Heiliger Ort Heilender Ort

Die Natur einer Landschaft als Element der Naturheilkunst

von Johanna Markl erschienen in Hagia Chora 9/2001

Sind "heilige Orte" immer und zu jeder Zeit auch "heilende Orte", die ihre unterstützende Kraft allen BesucherInnen gleichermaßen zur Verfügung stellen? Johanna Markl setzt sich mit dieser Frage auseinander, weil sie in Seminaren und Veranstaltungen immer wieder gestellt wird.

Wenn ich an meine Erfahrungen mit Orten denke, die heilig und heilend sind, fallen mir als Erstes Wallfahrtsorte ein, die in unserer Gesellschaft die einzigen bekannten heiligen Orte sind, die zumindest den Anspruch haben, auch in körperlicher Hinsicht heilend zu wirken. In der Regel hat unsere Kultur die beiden Bereiche säuberlich voneinander getrennt: Die Kirche steht an einem Platz, das Krankenhaus an einem anderen. Schon als Kind waren mir Wallfahrtsorte vertraut. Meine Großmutter hat viele Wallfahrten unternommen, bei einigen habe ich sie begleitet. Dort erlebte ich allerdings vor allem Getrenntsein - der heilige Platz war in der Regel von Mauern umgeben bzw. eingesperrt. Es gab auch eine Trennung zwischen denen, die diesen Platz betreten durften - in der Regel Priester - und denjenigen, die in Erwartung auf Heilung zum Wallfahrtsort kamen und auf die Vermittlung der Priester angewiesen waren. Ein heiliger Ort schien nichts mit dem Alltag der Menschen zu tun zu haben, sondern war immer das Besondere, von dem man Wunder erwartete. Meine Großmutter ist allerdings immer genauso krank wiedergekommen, wie sie hingefahren war. Aus dieser Zeit stammt auch meine Skepsis, ob heilige Orte auch immer heilende Orte sind. Geblieben ist mein Wunsch, Heilung und diese Orte in ihrer ganzen Kraft und Bedeutung zu verstehen. Hilfreich war dabei die Schulung, meine intuitiven Fähigkeiten zu verstärken und die Kunst des Heilens zu erlernen, die ich von Kindheit an erhalten habe. Häufig waren Wallfahrtsorte bereits in vorchristlicher Zeit heilige und heilende Plätze. Damals war beides untrennbar, Heilung wurde als geistiger und körperlicher Prozess begriffen. Die Menschen erkannten die Übereinstimmungen zwischen der Erde, dem Makrokosmos, und dem Körper des Menschen, dem Mikrokosmos. In vielen Kosmologien und Schöpfungsmythen findet man solche Analogien, und auch in der Alchemie des europäischen Mittelalters war es üblich, den menschlichen Körper mit seinen Gliedmaßen und Organen in den größeren Zusammenhang von Himmel und Erde zu stellen. Auch die so genannte Astromedizin ordnet die Körperteile Planetenprinzipien zu.
Die Sumerer stellten sich die Entstehung der Welt aus dem Urdrachenfischwesen Tiamat vor. Zu Beginn der Zeiten wurde sie, die einzige Göttin, von ihrem Sohn getötet, der aus ihrem Körper die Erde und den Himmel formte. Auch die Germanen stellten sich vor, daß die Erde aus dem Körper einer Riesin entstand. Ihre Mythen beschreiben genau, wie aus ihrem Fleisch die Erde, aus den Knochen Gestein und Berge, aus dem Blut die Flüsse, aus den Haaren die Vegetation usw. gemacht wurden. Eine der schönsten Darstellungen dieser Verbundenheit des Menschen mit der Erde ist in der Hymne "Die Mutter Erde" aus den wiederentdeckten Schriftrollen der Essener zu finden. Sie beginnt mit den Worten, "Die Mutter Erde ist in dir, und du bist in ihr".

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