Evolution der Integralen Kultur

Die große Synthese beginnt

von Paul H. Ray erschienen in Hagia Chora 9/2001

Anlässlich der Gründung der gleichnamigen Mediengruppe (www.kulturkreativ.net) haben wir bereits die aufsehenerregende Studie von Paul H. Ray zur neuen Bevölkerungsgruppe der Kulturell Kreativen genannt (Hagia Chora Nr. 8). Sie zeigt, dass sich ein erstaunlich großer Teil der amerikanischen Gesellschaft mit ganzheitlichen und nachhaltigen Werten identifiziert. In Europa dürfte die Zahl der Kulturell Kreativen noch höher liegen. Rays Publikationen sind derzeit nur in Englisch verfügbar ? Grund für uns, seine Zusammenfassung zu übersetzen.

Es war die beste Zeit und zugleich die schlimmste." So beginnt Charles Dickens? "Geschichte aus zwei Städten", die das erste Aufwallen der modernen Politik im revolutionären Paris des Jahres 1789 beschreibt. Wir könnten dasselbe an den Anfang unserer Geschichte setzen, wenn wir bedenken, was da emporquillt, um die so genannte Moderne zu Beginn des neuen Jahrtausends zu ersetzen. Angesichts rückläufiger Einkommen der Nordamerikaner oder des beängstigenden Zustands der Umwelt auf dem ganzen Planeten ist das Gefühl vieler Zeitgenossen, von einer noch nie dagewesenen Gefahr bedroht zu sein, berechtigt. Es kann passieren, dass eine Kettenreaktion sich gegenseitig auslösender Katastrophen den Untergang unserer Zivilisation besiegelt. Und genau wie 1789 finden wir auch heute genügend Untergangspropheten unter den modernen Experten. Es stimmt schon: Wir starren noch immer in den Zerrspiegel, den uns unser eigenes Ancien Régime vorhält und der anachronistische Interessen widerspiegelt, die nicht unbedingt unsere eigenen sind. Betrachten wir die Sache doch einmal anders, denken wir doch einmal quer zu allem, was wir täglich in der Zeitung lesen: Die vor uns liegenden Chancen sind tatsächlich genauso real wie die vor uns liegenden Gefahren! Unsere Zukunft ist absolut keine unvermeidliche Rutschpartie in Armut und Verzweiflung hinein. Anders als es die Werbeagenturen posaunen, heißt das aber gerade nicht, wir könnten im Glauben an den unaufhaltsamen Fortschritt in eine goldene Zukunft ungezügelten Konsums hinein feiern. Das Leben ist härter ? und weitaus aufregender! An der Schwelle eines derart epochalen Wendepunktes dürfte die größte Schwierigkeit in dem Wissen liegen, dass wir die bestehende Welt und alles, was wir kennen und zu sein glauben, zugunsten des Unbekannten hinter uns lassen müssen. Zivilisationsbrüche dieses Ausmaßes geschehen nur äußerst selten: Die Erfindung der Landwirtschaft, Aufstieg und Fall der Eroberer- und Weltreiche, die Urbanisierung und Industrialisierung. Die Generationen vor uns durften mit vollem Recht jeden weiteren derart radikalen Umbruch ablehnen ? wir dürfen es nicht. In den nächsten beiden Jahrzenten wird sich unsere Welt unvermeidlich zum Besseren oder zum Schlechteren wandeln ? in beiden Fällen auf dramatische Weise! Das Einzige, was mit Sicherheit nicht eintreten wird, ist das Muster "weiter wie gehabt". Die meisten Entwicklungen der Vergangenheit waren schlicht nicht nachhaltig. Die Zeit des offensichtlichen Fortschritts ist um, und wir müssen entscheiden: Wählen wir den einen oder den anderen Weg? Unsere Zukunft ist nicht von der Vorsehung zementiert.
Die Zivilisation steht auf der Kippe. Wir müssen bereit sein, den guten Weg einzuschlagen. Die Qualität und Tragfähigkeit unserer Vision und die schöpferischen Handlungen, die daraus entspringen, bestimmen die Entwicklung unserer Zukunft im Lauf der nächsten ein oder zwei Generationen. Dabei steht fest, dass die Latte mittlerweile ziemlich hoch hängt.

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