Mensch und Kosmos

Eine radikale Annäherung an das Wagnis, irgendetwas zu verstehen. Teil 1

von Attila Grandpierre erschienen in Hagia Chora 9/2001

Das unbegreifliche Universum ist sein Lebensmittelpunkt: Der ungarische Astrophysiker Attila Grandpierre, dessen Theorien über die Sonne Aufsehen erregt haben, gibt erstmals in deutscher Sprache Einblick in eine Weltsicht, die heftig an unserem an Raum und Zeit gewöhnten Denken rüttelt.

Welchen Sinn mag es haben, sich mit etwas so Ungreifbarem wie dem Universum zu beschäftigen? Ganz besonders heute, da die postmoderne Welt den Menschen in immensem Ausmaß von sich selbst entfernt, ihn auslaugt und an seine Alltagssorgen fesselt? Aber gerade diese immer stärkere Bindung an den Alltag mit seinem engen Horizont macht schließlich die Klärung der letztendlichen Fragen zunehmend dringend. Unser Lebensganzes gründet im Universum, und die Bezogenheit auf das Universum bestimmt unser Denken und unsere Lebensführung. Das Universum ist der Schlüssel, wenn wir verstehen wollen, weshalb uns die Natur ins Leben gerufen hat, wenn wir begreifen wollen, wie wir leben und denken und wie die anderen denken. Für ein humanes Antlitz der Welt und der Gesellschaft müssen wir das Wesen des Universums kennen. Daraus erst kann eine Weltsicht erwachsen, die sich am Rahmen, am Beziehungsgefüge und an den Grundlagen des Denkens entzündet. Jedes Denken schöpft Kraft und Tiefe aus einer geregelten Beziehung zu den Fundamenten der Wirklichkeit. Nicht Willkür oder Beliebigkeit bestimmen den Rahmen unseres Denken, sondern die verschiedenen Perspektiven im Verständnis und der Wahrnehmung der Welt und ihrer Grundlagen. Die Kernfragen an das Universum manifestieren zugleich die grundlegenden Bezugspunkte unseres Bewusstseins. Diese repräsentieren die möglichen Wege, sich einem Verständnis des Universums zu nähern. Ihre Zahl ist überblickbar; es gibt nur einige wenige Basisvarianten. Deren Zusammenschau wirft ein Licht auf den Menschen und das Universum sowie deren gegenseitige Bezogenheit und gemeinsames Schicksal und ermöglicht damit eine Deutung des Wesens der menschlichen Denksysteme.

Grundlagen unseres Denkens und Handelns

Alle Arten des Denkens brauchen eine Grundlage, der man sich über das Konzept eines Universums nähern kann. Mag sich das Denken auch spontan entfalten, so benötigt es doch ein Fundament, um Vernunft zu entwickeln. Allerdings erfordert der Unterbau eines Gedankens eine weitere Fundamentierung, um mehr als ein zufälliges Konstrukt zu sein: Um Sein und Ort der Erde angeben zu können, brauchen wir die Milchstraße, und die Milchstraße wiederum verlangt nach dem Universum. Eine ganz andere Frage ist aber, wo denn das Universum selbst ist und wie es "dort, inmitten des Nichts" zu segeln vermag. Das Universum erfüllt jeglichen Raum. Wo immer Raum ist, dort existiert bereits etwas, dort ist das Universum bereits zugegen. Es ist Hülle und letztendlicher Boden aller Existenz. Das zeigt, dass es einer Art letztendlichen Fundaments bedarf, auf welchem alle anderen Grundlagen basieren. Selbst ein oberflächliches, unbegründetes Denken besitzt eine Basis, insofern, als es von vielen Richtungen, Bezugs- und sonstigen Verhaltensanstößen beeinflusst ist, die irgendwann bereits jemand gedanklich gefasst und bis zu ihren letztendlichen Grundlagen durchdacht hat. Nehmen wir beispielsweise das am weitesten verbreitete Denksystem der heutigen Welt, den Materialismus, demzufolge das Universum im Wesentlichen aus stofflichen, leblosen Einheiten wie z.B. Atomen oder Elementarteilchen besteht. Dieses Weltbild reduziert Leben und Bewusstsein auf etwas im Grunde Lebloses. Als konsequente Schlussfolgerung leugnet ein solches Denken jegliche moralische Verantwortung.

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