Merkurs Quellenstadt

Die heiligen Wässer von Baden-Baden

von Clemens Zerling erschienen in Hagia Chora 9/2001

Merkur befähige uns, das universale Heilmittel herzustellen, meinten die Alchemisten. Clemens Zerling findet einen solchen merkurischen Aspekt in Baden-Baden, aus deren heilsamen heißen Quellen Gesundheit, Inspiration und Lebenslust sprudeln.

Quellen, so glaubten die Kelten, wurden nicht nur von einzelnen Göttern selbst geschaffen, sondern sind zugleich Ausfluss ihrer Essenz. Über der Quelle Dagdas in Irland, des Vaters aller Götter und Genius des Heilens, hingen die Zweige von neun Haselnussbäumen der Weisheit. Fielen deren feuerrote Nüsse in diese Quelle, erzeugten sie Blasen mystischer Eingebung. Nur Dagda und seine Gefährten, Kelchträger genannt, durften dieses Heiligtum aufsuchen. Wer das Tabu übertrat und dort unberechtigterweise Wasser schöpfte, den verfolgte es als große Woge und verschlang ihn. Als einen Ort wichtiger Quellen in Deutschland können wir den weltberühmten Kurort Baden-Baden heranziehen. Die allgemeinen Feng-Shui-Regeln müssten dieser Stadt attestieren, ein sehr geeigneter Platz für das Leben der Menschen und ihre Kreativität zu sein. Von Ost nach West hat der kleine Fluss Oos von den Schwarzwaldhöhen her ein fast geradliniges Tal ausgehöhlt, das sich zur breiten Oberrheinebene hin hufeisenförmig öffnet. Aus dem Wärmespeicherphänomen dieser Ebene dringen fast das ganze Jahr über milde Luftströme ein, so dass Baden-Badens Marketing ungeniert von "Deutschlands Sonnenhauptstadt" spricht. Sanft geschwungene Erhebungen säumen beidseitig das schmale, langgezogene Stadtbild, darunter auch stattlichere wie der Battert, der Merkur- und der Fremersberg. Der südliche Höhenzug gilt auf seiner der Stadt abgekehrten Seite als hervorragende Weinlage, badisches Rebland genannt, eine von den Göttern wahrlich begünstigte Gegend. "Drache" und "Tiger" haben sich hier weise arrangiert. Die "vitale Lebenskraft" als Urstoff aller Schöpfung kann sich weitgehend ungehemmt entfalten und auf jeder Ebene unserer Existenz Gesundheit und Fruchtbarkeit gewähren. Auf all dies schaut wohlgefällig von seiner Höhe noch immer ein altehrwürdiger Gott herab: Merkur.

Heiße Quellen

Die Qualitäten des Ortes erkannten bereits keltische Siedler, die auf dem Gipfel des Battert eine mächtige Wallanlage errichteten. Schließlich schienen die Götter selbst als riesige Naturreliefs auf das Tal hinunter zu blicken. Nutzten die frühesten Bewohner die heißen Quellen an der Oos, die an der Flanke des heutigen Florentinerberges an die Oberfläche drangen? Oder ließ die starke Dampferzeugung beim Austritt nur eine scheue Verehrung zu? Die ersten Erdölbohrungen waren an den Bruchrändern des Oberrheingrabens vielfach auf Ansammlungen heißen Wassers gestoßen. Aus einem unterirdischen Becken in der Bühler Gegend fließen ständig solche Ströme in die Baden-Badener Mulde hinein.

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