Geomantie - eine alte Tradition

von Reinhard Falter erschienen in Hagia Chora 10/2001

Geomantie könnte zum Kern einer Renaissance eines Wissenstyps werden, den ich Bedeutungswissen nenne1. Beobachtungen in der Natur werden im Bedeutungswissen nicht auf ihre kausalen Verknüpfungen, sondern auf ihre Bedeutung, ihren "Geschehenssinn" hin befragt. Kausalwissen bezieht sich auf Dinge, Bedeutungswissen auf Qualitäten, Charaktere oder "Atmosphären". In diesen ist der Beobachter immer schon involviert, sie können grundsätzlich nicht von außen erkannt werden. Geprägt durch die Denkweise des Reduktionismus halten wir das allzu leicht für subjektiv oder unwissenschaftlich. Wir sollten uns aber darüber klar sein, dass das naturwissenschaftliche Wissen von Dingen immer nur ein Grenzfall des Wissens von Wirklichkeit ist. Der abendländische Mainstream war zu lange blind für diese Ebene menschlichen Wirklichkeitsbezugs. Die Konsequenz daraus war eine Vereinseitigung der Kultur, die vielfaches subjektives und organisch fassbares Leid hervorgebracht hat2. Seit etwa hundert Jahren holt sich die abendländische Oberschicht Kompensationsprodukte aus dem Osten. Nun ist aber weder die abendländische noch die östliche Tradition von Bedeutungswissen ohne Deformation durch die Zeit ihrer Ausgrenzung, Verketzerung und Kolonialisierung hindurchgegangen. Vielfach haben ihre Vertreter die Angebote zu einer Nischen-und Kompensationsexistenz aus verständlichen Überlebensinteressen heraus nicht abgeschlagen3. Sie haben sich arrangiert, zunächst mit den Rationalitätsansprüchen einer Philosophie (daraus entstand z.B. die Vier-Elemente-, Säfte- und Temperamentenlehre), dann mit dem Christentum (z.B. Alchemie), und schließlich mit den modernen Naturwissenschaften (z.B. die Kategorienverwechslung, Gehirnstrommesserei könnte etwas über den Realitätsgehalt von Gedanken aussagen, sonstiger Messbarkeitswahn oder gewisse Weltsystemansprüche wie in der Anthroposophie). Ähnlich steht es auch mit den chinesischen und indischen Traditionen und ihren Anpassungsformen an die Mächtigen4. Was wir vor uns haben, ist also keinesfalls uralte Weisheit. Haupttendenzen der Deformation sind Übersystematisierung, Weltflüchtigkeit, Quasi-Gegenständlichkeit. Dass Hagia Chora zu einem Sammelpunkt für die Auswanderung aus dem esoterischen Ghetto geworden ist, ist nicht zufällig. Aus den gleichen Gründen, warum die Geomantietradition im Mittelalter völlig abgerissen ist, ist sie heute anknüpfungsfähig.

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