Geomantie - eine alte Tradition

von Reinhard Falter erschienen in Hagia Chora 10/2001

Geomantie könnte zum Kern einer Renaissance eines Wissenstyps werden, den ich Bedeutungswissen nenne1. Beobachtungen in der Natur werden im Bedeutungswissen nicht auf ihre kausalen Verknüpfungen, sondern auf ihre Bedeutung, ihren "Geschehenssinn" hin befragt. Kausalwissen bezieht sich auf Dinge, Bedeutungswissen auf Qualitäten, Charaktere oder "Atmosphären". In diesen ist der Beobachter immer schon involviert, sie können grundsätzlich nicht von außen erkannt werden. Geprägt durch die Denkweise des Reduktionismus halten wir das allzu leicht für subjektiv oder unwissenschaftlich. Wir sollten uns aber darüber klar sein, dass das naturwissenschaftliche Wissen von Dingen immer nur ein Grenzfall des Wissens von Wirklichkeit ist. Der abendländische Mainstream war zu lange blind für diese Ebene menschlichen Wirklichkeitsbezugs. Die Konsequenz daraus war eine Vereinseitigung der Kultur, die vielfaches subjektives und organisch fassbares Leid hervorgebracht hat2. Seit etwa hundert Jahren holt sich die abendländische Oberschicht Kompensationsprodukte aus dem Osten. Nun ist aber weder die abendländische noch die östliche Tradition von Bedeutungswissen ohne Deformation durch die Zeit ihrer Ausgrenzung, Verketzerung und Kolonialisierung hindurchgegangen. Vielfach haben ihre Vertreter die Angebote zu einer Nischen-und Kompensationsexistenz aus verständlichen Überlebensinteressen heraus nicht abgeschlagen3. Sie haben sich arrangiert, zunächst mit den Rationalitätsansprüchen einer Philosophie (daraus entstand z.B. die Vier-Elemente-, Säfte- und Temperamentenlehre), dann mit dem Christentum (z.B. Alchemie), und schließlich mit den modernen Naturwissenschaften (z.B. die Kategorienverwechslung, Gehirnstrommesserei könnte etwas über den Realitätsgehalt von Gedanken aussagen, sonstiger Messbarkeitswahn oder gewisse Weltsystemansprüche wie in der Anthroposophie). Ähnlich steht es auch mit den chinesischen und indischen Traditionen und ihren Anpassungsformen an die Mächtigen4. Was wir vor uns haben, ist also keinesfalls uralte Weisheit. Haupttendenzen der Deformation sind Übersystematisierung, Weltflüchtigkeit, Quasi-Gegenständlichkeit. Dass Hagia Chora zu einem Sammelpunkt für die Auswanderung aus dem esoterischen Ghetto geworden ist, ist nicht zufällig. Aus den gleichen Gründen, warum die Geomantietradition im Mittelalter völlig abgerissen ist, ist sie heute anknüpfungsfähig. Die Geomantie konnte sich aus inneren Gründen nicht genug verbiegen, um zu überleben. Sie war gegenüber der platonischen Philosophie und dem Christentum nicht anpassungsfähig. Zeitschrift und Schule Hagia Chora können diesen Anknüpfungsprozess unterstützen, indem sie sinnvolle Elemente der Wissenschaftlichkeit einführen ? kritischer Diskurs, Methodenpluralismus bei Verständigung über ein gemeinsames Erkenntnisinteresse ?, unter Beibehaltung der prinzipiellen Kritik der Vereinseitigung der reduktionistischen abendländischen Wissenschaft. Freilich gibt es auch Gefahren, die durch die marktorientierte Organisation besonders hoch sind, sei es die Neigung zu technischen, verdinglichbaren Lösungen oder Guru-Allüren.

Erdflüchtigkeit und Anthropozentrik

In der Geomantie haben wir es immer mit einem nicht lediglich projizierten Gegenstand zu tun, der jedoch kaum dinglich zu fassen ist. Wir arbeiten also immer auf beiden Seiten der Grenze, die der Reduktionismus für unübersteigbar hält, die meisten Esoteriker aber im Grunde genauso.
Zwei Gründe rücken die Geomantie ins Zentrum:
- weil die Erde das Zentrum einer Kultur sein muss, welche die Erdflüchtigkeit überwindet,
- weil Mantik die Kunst ist, die Zeichen zu lesen.
Ein Traditionsbezug wird nicht nur durch die Vermengung von Überlieferungen mit Aberglauben erschwert5. Ein grundsätzliches Problem der abendländischen Tradition ist ihre Anthropozentrik. Das Christentum brachte den Wahn mit sich, die Pflanzen hätten nichts anderes zu tun, als den Menschen zu nähren oder zu heilen, ja die ganze Erde sei nur zu seiner Wohnstätte gemacht. So richtig es ist, darauf hinzuweisen, dass alles, was einem begegnet ? auch der Sonnenstrahl, der auf eine bestimmte Pflanze fällt ? ein Hinweis sein kann und mit einem zu tun hat, so problematisch ist es doch, den Pflanzen selbst zu unterstellen, sie wollten sich anbieten. Auch in der Anthroposophie findet sich immer wieder dieselbe Attitüde, den Naturwesen menschliches Fehlverhalten, ja noch ihre eigene Zerstörung zur Last zu legen. Je praxisorientierter ein Bereich ist, desto größer ist die Gefahr unreflektierter Anthropozentrik, man denke nur an die Medizin oder an die Landwirtschaft6. Wer die Heilfunktion einer Pflanze in den Mittelpunkt stellt, ist noch nicht bei der sonnengleichen Betrachtung angekommen, die Goethe fordert, wenn er den Unterschied von nutzenorientierter und eigentlich wissenschaftlicher Erkenntnishaltung gegenüberstellt und schreibt, der wahre Wissenschaftler solle nicht darauf sehen, was nutzt und schadet, gefällt und missfällt, sondern wie die Sonne sie alle bescheint, so solle er sie alle betrachten, danach, was sie an sich selber sind. Die abendländische Tradition ist zudem durch eine verhängnisvolle Vorherrschaft der Astrologie und damit der Erdflucht geprägt. Diese ist selbst wieder symptomatisch, das heißt bedeutungswissenschaftlich zu verstehen. Das Abendland hat die Polarität von oben und unten wertend besetzt. Himmel ist gut, Erde (Hölle) ist schlecht. (Auf die Rolle der Astrologie in dem seit der Spätantike sich entwickelnden mechanistischen Bild von Wirklichkeit werde ich in einem späteren Essay eingehen.) Kausalwirkungen sind, ausdruckswissenschaftlich ? symbiotisch ? gesehen, ein Sonderfall von Analogiewirkungen, nämlich jene, die in Analogie zum Mechanismus stattfinden. Die Beziehungen, um die es in der Mantik geht, sind keine einseitig kausalen. Das Rauschen ist ebenso Bild der Geister, wie die Geister Bild des Rauschens sind. Dass Wasser einschläfernd wirkt und Schlaf verflüssigend, lösend und erfrischend, gehört zusammen. Es ist eine Wesensgleichheit, die weder mit Kausalität noch mit Synchronizität im Jungschen Sinn adäquat erklärt werden kann. Mir scheint schon in der Benennung "Synchronizität" die Zeitdimension überbetont14.

Die beiden Richtungen der Mantik

Die Zusammenhänge des Bedeutungswissens sind prinzipiell reziprok. Der Kosmos wird in menschlichen Kategorien ausgelegt, in Kategorien, die der Mensch von innen kennt. Auch in der Mantik gibt es beide Richtungen des Zusammenhangs. Das Ausbleiben einer Quelle kann Teuerung anzeigen. Das Aufrühren eines Sees kann Regen bringen. Uns Heutigen kommt es absurd vor, wenn wir uns vorstellen, dass menschliches Sein auf den Kosmos zurückwirkt. Tatsächlich ist es eine Errungenschaft, zu verstehen, dass die Nilschwemme nicht eine kausale Folge der Güte des Pharaos ist. In früherer Zeit wurden Anomalien in der Natur als Verfehlungen ausgelegt und mit Verfehlungen der Herrscher in Beziehung gesetzt. Eine Regierung war ? insofern sie in Parallele zum Wettergeschehen gedacht wurde ? immer ein Ausgleich verschiedener Kräfte. Der Monotheismus versuchte dies freilich so umzudeuten, dass der schlechte Herrscher sein himmlisches Gegenstück erzürnt habe, der die Strafen schickte. Ein chinesischer Text scheint sogar bestimmte Verfehlungen des Menschen mit bestimmten Antworten oder Parallelprozessen der Natur zusammenzubringen: "Wenn man hochfahrend ist, regnet es beständig, bei leichtfertigem Betragen herrscht andauernde Trockenheit, bei Trägheit herrscht ständige Hitze, wenn man übereifrig ist, ist es beständig kalt, wenn man blind gegen sich selbst ist, weht beständig Sturm."7 Der signaturenhafte Zusammenhang, Hitze mache träge, Kälte eifrig etc., scheint die genaue Umkehrung dieses Prinzips zu sein. Diese Denkweise ist leichter nachzuvollziehen als der Zusammenhang von Leichtfertigkeit und Trockenheit und Stolz und Regen. Einzelne Zusammenhänge lassen sich auch kausal verstehen: In China hatte es besondere Plausibilität, dass zerrüttete politische Verhältnisse sich in Hochwasserkatastrophen äußerten, weil lokale Interessenten dann dem Fluss Land abzugewinnen versuchten, ihn zu eng eindeichten und Wald abholzten, was beides das Hochwasser verschlimmerte. Insofern war es durchaus richtig, Überschwemmungen als Anzeichen korrupter Regierung zu bewerten, und es war ein Prozess funktionierender Selbstheilung, wenn solche Überschwemmungen Aufstände auslösten und rechtfertigten. Symbole haben ihren Realgehalt. Der Baum ist Symbol für Vorsorge9. Der Hund ist Symbol der Gefolgschaft. Radkau schreibt: "Wo in der Geschichte Herrschaft ausgeübt wird, sind sehr oft auch Hunde zur Stelle."10 Der Hund ist eben nicht nur Bild "hündischer" Gefolgschaft, sondern das Bild ist in ihm real.Aber ist das alles? Wie ist es mit dem "Regenzauberritual", wie es Pausanias von einer Quelle namens Hagno im arkadischen Lykeiongebirge erzählt? "Wenn die Dürre lange Zeit dauert und ihnen die Saat in der Erde und die Bäume zu vertrocknen anfangen, dann betet der Prieser des Zeus Lykaios zu dem Wasser, opfert die vorgeschriebenen Opfer und taucht einen Eichenzweig in die Quelle, nur oberflächlich und nicht tief; wenn das Wasser bewegt worden ist, steigt ein Dunst wie Nebel auf, nach einiger Zeit wird aus dem Dunst eine Wolke, die andere Wolken an sich zieht und es in Arkadien regnen läßt" (Pausanias VIII 38,4). Ganz ähnlich gibt es auch in China die Vorstellung eines Zusammenhangs von Teichen und Regenentstehung; aus dem Teich des Drachenhauptes kommt auf das Gebet des Kaisers hin eine rote Schlange, worauf sich Wolken ausbreiten und Regen erfolgt.11 Müssen wir das einfach unter Aberglauben abbuchen? Es scheint mir eines der großen Selbstmissverständnisse der mantischen Tradition, nicht nur in der Traumdeutung, sondern auch in fast allen anderen Praktiken zu sein, dass sie die andere (nicht gegenständliche) Welt als das Noch-nicht-Gegenständliche, d.h. als Zukunft interpretieren. Die moderne psychologische Deutung hängt dagegen an einer anderen Vereinseitigung, sie interpretiert die Anderswelt als ein Innen12 und damit eher als abgelagertes Vergangenes. In gewisser Weise ist das, was die neuzeitliche Psychologie als Inneres sieht, auch ein Vergangenes, nämlich Ablagerung der Lebensgeschichte mit ihren Prägungen. Es ist aber ebenso einseitig, zu behaupten, was einer im Wasser sieht, sei ein Innerseelisches wie, es sei die Zukunft. Vielmehr käme es gerade darauf an, zu verstehen, dass die Anderswelt weder in der zeitlichen noch in der räumlichen Dimension die Verlängerung oder der Gegensatz zur gegenständlichen Realität ist, sondern dass diese ein Ausschnitt und Sonderfall einer Wirklichkeit der Bilder ist, die sie nach verschiedenen Seiten hin umgibt. Das Problem für den Historiker ist, dass die meisten überlieferten Schriften zu mantischen Praktiken, wie z.B. Artemidors Traumdeutung, bereits von dem Selbstmissverständnis der Mantik geprägt sind, das aus dem gegenständlich orientierten Bewusstsein herrührt. Die volle Bedeutung dieser Erkenntnis zeigt sich erst, wenn man realisiert, dass Physis das In-Erscheinung-treten von Verborgenem ist. Ein Urphänomen solchen Aufgehens oder Gegenständlichwerdens ist das Darlegen eines Charakters in der Biographie. Ethos anthropo daimon, sagt Heraklit: Der Charakter ist des Menschen Genius. Darin erleben wir Natur am eigenen Leibe, unsere eigene Natur. Und darin haben wir die Brücke zum Verstehen anderen Naturseins.

Gaia ? Gott ? Topos

Was ist nun das Spezifische der Geomantie? Doch wohl, dass sie nicht auf die Sterne schaut oder auf die Hand, sondern auf die Erde. Doch für Erde gebrauchen wir sehr viele Bedeutungen. Erde nennen wir einen Planeten. Kann dieser aber in der Tradition gemeint sein? Die Erde als Planeten zu betrachten, ist der Inbegriff von Traditionsverlust. Das suggestive Außenbild vom "blauen Planeten" hat wohl wenig mit dem zu tun, was wir täglich als "Erde" erleben. Erde nennen wir gewisse Krümelchen, und tatsächlich gibt es eine sich Geomantie nennende Wahrsageform des Sandwerfens. Wie diese Mantikform entstanden ist, was ihr als Urform zugrundelag, ist schwer nachzuvollziehen; es dürfte so ähnlich wie bei der Hydromantie gewesen sein13. Das, was die Tradition Erde nennt, wird irgendwo in der Mitte liegen. Genauso wie die Krümel und die Kugel müssen die mantische und die gestalterische Dimension der Geomantie zusammengedacht werden, um ein Bild von Erde wiederzugewinnen, das den Namen ganzheitlich verdient. Beide isoliert sind Vereinseitigungen. Den Leylines fehlt der mantische, dem Sand der wirklich erdige Aspekt. Das Urphänomen der Geomantie ist der Ort, der immer in zwei Richtungen interpretiert werden muss: erstens subjektbezogen ? was sagt mir dieser Ort, was bedeutet es in meinem Leben, dass ich hier bin, mir dies begegnet? Dies ist nicht das Sandwerfen, sondern das Wahrnehmen, wohin ich durch meinen Genius geworfen worden bin. Zweitens ortsbezogen ? was ist dieser Ort selbst im landschaftlichen Gefüge? Betrachten wir das alteuropäische Konzept von Erde, so lassen sich drei Erscheinungsformen unterscheiden. Erde ist uns gegeben als Gaia, als Locus, und in der Mitte als Landschaft. So wenig Gaia lediglich die blaue Kugel ist, so wenig ist Ort ein Haufen Krümel. Gaia ist nicht eine Göttin, sondern die Mutter der Götter, und Locus ist der Erscheinungsort eines Gottes, Landschaft aber ist das Spiel der Götter. Gaia ist keine Göttin im Sinn der Olympier, sie ist die Urmutter, so übergroß, dass sie niemals von außen betrachtet werden kann. Die Betrachtung aus dem Weltraum bringt nur scheinbar Gaia zur Erscheinung, denn Gaia kann in ihrem Wesen nur erkannt werden, wenn sie zugleich auf den blauen Himmel bezogen bleibt, der aus dem Weltraum nicht mehr als ihr Partner, sondern als ihr Kleid erscheint. Der Blick aus dem Weltraum ist ein vergegenständlichender. Wesenhaft erfasst wird die Erde am ehesten vor Ort im konkreten Verhältnis einer heiligen Hochzeit. Locus ist etwas, was als Zentrum einen Raum bildet, nicht eine Stelle in einem vorhandenen Raum, sondern so etwas wie ein Keimpunkt von Raum. Der Raum ist für den erfahrungsreligiösen Menschen eben nicht im Betrachter zentriert, sondern es sind die Qualitäten des Seins, die Götter, die den Raum aufspannen14. Locus ist immer der richtige Ort für etwas, ein Ort einer bestimmten Qualität. Er hat eine vis admonitionis, eine mahnende Kraft, wie Cicero die platonische Akademie beschreibt. Das wirkt noch in der aristotelischen Konzeption der Physik nach, derzufolge die Dinge den ihnen angemessenen Ort suchen. Es gibt für alles einen rechten Ort (im griechischen Hestia15), wie es auch einen rechten Zeitpunkt (im griechischen Kairos16) gibt. Erster Schritt jeder Ortsgestaltung ist die Kennzeichnung, wofür dieser Ort der rechte ist. Einen Garten bezeichnet man durch einen Zaun. An diesem Zeichen verstehen dann hoffentlich auch die Kühe und Wildschweine, dass es nicht der rechte Ort für sie ist. In dieser Bezeichnung eines Ortscharakters haben wir die gemeinsame Wurzel der mantischen und der landschaftsgestalterischen Geomantie. Ein Locus ist meist auch äußerlich abgegrenzt, freilich nicht immer von Menschenhand. Locus sacer ist ein rituell gereinigter, für bestimmte Tätigkeiten reservierter Ort. Loca religiosa sind unheimliche Stellen, die z.B. durch einen Blitzeinschlag oder andere Omina von den Göttern bezeichnet wurden17. Der Hain ist ein Ort, in dem die Verbindung zur Erde da ist, gerade, weil er einen Innenraum bildet. Wahrscheinlich ist der Genius auch immer mit Innenraum, sicher mit Raumbildung überhaupt verbunden. Jeder Raum konstituiert ein Innen und ein Außen. Für den symbolsichtigen Menschen ist jedes Innen erdverwandt, jedes Außen himmelverwandt, das nächtliche Außen z.B. mit dem Mond (Diana). Besonders deutlich wird dies bei der engen Verbindung von Locus und lucus (Hain). Der Locus reicht so weit, wie sein Schatten reicht18. Locus wird eine Tellus (Erdgöttin) unter Umständen gerade dadurch, dass sie Opfer empfängt. Ort ist immer nur der heilige Ort, der Ort, dem Salus (Göttin der Gesundheit) entsteigt. Ort ist Verbindung zur Erde. Er wird realisiert durch das Opfer. Die Unterscheidung ist nicht menschengemacht oder natürlich. Dass der Genius opfernd dargestellt wird, zeigt, dass die Wesenheit selbst das Opfer vollzieht. Er ist der opfernde Gott schlechthin. Eine Stadt kann als Locus aufgefasst werden. Die Stadtgöttin als Tyche meint aber mehr die Zeitdimension: ihre Geschichte ist der Geist einer Stadt. Oft freilich wird dann der Flussgott als Vertreter der lokalen Kräfte und Numina mit dargestellt.

Landschaft entsteht durch Perspektiven

Landschaft webt zwischen Gaia und Topos (Ort). Sie ist das Feld der olympischen Götter, die zugleich Perspektiven sind. Landschaft ist kein Gegenstand, aber auch kein Ensemble von Gegenständen. Landschaft wird konstituiert durch Perspektiven, dieselbe Topographie von verschiedenen Seiten (etwa vom Berg aus und vom Tal aus gesehen) kann ganz unterschiedlichen Charakter haben. Der Charakter liegt nicht nur an der Perspektive, er ist die Perspektive. Die Perspektive ist nicht ein menschlicher Blick, sondern eine Konstellation zurückblickender Wesen. Der neuzeitliche Mensch entdeckt die Pluralität der Perspektiven, das entspricht der Wiederentdeckung der Wahrheit des Polytheismus in der Renaissance. Aber er verbiegt diese Entdeckung zum Zweck der Selbstermächtigung. Er sieht nur, dass die Perspektiven sich mit seiner Standpunkteinnahme verändern, nicht, dass das darin Erlebte durch Konstellationen von Wirkendem bedingt ist. Gerade so naiv ist das Kind, das meint, wenn es die Augen zumacht, sei das es Anblickende nicht mehr da. Die Konstellation ist nie eine nur äußerliche, sie ist immer Innen und Außen zugleich ? Kennzeichen numinoser Wirkung. Klages thematisiet das, wenn er schreibt "Von außen her bestimme eine Gegend den Menschen? Sieht, hört, riecht die Pflanze und ist nicht sie der vollkommenste Ausdruck der Gegend? Die Welt der Sinne ist gewiß nur klein im Vergleich mit den Strömen, die uns unsichtbar durchfluten mit den elektrischen, magnetischen und unbenannten Meridianen. Das Tagesbewusstsein hat die menschliche Empfänglichkeit gegen das Walten der unsichtbaren Atmosphärilien künstlich abgestumpft und hat den Menschen zu entwurzeln versucht, aber unsere Instinkte haften tief im Erdboden gleich den Wurzelsträngen der Pflanze, und ganz unvermittelt formt uns das Erdreich, dem wir entblühten."19 Es ist bezeichnend, wie bei Cicero, der sonst gerne Zeichen der Natur als Aberglauben abtut, Umwelt und Atmosphäre so geschildert werden, dass sie in spezifischer Weise handeln. Sie schließen denjenigen, der ihnen nicht gerecht wird, aus. Die Reaktion der Umwelt erweist den Störenfried, der sich sozusagen selbst mit Verbannung bestraft. Besonders drastisch wird dies in der Schilderung des Verhaltens des Clodius im Heiligtum in den Albanerbergen20. Dass Clodius schließlich von Milo, den Cicero verteidigt, ermordet wird, erscheint als Rache der Götter. Clodius hat durch sein Fehlverhalten die menschliche und nicht-menschliche Umwelt gegen sich aufgebracht. Wäre er sensibel genug gewesen, hätte er die wachsende Mauer der Ablehnung spüren können. Das aber macht den Frevler aus, dass ihm der Sinn für das richtige Verhältnis zu den Mächten der Welt (Pax Deorum) fehlt. Eine Erdwissenschaft, welche die Dreiheit von Gaia, Topos und Landschaft realisiert, begreift wieder, warum Landschaft ihr zentraler, schlicht mittlerer wenn auch nicht eigenständiger Forschungsfokus ist. Eine Topologie, die über Topographie hinausgeht, braucht ein Grundverständnis dessen, was ein Ort ist. Platz (Milieu, Situation, Atmosphäre, Genius Loci) ist nicht eine Leerstelle, sondern ein atmosphärisch spürbarer Brennpunkt von Beziehungen. Platzqualitäten zu erfassen, ist den Methoden der neuzeitlichen Naturwissenschaft, die nach Gesetzen sucht, gerade entgegengesetzt21. Gesetze gibt es nur im Experiment. Die Bedeutung eines Platzes erfährt man jedoch nur von der Innenperspektive aus, indem man sich fragt, wie es ist, hier beheimatet zu sein. Man kann dies an menschenfernen Plätzen auch aus der Perspektive eines Fuchses, eines Steinbocks, eines Eichbaums oder eines Flusses tun. Dies fällt uns unterschiedlich leicht bzw. schwer, völlig unabhängig von der Frage, ob unsere Weltanschauung diesen Wesen eine Innenwelt und Reflexionsvermögen zuschreibt.

Die Bühnen der Welt

Landschaft ist eine Bühne, daher kommt das englische Scenery. Im Lateinischen heißt es Scaena locorum = Bühne der Orte, wobei die Loci Genii sind. Jedes Ding als Wesen betrachtet, ist Bühne aller anderen22. Indem das Wesen landschaftlich aufgefasst wird, zeigt es sich als Bühne. Die Orte im landschaftlichen Zusammenhang sind füreinander Bühnen ? daher der merkwürdige physiognomische Zusammenhang zwischen einem Land, seinen Bewohnern, seiner Vegetation23. Der landschaftliche Zusammenhang ist kein gesetzlicher, aber auch kein bloß analogischer. Die Eiche kann Ausdruck eines Hügels sein, ja in ihr kann sich eine viel größere Landschaftseinheit konzentrieren, dann wird sie zum Fokus eines "Landschaftstempels". Sie ist aber auch Bewohnerin, ebenso der Fuchs. "Ausdruck von" und "Ausdruck für" laufen auch hier zusammen. Eine Landschaft kann eichenhaft sein, ein Baum alpin oder "windig". Wenn wir fragen: was ist ein Ort?, nehmen wir im Grunde die Fragestellung der Ökologie wieder auf, deren Antwort diese allerdings in einem Bereich suchte, wo sie nicht zu finden sein konnte, nämlich im systemischen Wissen. Die Pflanzensoziologie und verwandte Bemühungen haben versucht, Erscheinungscharaktere als Bedingungsgefüge zu rekonstruieren. Wir gehen einen anderen Weg. Am Anfang steht die Feststellung: Der Ort wird ausgemacht durch einen Charakter, der es ihm ermöglicht, überhaupt als Entität "Ort" wahrgenommen zu werden. Schon einen Ort anzusehen, ist nichts Subjektives, es entspricht der Wirklichkeit desen, was Klages "Bild" nennt. Ich nenne es lieber Erscheinung, weil dieses Wort den Doppelcharakter von Sichtbar-werden und Ins-Leben-treten umgreift. Nun müssten wir allerdings plausibel machen, dass der Erscheinungscharakter zugleich wirkender Charakter des Ortes ist. Das heißt, die Frage zu stellen, was einen Ort zustande bringt. Man könnte sagen: eine bestimmte Konfiguration der Kräfte der Erde in der Zeit. Beispielsweise ist ein bestimmter Ort geprägt von den Moränen der Eiszeit (Erscheinungscharakter Berg), in die sich die Würm (Erscheinungscharakter Wasser) eingeschnitten hat. Im Anschneiden einer Grundwasserschicht hat sie die Quelle freigelegt, die ihrerseits eine Rinne gebildet hat. Dies hat an der vormaligen Hanglage einen Unterwasserkiesbereich mit Köcherfliegenlarven und eine Feuchtzone mit vorwiegend weißen und gelben Blütenpflanzen und dem umgebenden Gehölz ergeben. Eine solche Betrachtung greift über das Anschauliche des Charakters hinaus und beruht auf Theorien, wie die von der Eiszeit, unterirdischen Wasserströmen etc. Fassen wir den Ort im engeren Sinn, dann ist das, was ihn ausmacht und von der umliegenden Umgebung absetzt, die Quelle, und zwar zunächst in kausaler Hinsicht. Die Qualität erscheint eher in dem durch sie ermöglichten Leben, in Blumen, Moosen, Punkten auf den hellen Steinen.

Ein anderesweltliches Verstehen

Quelle, Baum und Fels sind drei archetypische Weisen des Erscheinens, sie sind zugleich drei Möglichkeiten der Zentrierung von Orten. Sie sind sowohl Produkte des Ortes ? die Quelle ist von der Würm freigelegt, der Baum auf angeschwemmtem Boden oder auf einer Bergnase gewachsen etc. ? als auch Bildner. Der Baum gibt Schatten, die Quelle Feuchte, der Berg nährstoffarme Lage, die konkurrenzschwächere Arten begünstigt. Jeder Ort hat eine dominierende Manifestation, durch ihre einheitlichen Wirkungen wird er zum Ort. Die Landschaft dagegen ist immer Spiel verschiedener Erscheinungsformen, auch wenn scheinbar eine dominiert. Ort wird durch einen lokal wirkenden Gott gebildet, Landschaft durch das Spiel der Götter. Es könnte sich freilich herausstellen, dass gerade sakrale Orte mit ihrer Dreiheit von Quell, Fels und Baum eigentlich Landschaften im Kleinen sind und damit in gewissem Sinn dem Garten nahekommen. Die antike Malerei hatte vielleicht in diesem Sinne nicht Landschaften im Auge, sondern Orte, freilich besonders solche, die zur Landschaft tendieren. Orte tendieren dazu, den Himmel, das Spiel nicht ortsgebundener Götter auszuschließen, Innenraum zu bilden. Daher ist der Hain der Inbegriff des Ortes. Landschaft wird durch orts- und nicht-ortsgebundene Numina gebildet. Zu ihr gehört immer auch der Himmel. Schon deshalb werden Landschaften nicht einfach aus Orten gebildet. Ebenso ist Gaia nicht die Summe von Landschaften, sie ist keine noch so komplizierte und großräumige Konfiguration der Götter. Nicht die Götter bilden in ihrer Summe Gaia, vielmehr sind die Götter Erscheinungsformen der Gaia. Die so genannten physischen Erscheinungen, welche die neuzeitliche Geographie als Erscheinungsformen der Gaia deuten wollte, sind entweder solche Götter, oder es sind Pseudoerscheinungen, wie das Grundwasser, die Erdgeschichte. Es hat schon seinen Grund, dass sie nicht erscheinen ? das heißt nicht, dass sie nicht "real" wären, sondern dass sie andersweltlich real sind. Merkwürdig: genau die Gegenstände der so genannten Naturwissenschaft können erscheinungswissenschaftlich nur richtig aufgefasst werden, wenn sie als andersweltlich verstanden werden. Wenn ich an einer Quelle sitze und das Hervorsickern des Wassers aus dem Gestein oder der Erde wirklich wahr-nehme, wenn ich an ihr in einem sympathetischen Akt verstehen will, was das zur Erscheinung Kommen von bisher Verborgenem ist (z.B. weil das auch meine eigenen mantischen Fähigkeiten anregen kann), dann ist die Vorstellung von Grundwasserschichten hinderlich. Ich verstehe dann nicht mehr die grundsätzliche Verwandlung, die beim Übertritt von einer in die andere Sphäre stattfinden muss. Wenn ich Grundwasser denke, kann ich Kontinuität denken, Wasser bleibt Wasser. Das versucht die neuzeitliche Naturwissenschaft grundsätzlich, sie will ihre gegenstandsartigen Substrate konstant halten, außer vielleicht in der Chemie als Stoffverwandlungslehre, wo sie aber wieder zugrundeliegende Elementarteilchen als konstant betrachtet24. Genau das muss für die bedeutungswissenschaftliche Perspektive umgedreht werden. Es muss sozusagen der Moment der Entstehung von Wasser nicht im Sinn der Substanz, sondern des Erscheinungscharakters gefasst werden. Das Gestein erscheint dann vielleicht als eine Art Schwamm des Regenwassers. (Regenwasser ist wieder etwas qualitativ völlig anderes als Fließwasser, nämlich ein Endprodukt, kein Agens, etwas, was reif vom Himmel fällt, um sich zu verwandeln wie der Kern im Apfel). Ebenso ist Gaia keine Kugel im dinglichen Sinn, sondern höchstens als äußere Darstellung der Keimhaftigkeit.

Wahrnehmungen deuten

Unabdingbar scheint mir, zunächst einmal eine Landschaft allsinnlich zu erfahren und Begriffe oder imaginative Gestaltungen kommen und gehen zu lassen und dabei die eigenen Zutaten lange Zeit auszuschalten. Es geht darum, in den verschiedenen Sinnesbereichen die Formensprache einer Landschaft zu vernehmen. Dabei ist es sinnvoll, die symbolische Bedeutung wahrzunehmen. Dazu können die Göttercharaktere helfen, ohne dass gleich an eine Epiphanie zu denken wäre. Man kann z.B. den Zusammenhang von Helle und Weite und Dunkel und Tiefe bei hintereinander gestaffelten Höhenzügen gut erfassen. Hilfreich sind auch Ersetzungsübungen, z.B. den See am Talboden wegzudenken oder mit der Hand abzudecken. Die natursymbolische Tradition Europas leidet unter einem Missverhältnis von theoretischem Größenanspruch und mangelnder Konkretisierung und Detailliebe. Die Verbiegungen, welche die Tradition im Laufe ihrer Überlieferungen erfahren hat, ist vom Reduktionismus zum Anlass genommen worden, das Kind mit dem Bad auszuschütten. Wiederanknüpfung an die im Abendland völlig abgerissene Tradition verlangt heute immer eine kritische Sichtung. Bedeutungswissenschaft behandelt den Ausdruck von realen, wenn auch nicht unbedingt biologischen Lebewesen. Auf der rezeptiven Seite steht aber nicht nur ein ästhetisches Empfinden des Menschen. Wer sich länger mit beiden Seiten des Ausdrucks, dem, was er ausdrückt, und dem, was er an Eindrücken hinterlässt, beschäftigt, bildet ein Mittleres aus, das der herkömmlichen Wissenschaft verständlicherweise noch mehr suspekt ist als Ästhetik und Physiognomik zusammen. Man könnte es einen Sinn für Begegnung nennen. Wenn ich auf einer Kiesbank sitze, so korrespondiert das sich mir heute zeigende Tier, ein kleiner Flusskrebs (morgen kann es ein Reiher sein), einerseits mit dem Charakter der Landschaft, deren verschiedene Aspekte sich in ihm inkarnieren, andererseits mit menschlichen Qualitäten. Aber es stellt auch eine momentane Korrespondenz zwischen beiden her, die wiederum eine Eigenqualität hat. Diese Eigenqualität zu einem bestimmten Zeitpunkt kennen wir zumeist nur in abergläubischer Form, etwa als Bedeutungshaltigkeit von Tieren als Vorzeichen ("Schafe zur Linken ?"). Es käme darauf an, sie nicht in festen Bedeutungen aufzufassen. Fest sind freilich die Symbolqualitäten von begegnenden Tieren, aber auch diese schillern in einem Spektrum. Es gibt dafür keine methodische Sicherung, aber man kann üben, sich zu fragen, was drückt dieses begegnende Wesen aus? Wie steht dieser Ausdruck zu dem, wie ich gerade bin? Jene Mitte von Ausdrucks- und Eindrucksqualität kann als die eigentlich menschliche Realität der Natur beschrieben werden. Unsere Kultur ist immer noch weitgehend blind für diese Ebene der Wirklichkeit. Ansatzweise können wir vielleicht verstehen, dass die Richtung, die ein Fluss in der Landschaft nimmt, für den ursprungsverbundenen Menschen nicht nur eine physische Gegebenheit ist, die ihm einen von verschiedenen möglichen Wegen erleichert, sondern dass dies zugleich als schicksalhaft leitender Hinweis erlebt wird, so wie Äneas die Winde, die ihn nach Sizilien zurückwerfen, als Hinweis erlebt, dass er dort am Grab seines Vaters noch ein Opfer zu bringen hat (Aeneis V, 26 f.). Diese Natur, dieser Fluss, dieser Wind sind nicht kontingente Gegebenheiten, sie haben neben einer zwingenden oder überwindbaren physischen Macht einen weisenden "Geschehenssinn". Es geht also nicht nur um die Fähigkeit, Änderbares vom Nichtänderbaren zu unterscheiden, sondern auch um die Weisheit, nicht immer an die Grenze des Änderbaren zu gehen und stattdessen seinen Sinn zu verstehen. Hier wurzelt alle Mantik. Symbolisches Denken ist immer schon seherisch. Es sieht Konnexe, die dem gegenständlichen Denken irrelevant scheinen. Es vollzieht eine tendenziell unendliche Pendelbewegung zwischen Selbstauslegung in Bildern der Natur und Naturdeutung in Bildern der Seelenlandschaft. Dies geht jeder Theoriebildung, wonach Zusammentreffen bedeutungshaltig und nicht zufällig sei, voraus. Alle solche Theorie tendiert zum Aberglauben, ist aber ihrerseits bereits Reaktion auf einen Reduktionismus. Ursprünglich ist die Sinnhaftigkeit aller Konnexe fraglos und gar nicht thematisierbar. In dem Augenblick, wo sie thematisiert werden muss, entsteht die Gefahr einer Auslegung nach dem Muster von Kausalität. So besteht z.B. ein Großteil der heute kommerziell umgesetzten Geomantie in der Suche nach technischen Lösungen für atmosphärische Probleme. Davor sollten wir uns hüten.