Augen auf, und tiefer schürfen

von Paul Devereux erschienen in Hagia Chora 10/2001

Wenn wir den Versuch einer Standortbestimmung der zeitgenössischen Geomantie unternehmen wollen, so sollten wir uns klarmachen, dass bereits die Idee einer "Geomantie" eine moderne ist. Es ist unser Konzept und keineswegs ein historisches Weltbild - es ist wichtig, dass wir unsere modernen Ansichten sauber von historischen Fakten unterscheiden. Was ich meine, lässt sich vielleicht an meinem Spezialgebiet Leys oder Leylines deutlich machen: Das, was wir heute unter einer Leyline verstehen, hat es zu keinem Zeitpunkt, an keinem Ort und in keiner Kultur der Vergangenheit gegeben; Tatsache ist allerdings, dass die Menschen unterschiedlicher Kulturen, Epochen und Lebenräume immer wieder gewisse Typen von geradlinigen Anlagen und Landmarken errichteten oder einige ihrer Bauten linear anordneten. Zwei Beispiele: Im schottischen Kilmartin Glen reihten die Menschen um 1800 v.Chr. die Grabkammern ihrer Stammesfürsten zu Alignments (engl. to align = "in eine Linie bringen", "fluchten") aneinander, was heute als linearer Friedhof bezeichnet wird, während die Indianer Amerikas um das Jahr 800 schnurgerade Pfade oder Bodenmarkierungen anlegten, wie wir sie aus Nazca in Peru kennen. Diese vielfältigen Phänomene als Leylines über einen Kamm zu scheren, ist Unsinn; es hält uns dazu noch davon ab, herauszufinden, was jene Anlagen tatsächlich bedeuteten. Der Begriff "Ley" (oder "Leyline") ist inzwischen mit derart vielen Meinungen überfrachtet, dass er bedeutungslos geworden ist. So glauben beispielsweise in der populären Geomantie viele an ein Netzsystem von "Energielinien", die mit der Rute gemutet werden können, und handeln diese ebenfalls als Leylinien. Auf diese Weise werden moderne Phantasien unter alte Phänomene gemixt. Sind mit der Rute mutbare Energielinien Phantasieprodukte? Ich sage: Ja.

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