Zuviel des Guten?
Wenn die Kräfte der Erde krank machen
Was sind eigentlich "Erdstrahlen"? Wurde der angeblich krankmachende Einfluss einer Wasserader jemals "physikalisch" gemessen? Der Ausdruck "Geopathologie" klingt sehr wissenschaftlich - was steckt dahinter? Stefan Brönnle klärt in diesem Artikel über die Geschichte der radiästhetischen Forschung auf.

Dass die Erde - der Boden, auf dem wir stehen, oder der Ort, an dem wir uns befinden - unterschiedliche Einflüsse auf die auf ihr lebenden Wesen - die Pflanzen, die Tiere und natürlich den Menschen - ausüben kann, ist zumindest in einer Zeitschrift für Geomantie eine Binsenweisheit. So entwickelten die verschiedenen Kulturen eine ganze Reihe von Methoden, um den Ort auf seine positiven und negativen seelischen wie physischen Eigenschaften hin zu interpretieren: Die Etrusker legten dabei in erster Linie das ostendarium arborium, die Vorzeichendeutung mittels Bäumen zugrunde. Verschiedene Pflanzen wie Eichen, Hasel, Birne oder Apfel galten als Indikatoren der positiven Eigenschaften eines Ortes, andere dagegen wie Farn, Stecheiche oder Brombeeren galten als den dei inferii, den Göttern der Unterwelt geweiht und daher als Indikatoren unglückbringender Ortseigenschaften. In ähnlicher Weise wird auch im indischen Vastu die Grundeigenschaft des Ortes mit Hilfe des Geschmacks, des Geruchs sowie der Farbe des Bodens und der Hangneigung gedeutet, um den gesunden und glückverheißenden Bauplatz zu bestimmen. Marco Polo berichtete sogar von einer merkwürdigen Begebenheit aus dem alten Persien: Den Gelehrten der friedfertigen Stadt Kerman war aufgefallen, dass sich in bestimmten Gegenden des Reiches negative Verhaltensweisen der Bewohner häuften. Ihrer Meinung nach war der Boden daran schuld. Um dies zu beweisen, ließen sie sich Erde aus der Stadt Isfahan bringen, die angeblich alle anderen Städte an Lasterhaftigkeit übertraf. Diese Erde streuten sie auf den Fußboden des Palastes, legten Teppiche darüber und hielten ein Gastmal ab. Doch kaum begonnen, kam es unter den nichts ahnenden Gästen zu einem heftigen Streit, zu Beleidigungen bis hin zur Gewalt: "So erkannte der König, dass die Erde daran schuld war." Im Spanien des 16. Jahrhunderts wurden bei solchen Ortsanalysen meist Weise herangezogen, die Zahoris genannt wurden. Das Wort "Zahoris" bezeichne Menschen, so der Jesuit Martin del Rio, die in der Lage sind, "Dinge zu sehen, die in den inneren Eingeweiden der Erde verborgen sind, Wasseradern, Metallschätze und Leichen in Sarkophagen". So hat es den Anschein, dass - wie auch viele Rutengänger behaupten - die Deutung von Plätzen nach gesundheitsfördernden oder gesundheitsschädigenden Einflüssen eine Art von radiästhetischer Interpretation war.
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