Der Weg der Erkenntnis

Visionssuche am Nabel der Welt

von Olaf Rippe erschienen in Hagia Chora 9/2001

Erholungsgebiet, Bade- oder Luftkurort - moderne Namen für heilende Landschaften.
Es gibt aber noch immer Orte, an denen die Webmuster der Schicksalsfäden erkennbar werden, wo die Ursache des Krankseins klar wird und Heilung beginnt. Olaf Rippe berichtet über Delphi.

Erkenne dich selbst! Diese Worte standen einst auf dem steinernen Eingangstor zur Tempelstätte in Delphi. Dies ist keinesfalls Geschichte, denn die berühmteste Orakelstätte der antiken Welt ist ein Ort der Erkenntnis. Damit ist Delphi auch ein Ort der Heilung, da Erkenntnis und Heilung untrennbar miteinander verbunden sind. Paracelsus bemerkte hierzu: "Der Mensch ist nur darum aus den äußeren Kreaturen geschaffen, dass er infolge seiner Leiden sich selbst betrachte und erkenne, woraus er gemacht ist." Krankheit ist laut Paracelsus der Schlüssel zur wahren Natur des Menschen. Nur der kranke Mensch kann geheilt, und nur der geheilte Mensch kann geheiligt werden. Heilung ist eine Einweihung in die Geheimnisse unserer kosmischen Natur und ihrer materiellen Gebundenheit, die der Ursprung von Krankheit ist. Ähnliches beschreibt der erste Lehrsatz des Hermes Trismegistos: "In Wahrheit, gewiss und ohne Zweifel: das Untere ist gleich dem Oberen und das Obere gleich dem Unteren, zu wirken die Wunder des Einen." Dieses Eine ist in Wahrheit eine Trinität. Sie besteht aus Unendlichkeit und Leere, die zusammen das Licht gebären. Wo Licht ist, ist aber auch Schatten. Der dunkle Gegenpol ist Stoff gewordenes Licht, man könnte ihn auch als grobstoffliche Schwingung bezeichnen. Ebenfalls grobstofflich ist die Krankheit, die durch Heilungsprozesse wieder in eine feinstoffliche Schwingung verwandelt wird. Diesen Weg des Heilens, der ein Weg der Liebe und des Wissens ist, kann man mit einer alchimistischen Transmutation vergleichen, die stumpfes Blei in strahlendes Gold verwandelt. Aus astrologischer Sicht ist es der Weg aus der saturnalen Gebundenheit des Geistes zum Licht der Sonne. Saturn, den man auch den "Hüter der Schwelle" nennt, ist das an die Materie gebundene Licht der Bewusstheit. Als Herr über Krankheiten und schicksalshafte Prüfungen verkörpert er in der Astrologie aber auch die Suche nach Weisheit und die Berufung. Die Sonne entspricht der kosmischen Wesenshälfte des Menschen. Die mit unserer stofflichen Natur verbundene andere Hälfte prägt hingegen der Mond. Er entspricht Gaia oder der Magna mater, der großen Erdenmutter, von der sich die Worte "Materie" und "Matrix" ableiten. Sie herrscht über Leben und Tod. Mond und Saturn zeigen also einige Gemeinsamkeiten, aber auch Sonne und Mond sind wie siamesische Zwillinge. In der griechischen Mythologie sind dies der Sonnengott Apollon und seine erstgeborene(!) Zwillingsschwester, die Mondgöttin Artemis. Sie hat zahlreiche Ähnlichkeiten mit der Erdenmutter, beispielsweise verehrte man beide als göttliche Hebamme und Hüterin der Früchte der Erde. Als Spiegelbild der göttlichen Trinität besteht die spirituelle Natur des Menschen also aus "drei Lichtern". Doch was hat dies alles mit Delphi zu tun? "Auch die Örter besitzen wunderbare Kräfte entweder von den an ihnen befindlichen Dingen oder von den Einflüssen der Gestirne ..." (Agrippa von Nettesheim)

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