie dann einen Beitrag zur Evolution einer integralen Kultur leisten? Diese Frage beschäftigt auch uns schon länger. Je mehr wir in dieses Thema eintauchen, erscheint uns eine neue Frage wichtiger: Soll die Geomantie denn überhaupt einen solchen Beitrag leisten? Und: was bedeutet Wissenschaft oder wissenschaftlich? "Beiträge" im herkömmlichen Sinn durchlaufen so genannte wissenschaftliche Überprüfungen, deren Logik und Denkweise denen der Geomantie vollkommen entgegenstehen. Der Standpunkt des wissenschaftlichen Denkens liegt in der notwendigen Distanz zum Forschungsobjekt, zum Beobachteten. Ein Geomant aber, der als Beobachter diese Distanz nicht überwindet, nicht eins wird mit dem Beobachteten, kann überhaupt nicht in diese völlig andere Erfahrungswelt "einsteigen". Ist nicht Geomantie auch eine heilige Betrachtungsweise eines Schwingungsmusters? Mantie, griechisch manteia, "Weissagung", kommt von mainesthai, "außer sich sein, verzückt sein", und bedeutet, dass ihre Erkenntnisse nur in einem Zustand der Entrückung oder Trance erreicht werden können. Für den, der diesen Zustand durchlebt, bedeutet es auch eine besondere Gnade. Geomantie ist für uns das Einswerden mit dem Ort, der Schwingung, und das Durchdringen und Durchwirken von Beobachter und Beobachtetem. Beispiel: Ein kundiger Schamane oder eine weise Frau beobachten den Flug eines Milans. Ihre Beobachtung geht so tief, ist so absolut gründlich, dass sie nach kurzer Zeit im Körper des Vogels mitfliegen. Über ihre Erfahrung des Vogelbewusstseins verschmelzen sie zu einem Wesen: Menschenvogel oder Vogelmensch. Wie soll eine solche Wahrnehmung wissenschaftlich verständlich ausgedrückt werden? Soll das überhaupt geschehen, und warum? Ist das nicht eine besondere Gnade, über die der Kundige niemals spricht, vielleicht auch gar nicht sprechen kann - zumindest nicht mit Sprache und Logik der Menschen? Sind nicht alle "mantischen" Erklärungen bzw. Berichte unvollkommen, weil es die Trennung des lebendigem Seins und des menschlichen Ichs gibt? Ist die Trennung aufgehoben, existiert keine verbindliche Wortwahl, kein Erklärungsversuch mehr, und Geomantie beginnt zu wirken. Sollen wir das alles in Worte fassen und wissenschaftlich zugänglich machen? Wo bleibt das Geheimnis, die Erhabenheit, wenn alles entmystifiziert wird, alles erklärbar wird? "Wissen" im wissenschaftlichen Sinne reduziert sich lediglich auf einen kleinen, in Sprache, Zahlen und Formeln ausdrückbaren Bereich einer kosmischen Gesamtschau. Die Zeichen der Erde übermitteln sich aber über Bilder, Symbole, Gerüche, Empfindungen oder Orakel. Sie in Worte zu übersetzen heißt, sie von einer Gehirnhälfte in die andere Gehirnhälfte zu übertragen. Dabei können eine Menge Übersetzungsfehler und ein natürlicher Übertragungsverlust eintreten. Leider fördern Erziehung und Schule diese Trennung schon sehr früh, indem sie Wahrnehmungen zunehmend über Kopfwissen, Verstand und Logik definieren - Spezialistentum statt ganzheitlicher Denkweise sind die Folge.

Wie seriös sind geomantische Erkenntnisse?

Unzweifelhaft wird auch geomantisch Wissen geschaffen, aber offenbar außerhalb wissenschaftlicher Normen, die allerdings auch Regeln für die Nachprüfbarkeit beinhalten. Leider ist es mit der Nachprüfbarkeit geomantischer Aspekte in der Regel so eine Sache. Wer legt geomantische Aspekte richtig dar, jemand, der ganzheitlich, spirituell, religiös eintaucht in das Wesen des Seins, oder jemand, der das Sein über geschaffenes Wissen definiert? Hier wird die Kluft zwischen seelischer, tiefer Erfahrung der verschiedenen Dimensionen und der Erklärungsspirale der Intellektuellen deutlich. Dazwischen liegt die ganze Bandbreite vom angeblich Erleuchteten, Sehenden, Heilenden bis zum tatsächlich spirituell Wissenden. Jeder Geomant hat seine Ausdrucksweise. Je nach Ausbildung übersetzt er die Bilder seiner Erlebnisse in Worte, wissenschaftliche Analysen, Maße, Gesetze, Frequenzen, Wellenlängen, geometrische Muster, Gitter, Engel, Naturwesen, Landschaftstempel usw. So geht dabei ohne Absicht - je nach Bewusstseinsstand und Resonanzbereitschaft - ein Großteil des Gesamteindrucks verloren. Es wird immer nur so viel wahrgenommen, wie das Bewusstsein des Einzelnen auch fassen kann. Dann wird die Geomantie nur ein Mosaiksteinchen des Ganzen bleiben. Der wirklich Wissende kennt diese Fehlerhaftigkeit, tut seine Arbeit und schweigt, getreu dem alten magischen Prinzip: Wissen, Wagen, Wollen - Schweigen! Um ihn zu verstehen, muss der Interessierte mit der Bewusstseinsebene des Geomanten in Resonanz treten. Das gelingt nur über die Empfindungsebene. Gibt es so eine Möglichkeit für den klassischen Wissenschaftler, für den die heilige Geomantie "durch den Kopf gezogen werden" muss, um verstanden zu werden? Wir neigen dazu, eher Nein zu sagen, aber wer sind wir schon, um uns ein Urteil darüber zu erlauben? Wer sich mit der zeitgenössischen Geomantie befasst, müsste auf den ersten Blick den Eindruck gewinnen, dass sich hier gerade ein neues Tummelfeld einer oberflächlichen Eso-Szene auftut. Im Gegensatz zu dort halbwegs überstandenen Modeerscheinungen, die über uns unter dem Gütesiegel der Propheten aus fernen Landen hereinbrachen, liegen die Wurzeln der Geomantie auch in der Mitte unserer eigenen Kultur. Wir gehen, um die Zeichen der Erde zu deuten, vom Zustand des Beobachters in den Zustand des Verschmelzens, des Auflösens. In der Kultur unserer Ahnen war das immer ein geheimes Wissen, und es wurde wohl nur den ausgewählten Kundigen, die das Wohl der Menschheit an höchste Stelle setzten, weitergegeben. Wenn gewisse Regulierungen vorgenommen werden mussten, wurde das mit der nötigen Ehrfurcht und Aufmerksamkeit in aller Stille getan. Man war im Einklang mit dem Geheimnis und Wesen der Erde, des Ortes und der Schwingung. Nach erfolgreicher geomantischer Arbeit prangte kein Messingschild mit dem Namen des Geomanten an dem regulierten, geheilten Ort. Das Werk war alles, die Person des Geomanten nichts. Sind seriöse Geomanten, die eine Trennung von sich und dem, was sie beobachten, als Täuschung erkannt haben, nicht auch Priester der Erde mit hoher ethischer Verantwortung? Es ist schwer für uns, hier Antworten zu finden. Oft kommen wir bei der geomantischen Arbeit in so heilige Gebiete, dass wir in uns schon lange die Frage spüren, ob die Wahrnehmung durch Sprache allen Menschen zugänglich gemacht werden soll, kann oder darf. Viele Worte zerreden die Zeichen. Wenn es geschieht, dass Beobachter und Beobachtetes Eins werden, ändert sich das Leben eines solchen Menschen. Möchte ein Mensch diese Trennung aufheben, wird er wegen seiner Arbeit und seinem Kontakt mit feinstofflichen Energien möglicherweise keine grobstoffliche Nahrung mehr zu sich nehmen, ebenfalls sich von seinen Begierden, Süchten und Lastern trennen. Andernfalls kann er sich zwar durch bestimmte Techniken in ein Feld außersinnlicher Wahrnehmungen begeben, aber die durch seinen Habitus und seine Lebenshaltung ausgesandte Resonanzbereitschaft filtert nur solche geomantisch deutbaren Zeichen heraus, die jenem Bewusstsein entsprechen.

Die Anwendung geomantischer Erkenntnisse

Mit großer Skepsis sehen wir, dass einige Geomanten künstlich die natürlichen Schwingungsmuster der Erde verändern wollen. Hat dieses Machen etwas mit Macht und übersteigertem Geltungsbedürfnis zu tun? Erklärt ein geomantisch arbeitender Mensch einen Ort, einen Berg, einen See usw. für energetisch gestört oder krank, hat er meistens auch gleich ein Heilungsangebot zur Hand - der Garten ist krank, wir setzen ein paar Steine, Spiralen, singen ein Heilungslied usw. Es geht meistens um angeblich kranke oder gestörte Orte und deren Schwingungen. Glauben wir ernsthaft, so Teile der Erde dauerhaft therapieren zu können? Braucht die Erde, um ihre Zeichen verständlich zu machen, nicht viel mehr Demut, mehr Stille, mehr Einssein und Bescheidenheit? In unserer Kultur gibt es schon zu viele Bestrebungen, immer mit Macht eingreifen zu müssen. Wir verlernen, geschehen zu lassen. Führt der Weg, der uns geomantisch gezeigt wird, nicht eher zum Weniger als zum Mehr? Der Bereich der Geomantie, des Auswertens der Zeichen, ist so undurchsichtig, so wenig greifbar. Sie macht meistens sprachlos, wenn man ihre Vielfalt berührt. Ein seriöser Geomant arbeitet idealerweise still und in Demut zum Wohle aller. Auch hat er die Einsicht, dass nicht jede Störung beseitigt werden muss, denn die Erde entwickelt sich trotz Störeinflüsse schon selbst weiter. Wenn Menschen in ihrem Größenwahn auf heilige Berge babylonische Gebäude setzen oder heilige Gebiete durch Rohstoff-Raubbau zerstören, wird es nicht ohne Folgen bleiben. Die Erde wird sich über kurz oder lang mit ihren Mitteln dagegen wehren, besser als jeder Geomant es vermocht hätte. Wer dagegen kann beurteilen, ob nicht "machende" Geomanten auch größere Störungen verursachen? Die Zeichen der Erde sind nicht starr und zu jeder Zeit gleich, denn wenn die Erde ein lebendiges Wesen ist, wovon wir ausgehen, sind es auch ihre Ausdrucksmöglichkeiten. Und lebendig sein heißt, in Bewegung sein. Manchmal stoßen wir heute auf Spuren uralter geomantischer Arbeit. So sind für uns z.B. auch Leylines Zeichen der Erde, ob nun tatsächlich künstlich angelegt oder nicht. Diese Energiebahnen wurden manchmal für heilige Zwecke gebraucht, manchmal zu Machtzwecken genutzt. Jeder, der schon einmal eine alte "Macht-Leyline" entdeckt und untersucht hat, weiß, wovon wir sprechen. Was empfunden werden kann, wenn dieses alte, heilige Liniennetz durch modernes Bauen gestört wird, schildert folgendes Beispiel: Wir waren im September in Österreich am Fuß des Großglockners. Ein Tagesausflug führte uns nach Osttirol zur Wallfahrtskirche Maria Schnee in Obermauern im Virgental. Diese Kirche ist nach Auskunft von geomantisch forschenden Mönchen ein wichtiger Endpunkt eines alten Marien-Wallfahrtsmysteriums rund um den Großglockner. Vor dem Altar fühlt es sich kalt und unheimelig an. Sonst haben Marienwallfahrtsorte auf mich stets etwas Beschützendes, Heimeliges ausgestrahlt. Das ist hier nun ganz und gar nicht der Fall! Mir wird übel und eine Empfindung von Blut, Tränen und Leid überflutet mich. Ich fühle mich wie im Höllenschlund - nur weg hier, hinaus in die Sonne! Draußen überredet mich mein Mann, geomantisch vorzugehen und diese Gefühle genauer zu erfassen, die Zeichen anzusehen, Eins zu werden und zu deuten. Zurück in der Kirche, setze ich mich und versenke mich in stille Meditation. Die Übersetzung der Bilder, Symbole und der "Stimme des Ortes" ergab Folgendes: "Die ehemalige Leylinie, die zur Kirche Maria Schnee führt, ist zerstört durch Straßenbau. Der Kummer und das Leid, welches die Menschen in die Wallfahrtskirche tragen, können nun nicht mehr neutralisiert werden." Um zu Maria Schnee zu finden, hatten wir uns eine neue Gebietsstraßenkarte gekauft, und ich bin die Kartenleserin. Mein Auge fliegt zu einem Ort mit dem Namen Matrei. Wir hatten auf der Herfahrt diesen Ort am Rande gestreift und kannten ihn also beide nicht. Das soll sich aber schnell ändern, denn nun fahren wir die 10 Kilometer dorthin. Eine nette Kleinstadt, alle Straßen sind ganz sinnvoll angelegt. Nichts, was unser Empfinden plötzlich stört. Aber wo ist die Kirche? Wir suchen eine Weile und sehen dann aus einem günstigen Blickwinkel den Kirchturm, fahren hin und halten am Parkplatz davor. Hinter der Kirche entdecken wir das Unvorstellbare: Eine große Schnellstraße auf Brückenpfeilern, fast in Spuckweite der Kirche gebaut! Ich bin sprachlos. Ein Betonstützpfeiler steht wuchtig auf dem Platz des ehemaligen Kirchenfriedens! Wir schauen uns das "Meisterwerk" der Ingenieurkunst von oben an und finden uns auf der Felbertauernstraße wieder. In wenigen Metern Abstand, in Traufenhöhe unmittelbar angrenzend an den Altarbereich, rasen die Autos vorbei. Wir halten auf der gegenüberliegenden Straßenseite an der Abzweigung einer Straße, die einen Steilhang hinaufführt. Dort zieht uns ein ungewöhnlich schön gestalteter Hotelkomplex in seinen Bann. Doch hier lauern weitere Überraschungen. Unmittelbar einer bestimmten Visierlinie vom Kirchenaltar folgend, hatten die Architekten eine Hoteltiefgarage mit einer aufwendigen Schrägaufzugsanlage auf Stahlschienen bauen lassen - die nächste "geomantische Grausamkeit". Als wir schließlich noch auf dem Hoteldach einen Umsetzer für den Mobilfunk entdecken und in der Fortsetzung der ersten Visierlinie noch die Talstation einer Skiliftanlage, glaube ich nicht mehr an einen Irrtum meiner ersten Vision. Schnellstraße, Schrägaufzug und Funkmast blockieren die ursprüngliche geistige Qualität, die ehemalige Transformation von Leid und die Erhörung der Bitten in Maria Schnee: Symbole unserer modernen Zeit, in der wahre Spiritualität in den Hintergrund gedrängt wird? Sollte ein Geomant hier regulierend eingreifen? Oder sollen die Menschen dieser Gegend und die Wallfahrer jetzt oder künftig etwas lernen? Keine leichte Antwort, aber wieder ein kleiner Baustein für neue geomantische Erkenntnisse und damit eine Herausforderung für die eigene Entwicklung. Wir gehen davon aus, dass "nach innen gerichtetes Sehen", wie es in der Geomantie geschieht, keinen Wunsch nach Benennung, Sortierung und Integration hat. So ist es äußerst schwer, wenn nicht unmöglich, Geomantie in Worte zu fassen, in Namen zu pressen oder in Form zu bringen. Trotzdem leistet eine feinsinnige geomantische Arbeit einen ganz wichtigen Beitrag zur Evolution einer integralen Kultur, aber nicht festlegbar und lautstark, sondern veränderlich und lebendig wie der Wind, in aller Stille, fast unbemerkt und gleichzeitig voller Kraft. Worte sind für diesen Beitrag viel zu unvollständig.