Die Wiederentdeckung der Geomantie

Zur historischen Entwicklung der modernen Geomantie, Teil 2

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 8/2001

Die "alte Wissenschaft der Geomantie" nehmen wir heute als historisch gegeben hin. Welches sind aber die angeblich alten Quellen? Wer hat sie wieder erschlossen, und welcher Zeitgeist prägte die Grundgedanken unserer Erfahrungswissenschaft, die mehr und mehr gesellschaftliche Relevanz für sich reklamiert - ein Anliegen, dem sich nicht zuletzt auch diese Zeitschrift widmet? Marco Bischof stellt im zweiten Teil seiner Artikelfolge die Geomantie-Pioniere John Michell, Nigel Pennick und Paul Devereux und die von ihnen ausgelöste Bewegung vor.

Die eigentliche Geburt der modernen Geomantie spielte sich in den frühen 60er-Jahren im Schoß der Jugendkultur der "Hippiezeit" ab. Diese Schlüsselperiode der Geomantiegeschichte, in der alle für die heutige Entwicklung wichtigen Impulse gelegt wurden, hat Paul Screeton in seinem Buch "Seekers of the Linear Vision" (1993) dargestellt. Anfang der 60er-Jahre traten eine neue Art von "Ley-Hunters" auf den Plan - nicht mehr alte, verschrobene Gentleman-Forscher, sondern junge Leute. Als Initialzündung gilt die Veröffentlichung der Broschüre "Skyways and Landmarks" von Tony Wedd (1919-1980), der im Jahre 1961 Ley-Linien und prähistorische Stätten mit dem Auftreten von UFOs in Verbindung brachte. Sein Buch lieferte die nötige Inspiration und Motivation für den Neubeginn der geomantischen Bewegung. Das UFO-Thema war unter dem Begriff "Fliegende Untertassen" bereits seit 1947 bekannt, als der amerikanische Geschäftsmann und Pilot Kenneth Arnold erstmals über Begegnungen mit "unidentifizierten fliegenden Objekten" berichtet hatte. 1958 hatte der französische Ingenieur und Parapsychologe Aimé Michel in seinem Buch "Flying Saucers and the Straight Line Mystery" behauptet, dass man gerade Linien - von ihm "Orthotenien" genannt - erhalte, wenn man die UFO-Sichtungen einer beliebigen 24-Stunden-Periode auf einer Karte aufzeichne. Beflügelt von diesem Zusammenhang, gründete nun in England eine kleine Gruppe junger Leute, darunter Philip Heselton und Jimmy Goddard, 1962 den "Ley Hunter s Club" und suchte den Kontakt mit den wenigen Überlebenden des "Straight Track Club". Alfred Watkins Sohn Allen wurde dessen erster Präsident und hielt beim ersten Treffen des Clubs einen Vortrag über die Forschungen seines Vaters. Im April 1965 wurde die Zeitschrift "The Ley Hunter" gegründet, damals noch mit Wachsmatrizen vervielfältigt. Sie war bis zu ihrer Einstellung im Frühling des Jahres 2000 die international führende Publikation auf dem Gebiet der Geomantie. Doch erst in den späten 70er-Jahren wurde in der angeregten Atmosphäre der Hippiezeit aus dem verschworenen Klub schließlich die breite "Earth-Mysteries"-Bewegung.

John Michell: Visionäre Grundlage

Eine zentrale Rolle spielte dabei der Geometer, Übersetzer und Schriftsteller John Michell, ein liebenswürdiger Mensch, zugleich Exzentriker klassischer britischer Prägung mit aristokratischem Touch, Privatgelehrter und unermüdlicher Protagonist der "Gegenkultur". Michell, 1933 geboren, war in Eton zur Schule gegangen, hatte in Cambridge studiert, dort in modernen Sprachen abgeschlossen und schließlich seinen Militärdienst als Russisch-Übersetzer in der Royal Navy abgeleistet. Im Laufe seines Lebens hat er sich, ohne Rücksicht auf deren Popularität und mit Humor und Witz, immer wieder für diese oder jene "gerechte Sache" eingesetzt - neben den Leys und der Geomantie gehörten dazu der Einsatz für seinen Freund, den Black-Power-Aktivisten Michael Abdul Malik ("Michael X"), als dieser wegen einer zweifelhaften Mordanklage in Trinidad gehängt werden sollte, oder gegen die gerichtliche Verfolgung der Homosexuellen-Zeitschrift "Gay News" wegen Blasphemie. 1970 gründete Michell das "Anti-Metrication Board"; seinen Kampf gegen die Einführung des metrischen Systems in Großbritannien begründete er damit, dass dieses auf einer ungesunden Philosophie aufbaue, deren soziale Auswirkungen destruktiv seien, während die alten Maße, wie der Fuß und die Elle, sakralen Ursprungs seien und eine Verbindung zwischen Mensch und Universum herstellen würden.
Michells erste Publikation zum Thema Geomantie erschien 1967 in der bekannten Londoner Underground-Zeitschrift "International Times". Noch im gleichen Jahr - es war ein Schlüsseljahr in jener Zeit der Bewusstseinsweckung unter jungen Menschen in ganz Europa und Nordamerika, die mit der Erprobung sexueller Freiheit, mit Drogenerfahrungen und der Entdeckung östlicher Religionen und bewusstseinsverändernder Methoden zum ersten Mal eine breite Infragestellung des "modernen", materialistischen Weltbildes brachte - veröffentlichte Michell sein erstes Buch, "Flying Saucer Vision", in dem er Tony Wedds Anregung aufgriff. Es transformierte das UFO-Thema vom Bereich des äußeren Raumes in denjenigen des inneren Raumes und versuchte erstmals eine Synthese verschiedener Ansätze. Das Buch enthält eine Ermahnung, die bis heute nicht überholt ist: "Die Tröstungen eines vagen Mystizismus sind unreal." Während des Jahres 1968 entwickelte er seine Ideen weiter, hielt Vorträge und veröffentlichte Artikel in der alternativen Presse.

The View over Atlantis

1969 schließlich erschien sein Buch "The View over Atlantis", das einen enormen Einfluss haben sollte, zu einem Klassiker der Geomantie wurde und seinen Autor berühmt machte. Die 1983 unter dem Titel "The New View over Atlantis" erschienene revidierte und erweiterte Neufassung wurde von mir selbst in Deutsche übersetzt und erschien 1984 unter dem Titel "Die Geomantie von Atlantis" bei Dianus-Trikont. In einer umfassenden Synthese brachte Michell darin erstmals chinesisches Feng Shui, Ley-Lines, die Traumpfade der australischen Aborigines, europäische Folklore, alchemistische Ideen und alte Maßsysteme zusammen und deutete sie vor dem Hintergrund esoterischer Überlieferungen als Überreste des "globalen geomantischen Systems" eines hypothetischen Urzeit-"Atlantis". Die über die ganze Welt verteilten megalithischen Bauwerke und Erdbauten sind nach Michell ursprüngliche Bestandteile eines weltweiten Systems; sie dienten der prähistorischen Technologie jener Zivilisation, die der griechische Philosoph Plato "Atlantis" genannt hatte. Michell trägt in dem Buch unzählige Hinweise aus der Archäologie, Astronomie, Geologie, Ethnologie, sowie Volkskunde, den Religionswissenschaften und dem Studium der römischen und griechischen Klassiker über die prähistorische Wissenschaft zusammen, die nach seiner Auffassung die Grundlage für diese "spirituelle Technologie" gebildet hat. Einen wichtigen Platz in diesem platonischen Konzept nehmen seine Studien über die alten Maße ein, die sich auch in den prähistorischen Bauwerken finden und nach Michell zeigen, dass den Konstrukteuren dieser Bauwerke die Größe und die Kugelgestalt der Erde bekannt gewesen sein müssen. Als weiteren Teil der traditionellen Wissenschaft behandelt Michell die Kunst der "Gematria", die auf einer Entsprechung zwischen den Buchstaben des Alphabets und Zahlen in Sprachen wie dem Arabischen, dem Hebräischen und dem Altgriechischen beruht und so symbolische Entsprechungen und Beziehungen zwischen verschiedenen Wörtern bzw. den durch diese bezeichneten Gegenständen aufdecken kann. Im Zentrum dieser prähistorischen Wissenschaft stand nach Michell die Erkenntnis der Erde als Lebewesen und die Einsicht in die Notwendigkeit, die höchsten Interessen der menschlichen Gesellschaft und diejenigen der lebenden Erde in Einklang zu bringen. Dies geschah durch eine "spirituelle Technologie", die den subtilen Kraftfluss in der Erdoberfläche mit Hilfe einer Vielzahl von geistigen, rituellen und materiellen Methoden zu kontrollieren und in einer Art alchemistischer "Vermählung" mit den solaren und kosmischen Kräften zu vereinigen wusste. Diese spirituelle Technologie sei das gewesen, was wir heute Geomantie nennen.

Inspiration für New-Age-Gedanken

Das Buch machte John Michell von einem Tag auf den anderen zu einer Kultfigur dessen, was später "New-Age-Bewegung" genannt werden sollte. Seine Vision einer verzauberten Landschaft fiel in der Hippiezeit auf fruchtbaren Boden. Durch seinen multidisziplinären Ansatz und seine visionäre Synthese wurde es zur Inspiration in einem Prozess, der in den folgenden zwei Jahrzehnten das Studium der Leylinien zu einem Teil des umfassenderen Gebietes von Geomantie und "Earth Mysteries" machte. Unter letzterer Bezeichnung war die Geomantie dann ab etwa 1974 in England bekannt. In den folgenden Jahren untermauerte Michell seine Rolle als wichtigster Inspirator dieser Gründungsphase der modernen Geomantie durch eine Reihe weiterer Publikationen. In "City of Revelation" (1972) setzte er seine Ausgrabung verschiedener Aspekte der traditionellen Wissenschaft mit Vertiefung einiger der in "The View over Atlantis" eingeführten Themen wie Sakrale Geometrie, Numerologie, Gematria und "Neues Jerusalem" fort. In dem Büchlein "The Old Stones of Land s End" (1973) berichtete er über eine der ersten statistischen Untersuchungen in der Leylinienforschung, die er anhand einer genauen Untersuchung einiger Ley-Linien in Cornwall (Südwestengland) durchgeführt hatte. Mit dem kurzen Text "The Earth Spirit" (1975), erschienen in der vorbildlichen, von Jill Purce herausgegebenen Reihe "Art and Imagination", die reich illustrierte Einführungen zu verschiedenen Themenbereichen der menschlichen Imagination enthält und die 1981 auch in einer deutsche Ausgabe veröffentlicht wurde, führte er ebenfalls die in "The View over Atlantis" begonnene Thematik fort. In dem Buch "Sonne, Mond und Steine" (1993 auf Deutsch erschienen) stellte Michell 1976 die Entwicklung der Astro-Archäologie von William Stukeley im 18. Jahrhundert bis zur öffentlichen Anerkennung von Alexander Thoms Arbeit durch den Archäologen Atkinson in den frühen 70er-Jahren dar.

Wunder, die sich wiederholen

1977 veröffentlichte Michell zusammen mit Bob Rickard, dem späteren Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Fortean Times", den Titel "Die Welt steckt voller Wunder - unglaublich, und doch unbestreitbar" (deutsch 1979), ein auch finanziell erfolgreiches Buch über ein nur auf den ersten Blick weit von der Geomantie entferntes Thema. Es berichtet in der Tradition Charles Forts (1874-1932) über von der Wissenschaft verdrängte Fakten und Beobachtungen - die Autoren nennen sie "Wunder, die sich wiederholen": Dinge, die immer wieder vorkommen, in der Presse und teilweise in wissenschaftlichen Veröffentlichungen dokumentiert und doch bis heute unerklärt geblieben sind. Das Spektrum der in dem Buch behandelten 58 Kategorien von seltsamen Rätseln unserer Wirklichkeit (bzw. der menschlichen Wahrnehmung oder Vorstellungskraft) geht von Seeungeheuern wie dem von Loch Ness und anderen seltenen Tieren wie dem Surrey-Puma, den Yetis und Bigfoots, deren Existenz zweifelhaft, aber wegen der wiederholten Beobachtung nicht ausgeschlossen ist, über rätselhafte Regen von Fröschen und diversen unidentifizierten Substanzen, unerklärlichen Fossilien, Phänomenen wie Teleportation und Levitation, spontaner Selbstentzündung und anderen mysteriösen Todesfällen, bis zu elektrisierenden Menschen und Kugelblitzen. Wie man in der Einführung lesen kann, ist das Buch über "Phänomene, die irgendwo zwischen der ’harten Realität der soliden Objekte und der psychologischen Realität von Träumen liegt", gedacht als "Einführung in ein erweitertes Weltbild, das, weil es auf beobachteten Phänomenen und nicht auf Theorien beruht, eine vollständigere, praktische und befriedigende Art ist, die Welt zu betrachten, als das physikalische Weltbild der modernen Wissenschaft". Diesem Buch folgte 1982 "Das rechnende Pferd von Elberfeld" (deutsch 1983) mit ähnlichen Kuriositäten aus der Tierwelt.

Gesichter der Natur

"Simulacra - Faces and Figures in Nature", erschienen 1979, ist eine faszinierende Studie Michells über die "natürliche Funktion des menschlichen Bewusstseins, in Felsen, Steinen, Bäumen, Wolken, Wasserflecken an Wänden etc. Gesichter und andere Figuren zu sehen". Nach Michell entspricht dieser menschlichen Neigung eine entsprechende Tendenz in der Natur, immer wieder bestimmte Grundformen zu produzieren. Wie wir auch in dem Buch "Zahl und Zeit" von Marie-Louise von Franz lesen können, besitzen Natur und menschlicher Geist gemeinsame Grundstrukturen - wenn das nicht der Fall wäre, und wir nicht in den Formen der Außenwelt etwas wiedererkennen könnten, das uns aus unseren eigenen bewussten oder unbewussten Vorstellungs-, Fühl- und Denkwelten vertraut ist, wäre wohl Erkenntnis überhaupt unmöglich. Nach Plato ist alles Erkennen Wiedererinnern (Anamnesis). Diese menschliche Tendenz, überall Gesichter und sinnvolle Muster zu sehen, ist auch wichtig für das Verständnis der Geomantie: sie ist Grundlage aller Divinationsmethoden. Wie ich in meinem ersten Buch "Unsere Seele kann fliegen" (1985) geschrieben habe, spielte das "Gesichtersehen" beim prähistorischen Menschen vermutlich eine noch viel wichtigere Rolle als bei uns heute. Seine Wahrnehmung ließ den archaischen Menschen ständig überall Gesichter und Gestalten sehen, was die Umwelt lebendig werden ließ und ihr eine traumartige Qualität verlieh. Im Unterschied zu uns heute strebte jener auch nicht danach, die Vieldeutigkeit zu vermeiden und zu einer Eindeutigkeit zu gelangen. So ist es zu verstehen, dass die Menschen der Megalithkultur Gesichter und andere kreatürliche Figuren, die sie in den natürlichen Formen von Felsen und Menhiren erblickten, zwar oft mit künstlichen Mitteln hervorhoben, jedoch nie so, dass aus der Vielzahl einander überlagerter und ineinander übergehender Gestalten einzelne auf Kosten anderer unterdrückt wurden. Man wollte die Vieldeutigkeit erhalten. In "Simulacra" wies Michell auch auf einen Bericht des französischen Dichters und Erfinders des "Theaters der Grausamkeit", Antonin Artaud, aus dem Jahre 1936 über dessen Reise zu den Tarahumara-Indianern in Mexiko hin. Bei seiner Reise durch das Sierra-Gebirge schien es Artaud, dass sich unter dem Einfluss wechselnden Lichteinfalls bestimmte Bilder, die er in der Landschaft sah, wiederholten, und dass diese Bilder mit den esoterischen Symbolen aller Weltreligionen identisch seien. Er war überzeugt, dass dies kein Zufall sei, sondern eine von den Göttern beabsichtigte Offenbarung in den Formen der Landschaft. Es schien ihm, er habe im Land der Tarahumaras "einen jener sensitiven Punkte der Erde entdeckt, wo das Leben seine ursprünglichste Manifestation zeige, die Sprache der Götter, die sich in der Landschaft manifestierte, lange bevor der Mensch auftrat. Und ihm ging mit einem Mal auf, dass auch die Rituale und Tänze der Tarahumaras Ausdruck derselben Sprache waren. Wo andere nur sinnlose Muster von Felsen und Schatten erblickten, verbargen sich für Artaud in den Felsen der Sierra Symbole einer "vergessenen Wissenschaft", die sich allerdings nur der poetischen Wahrnehmung eines Artaud, nicht aber dem profanen Geist seiner modernen Zeitgenossen erschlossen, die ihn bald darauf für verrückt erklärten.

Eine andere Denkart

1980 erschien in der deutschen Zeitschrift "Scheidewege" John Michells Aufsatz "Vorschlag für eine andere Denkart", der die philosophische Grundlage seines Denkens zeigt. Darin wies er auf die Macht der menschlichen Vorstellungskraft hin, über die Gestaltung unseres Weltbildes unsere Zukunft zu formen. Es sei, schrieb er, unsere eigene Entscheidung, ob wir durch ein destruktives Weltbild die Vernichtung der Welt unterstützten, wie dies der zur Zeit dominierende Mythos tue, oder ob wir eine natürliche Philosophie, eine humane Art und Weise, die Welt zu betrachten und zu ihr in Beziehung zu stehen, entwickeln würden, die durch ihr Weltbild positive Auswirkungen zeige. Dem Newtonschen Mythos, der die Welt als großen Mechanismus betrachtet, stellte Michell den platonischen Mythos der Welt als Lebewesen gegenüber und betonte, es seien die praktischen Auswirkungen, an denen man ein Weltbild messen müsse. Die Naturwissenschaft könne nicht über die Richtigkeit von Weltbildern entscheiden, bilde doch das jeweils dominierende Weltbild selbst die Grundlage, von der die Naturwissenschaft unbewusst ausgehe. Aus diesem Grund würden Experimente das jeweilige Weltbild immer bestätigen; würden wir die Welt als Lebewesen sehen, würden Experimente auch dies bestätigen. Deshalb stehe es uns frei, die Welt nach jenem Bilde zu schaffen, das unseren Interessen am besten entspreche. Die Vorstellung eines mechanischen Universums sei für eine Weile passend gewesen in einer Zeit, der vor allem daran gelegen war, mechanische Erfindungen zu entwickeln. Heute jedoch müsse man einsehen, dass eine Philosophie, die den fortgesetzten Raubbau an der Erde befürwortet, den menschlichen Interessen entgegengesetzt sei, weil sie die Existenz der lebenden Erde selbst bedroht. Es gebe nur einen Weg, die bedrohliche Vision einer Zukunft zu vertreiben, in der eine globale Technokratie den Planeten so lange ausplündere, bis er zerstört sei, und die sich bereits jetzt darauf vorbereite, die Menschheit (oder zumindest ein paar Auserwählte) in eine künstliche Umwelt, entweder hier oder im Weltraum, zu evakuieren. Dieser Weg bedeute, die Quelle der Macht zu zerstören, die das unaufhörliche Wachstum dieser Technokratie nähre - indem man die Mythen zerstöre, die sie unterstützen, und ihnen ein neues, gesunderes Weltbild entgegensetze.

Die Wissenschaft vom Paradies

Ein solches alternatives Weltbild sei ein Gleichgewichts-Weltbild, welches versuche, die uns gegebene Natur mit ihren natürlichen und spirituellen Komponenten zu bewahren und zu unterstützen und den Menschen mit den Lebenskräften des Universums in Kontakt zu halten. Wie schon Plato gezeigt habe, müsse die entsprechende Gesellschaft die Gesamtheit der menschlichen Natur, nicht nur ihren innovativen Aspekt, sondern auch den traditionalistischen, erdverwurzelten Aspekt widerspiegeln und so zu einer Verlangsamung und Humanisierung der Zivilisation beitragen. Zu einem solchen Weltbild gehöre selbstverständlich eine entsprechende Wissenschaft, die von der gegenwärtigen sehr verschieden sein müsse, da sie andere Ziele haben werde. Eine solche Art von Gleichgewichts-Wissenschaft, deren Zweck es sei, harmonische Beziehungen zwischen Menschen,menschlichen Aktivitäten und der Welt, in der wir leben, zu schaffen, habe es nach übereinstimmenden Zeugnissen aus verschiedenen Kulturen schon einmal gegeben. Sie sei aber wegen ihrer völlig unterschiedlichen Ziele von den modernen Gelehrten missverstanden worden. Nicht Fortschritt sei ihr Ziel gewesen, sondern Kompensation für den Verlust des ursprünglichen idealen Verhältnisses zwischen Mensch und Natur, Kompensation für den Niedergang seit dem "Goldenen Zeitalter" einer noch jugendlichen Anfangsphase unserer Zivilisation, den Fall aus dem Paradies also. Das chinesische Feng Shui und die Geomantie allgemein seien Beispiele für diese traditionelle Wissenschaft, eines ihrer besterhaltenen Relikte und deshalb eine ideale Quelle für ihr Studium. Nach John Michells Auffassung ist Geomantie somit, wie der Titel eines anderen Aufsatzes von Michell besagt, "die Wissenschaft vom Paradies auf Erden".

John Michell in den 90er-Jahren

Mit zwei weiteren Büchern hat John Michell in den 90er-Jahren seine Vision der Geomantie ausgebaut. In "Twelve-Tribe Nations and the Science of Enchanting the Landscape" (1991) untersuchte er zusammen mit Christine Rhone weltweite Überlieferungen über nach kosmischen Vorbildern organisierte, zwölfstämmige Gesellschaften und ihre Beziehungen zur sakralen Geographie ihres Territoriums. Vom antiken Griechenland über die Etrusker, das alte Israel, die irischen Kelten, das alte Island bis zu Madagaskar, Georgien, Zentralasien und die Südsee findet sich das Phänomen von Kultgemeinschaften (Amphiktyonien) um ein bestimmtes Heiligtum herum, deren Gliederung in zwölf Stämme die Einteilung des Himmels in die zwölf Tierkreiszeichen bzw. "Himmelshäuser" sowie eine entsprechende Einteilung des Landes widerspiegelte. Damit verbunden waren, wie Michell und Rhone beschreiben, rituelle, musikalische, mythologische und astronomische Praktiken, durch die diese traditionellen Gesellschaften sich in Harmonie mit Kosmos und Landschaft hielten und so "die Landschaft verzauberten". In dem weiteren Buch "At the Centre of the World" (1994) schließlich behandelt Michell die Symbolik des Pols und der Weltmitte, die für die Geomantie so fundamental ist. Aus der Untersuchung der "Weltzentren" in den altgriechischen, altägyptischen, keltischen, nordischen und anderen Kulturen arbeitet er die geographischen und symbolischen Kriterien für die Bestimmung eines solchen Zentrums heraus und zeigt die geometrischen und mathematischen Prinzipien der traditionellen Wissenschaft auf, die nach seiner Auffassung diesen Kriterien zugrunde lagen und in traditioneller Sicht die Entsprechung von Kosmologie, Gesellschaft, individuellem Verhalten und Landschaft bzw. Siedlung garantierten. Um das Bild von John Michells Persönlichkeit und Werk abzurunden, möchte ich noch zwei seiner Werke erwähnen, die keine Bezüge zur Geomantie haben. In dem Buch "Exzentrische Leben und merkwürdige Angewohnheiten" (1984, 1992 auf Deutsch erschienen) erzählt er liebevoll und mit Sympathie und leiser Ironie bizarre Geschichten von Exzentrikern, Träumern und Ketzern sowie von exzentrischen Theorien und Vorstellungen aller Art. Über das Thema eines der Kapitel dieses Buches, nämlich das immer noch ungelöste Rätsel, wer der wirkliche Autor von Shakespeares Werken war, hat er außerdem ein eigenes, wie immer spannend zu lesendes Buch geschrieben, das im Juni dieses Jahres (2001) ebenfalls bei Zweitausendeins auf Deutsch erscheinen soll: "Wer schrieb Shakespeare?".

Nigel Pennick: historische Recherchen

Eine nicht minder bedeutsame Rolle bei dieser Grundlegung der Geomantie spielte der Cambridger Mikrobiologe und Privatgelehrte Nigel Pennick (geboren 1946). In seinem angestammten Beruf als Mikrobiologe hatte Pennick bis zur Schließung seines Institutes durch Margaret Thatchers Regierung 26 Fachveröffentlichungen über Meeresalgen verfasst und acht neue Algen entdeckt. Als Geomantieforscher hat er sich vor allem durch seine sorgfältige Archivarbeit und historische Recherchen zu den Themen der Geomantie verdient gemacht, mit denen er viel zur Entstehung und Entwicklung der Geomantie beigetragen hat. Er hat unzählige alte Quellen aufgestöbert und in seinem "Institute for Geomantic Research" (1975-1983) veröffentlicht. Dazu gehören neben seinen selbst verlegten, vervielfältigten Zeitschriften "Journal of Geomancy" (1976-78), später "Ancient Mysteries" genannt (bis 1981), "The Templar" (5 Ausgaben, 1982-1983), "The Symbol" (5 Ausgaben, 1983-1984) und "The Walrus - the Official Organ of the Nonmaterial World" (mindestens 20 Ausgaben, 1969-1982), viele weitere selbst verlegte Publikationen über verschiedenste Gebiete der Geomantie sowie seine reiche Buchproduktion. Ohne die von ihm wiederentdeckten deutschen Geomantiepioniere, die er in englischen Übersetzungen zugänglich machte und in seinem Buch "Hitler s Secret Sciences" (1981) beschrieb, wüssten wir heute vielleicht auch in Deutschland nichts von Leugering, Heinsch, Röhrig und Gerlach. Sein Buch "Die Alte Wissenschaft der Geomantie" (1979, deutsch 1982) wurde ebenfalls zu einem wichtigen Standardwerk der Geomantie. Leider längst vergriffen, ist es mit der großen Zahl der dargestellten Aspekte der Geomantie, seiner reichen Dokumentation und dem ausgewogenen Standpunkt immer noch das beste zusammenfassende Werk zum Thema. Dem unermüdlichen Forscher und Autor Pennick verdanken wir eine große Zahl weiterer Werke, die für die Geomantie von Bedeutung sind. In "Sacred Geometry" (1980) untersuchte er die Anwendung der Sakralen Geometrie in der religiösen Architektur, von den Steinkreisen der Megalithkultur bis zu den mittelalterlichen Kathedralen, den Barockkirchen und schließlich den Jugendstilbauten aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts. 1981 veröffentlichte er "Hitler s Secret Sciences", eine der ersten Darstellungen der nationalsozialistischen Aktivitäten im Bereich des Okkulten, der Radiästhesie und Geomantie. Von "Pagan Prophecy and Play" (1984, deutsch "Brett und Stein und Zauber", 1986), über das "Kleine Handbuch der angewandten Geomantie" (1985), bis zu "Einst war uns die Erde heilig" (1986), "Earth Harmony" (1987), "Games of the Gods" (1988, als "Spiele der Götter" 1992 in Deutsch erschienen), "Anima Loci" (1993), "Heidnisches Europa" (1995, deutsch 1997) und "Die heiligen Landschaften der Kelten" (1996, deutsch 1998) sind alle lesenswert und aufschlussreich für das Studium der Geomantie.

Die Earth-Mysteries-Bewegung

In den 70er-Jahren, in der Hochblüte von Popmusik, bewusstseinserweiternden Drogen und neuentdeckten östlichen Religionen, wurde durch die Aktivitäten einer Kerngruppe besonders aktiver Forscher, zu denen neben Michell und Pennick unter anderen auch Paul Devereux, Philip Heselton, Paul Screeton und Anthony Roberts gehörten, die neu entstandene Geomantie in Großbritannien zu einer breiten "Earth-Mysteries"-Bewegung, die bis heute lebendig geblieben ist. Einen Fokus bot vor allem die Zeitschrift "The Ley Hunter" mit ihren alljährlichen "Ley Hunter Moots", an denen sich in wechselnden Regionen Großbritanniens die Geomantie-Enthusiasten trafen. Viele regionalen Geomantiegruppen bildeten sich, teils mit eigenen Zeitschriften, die oft kein sehr langes Leben besaßen. Die ehemalige Abtei Glastonbury in der Grafschaft Somerset mit ihren Klosterruinen und heiligen Quellen und den Turmresten auf dem "Tor" (keltisch "Berg"), nicht allzuweit von Stonehenge gelegen, wurde u.a. aufgrund von Michells geomantischen Forschungen über ihre Vergangenheit zum zentralen Pilgerort der Bewegung, in dessen Umkreis sich viele Beteiligte ansiedelten. Im Jahr 1971 fand in Glastonbury das englische Gegenstück zum berühmten Woodstock-Festival statt.

Paul Devereux: Neue Impulse

In den 80er-Jahren begann eine neue Phase in der Geschichte der Geomantie, die sie in zwei gegensätzliche, aber auch komplementäre Richtungen führte - einerseits breitete sie sich im Zuge der New-Age-Bewegung nach den USA und auf dem europäischen Festland aus; gleichzeitig schickte sie sich aber auch an, ein wissenschaftlich ernst zu nehmendes Gebiet zu werden und damit aus dem gegenkulturellen Ghetto auszubrechen. Was das letztere betrifft, so hatte 1976 mit Paul Devereux ein Geomantieforscher die "Ley-Hunter"-Redaktion übernommen, der in den 80er- und 90er-Jahren der Geomantie wichtige neue Impulse in dieser Richtung geben sollte. Devereux (geboren 1945), ursprünglich Künstler und Kunstdozent, war 1966 bei einem "Ley-Hunter"-Treffen zum erstenmal mit Leys und Orthotenie-Ideen in Kontakt gekommen und ist seither zu einem der international wichtigsten Geomantie-Autoren mit einem Dutzend Buchveröffentlichungen geworden. Sein Beitrag bestand zunächst vor allem darin, eine gesunde Dosis kritischen Denkens einzuführen und zu zeigen, wie die Behauptungen und Hypothesen auf diesem Gebiet überprüft werden können, ohne dass man die ureigensten Anliegen der Geomantie verraten muss. Da die Leylinien einen derart zentralen Platz einnahmen, machte er sich als erstes daran, die Leylinien-Hypothese zu überprüfen.

Zur Statistik der Leylinien

Die Vorstellung der Leylinien verführt allzuleicht dazu, sich mit einer Karte hinzusetzen und mit dem Lineal beliebige Linien zu ziehen, die man dann womöglich aufs Geratewohl über ganz Europa hin verlängert. Ähnliches wurde und wird ja auch in Deutschland am Vorgehen von Jens Martin Möller und anderen kritisiert. Entscheidend ist jedoch die Frage, ob Leys reine Zufallslinien oder Überreste von Alignments sind, die von prähistorischen Landvermessern absichtlich angelegt wurden. Schon Watkins hatte versucht, diese Frage mit Hilfe der Statistik zu beantworten. Er war in "The Old Straight Track" (1925) zum Schluss gekommen, dass bei fünfzig prähistorischen Stätten in einem gegebenen Areal eine Linie, die bloß drei von ihnen miteinander verbindet, nicht als statistisch signifikant gelten könne. Nach einem ersten Ansatz durch Robert Furness (1965) waren statistische Untersuchungen dann vor allem von Robert Forrest und Michael Behrend sowie von Pat Gadsby und Chris Hutton-Squire (1976) durchgeführt worden. Die von Forrest und Behrend entwickelten und im Laufe der Jahre ständig verbesserten Methoden der statistischen Untersuchung von Leylinien sind in dem Buch "Leys und lineare Rätsel in der Geomantie" (1991) von Pennick und Devereux beschrieben. Aufbauend auf diesen Vorarbeiten, erstellte Devereux zusammen mit Ian Thompson in den Jahren 1977-79 aufgrund intensiver und systematischer Feldforschungen am Ort, mit kartographischen Aufnahmen, Photos und detallierten Beschreibungen in ihrem Buch "The Ley Hunter s Companion" (1979) eine erste Bestandsaufnahme von 41 Leylinien mit mehr als 220 Plätzen, wie sie schon 1965 vom Ley Hunter s Club geplant, aber nie zustande gekommen war. Die Untersuchungen dieses Materials ergaben einige Leys, die statistisch standhielten, doch die meisten der Leylinien, die ja meist allein aufgrund des Kartenstudiums "entdeckt" worden waren, stellten sich als reine Zufallslinien heraus. Die Gefahr, einer Zufallslinie aufzusitzen, ist besonders groß bei Karten im Maßstab 1:50000, wie sie in England zu diesem Zweck meist verwendet wurden. Man muss sich die Tatsache in Erinnerung rufen, dass bei diesem Maßstab ein Bleistiftstrich auf der Karte einen Korridor in der realen Landschaft von mindestens 10 Metern Breite repräsentiert. Eine zusätzliche Quelle der Ungenauigkeit ist, dass die auf den Karten verwendeten Symbole für die prähistorischen Monumente (die offiziellen englischen "Ordnance-Survey"-Karten geben die Standorte von Menhiren, Steinkreisen etc. an) oft ein viel größeres Areal repräsentieren als das tatsächliche Monument in der Landschaft einnimmt: ein Symbol von 1 mm Durchmesser repräsentiert 50 Meter Durchmesser im Gelände (Maßstab 1:50000); einige der verwendeten Symbole stehen für Flächen von bis zu 100 Metern Durchmesser. Eine Gruppe von geradlinig ausgerichteten Karten-Symbolen stellt somit keine Linie dar, sondern ein schmales Rechteck, einen Korridor, dessen Breite Devereux und Thompson die "Ley-Breite" nennen.
Ein weiterer Punkt betrifft die Länge der Leylinien. Je länger eine hypothetische Linie ist, umso größer ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine Zufallslinie handelt. Deshalb beschränkten sich Devereux und Thompson in ihrem Buch auf Linien von durchschnittlich nur 10 Meilen Länge. Für eine solche Beschränkung spricht ja auch, dass der Mensch der Frühzeit mit seiner geomantischen Landschaftsgestaltung vermutlich nicht über das Territorium hinausging, mit dem er vertraut war und das er als seine "Welt" betrachtete - und dieses reichte bei vielen stein- und bronzezeitlichen Gesellschaften vermutlich nicht weiter als etwa ein Dutzend Quadratkilometer - jenseits davon begann ein Bereich, der nicht mehr derjenige von "wir Menschen" war, sondern als eine Art dämonische Unwelt des "Anderen" und Nichtmenschlichen betrachtet wurde.