Mit der Welt sprechen

von Peter F. Strauss erschienen in Hagia Chora 10/2001

Der Kosmos lebt, weil wir leben." Man könnte den Satz auch umdrehen, und er verlöre nichts an Gültigkeit: "Wir leben, weil der Kosmos lebt". Die Aussage der so genannten "Tabula Smaragdina" des Hermes Trismegistos - eines spätantiken hermetischen Textes - zeigt, dass es nichts grundlegend "Neues" unter der Sonne gibt: "Wahr, ohne Lüge, sicher und vollkommen wahrhaftig ist: Was unten ist, ist wie das, was oben ist, und was oben ist, ist wie das, was unten ist, um die Wunder des Einen zu vollbringen." Die Erkenntnis, dass sich die Erscheinungen des Makrokosmos im Mikrokosmos spiegeln, war vor Jahrtausenden der Beginn dessen, was man heute Astrologie nennt. Aber was verstehen wir unter dem Begriff Kosmos? Ist es die Gesamtheit der Planeten, Sterne, Galaxien und Sternhaufen, der schwarzen Löcher und Metagalaxien, also letztlich etwas Materielles? Oder müssen wir nicht zuerst die Frage stellen, ob dem sinnlich wahrnehmbaren Kosmos, der von der Naturwissenschaft seit dem 17. Jahrhundert immer genauer unter die Lupe genommen wird, nicht ein geistiger Kosmos gegenübersteht - oder, besser gesagt, dieser die andere Seite der Medaille bildet. In der nach Planetengottheiten benannten Siebentagewoche haben wir noch immer eine Erinnerung an eine geistige Welt hinter der materiellen Welt. Der Mittwoch heißt z.B. in Frankreich Mercredi - der Tag des Hermes/Merkur, Freitag heißt französisch Vendredi - nach der Venus, der Samstag wird im Englischen Saturday genannt, nach Saturn. Der antiken Weltsicht war noch zugänglich, dass die mit dem Auge sichtbaren Himmelskörper nur die äußere Erscheinung darstellen, so wie die äußere, körperlich-physische Erscheinung des Menschen seinen geistigen Wesenskern umgibt. Wollte man nun den Menschen nur nach seinem körperlichen Aussehen beurteilen oder ihn gar auf das physische Erscheinungsbild reduzieren - wie das in der positivistisch geprägten Naturwissenschaft tatsächlich praktiziert wird -, dann würde man aus meiner Sicht denselben Irrtum begehen, wie wenn man den Planeten Erde als Produkt eines zufälligen Zusammentreffens von elementaren materiellen Bausteinen bezeichnete. Im Megalithikum war die Vorstellung von der "Großen Mutter Erde" von Schottland bis in den Nahen Osten verbreitet. Die Erde wurde als geistige Wesenheit wahrgenommen und verehrt. Der Blick des Positivismus treibt hingegen das Lebendige - das Geistig-Seelische - aus allem, was er trifft. Hier kommt mir der Mythos vom Basilisk in den Sinn, der alles zu Stein erstarren lässt. Der Blick auf die Welt ist entscheidend: Entweder man erkennt hinter jeder Erscheinung in der materiellen Welt das Geistige, dann "lebt" der Kosmos, dann ist er durchzogen von vielfältigen Beziehungen und Entsprechungen, dann spiegelt sich alles in allem wie im Netz des Indra. Oder man sieht in der Welt nur die willkürliche Anhäufung von Materie und in der Evolution lediglich ein Produkt aus Zeit und Zufall - dann ist tatsächlich alles tot. Es ist also essenziell wichtig, wie wir denken. Rudolf Steiner nannte dies "die Verlebendigung des Denkens". Wenn man von einer geistigen Evolution ausgeht, welche in ihrem Verlauf die materielle Evolution hervorbrachte, dann ist offensichtlich, dass die gesamte Natur voller geistiger Wesenheiten auf den verschiedensten Evolutionsstufen steckt. Ich nehme allerdings an, dass ein Bakterium nicht auf derselben Evolutionsstufe steht wie eine Ameise, und ich nehme an, dass eine Eidechse nicht dasselbe Bewusstsein besitzt wie z.B. ein Schimpanse. Folgt man der anthroposophischen Terminologie, dann verfügen Steine über einen physischen Leib, Pflanzen über einen physischen und einen "Äther- oder Bildekräfteleib", Tiere über einen physischen, einen Äther- und einen "Astralleib" und schließlich Menschen neben den drei vorgenannten auch über den geistigen Wesenskern, das "Ich", der sie befähigt, als individuelles, geistiges Wesen in der Welt zu leben und sie zu erkennen. Insofern bildet der Mensch eine Brücke zwischen der geistigen Welt und der Welt der Materie. Wir leben als geistige Wesen voll bewusst in dieser Welt der Erscheinungen und lernen mit ihr umzugehen. Der hellhörige Musiker Jakob Lorber nannte die Erde einmal die "Hochschule Gottes", eine schöne Metapher für die Funktion unseres Heimatplaneten.

Was ist Materie?

Wenn ich von Materie spreche, meine ich selbstverständlich nicht, dass diese in einem Gegensatz zum Geistigen steht oder etwas grundsätzlich Verschiedenes sei. Ich habe mir im Laufe der Jahre die Vorstellung gebildet, dass sich Materie vielleicht am besten als "Verdichtung" des Geistigen beschreiben lässt. Hermetische Traditionen sprechen z.B. von vier "Verdichtungsvorgängen", um aus dem rein Geistigen über das Wärmeelement oder Feuer zum Luftelement, weiter zum Wasserelement und schließlich zum Erdelement zu gelangen. Die hinduistische Tradition spricht von der Maya, der materiellen Welt, die sich scheinbar als fest und wirklich darstellt, in Wahrheit aber eine Art Traum Brahmas repräsentiert. Wie in der Teilchenphysik seit langem bekannt ist, löst sich der Begriff der festen Materie ohnehin auf, je tiefer man in sie eindringt. Letztlich existiert auf einer bestimmten Ebene der Betrachtung nur noch ein Tanz von Schwingungen - auch hier bietet sich ein Bild aus der hinduistischen Mythologie an: Shiva als Weltentänzer. Die Schweizer Künstlerin Emma Kunz brachte ihre geistigen Erfahrungen einmal auf die Formel: "Denken ist Energie". Dieser Satz kommt der Wahrheit vermutlich sehr nahe. Möglicherweise ist die materielle Welt tatsächlich "gedacht", das heißt das Produkt geistiger Vorgänge, die sich vom Kleinsten bis ins Größte erstrecken - vom Elementarteilchen zur Spiralgalaxie, vom Stein zum Menschen. Insofern scheint mir der Gedanke absurd, dass wir in einem Kosmos leben, der aus "toter Materie" besteht. Das Prinzip des - geistigen - Lebens ist mit der Vorstellung der toten Materie nicht zu vereinbaren; aus toter Materie könnte deshalb niemals Leben entstehen. Die Konsequenzen aus diesen Überlegungen für mein persönliches Leben sind vielfältig. Zum einen ist mir bewusst, dass ich als Teil der geistigen Welt mitwirke an der Evolution und damit auch meinen Teil an Verantwortung trage. Mein Denken und Handeln hat Folgen für das gesamte Geschehen - nicht nur für den Bereich der Umwelt, den ich direkt übersehen kann. Auch wenn es mir nicht möglich ist, sämtliche Konsequenzen zu überblicken, bemühe ich mich doch, mit meiner Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen konstruktiv am evolutiven Prozess mitzuwirken. Dass Fehler immer wieder vorkommen, sagt schon das alte Sprichwort: "Irren ist menschlich." Ich sehe im Leben eine große Lernaufgabe; manchmal schneide ich besser, manchmal schlechter ab in den diversen Prüfungen und Aufgaben. Letztlich tröstet mich die Gewissheit, dass mir immer eine weitere Möglichkeit, ein neues Leben zur Verfügung steht, um Fehler wiedergutzumachen, Unrecht auszugleichen und in meiner geistigen Entwicklung weiterzukommen.

Die Anderswelt ist überall

Der schamanische Begriff der "Anderswelt" hat sich seit einigen Jahren eingebürgert, ohne dass einzusehen wäre, warum er besser oder präziser wäre als der Begriff "geistige Welt", wie er z.B. im anthroposophischen Kontext verwendet wird. Man könnte ja die Frage stellen, was ist denn anders an jener Welt? Hier besteht für mich Klärungsbedarf. In allen religiösen Traditionen taucht die Vorstellung von einer Welt "jenseits der Sinneserfahrungen" auf, die entweder nach dem physischen Tod betreten wird oder - im schamanischen Ritual - durch bestimmte Trancetechniken oder die Einnahme psychotroper Pflanzen (Peyote-Kaktus, Pilze etc.) kurzfristig und wiederholt zu Lebzeiten aufgesucht werden kann. In bestimmten antiken Einweihungsritualen (Isiskult, Demeterkult) wurden offenbar ähnliche Erfahrungen vermittelt. Die ägyptischen Totenbücher gaben genaue Anweisungen für das richtige Verhalten in dieser jenseitigen Sphäre, die bevölkert war mit positiv gesonnenen geistigen Wesenheiten wie mit bedrohlichen dämonischen Kräften. Auch die tibetischen Totenbücher geben präzise Hinweise für die Vorgänge beim Übergang von der einen auf die andere Seite sowie zum Verhalten in der geistigen Welt. Lediglich das positivistisch geprägte, moderne Bewusstsein blendet die Realität dieser geistigen Welt aus. Das Resultat ist Angst vor dem Tod, der ja bei nüchterner Betrachtung nur einen Übergang von einer Existenzebene geistiger Wesen auf eine andere darstellt und nach Berichten aus dem Bereich der Nahtoderfahrungen, z.B. bei Elisabeth Kübler-Ross, als euphorisches Erlebnis beschrieben wird. Der Aufenthalt in der materiellen Welt - oder sollte man besser sagen, auf dieser spezifischen Ebene - ist vorübergehend und kann als Lernerfahrung genutzt werden. Die eigentliche Heimat des Menschen ist die geistige Welt, die "Anderswelt" wäre nicht außergewöhnlich oder exotisch, sondern, ganz im Gegenteil, der gewohnte, angestammte Ort, den wir zu bestimmten Zwecken gelegentlich verlassen, um nach relativ kurzer Zeit wieder zurückzukehren. Erinnerung an das Leben vor der Geburt wäre eine Möglichkeit, der Angst vor dem Tod zu entrinnen. Dies setzt allerdings die Gewissheit der Wiederverkörperung voraus sowie die Vorstellung eines unsterblichen geistigen Wesenskerns. Wenn man den Menschen nicht nur auf sein materiell-körperliches Dasein reduziert, sondern seine anderen subtilen Wesensglieder mitberücksichtigt, ergibt sich zwangsläufig ein differenzierteres Bild. Dies hat auch für jede ernst zu nehmende geomantische Arbeit große Bedeutung. In China betrachtete man schon in der Antike die Erde als Organismus in Analogie zum menschlichen Körper; so wurden z.B. die Felsen als Knochen, das Wasser als Blut und die Erzadern als Nerven der Erde betrachtet. Darüber hinaus liegt eine Analogie zwischen Akupunkturmeridianen und Qi-Strömen nahe. Es ist sicherlich nicht falsch, den chinesischen Begriff Qi mit dem europäischen des Äthers oder des Od in Beziehung zu setzen. Aus meiner Sicht handelt es sich um den in der Anthroposophie bekannten Äther- oder Bildekräfteleib, der als unsichtbares Wesensglied den physischen Leib umgibt. Aus Beschreibungen hellseherisch begabter Menschen ist bekannt, dass nicht nur Menschen, sondern auch Tiere und Pflanzen eine Aura besitzen, die in sich strukturiert ist. Setzt man dies auf die Erde als planetarische Wesenheit um, dann könnte sich folgendes Bild entwickeln: Über dem sinnlich wahrnehmbaren, materiellen Erdenkörper liegt eine Äther-Aura, in der bestimmte Strömungen, Bahnen, Knotenpunkte, Energielinien, Chakras etc. die universelle Energie auf den Gesamtorganismus verteilen. Über dieser Schicht (aber miteinander verbunden) befindet sich eine Astral-Aura, in der sich das seelische Leben des Erdorganismus ansiedeln lässt. Diese Schicht ist anders strukturiert, in unaufhörlicher Bewegung und äußert sich in der sinnlich wahrnehmbaren Sphäre unter anderem in der Bewegung der Wolken, dem Fließen des Wassers, dem Wechsel der Jahreszeiten. Aber auch bestimmte Charakteristiken der Landschaft, wie Hügel, Täler, Bergspitzen, Abgründe können einen Hinweis auf seelische Qualitäten geben, die mit der astralen Aura der Erde verbunden sind. Schließlich liegt über dieser Schicht eine Aura, die mit den mentalen Prozessen verbunden ist. Nun ist die Aura der Erde nach meiner Überzeugung verbunden mit der Aura aller Lebewesen, auch der Menschen; das bedeutet - auf die Geomantie bezogen -, dass sich alle Gefühlsbewegungen und auch das Denken der Menschen in den entsprechenden Schichten der Erdenaura bemerkbar machen. Es gibt Hinweise darauf, dass sich in der Astral- und Mentalaura über einem Schlachtfeld noch Jahrhunderte nach den Ereignissen Spuren finden lassen. Geomantische Arbeit kann in diesem Fall bedeuten, die Aura dieses Ortes durch geeignete - rituelle - Methoden wieder zu harmonisieren. Über der Mental-Aura liegen vermutlich weitere Schichten, die mit höheren Wesensgliedern, wie dem geistigen Kern, der eigentlichen planetaren Persönlichkeit der Erde verbunden sind. Alle diese auratischen Ebenen sind nun nicht mit dem Instrumentarium der herkömmlichen wissenschaftlichen Disziplinen nachweisbar, und das macht die Sache in der Tat äußerst kompliziert. Rudolf Steiner hat schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts darauf hingewiesen, dass es in der Zukunft darauf ankomme, die geistige Welt mit der nüchternen und klaren Sprache der modernen Naturwissenschaften zu beschreiben. Andernfalls könnte man sich nie mit den Menschen verständigen, die nicht selbst über das geistige Instrumentarium verfügen, diese andere Welt wahrzunehmen. In der Anthroposophie wurde meines Erachtens der Versuch gemacht, eine neue Sprache zu entwickeln, welche Vorgänge und Phänomene beschreibt, die sich der sinnlichen Wahrnehmung weitgehend entziehen. Man kann gewiss die Frage stellen, ob dies gelungen ist - der Versuch wurde immerhin schon vor fast hundert Jahren unternommen.

Eine heillose Begriffsverwirrung?

Im Augenblick befinden wir uns in der Tat in einer heillosen Begriffsverwirrung. Da es bislang keine objektiven Kriterien zur Beschreibung der verschiedenen Ebenen der geistigen Welt gibt, bleibt es zwangsläufig bei subjektiven Benennungen und Eindrücken, die sich nur mit Mühe vergleichen lassen. Ohne Systematisierung und den Versuch einer gewissen Sprachregelung in der Beschreibung der geistigen Welt wird es aber - so fürchte ich - keinen nennenswerten Fortschritt geben. Die moderne Naturwissenschaft hat sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem sehr brauchbaren Erkenntnisinstrument zur Erfassung der "äußeren Wirklichkeit" entwickelt. Wir haben in den vergangenen vier Jahrhunderten mehr über diese Dimension der Welt erfahren als in den Jahrtausenden zuvor. Auch wenn dieser enorme Zuwachs an Wissen zu Lasten anderer - intuitiver, imaginativer - Fähigkeiten ging, macht es nur wenig Sinn, die Entwicklung des logisch-rationalen Denkens als Irrweg zu bezeichnen und das Heil in einer Rückkehr zur vermeintlichen heilen Welt der vorrationalen Vergangenheit zu suchen. Ich denke, dass es vielmehr heute darauf ankommt, mit dem voll entwickelten, geschulten Denken sich mit den Phänomenen der geistigen Welt auseinander zu setzen - in dem Bewusstsein, dass es nicht um etwas außerhalb Liegendes geht, sondern um einen Aspekt der Welt, den wir auf dieser spezifischen äußeren Ebene der Wahrnehmung sinnlich nicht erfassen können.

Geomantie ist eine spirituelle Wissenschaft des Lebendigen

Wenn sich die Geomantie mit sichtbaren wie nichtsichtbaren Aspekten des Erdorganismus beschäftigt, dann bedeutet dies per se, dass hier eine Auseinandersetzung mit dem Lebendigen stattfindet. Das sinnlich Zugängliche lässt sich relativ problemlos beschreiben, beim sinnlich nicht mehr Zugänglichen beginnt der Bereich subjektiver Erfahrung. In diesem Zusammenhang ist die Geomantie eine "Erfahrungswissenschaft". Allerdings definiert sich die Naturwissenschaft unter anderem aus der Methodik, mit der die Natur untersucht und mit der bestimmte Naturgesetze aufgedeckt werden. Nur wenn ein naturwissenschaftlicher Versuch mit definierten Werkzeugen oder Apparaturen mehrmals mit gleichem Ergebnis nachvollzogen werden kann, gilt er als gesichert. Am Beispiel der Entdeckung der chemischen Formel des Benzols kann man deutlich machen, wo der Unterschied zwischen verschiedenen Formen der Erkenntnis besteht: Der deutsche Chemiker Friedrich August Kekulé entdeckte 1865 aufgrund eines Traumes die sechseckige Struktur des Benzolmoleküls. Auf einer Konferenz von Wissenschaftskollegen schloss er später seinen Bericht mit den Worten: "Lassen Sie uns lernen zu träumen, meine Herren, und dann werden wir vielleicht die Wahrheit finden." Kekulé kam der entscheidende Einfall über die Struktur des Benzols im Schlaf, nachdem er lange Zeit ergebnislos an der Sache gearbeitet hatte. Hätte der Chemiker den Impuls aus seinem Traum aber nicht in eine Formel umgearbeitet und in Labors überprüft, dann wäre diese intuitive Erkenntnis von seinen Kollegen niemals akzeptiert worden. Wenn die Radiästhesie als Erfahrungswissenschaft immer noch in Frage gestellt wird, dann liegt es auch daran, dass skeptische Naturwissenschaftler die Nachvollziehbarkeit und absolute Überprüfbarkeit der Ergebnisse radiästhetischer Mutungen in Zweifel ziehen. Tausende von Brunnen, die weltweit mit Hilfe der Radiästhesie gesucht und gegraben wurden, genügen den Skeptikern nicht als Beleg für die Effektivität der Methode. Dasselbe gilt für die Homöopathie, die seit Jahrzehnten erfolgreich auch in der Tierheilkunde eingesetzt wird. Ein Tier spricht bekanntlich nicht auf ein Plazebo an, aber gerade hier wirken homöopathische Präparate erstaunlich gut. Der Physiker Hans-Peter Dürr veröffentlichte vor Jahren einen Artikel in der "Süddeutschen Zeitung", wo er das Dilemma der Teilchenphysiker sinngemäß so beschrieb: "Die Physiker sind mit Fischern vergleichbar, die auf Fischfang ausziehen und Netze mit 2 cm Maschenweite benutzen. Sie bringen ihren Fang an Land und behaupten, dass es keine kleineren Fische gibt als diejenigen, welche sie mit dem Netz gefangen haben. Einige Jahre später kommt ein Netz auf den Markt, das 1 cm Maschenweite besitzt. Nun sind die Physiker sehr erstaunt, dass es doch kleinere Fische gibt. Dieses Spiel kann ad infinitum weiter getrieben werden." So wenig ausgeschlossen werden kann, dass immer kleinere Elementarteilchen ins Netz gehen, so wenig kann ausgeschlossen werden, dass Erfahrungen von Wünschelrutengängern, Geomanten, hellseherisch begabten Menschen nicht auch eines Tages Bestandteil des allgemein akzeptierten Wissens werden. Vorläufig stehen wir noch außerhalb der Schwelle zu einem Zeitalter, in dem naturwissenschaftliche Erkenntnisse gleichberechtigt neben den inspirativ-imaginativ-intuitiven Erkenntnissen stehen. Es wird einige Zeit brauchen, um eine Sprache zu finden, mit der sich Vertreter der einen wie der anderen Seite verständigen können. Ich persönlich sehe in der Geomantie allerdings mehr eine künstlerische als eine wissenschaftliche Disziplin. Aber war Leonardo da Vinci nun mehr Künstler, Erfinder oder Wissenschaftler? In der Renaissance gab es noch nicht diese Aufspaltung zwischen Kunst und Wissenschaft, man konnte sich als Künstler noch ohne Weiteres mit technischen, medizinischen oder hydrologischen Problemen beschäftigen und diese Erkenntnisse in sein künstlerisches Werk einfließen lassen. Heute können sich manche Molekularbiologen mit ihren Kollegen einer Nachbardisziplin nicht mehr verständigen, weil jeder eine andere Terminologie benutzt. Die Differenzierung der Wissenschaft hat es mit sich gebracht, dass immer mehr Spezialfächer entstanden sind, das Ganze aber zunehmend aus dem Blickfeld gerät. Als Künstler sehe ich mich aber als einen Menschen, der über die Grenzen schaut und versucht, sich einen gewissen Überblick zu erhalten. Ich denke, ein erweiterter Kunstbegriff integriert auch die Beschäftigung mit Radiästhesie und Geomantie als legitime Wege zur besseren Erkenntnis. Meine jahrelange Auseinandersetzung mit Radiästhesie und Geomantie hat es mit sich gebracht, dass ich zu verschiedenen Zeitpunkten in den vergangenen siebzehn Jahren Erlebnisse hatte, über die ich nur sehr schwer sprechen kann. In früheren Epochen hätte man vielleicht von einer mystischen Erfahrung gesprochen - mir kam es mitunter so vor, als ob ich nach einem langen Schlaf erwacht wäre. In diesen Phasen erfuhr ich eine lawinenartig anschwellende, euphorisierende Erkenntnisflut, die ich nur partiell schriftlich sichern konnte. Ich werte diese Phasen als religiöse Erfahrung, denn ein großer Teil der Erkenntnisse bezog sich auf meine Beziehung zum Göttlichen, das heißt zum Göttlichen in mir oder zum "Höheren Selbst". In diesem Zusammenhang sehe ich die Geomantie als spirituelle Disziplin, als eine Weltsicht, die das Göttliche in der Welt und in sich selbst wahrnimmt und versucht, aus dieser Erkenntnis heraus zu handeln. Die Synthese zwischen spiritueller, künstlerischer und wissenschaftlicher Weltsicht herzustellen, ist ohne Zweifel eine Herausforderung, die nicht immer befriedigend bewältigt werden kann. Dennoch hoffe ich, dass sich im Zuge der weiteren Entwicklung einer "integralen Kultur" immer mehr Menschen auf den Weg machen, um diese Gratwanderung erfolgreich zu meistern. Es erscheint mir als der einzig sinnvolle Weg, um aus der Sackgasse des einseitig orientierten positivistisch-materialistischen Denkens herauszukommen und neue Perspektiven für das kommende Millenium zu entwickeln.

Die integrale Kultur

Wenn die integrale Kultur als Synthese von Traditionalismus und Moderne im Sinne einer Transzendierung deren Werte beschrieben wird, stellt sich mir zunächst die Frage, was hier transzendiert werden soll. Was verstehen wir unter traditionellen Werten? Und was unter den Werten der Moderne? Ist die Bewahrung alter Volksbräuche im Gebirgstrachtenerhaltungsverein die Erhaltung traditioneller Werte? Ist die Benutzung des mobilen Telefons und des PCs mit Internetzugang schon gleichzusetzen mit der Moderne? Der Slogan "Laptop und Lederhose" fasst kurz und bündig zusammen, wie sich die Bayerische CSU die Synthese von Traditionalismus und Moderne vorstellt. Der US-Journalist Jacob Heilbrunn veröffentlichte im "SZ-Magazin" vom 17. August 2001 einen Artikel, in dem es hieß: "Auch in den Köpfen der Menschen fordert der Reichtum seinen Tribut, hat er doch einige besonders heuchlerische, widerwärtige Erscheinungen hervorgebracht, jene Gestalten, für die der konservative Journalist David Brooks den Namen bourgeoise Bohemians ("Bobos") geprägt hat. Gemeint sind all die wohlhabenden Amerikaner, die beides wollen: Umweltschutz predigen und spritschluckende Geländewagen fahren, Wasser sparen und 15000 Dollar für eine Duschecke aus Schiefer ausgeben, den Naturgenuss preisen und den eigenen Garten mit Kunstrasen und Kunstfelsen aufpeppen ." Das wird es wohl auch nicht sein, was wir uns unter einer integralen Kultur vorstellen. Sogar das Interesse an spirituellen Themen kann mit einem rein hedonistischen Lebensstil vereinbar sein. Die derzeitige Diskussion um den Rückzug der USA aus dem Abkommen zur Begrenzung der Treibhausgase zeigt, dass es nicht leicht sein dürfte, in den Vereinigten Staaten eine Politik der Sparsamkeit mit fossilen Brennstoffen durchzusetzen - obwohl sich 25 Prozent der amerikanischen Bevölkerung zu den "Kulturell Kreativen" zählen. Trotz aller Vorsicht meine ich, dass sich in dieser Entwicklung tatsächlich ein Paradigmenwechsel zeigt, der sich über kurz oder lang auch in der Gestaltung der Politik niederschlagen wird. Kann nun die Geomantie in diesem Prozess einen substanziellen Beitrag leisten? Wir sollten uns ganz ehrlich eingestehen, dass diejenigen, welche sich intensiver mit Geomantie beschäftigen, immer noch eine kleine Minderheit darstellen. Der gesellschaftliche Einfluss dieser Minderheit kann deshalb nicht sehr groß sein. Nichtsdestotrotz haben in der Geschichte Minderheiten entscheidende Impulse gesetzt - auch wenn sich die konkreten Auswirkungen erst später gezeigt haben. Ich denke, dass die Fragestellungen wesentlich sind, die innerhalb der Geomantie aufgeworfen wurden und werden, zum Beispiel:
- Ist die Erde lediglich eine Anhäufung toter Materie, oder haben wir es mit einer Entität zu tun, einer Wesenheit mit Seele und Geist wie wir, nur mit einem anderen Körper?
- Ist die Analogie zwischen dem menschlichen Körper mit seinen sichtbaren wie unsichtbaren Komponenten und der Erde möglich, und was folgt daraus?
- Besitzt die Erde bestimmte Ortsqualitäten, die sich signifikant von anderen unterscheiden, und woraus resultieren diese ?
- Existieren bestimmte Ortsqualitäten, die sich negativ auf das Befinden von Pflanzen, Tieren oder Menschen auswirken, und gibt es Möglichkeiten, dies auszugleichen?
- Besitzen Sakralorte eine bestimmte Qualität, die stimulierend auf den energetischen Organismus einwirkt, und wie ist diese Qualität näher zu bestimmen?
- Ist es möglich, Ungleichgewichte und Störungen im energetischen Gleichgewicht des Erdorganismus bzw. in einer Aura durch menschliche Aktivitäten auszugleichen?
- Welche Methoden darf man einsetzen, um solche Störungen auszugleichen, und welche Mittel und Methoden sind unzulässig?
- Bedarf die Erde als Entität insgesamt der "Heilung", oder benötigen wir Menschen ein neues, erweitertes Bewusstsein, um in Zukunft gravierende Fehler zu vermeiden?
Eine integrale Kultur, die diesen Namen verdient, wird nicht umhin können, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Es wird keine wirkliche Verbindung von Spiritualität, Naturbeziehung und Hinwendung zur Gemeinschaft aller Lebewesen geben, ohne ein neues und erweitertes Verständnis unserer irdischen Heimat. Erst wenn wir wieder ein anderes Verhältnis zu der Gestalt herstellen, die vor 5000 Jahren noch als Große Mutter verehrt wurde, werden wir aufhören, die Erde als Objekt der Ausbeutung oder als Müllkippe zu betrachten. Deshalb sehe ich die Funktion derjenigen Menschen, die sich mit Geomantie beschäftigen, darin, solche und andere Themen in die Entwicklung einer zukünftigen integralen Kultur einzubringen. Inwieweit dies gelingt, wird die Zukunft zeigen. Eines ist sicher: dass die Politik des Aussitzens endgültig gescheitert ist. Es wird großer Anstrengungen bedürfen, die Katastrophen abzumildern, die sich bereits heute ankündigen. Ohne entscheidende Veränderungen unseres Bewusstseins, gefolgt von einem Wandel unseres Lebensstils, wird es keine Chance geben, den Folgen unserer Handlungen zu entgehen. Ich hoffe, dass die kritische Masse derjenigen, die eine solche Wende herbeiführen wollen, bald erreicht ist und bemühe mich mit meiner eigenen künstlerischen Arbeit, dazu einen Beitrag zu leisten. Ich glaube, dass wir hoffen dürfen - auf eine Zukunft, die geprägt ist von einem besseren Verhältnis von Mensch und Kosmos, von Innen und Außen, Oben und Unten, dem Weiblichen und dem Männlichen, Yin und Yang.