Synapsenbildung?

von Dipl. Ing. Stefan Brönnle erschienen in Hagia Chora 10/2001

Welche Bedeutung hat die Geomantie für die Gesellschaft und das neue Jahrtausend? Diese Frage hat mir zugegebenermaßen Kopfzerbrechen bereitet. Sicherlich, der Nutzen der Geomantie in den verschiedensten gesellschaftlich relevanten Disziplinen ist offensichtlich und wurde in den Hagia-Chora-Programmen beschrieben:
- In der Architektur verhilft geomantisches Wissen zu mehr Ortsverbundenheit im Bauen. Es kann an den menschlichen Organismus und die Psyche angepasste Räume schaffen helfen.
- Die Geomantie verhilft ferner in der Baubiologie zu vertieftem Wissen und erweitert so den Gesundheitsbegriff vom rein Physischen ins Seelische und Geistige hinein.
- In der Medizin bereitet die Geomantie den Weg zum Einbezug ortsabhängiger Faktoren in die Diagnose und Therapie.
- Die Kunst profitiert von der Geomantie durch die Erfahrbarmachung nichtsinnlicher Wahrnehmungsebenen des Ortes.
- In der Landschaftsplanung führt die Geomantie zum Verständnis kulturhistorischer Zusammenhänge landschaftsprägender Bauten sowie zu größerer Sinnhaftigkeit großräumiger planerischer Zusammenhänge.
- In der Stadtplanung hilft die Geomantie Planungsfehler zu vermeiden und über den geistigen Einbezug von Mitte, Grenze und innerer Ordnung Siedlungen von seelischer Durchdrungenheit und geistiger Kraft zu schaffen.
- In der baulichen Ausführung von Architektur und Gartengestaltung verhelfen geomantische Kenntnisse über die energetischen und seelisch prägenden Einflüsse von Materialien sowie das Wissen um objektgerechte Platzierung und Strahlungsverhalten zu mehr Harmonie in der Gestaltung.
- In Ökologie und Naturschutz führen die Kenntnisse der Erdheilung zu einer Erfassung der seelischen Parameter der Natur und machen sie erst dadurch zur Tiefenökologie.
All jene Wirkungen und Nutzanwendungen der Geomantie in den Teilbereichen unseres gesellschaftlichen Lebens (und sicherlich noch viele, viele mehr) können mit Sicherheit zu besseren Techniken und Methodiken führen und dadurch helfen, das Leben gesünder, seelisch harmonischer und erkenntnisreicher zu gestalten - und doch erscheinen sie mir angesichts der Kernfragen menschlicher Existenz platt und vordergründig. Die Geomantie scheint mir hier lediglich eine Vermittlerin von Techniken der Erkenntnis zu sein, ohne selbst bisher den Quantensprung zu tiefer gesellschaftlicher Relevanz zu schaffen. Die Geomantie an sich ist somit sicherlich faszinierend, aber nicht essenziell. Ich bin - so wenig wie jeder andere - dazu geeignet, für "die" Geomantie an sich zu sprechen, sondern kann dies nur für meine eigene Person tun. Was also fasziniert mich trotz der kritisierten Vordergründigkeit an der Geomantie? — Es ist das Verhältnis von Geist und Materie, das Gegenstand geomantischer Untersuchungen ist und meine Aufmerksamkeit fesselt. Wie stehen sie zueinander? Wie beeinflussen sie mich, den Menschen, meine Handlungen und mein Leben, ja die Existenz an sich? In der Esoterik herrscht das Meinungsbild vor, der Geist herrsche über die Materie, und der Satz, Materie sei geronnener Geist, wird mir allzu oft stereotyp wiederholt, vielleicht aus einer tiefsitzenden, zum Teil berechtigten Angst vor dem Materialismus. Die Geomantie dagegen zeigt durchaus andere Ansätze. Hier werden Wohn- und Lebensverhältnisse ebenso als bewusstseinsprägend angesehen, und deren Änderung und Gestaltung kann Bewusstseinsänderungen bewirken, die auf die Lebensausrichtung zurückwirken können. Die Geomantie zeigt sich hier somit — wie dies einmal im Gespräch mit Johannes Heimrath etwas provokativ formuliert wurde — als "tiefenmaterialistisch". Möglicherweise ist ja nicht nur Materie geronnener Geist, sondern auch der Geist verflüchtigte Materie?! So war der Naturphilosoph Schelling der Meinung, die Natur erschaffe sich einen Geist, durch den sie erwacht und zu Bewusstsein kommt. Das Thema Geist und Materie ist, so meine ich, nicht nur ein persönliches Thema, sondern ein Thema unserer Zeit: Das Internet hat uns mit virtuellen Realitäten konfrontiert. Hier werden nicht nur Informationen (also Geist) quasi materielos, "enterdet", vermittelt, sondern es kommt gar zur Bildung virtueller, "materieloser", "raumloser" Räume. Wie wirklich sind virtuelle Räume? Hendrik Treugut konnte auf dem letzten Hagia-Chora-Symposium "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" auf diese Frage durch die Beschreibung seiner Versuche teilweise frappierende Antworten geben. Nicht zuletzt zeigt auch unsere Reaktion auf das Attentat auf das World Trade Center, wie stark die Auseinander-(oder Zusammen-)setzung von Materie und Geist Zeit-Thema ist: Was hat uns hier wirklich getroffen? Der Materieverlust zweier Türme und der Tod von rund 7000 unschuldigen Menschen, wie er in jedem der aktuell — und mittelbar selbstverständlich auch von uns — geführten Kriege vorkommt, oder die Zerstörung eines Symbols, einer geistigen Kraft? Wäre die Reaktion der Welt die gleiche gewesen, wenn ein beliebiges Hochhaus in Russland getroffen worden wäre? Oder vereinigen sich Raum und Geist, Ort und Symbol, zu jenem Bewusstseinskonnex, der uns Angst macht?

Analoges Denken

Die Geomantie setzt sich mit solchen Fragestellungen auseinander. Sie kann nicht unbedingt Antworten geben, aber lehren, die richtigen oder zumindest weiterführende Fragen zu stellen! In der Geomantie folgt man in weiten Teilen dem analogen Denken. Hier ist es in der praktischen Arbeit wichtig, auf Synchronizitäten zu achten. Auch unser Geist funktioniert nicht vorwiegend kausal, sondern analog, wie z.B. der Vorgang des Erinnerns zeigt: Eine ähnliche Emotion, ausgelöst durch ein ähnliches Wahrnehmungsbild eines aktuellen Ereignisses (A), ruft in uns ein ähnliches Gedankenbild, eine Erinnerung hervor an eine vergangene Situation (B) und die damit verbundenen Emotionen. Kausal hat das Ereignis A mit dem Ereignis B vermutlich nur wenig bis gar nichts zu tun. Die Sinnverknüpfung erfolgt auf einer analogen Ebene. Solcherart Denken und Wahrnehmen wird durch die Geomantie geschult. Der bedeutsame Beitrag, den die Geomantie in unserer Zeit leisten kann, ist daher für mich weniger die Vermittlung von Wissen ("so verhält es sich"), als die Schulung des Bewusstseins ("Schau, dort gibt es Gemeinsamkeiten!"), scheinbar getrennte Räume, Situationen oder Handlungen miteinander in Beziehung zu sehen. Geomantie wirkt sozusagen "Synapsen bildend". Insofern steht auch in einer geomantischen Schulung für mich weniger die Wissensvermittlung im Vordergrund, obwohl sie mehr als die Hälfte meiner Zeit einnimmt, sondern die Wahrnehmungs- und Bewusstseinsschulung; es geht weniger um die Frage "richtig" oder "falsch" als vielmehr um die Kreativität ("man kann es so und auch anders machen"). Da die Geomantie die unterschiedlichsten Wissensgebiete verbindet — Astronomie, Astrologie, Harmonik, Ökologie, Philosophie, Kunst, Geschichte, Archäologie, Brauchtumsforschung, Etymologie, Religionswissenschaften, Technik, Physik und vieles mehr —, ist die Geomantie in unserer Gesellschaft dazu prädestiniert, auf die Verbindungen unter diesen Disziplinen aufmerksam zu machen. Die praktische Geomantie und ihre Gestaltungen sind dann, so betrachtet, die Anwendung eines verknüpfenden Bewusstseinsprozesses, einer Synapsenbildung — Form gewordener Geist!