Blut oder Boden

Eine unerlöste Frage

von Reinhard Falter erschienen in Hagia Chora 8/2001

Der Naturphilosoph Reinhard Falter wagt sich an ein heikles Thema: Seine historische Betrachtung der Frage, ob Heimat und Landschaft den Menschen prägen, deckt die Verbindung von politischer Ideologie und irrationalem Wissenschaftsanspruch im Nationalsozialismus auf. Zu beklagen ist, dass diese Frage nach dem Missbrauch durch die Ideologen des Dritten Reiches unberührbar geworden zu sein scheint.

Durch die Verflechtung von Wissenschaft, Weltanschauung und Politik in der Zeit der Großideologien des 20. Jahrhunderts sind nicht nur Personen, sondern auch ganze Themen diskreditiert worden. Dies wird mit wachsendem zeitlichen Abstand keineswegs schwächer, vielmehr werden mit zunehmender Entfernung wichtige Nuancen damaliger Gedanken gar nicht mehr verstanden. Jeder, der seinerzeit das Wort "Rasse" in den Mund nahm - und wer von den Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tat dies nicht? - gilt als Rassist. Wenn ich heute meinen Volkshochschulhörern Karl Marx Aufsatz "Zur Judenfrage" unkommentiert und ohne Autorennennung vorlege, halten sie ihn für das Machwerk eines Antisemiten. Erschwerend zum "natürlichen" Verständnisschwund durch wachsenden historischen Abstand wirkt außerdem, dass sich die Historiker in Bezug auf den Nationalsozialismus scheuen, ihrer eigentlichen Aufgabe nachzukommen. Diese wäre eben, das nicht mehr aus gleichen Voraussetzungen heraus Selbstverständiche erklärend verständlich zu machen. Statt dessen überwiegt die distanzierende, ja nach heutigen Wertmaßstäben aburteilende Darstellung, zum einen aus der berechtigten Intention, vor Wiederholung zu warnen, zum andern aber auch zur Rechtfertigung eigener Ideologien. Wie die Anhänger des verblichenen Realsozialismus benutzen auch die des kapitalistischen Weltbemächtigungsunternehmens den Nationalsozialismus zur Diskreditierung aller Kritik am Wirtschaftsliberalismus und am Citizen Shopper als Norm des Menschseins. So argumentiert etwa der Kultursoziologe Nathan Sznaider, dass, solange Menschen irgendwelche Ideale und kulturelle Identitäten haben, solange sie irgend etwas wichtiger nehmen als das bloße Überleben, sie dazu neigen, sich für diese Ideen auch umzubringen. Daraus folgert er, die Konsumgesellschaft produziere freiere und tolerantere Menschen.

Verteidigung des Rationalismus

Die Tradition der Kritik am Liberalismus, Nihilismus, Mammonismus und an der Selbstbestimmungsideologie der Moderne ist allen Vertretern der herrschenden Ordnung "organisierter Verantwortungslosigkeit" ein Dorn im Auge. Besonders virulent ist dies dort, wo scheinbar oder tatsächlich aus der Sicht der heutigen Universitätswissenschaft irrationales oder antirationales Denken am Werk ist. Die Verteidiger von Rationalismus und Reduktionismus sehen im Nationalsozialismus das beste Argument, eine erweiterte Sicht der Wirklichkeit zu diskreditieren, obwohl heute eine totalitaristische Gefährdung viel eher aus den hoch rationalistischen Genlaboratorien kommt. Die Verwandtschaft der heutigen und damaligen "Eugenik" wird freilich mt dem Hinweis auf die völlig unterschiedlichen Menschenbilder verschleiert, in deren Dienst die Züchtung wünschenswerten Menschenmaterials geschieht. Damals war das Ideal das heroische, heute ist es das bequeme Leben. Ein solches Zusammentreffen der Angst vor politischer Gefährlichkeit und Irrationalismus ist nicht nur beim Begriff "Heimat" gegeben, sondern auch beim Zusammenhang von Mensch und Landschaft, insofern es um Charakterprägung geht. Wenn Landschaft etwas Anderes ist, als subjektive Konstruktion, wenn sie gar Menschen prägt, oder wenn es für Menschen abträglich ist, in Umwelten zu leben die allein funktional auf Bedürfnisse hin gestaltet sind, so ist das ein Argument gegen absolute demokratische Selbstbestimmung. Dem Geographen Gerhard Hard, dessen Lebenswerk der Zersetzung des Begriffs "Landschaft" gewidmet ist, war jede Naturphilosophie verdächtig, insofern sie zu einer "Großideologie der Neuzeit" gehöre, nämlich der "altkonservativen Kritik an der unbegrenzten Autonomie des Menschen".1

Die Antike

Der Gedanke eines Zusammenhangs von Mensch und Erde ist aber keine Erfindung biologistischer Zeiten, er ist so alt wie die Geschichtschreibung.2 Ja der "Vater der Historie", Herodot, zeichnet sich gerade durch eine Nichttrennung von Mensch und Natur in der Geschichte aus. Gegenstand der Geschichte ist für ihn die Natur des Landes ebenso wie die Natur der Menschen. In dieser Grundrelation ist der Relativismus zwischen den Kulturen ein sekundärer. Geschichte ist die Wissenschaft von der Interrelation der Menschen in ihren jeweiligen ökologischen Nischen. Gegenüber der Fülle der erzählten Beziehungen wirkt die gesetzliche Beziehung im vielzitierten letzten Kapitel Herodots, "üppige Landschaften bringen schwache Völker hervor", eine arge Vergröberung. Es handelt sich ja auch nicht um einen wirklichen Schluss und insofern keineswegs um ein Fazit des Werks.
Eine weitere Quelle ist das Corpus der Hippokratischen Schriften, insbesondere die Schrift "De aere, aquis, locis". Hier wird bereits der Zusammenhang physiologisch-kausal zu fassen versucht. So hat die Trockenheit oder Feuchtigkeit der Luft eine leichtere oder schwerere Atmung, eine Erschlaffung oder Anspannung des Leibes zur Folge. Die asiatischen Völker etwa seien deshalb dem Krieg abgeneigt und gelasseneren Herzens, weil ihr Klima wenig wechselhaft sei.3
Meist freilich wurden derlei Zusammenhänge nur in sehr plakativer und vergröberter Form weiter tradiert. Aristoteles beschreibt in seiner "Politik" die Völker der kalten Länder als voller Tatkraft, aber ohne intellektuelle Reife und Kunstfertigkeit, während den Völkern Asiens gerade die Tatkraft fehle.

Neuzeitliche Rezeption

Überspringen wir das Mittelalter, wo wohl Albertus Magnus als bedeutendster Autor zu nennen wäre. Die Moderne ist wie auf anderen Gebieten auch von einer Verschiebung des Aktivitätszentrums von der Natur auf den Menschen geprägt. Bei Bodin taucht der Gedanke auf, dass die Prägung nicht zuletzt über die Arbeitsweise stattfinde, die eine Landschaft ihren Bewohnern abverlange. Bodin gliedert in fünf Teile Einfluss der Nord-Süd Lage, Einfluss der Ost-West-Lage, Einfluss der Gestaltung des Landes, Verhältnis zwischen Natur und Geist sowie Einfluss der Gestirne. Weitaus überwiegender Einfluss wird Hitze und Kälte zugeschrieben, und zwar über die Gegenwirkung von innerer Hitze. Auf deren Stärke werden sowohl die hellen Augen als auch der größere Durst der Nordvölker zurückgeführt. Unfruchtbarkeit des Bodens führt zu Nüchternheit der Gesinnung. Küstenbewohner werden intellektuell beweglich und händlerisch. "Verpflanzt man ein Volk in ein anderes Land, so wird es sich am Ende auch verändern, mag dies auch nicht so rasch geschehen wie bei Pflanzen, die ihren Saft aus der Erde ziehen".
Das größte diesbezügliche Werk des 18. Jahrhunderts ist William Falconer (1782 von Hebenstreit unter dem Titel "Bemerkungen über den Einfluss des Himmelsstrichs, der Lage, natürlichen Beschaffenheit und Bevölkerung eines Landes etc." ins Deutsche übersetzt). Auch hier überwiegt bei weitem die klimatische Wirkung gegenüber der lanschaftlichen. Sehr stark herrscht die Vorstellung von einer Prägung durch die jeweils abverlangte Arbeit vor. Ideen etwa zur Wirkung von Flüssen sucht man vergebens. Allenfalls wird der Wirkung von Luftfeuchtigkeit eine "gewisse betäubende Wirkung" zugeschrieben. Deutlich zeigt sich hier die aufklärerische Tendenz zur Trockenlegung in jeder Hinsicht mit der Bemerkung, dass "so oft Nationalausbildung und Anbauung des Landes gleichen Schritt halten, indem durch letztere der Boden ausgetrocknet und solchergestalt die Luft von überflüssiger Feuchtigkeit befreiet wird". Die Wirkung der Berge erscheint als vermittelt über die Kargheit des Landes bei gleichzeitig besserer Verteidigbarkeit. Auch hier sind die Referenzen Hippokrates und Aristoteles. Man hat den Eindruck, als sei das Auge für das eigentlich Landschaftliche noch gar nicht frei.
Das Grundschema ist immer noch die auf Hippokrates zurückgehende Lehre von der Überlegenheit der gemäßigten Regionen: Heißes Klima und allzu üppiger Boden machen träge. Hier bilden sich Religionsformen mit aufwendigem Kultus, die den Menschen helfen, ihre "Freizeit" sinnvoll zu gestalten Die Durchsetzung des weniger sinnlichen und weniger feiertagsfreudigen Protestantismus wird klimatisch erklärt. Auch sonst wird Religion funktional interpretiert. Kaltes Klima macht verstockt, und allzu große Kargheit lässt den Menschen keine Zeit für Geistiges. Ganz im Sinn der Aufklärung ist aber Arbeitsamkeit sehr hoch gewertet.
Hitze führt zu einem Überwiegen der Sinnlichkeit. Gleich Tropenpflanzen blüht hier auch die Phantasie, nur in gemäßigtem Klima kommt eine gebührende Distanz und doch auch ein waches Interesse an den Dingen auf und damit eine Pluralität der Meinungen und Diskursivität als Vorbedingung der Wissenschaft. Reiches Land macht weniger bereit zu seiner Verteidigung als dazu, sich mit Eroberern zu arrangieren. Wie sein Zeitgenosse Albrecht von Haller in seinem berühten Gedicht über die Alpen erklärt Falconer die Sittenreinheit der Bergbewohner aus ihrer Abgeschiedenheit und der Kargheit ihrer Umgebung. Musterbild sind auch hier die Schweizer.

Die Romantik

In allen abendländischen Konzeptionen des Zusammenhangs von Mensch und Erde bis zur Romantik macht sich eine eigentümliche Verkürzung auf die "Tagseite" der Wirklichkeit bemerkbar. Sie steht einer tieferen Einsicht im Weg. Man geht einseitig von der bewussten Wahrnehmungswirkung aus, oder man springt gleich in die Region der kausal fassbaren physiologischen Wirkungen. So schreibt noch Goethe: "Wer sein Leben lang von hohen ernsten Eichen umgeben wäre, müsste ein anderer Mensch werden, als wer täglich unter luftigen Birken sich erginge. Nur muss man bedenken, dass die Menschen im allgemeinen nicht so sensibler Natur sind als wir anderen, und dass sie im ganzen kräftig vor sich hingehen, ohne der äußeren Eindrücken soviel Gewalt einzuräumen. Aber soviel ist gewiss, dass außer dem Angeborenen der Rasse sowohl Boden und Klima als Nahrung und Beschäftigung einwirkt, um den Charakter des Volkes zu vollenden" . Mit dieser Sicht bricht erst die Romantik, genauer, wohl erst die Spätromantik, welche Geschichte nicht mehr lediglich als eine Folge von Ideen und Taten, sondern mehr als eine Folge von Geschlechtern sieht und damit die mütterliche Perspektive gegenüber der männlichen einnimmt. Wichtigster Fortsetzer Goethes in dieser Hinsicht ist der Arzt, Landschaftsmaler und Naturforscher C.G. Carus. Doch bei den Auswirkungen von Boden und Klima auf den Menschen bleibt auch Carus recht allgemein. Er problematisiert aber bereits die wachsende Künstlichkeit der Umwelt und sieht die romantische Natursehnsucht als Gegenbewegung: Ähnlich auch Wilhelm Heinrich Riehl, der sogenannte Vater der Volkskunde. Er entwickelte keine detaillierte Theorie landschaftlicher Prägung, doch er machte in Deutschland das stark, was in der amerikanischen Diskussion Wilderness heißt: "Wie die See das Küstenvolk in seiner rohen Ursprünglichkeit frisch erhält, so wirkt gleiches der Wald bei den Binnenvölkern. Weil Deutschland so viel Binnenland hat, darum braucht es soviel mehr Wald als England". "Wir müssen den Wald erhalten, nicht bloß, damit der Ofen im Winter nicht kalt werde, sondern damit die Pulse des Volkslebens warm und fröhlich weiter schlagen, damit Deutschland deutsch bleibe." Riehl geht es nicht um ein ästhetisches Erlebnis, sondern der Wald repräsentiert ein aristokratisches Element und erschafft es zugleich auf einer seelischen Ebene. Privatwirtschaftliche Nutzung und Revolution ruinieren den Wald. "Inhaltlich" besteht das aristokratische Element nicht in völligem Nutzungsverzicht, aber in extensiver Nutzung. Wenn Riehl sagt, der Wald "gilt mehr durch das, was er repräsentiert, als durch das, was er produziert", dann ist das zugleich eine Beschreibung des Wesens des Adels. In der Wesensgleichheit wie im Kausalzusammenhang, der erst in der Zerstörung zum Ausdruck kommt, erscheint der Wald als Symbol. "Der Wald allein lässt uns Kulturmenschen noch den Traum einer von Polizeiaufsicht unberührten persönlichen Freiheit genießen. Man kann da doch wenigstens noch in die Kreuz und die Quere gehen nach eigenen Gelüsten (...) Ja, ein gesetzter Mann kann da selbst noch laufen, springen, klettern nach Herzenslust." Der Wald schafft Freiraum von nicht privater Art. Aber es ist jetzt eine Freiheit von der Kultur, nicht mehr eine Freiheit für die Kultur, die im Schutz des Waldes lebt. Riehl schrieb, ein Dorf ohne Wald sei wie eine Stadt ohne historische Bauwerke.

Der Siegeszug des Determinismus

In der Tradition Herodots steht auch noch das große Geschichtswerk Herders. Nach Herder gibt es zwei Möglichkeiten der Methodik:
1. Mensch und Klima getrennt betrachten und versuchen, kausale Zusammenhänge festzustellen. Dabei wird Klima zu einer vom menschlichen Lebenszusammenhang abstrahierten, naturwissenschaftlichen Tatsache, die mit dem ebenso abstrahierten, zum Naturphänomen gewordenen Menschenkörper wieder zusammengebracht werden muss.
2. die Tatsache, dass der Mensch immer schon klimatisch bestimmt ist, zum Ausgangspunkt nehmen und das Klima als Strukturmoment menschlichen Daseins betrachten.

Kausal- und Bedeutungswissen

Ich führe für diese Art des Wissens hier den Terminus "Bedeutungswissen" ein. Bedeutungswissen hat mit Beziehungen zu tun, die das Grundkriterium des naturwissenschaftlichen Experiments nicht erfüllen, die Wiederholbarkeit. Das Experiment will den "Zufall" (das Zeitmoment) ausschließen. Bedeutungswissen will ihn gerade erfassen, weil biographische und schicksalhafte Vorgänge im landläufigen Sinn Zufall sind, d.h. einmaliges Zusammentreffen verschiedener Bewegungen zu einem "Moment". Man könnte auch von biologischem und biographischem Wissen sprechen, wobei es biographisches Wissen auch von so genanntem Anorganischen gibt, etwa von einem Fluss, der im Hochwasser sein Bett verlagert. Die Unterscheidung hat nichts mit dem Bereich von Natur und Psyche zu tun, auch nicht von objektiv und subjektiv, sondern eben mit "einmalig", d.h. zu einer Zeitqualität gehörig versus "wiederholbar", sprich von der Zeitqualität unabhängig. Zeitqualität ist auch nicht einfach Synchronizität , sondern Mitgeprägtheit, Sympathetik.
Die reduktionistische Wissenschaft der Neuzeit leugnet eigentlich alles Qualitative, aber ganz grundlegend eben auch die Zeitqualität. Umgekehrt interessieren sich die Bedeutungswissenschaften nicht für Identität, die ein Phänomen als Ding bestimmt, und nicht für Kausalität. Es gibt hier keinen Unterschied von einem Ding und seinem Abbild, weil die Einheiten dieser Auffassungsart Bildcharaktere und damit Beeindruckungsqualitäten sind. Was macht Qualitatives aus? Keineswegs, dass es sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt. Auch Zahlen haben eine qualitative Seite. So wie sie einerseits Quantitäten darstellen, repräsentieren sie andererseits auch Qualitäten (Konstellationen wie Polarität, Trinität, Pentagramm etc.). Man kann die kausal dinglichen Beziehungen als Realität (von lateinisch res = Sache) bezeichnen, die qualitativen dagegen als Wirklichkeit, denn es ist das Reich der wirkenden Mächte, das nicht fremdgesetzlich sondern eigengesetzlich genannt werden kann. Beobachtungen in der Natur werden im Bedeutungswissen nicht auf ihre kausalen Verknüpfungen, sondern auf ihre Bedeutung, ihren "Geschehenssinn" hin befragt. Kausalwissen bezieht sich auf Dinge, Bedeutungswissen auf Qualitäten, Charaktere oder "Atmosphären". In diesen ist der Beobachter immer schon involviert, sie können grundsätzlich nicht von außen erkannt werden. Wie verhalten sich nun Kausal- und Bedeutungswissen zueinander? Kausalwissen stellt Bedingungen fest, deren Änderng zu einer Änderung des Ergebnisses führt. Bedeutungswissen fragt nach dem Sinn, nicht der Änderbarkeit. Es versucht das Geschehene oder unabänderlich Geschehende zu verstehen, gerade aber nicht, indem es die Unabänderlichkeit über "Gesetze" erweist, sondern als das einmalige Geschehen, in dem die Notwendigkeit (im Griechischen eine Göttin, nicht ein Gesetz) zum Ausdruck kommt.
In Bezug auf die Prägung des Menschen durch eine Landschaft ist, anders als in Bezug auf die Heilwirkung eines Kurorts, etwas zu verstehen, nicht etwas einzurichten. Es wird sinnvoller Weise nicht nach kausalen Zusammenhängen gesucht, sonden danach, was es für Menschen bedeutet, in einer bestimmten Landschaft zu leben. Der Mensch hat dann freilich die Freiheit zu sagen: Nein, das passt nicht zu dem, wie ich sein möchte, ich ziehe woanders hin. Aber die Landschaft ist ein Wesen von zu großem Maßstab, um sie zu ändern. Man kann sich ihr höchstens entziehen.
Der neuzeitliche Mensch verdrängt gerne, dass das Meiste in unserer Welt nicht gegenständlich fassbar ist und dass insbesondere das menschlich Relevante nicht auf dieser Ebene liegt. Vielmehr verliert jeder Mensch, je mehr er dies ausblendet, seine Menschlichkeit und wird zum bloßen Funktionär seiner eigenen Interessen . Die Auffassung der Welt als Satz von Qualitäten steht quer zu der von einem Ensemble von Gegenständen. Beide Sichtweisen können sich ergänzen, aber wenn sie vermischt werden, entsteht Aberglaube, wie der, dass Schwermut - die leiblich erfahrbare Schwere - auf der Waage messbar sein müsse. Wenn sie andererseits auseinandergerissen werden, befinden wir uns in überbordenden Äußerlichkeiten ohne zusammenhängenden Sinn.

Geodeterministische Annahmen

Mit der zunehmenden Verwissenschaftlichung von Geographie und Anthropologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts treten aber alle Zusammenhänge, die sich nicht streng kausal und deterministisch fassen lassen, in den Hintergrund. Entsprechend zu der darwinistischen Lehre von Mutation und Selektion im Tierreich, suchte man auch die menschliche Geschichte auf eine biologische Grundlage zu stellen. Wenn Aussehen und Verhalten von Tieren von ihren Umweltbedingungen geprägt werden, liegt es nahe, solche Prägung auch beim Menschen zu vermuten.
Der anerkannte Geograph Otto Maull (1887-1957) betonte sogar, "die kausale Abhängigkeit des Menschen von der Natur muss als der wichtigste Grundsatz vorangestellt werden. Auf ihm beruht die Existenzberechtigung aller Anthropogeographie." Diese Abhängigkeit unterteilte Walter Wüst dreifach: "physikalisch-chemisch, physiologisch, psychologisch". Bestimmte geodeterministische Annahmen waren um 1900 fast selbstverständlich. So galt die "Indianisierung" der nach Amerika ausgewanderten Europäer seit den Forschungen des amerikanischen Ethnologen Franz Boas (1858-1942) als Tatsache, die nur verschieden interpretiert wurde . Rudolf Steiner etwa konnte hier seine These von den in der Äther-Aura einer Landschaft wirkenden Volksgeistern anführen. Der Psychoanalytiker C.G. Jung gab keine Ursache für die von Boas beschriebene Indianisierung der Amerikaner an, phänomengerecht sei jedoch die mythische Formulierung australischer Ureinwohner, man könne sich keinen fremden Boden aneignen, denn dort lebten fremde Ahnengeister, die sich dann in den eigenen Kindern verkörpern würden. Jung betonte, dass Ahnengeister und Naturseelen oft nur dasselbe von verschiedenen Seiten gesehen seien, worin er von neueren mythologischen Forschungen bestätigt wird. Jung meinte, dass mindestens das Unbewusste, die Ka- oder Ba-Seele der Ägypter, auf die Stufe des autochthonen Bewohners hinuntersinke, so dass bei den Amerikanern die Diskrepanz zwischen Bewusstem und Unbewusstem besonders groß sei . Der Zustand sei identisch mit dem, keine wirkliche Geschichte zu haben. Allerdings kippt um 1900 die Neigung vom Geo- zum Anthropodeterminismus zurück, was heute meist als Fortschritt gilt, aber in erster Linie ein Indiz für das Vordringen des Machbarkeitsinteresses in der Wissenschaft ist. Entsprechend der zunehmenden kulturellen Überformtheit europäischer Landschaften, stellte man immer mehr die Frage nach der Landschaft als Ausdruck der Kultur gegenüber der nach der Kultur als Ausdruck der Landschaft. Der Heimatschützer Paul Schulze-Naumburg charakterisiert in seinen Lebenserinnerungen seinen Weg vom Glauben "an die Umweltlehre und die Macht der Erziehung" zur Vorstellung einer rassischen Bedingtheit des Einzelnen als Schritt vom Optimismus des 19. zum Realismus des 20. Jahrhunderts.

Landschaftstypentheorie

Eine Schlüsselfigur der Geographie der 20er- und 30er-Jahre ist Ewald Banse (1883-1953). Er betont den künstlerischen Anteil an der Geographie als Erfassung des prägenden Charakters einer Landschaft. Bevölkerung und Volkstum verhalten sich seiner Meinung nach zueinander ähnlich wie Natur und Landschaft.4 Der jeweils erste Begriff bezeichnet ein Nebeneinander, der zweite ein Gefüge. In Nordamerika etwa gibt es nach der weitgehenden Ausrottung der Ureinwohner nur noch Bevölkerung.
So sehr Banse überzeugter Anhänger der nationalen Revolution und Verehrer alles Nordischen war, der schon im Jahr 1931 die Lösung der "Judenfrage" einem kommenden "Dritten Reich" anheimstellte, ist seine Position doch keine völkische. So fiel er bei den Nazimachthabern auch schnell in Ungnade.5 Der Raum ist ihm das primäre Agens. Demgegenüber bringt Moritz Durach die nationalsozialistische Position auf den Punkt, wenn er schreibt: "Nicht der Raum gestaltet das Volk, sondern das Volk gestaltet den Raum nach seinem Innbild." Das entspricht der aktivistischen Auffassung des Nationalsozialismus, die sich von der konservativen, der Banse zuzuordnen ist, abhebt. Der Zentralbegriff der Konservativen ist "Gestalt", der der Völkischen "Tat". Unter aktivistischen Prämissen ist die Umgestaltung der Natur sogar ein Qualitätsmerkmal: "Kein Volk der Erde hat mehr an und in seinem Lebensraum gearbeitet als das deutsche." Ja, der Geograph Hans Schrepfer bemüht für seine Ablehnung eines unmittelbaren Einflusses der Landschaft auf den Menschen ein Hitlerzitat: "Immer ist die innere Veranlagung der Völker bestimmend für die Art der Auswirkung äußerer Einflüsse. Daraus folgt, dass die charakterbildene Wirkung von Räumen nur noch für die regionalen Gliederungen eines Volkes in Anschlag gebracht wird. Hier entdeckt dann Willy Hellpach (siehe folgende Abschnitte) eine Nische für seine Forschungen, ohne in Konflikt mit dem Nationalsozialismus zu geraten.

Ideologische Grenzen

Banse hingegen stößt mit seiner Theorie der Prägung des Menschen durch landschaftliche Faktoren an eine ideologische Grenze. Denn dies ist ein konkurrierender Faktor zur Prägung durch das "Rassische". Da hilft ihm auch seine Vorliebe für alles Nordische nicht. H.D. Schultz schreibt: "Die in der Geographie verbreitete Annahme, Banse habe sich mit seiner Rassenlehre ’die nationalsozialistischen Lehren zu eigen gemacht , geht an dieser Tatsache vorbei und erweckt den Eindruck, als sei die Rassenideologie allein eine nationalsozialistische Angelegenheit gewesen."6 Aber nur als verwaschene Formel, die irgendeine Art von Harmonie andeutete, war das Konzept von "Blut und Boden" willkommen. Ernsthafte Forschungen hätten einen Primat des "Rassischen" in Frage gestellt. Das konnte von Banse jedoch aufgefangen werden durch Sätze wie den, dass nur das "Gutrassische" für positive Überformung offen sei.
Vom Forschungsansatz her mit Ewald Banse, mit dem er seit 1925 in freundschaftlicher Beziehung stand, verwandt war der Husserlschüler und von Klages beeinflusste Ausdruckskundler L.F. Clauss (1892-1974). Mohler schreibt, er sei "zweifellos der Geniale und der Bedeutendste unter den deutschen Rassekundlern dieser Zeit; unter Verzicht auf zoologische Methoden und unter Fruchtbarmachung der Phänomenologie hat er eine ’Rassenseelenkunde , die nicht zum Hass aufreizt, sondern zum Verstehen des Anderen führt", entwickelt. Landschaft ist ein Gelände, insofern es Stil hat. "Die nordische Landschaft ruft auf, immer weiter zu gehen; ob sie als Heide sich dehnt, als Hochwald oder als Düne, immer zeigt sie sich durchzogen von einem endlosen Undsoweiter, so dass sie niemals fertig erscheint, sondern immer im Werden begriffen (...) Weil hier nichts fertig ist, ruft alles immer zur Gestaltung." Demgegenüber erscheint die mediterrane Landschaft als geschlossen gerundetes Ganzes: "Niemals, auch am Meere nicht, schaut man wahrhaft hinaus (...) Zeus herrscht hier, der Wolkensammler, nicht Wodan, der wilde Jäger". Und, "wenn die nordische Landschaft Weite und Richtung hat, so hat die Mittelmeerlandschaft Spannung". Für Clauss ist Landschaft ein Phänomen, das sich erst im Subjekt bildet. "Man stelle zwei verschieden geartete Menschen in das ’selbe Gelände, so erwächst um beide eine andere Landschaft. Die Landschaft hängt von der Artung des sie perspektivierenden Menschen ab. (...) In dieser artlichen Gebärde ist vorgezeichnet, was der gearteten Seele jeweils zur Landschaft werden kann: all das, was geeignet ist, der Gebärde dieser Seele gleichsam zu einem tragenden Geleise zu werden." Die innere Landschaft also ist Voraussetzung, um die äußere Welt als Landschaft zu erleben. Was Clauss nicht leistet, ist die Darstellung des phänomenologisch Aufgewiesenen als Wirklichkeit jenseits von Subjektivität. Zwar kennt er Klages Unterscheidung von Erscheinungswissen und Kausalwissen. Grundsätzlich ist freilich Clauss Kritik an der an den Naturwissenschaften orientierten Methodik: "Der Mensch des Abendlandes, auch wenn er zu forschen vermeint, sieht Gegenstände, er macht den Menschen zur Sache." Clauss Forschungen werden von den Nazirassenkundlern schon deshalb abgelehnt, weil er jede Rassenseele als Selbstwert ansieht, also nicht wüstenländischen oder nordischen Stil als überlegen oder unterlegen ansieht. Er begreift die Grundhaltung der Wüste als eine rezeptive. Beute ist das von Gott zugeworfene Almosen. Islam heißt, Gottes Nichts zu sein .

Wissenschaftlichkeit

Bezeichnenderweise bedienen sich die Naziideologen bei ihrer Verurteilung von Clauss des Arguments, seine Forschungen seien unwissenschaftlich, ihre Ergebnisse beruhten auf Intuition, sie erschienen als nicht lehrbar. Diejenigen, die solchen Arbeiten nicht rundweg die Wissenschaftlichkeit absprechen wollten, bezeichneten sie als geisteswissenschaftlich.7 Die mangelnde wissenschaftliche Greifbarkeit ist für die Nationalsozialisten schließlich auch ein Argument für die Höherbewertung des "Rassischen", das sich eher in Kategorien neuzeitlicher Wissenschaftlichkeit fassen lässt. Das ist zugleich auch eine Frage der Machbarkeit. Nur weil die Nazidoktrin einen Vorrang des Erbgutes betonte, konnten Programme wie die Umsiedlung der Südtiroler nach Polen sinnvoll erscheinen. Die eigentlichen Vordenker des Nationalsozialismus sehen immer die Rasse als das Prägende, die Landschaft als das Geprägte an. Die Formel "Blut und Boden" klingt für den unbedarften Hörer nach Gleichberechtigung beider Komponenten. Bei ihrem Urheber, dem Naziideologen und Landwirtschaftsminister Walther Darre, ging es allerdings mehr um guten Boden für gutes Blut. "Der Boden als solcher, als Natur, spielt in der ’Blut-und-Boden -Ideologie dagegen kaum eine Rolle."8 Vollends bei Hitler ist der Zusammenhang ausschließlich das eines angeblichen Missverhältnisses von Volkszahl und Bodenfläche, gemessen an dem Anspruch, jedem Volksgenossen seine eigene Scholle zu garantieren, das, was im Schlagwort vom "Volk ohne Raum" zum Ausdruck kommt, in "Mein Kampf" aber noch Boden heißt. Den Zusammenhang formuliert Hitler so: "Vergesst nie, dass das heiligste Recht auf dieser Welt das Recht auf Erde ist, die man selbst bebauen will, und das heiligste Opfer das Blut, das man für diese Erde vergießt." In Hitlers Ideologie vom Krieg als Vater der Gerechtigkeit regelt sich dieses Verhältnis dadurch, dass das Herrenvolk durch die Bereitschaft zum Blutopfer soviel Boden erlangt, wie es braucht. Walther Darre sieht die paradoxe Bedingung der mitteleuropäischen Natur darin, dass sie wie keine andere den Menschen zu ihrer Überwindung auffordere. So durchdringen sich im mitteleuropäischen Bauern Verwurzelung und Tatkraft. Hat die rassische Substanz dem Einfluss der Natur genügend entgegenzusetzen, so kehrt sich die Determinationsrichtung im Verhältnis Mensch-Natur um. Man kann das als naturalistische Wendung aufklärerischer Ideen über die Sonderstellung Europas lesen. Unterschlagen wird dabei, dass Freiheit eben nicht Anpassung ist, sondern Selbstentfaltung. Das Standortgemäße passt sich nicht an, es bringt sich selbst, und darin zugleich die Eigenart der Landschaft, das heißt, seines Urgrundes und Wesenszusammenhangs, zur Entfaltung.

Geopsychische Aussagen
Doch das Problem der Wissenschaftlichkeit geopsychischer Aussagen besteht tatsächlich. Es beginnt schon mit der Frage, wie man Landschaftstypen bestimmen soll. Friedrich Theodor Vischer geht von drei Landschaftstypen aus, die er in erster Linie in der Vegetation ausgeprägt sieht, und von denen der Mensch gerade auch in seinem künstlerischen Ausdruck wesentlich mitbestimmt wird. Er nennt sie den erhabenen, den plastischen und den romantischen Typ. Ersteres bezeichnet die heißen Regionen. Die dort anzutreffenden Extreme von großer Stenge einerseits und üppiger Verspieltheit andererseits meint er "im Natuell der Völker (...), welche in dieser Pflanzenwelt leben", wiederzufinden. Diese drei Landschaftstypen kehren in Christian Norberg-Schulz Konzeption wieder, wie zuvor auch bei L.F. Clauss. Ersterem geht es um "innere Landschaft". Clauss stellt nordische, mittelmeerische und orientalische Landschaft gegenüber. Ähnlich wie für Banse ist für Norberg-Schulz Träger der abendländischen Landschaft die Ebene. Von den drei Archetypen Wildnis, Kulturlandschaft und Stadt sprechen auch andere Autoren. In der Kulturlandschaft begegnen sich ihrerseits die Bereiche des Erzeugten und des Unverfügbaren - der Bauer kann die Pflanzen nicht aus dem Boden ziehen. Eine andere Weise dieses Zusammentreffens ist das von Himmel und Erde. Nun ist zwar die Einteilung von Norberg-Schulz gewiss nicht in dem Sinn gemeint, dass eine Dominanz des Himmels auch größere Bedeutung des Unverfügbaren darstelle. Unter den heutigen Bedingungen ist dies allerdings meist der Fall. Wohl nicht zuletzt aus Gründen der Übersichtlichkeit setzte sich eine Drei-Typen- Einteilung auch der Wahrnehmung der deutschen Landschaft durch, wie sie sich am Verein "Naturschutzparke" zeigt, der je einen Naturschutzpark für den Alpenraum, den Mittelgebirgssraum und die norddeutsche Tiefebene projektierte.

Geopsyche

Den ausgefeiltesten Ansatz dieser Zeit stellt der des Psychologen Willy Hellpach (1877-1954) dar.9 Sein Hauptwerk trägt den Titel "Geopsychische Erscheinungen", 1935 nochmals gestrafft zu "Geopsyche". Hellpach ist von seiner Herkunft her alles andere als ein Nationalsozialist, hatte er es doch als Politiker der DDP in der Weimarer Zeit bis zum badischen Kultusminister und für ein Jahr sogar zum Ministerpräsidenten gebracht. Seine "Politische Prognose für Deutschland" von 1928 beginnt mit den Sätzen: "Die Deutschen sind kein Rassevolk. Wer sie gewaltsam dazu machen, ihr Volkstum auf Rasse, ihr Nationalbewusstsein auf Rasseinstinkt gründen will, wird unausweichlich zum Zerstörer des Deutschtums." Dass Hellpach sich 1930 aus der Parteipolitik zurückzog, hat allerdings mit einem tief erschütterten Vertrauen in die Fähigkeit des Weimarer Systems, die politische Krise zu bewältigen, zu tun. Als "Systemgröße" wurden ihm 1933 seine Bezüge gekürzt, und es war ihm nicht mehr möglich, politische Artikel zu publizieren. In seiner wissenschaftlichen Tätigkeit blieb er jedoch weitgehend unbehelligt. Eine 6. Auflage seiner Geopsyche scheiterte aber z.B. am Einspruch der Reichsschrifttumskammer, da "noch immer die jüdischen Autoren Boas, Zuntz, Mosso und Lombroso ohne Kennzeichnung als Juden und sogar rühmend behandelt" seien. Dem heutigen Leser erscheint aber bereits Hellpachs Rede von "Gauen" bräunlich angehaucht, etwa wenn er über die Wechselwirkung des "Bevölkerungsschlags mit seinem lebenszukömmlichen (= adäquaten) Siedelgau" spricht. Hellpach war die prinzipielle Konkurrenz von Ansätzen, die die Umweltprägung betonen, mit solchen, die die Erbbiologie in den Mittelpunkt stellen, sehr bewusst. Er formuliert dies in der Nazizeit freilich sehr konziliant und gern unter Berufung auf biologistische Autoren, wobei er dann die Wertfreiheit der Wissenschaft hochhält. So schreibt er 1939: "Schon Otto Ammon hatte in Baden darauf hingewiesen, dass die Gauformung der Schädelmaße in bestimmten Bezirken sich auch auf die einsässige jüdische Bevölkerung erstrecke. Diese Beobachtung des hochverdienten Schöpfers der Anthropologie der Badener ist darum besonders bemerkenswert, weil sie für seine sozialanthropologischen Grundanschauungen, die durchaus rassische sind, eine Unbequemlichkeit darstellte. Der echte Forscher verschließt eben vor noch so schweren Unbequemlichkeiten niemals die Augen."10 Die Formel "Blut und Boden" bedeutet, wie oben gesagt, in der Naziideologie keineswegs eine Gleichberechtigung. Hellpach versuchte sie freilich in diesem Sinn umzudeuten, wenn er schreibt: "Keine Hominidenform verlässt ungestraft ihre angestammte Umwelt." In diesem wuchtigen Satz v. Eickstedts ist sozusagen das ganze Problem der Formel "Blut und Boden" zusammengefasst.

Einfluss auf Sinne und Phantasie

Hellpachs wirkliche Einschätzung des Zusammenhangs lässt sich eher an seinen früheren Schriften ablesen: 1917 resümiert er, "so dürfen wir demnach den Einfluss der Landschaft auf Temperament und Charakter eines Volkes gering, auf Sinnesleben und Phantasietätigkeit aber erheblich schätzen." Wollte man also versuchen, den landschaftlichen Einfluss in der Physiognomie nachzuweisen, müsste man vor allem auf den Ausdruck von Sinnesleben und Phantasietätigkeit achten. In diesem Zusammenhang findet sich auch ein interessanter Hinweis auf einen möglichen Grund, warum Bergbewohner seit der Antike als phantasiereicher gelten, nämlich deshalb, weil die Ebene nicht als Spiegelungshintergrund für lebhafte Gemütsbewegung, wohl aber für vage Sehnsucht und Schwermut geeignet ist. Die Vorstellung ist also die, dass in der Seele jene Formen sich verstärkt ausbilden, die im Draußen eine Darstellung erfahren. Das Kind lernt ja durch Nachahmung. Bei der Ausbildung des Stammesgesichts spielt dabei nach Hellpach vor allem die Mundart eine Rolle, die die Mundpartie bildet. Ihr entspricht aber auch ein das angeborene Temperament überprägendes Konventionstemperament, das auch entscheidenden Anteil an der Ausprägung von Berufsgesichtern hat. Hellpach greift zur Erklärung auf den Carpenter-Effekt zurück: "Auch der Stille taut in temperamentvoller Umwelt auf (...). Umgekehrt erlahmt ein lebhaftes Temperament auf die Dauer, wenn es ohne Widerhall bleibt." Eine solche Wirkung geht nicht nur von der menschlichen Umwelt aus, sondern in dem Maß, in dem sich ein Mensch etwa bei der Feldarbeit in primär nicht menschlicher Umwelt als Resonanzraum bewegt, auch von der Natur. Hellpach weist darauf hin, dass der Anpassungsprozess in der Stadt meist schneller geschehe, da die Rückzugsmöglichkeiten geringer seien. Man könnte aber auch betonen, dass in ländlicher Umgebung nicht einfach nur Eigenbrötelei gefördert wird, sondern der Raum seine Prägewirkung deutlich macht.

Seelenschutz

Hellpachs Ansatz ist im Wesentlichen individualpsychologisch. Mehr als die Wirkung in der Beheimatung interessiert ihn die für Kurverordnungen wichtige heilende Wirkung des zeitweiligen Aufenthalts in bestimmten Landschaften. Sein Ansatz ist auch kein ökologischer. Stauseen etwa bewertet er nur vom ästhetischen Standpunkt her . Auch die symbolische Dimension bleibt unterbelichtet. Er sucht deterministische Zusammenhänge, nicht solche von Bedeutung und Ausdruck. Die Reinigungswirkung des Naturerlebens wird zwar erwähnt, aber nicht nach der tieferen Struktur gefragt, die wohl in der Bewusstmachung der eigenen Naturentfremdung liegt. Die Zerlegung der landschaftlichen Wirkung in Einzelfaktoren steht bei Hellpach im Dienste der Handhabbarmachung, wenn auch nicht im nationalsozialistischen Sinn.
Es gab aber in dieser Zeit auch den Versuch einer konservativen Praxis, nämlich Naturschutz als Schutz der Bodenverhaftung von Menschen zu verstehen. Eine bedeutende Stellung für den Versuch, die Mensch-Natur-Beziehung in der für typisch mitteleuropäisch gehaltenen Weise zu erhalten, kommt dem "Reichslandschaftsanwalt" Alwin Seifert (1890-1972) zu. Im Wandervogel sei ihm zum Erlebnis geworden, was Wilhelm Heinrich Riehl ausgeführt hatte, "dass nur in mannigfaltigen Landschaften eine fürs Schöne aufgeschlossene Bevölkerung lebt". Besonderes Augenmerk Seiferts gilt einer Elite, und darin weiß er sich von seinem Chef, Fritz Todt,11 dem Führer der Organisation Todt - unter anderem für den Autobahnbau verantwortlich - gedeckt: "Es reizt mich seit langem, diesen Ansichten einmal den Einfluss gegenüberzustellen, den die Landschaft auf die größten Deutschen, vor allem auf die produktiv Schaffenden ausgeübt hat", zitiert er Todt, und auch nach 1945 hält er am Zusammenhang von Mensch und Landschaft fest: "Die Entseelung unserer Landschaft schreitet jetzt reißender voran als je. In einer entseelten Landschaft kann aber kein beseeltes Volk wohnen", schreibt er in seinen Einlassungen zum Entnazifizierungsverfahren 1947 an die Spruchkammer. Besonders aber in der Nazizeit beschwört er nicht nur materielle, sondern auch psychische Folgen von Naturzerstörung: "Daran mögen die Führer der Wasserwirtschaft denken, dass von ihrem Tun nicht nur das leibliche Dasein des deutschen Volkes bestimmt wird, sondern auch das Sein oder Nichtsein deutscher Seelenhaltung. Die Versteppung der deutschen Landschaften, der Ersatz naturgeschaffener Formen durch errechnete, mathematische Gebilde bedeuten ja nicht nur eine Zerstörung unserer landwirtschaftlichen, gärtnerischen und waldbaulichen Lebensgrundlagen, sondern auch (...) die Angleichung der unendlich reichen und mannigfaltigen deutschen Landschaften an die öde Leere russischer und amerikanischer Steppen. Damit aber verliert die deutsche Seele ihre Heimat (...), dann muss sie doch zur Beute werden eines ostischen oder westischen Materialismus." Hier stellt Seifert sein naturschützerisches Anliegen ganz in den Kontext der doppelten Frontstellung des Nationalsozialismus.12

Amerikanische Betrachtungsweise

Die folgenden Zeilen stammen von der amerikanischen Ethnologin Margaret Mead (1901-78); hätte Alwin Seifert sie geschrieben, würde man sie dem nationalsozialistischen Antiamerikanismus zurechnen. Mead schreibt, in den USA behindern "rapide technische Umschwünge, scharfe Generationenkonflikte und häufiger Wohnortwechsel das Einwachsen der persönlichen Situation des typischen Einzelnen in einen konsequent und homogen durchgeformten Hintergrund gemeinsamer, einbettender Situationen mit der Folge, dass persönliche Bindungen rasch und flüchtig statt zusammenhängend und dauerhaft sind, dass inkommensurable Qualitäten und affektive Nuancen nivelliert oder in bloß quantitative Unterschiede umgedeutet werden, dass eine Simplifizierung grassiert, die sich in Schwarz-Weiß-Malerei und beliebiger Austauschbarkeit aller Beschäftigungen verrät". Das ist die Umkehrung dessen, was von amerikanischen Autoren seit Turner über die spezifische, positiv verstandene Prägung der amerikanischen Seele durch die Frontier-Erfahrung geschrieben wurde. Mark Sagoff hat versucht, Naturschutz aus der amerikanischen Kultur als Ausdruck von Nature s Nation (Perry Miller) heraus zu begründen. Die amerikanische Kultur hat Freiheit zu ihrem zentralen Ideal erhoben; dem entsprach ihre Schätzung freier Natur. Gleichzeitig wird damit der Freiheitsbegriff nach Sagoff festgelegt, nämlich nicht als Freiheit von Mühe, sondern als Selbstbestimmung, Selbstverantwortung, Unabhängigkeit, Aufrichtigkeit (Honesty). Denn das Bild von Freiheit als Mühelosigkeit des Lebens um den Preis der Abhängigkeit von technischen Apparaten und Sozialstrukturen wäre ja viel eher der faule Tiger im Zoo.
Sagoff ist als konservativ kritisiert worden, denn allein das Bestehen der amerikanischen Werte sei noch kein Argument für sie, die Wandlung des Freiheitsbegriffs in Richtung Konsumismus sei im Namen der Selbstbestimmung zu bejahen.13 Dagegen lässt sich freilich die Nichtnachhaltigkeit konsumistischer Einstellungen ins Feld führen, die Ausdruck mangelnder Naturgerechtigkeit ist. Die Grenzen zur vulgärdarwinistischen Vorstellung sind beim Nachhaltigkeitsargument freilich prekär. Unter Nachhaltigkeit darf nicht verstanden werden, dass bloße Durchsetzung und Überlebensfähigkeit schon einen Wert begründen würden. Die Natur lehrt aber - wenn man sie richtig, d.h. in Bezug auf ihre Erscheinungsqualitäten hin beobachtet - nicht gnadenlosen Kampf, sondern Beständigkeit der Grundcharaktere. Die Orientierung an belassener Natur ist nach Norton (wie schon für Passarge) Voraussetzung für die Bildung eines konsistenten und wirklichkeitshaltigen Weltbilds, und sie ist nötig, um den eigenen Platz im Kosmos zu finden. Das ist genau der Übergang, den die Fassung der Grundqualitäten der Welt als Götter mit sich bringt. Der Mensch muss sich in die Welt einfügen, nicht weil er jede einzelne Grundgeste der Welt als gut beurteilen würde - solche Bewertung ist bereits Hybris -, sondern weil er im Kern an ihnen ohnehin nichts ändern kann. Auch der moderne Mensch muss wieder einsehen, dass er zwar in die Verhältnisse eingreifen kann, damit durchaus zum Faktor in der Machtauseinandersetzung der Götter wird, aber dies keineswegs langfristig immer zu seinem Vorteil gereicht, weil er die Komplexität der Zusammenhänge nicht überblickt. An dem Grundunterschied von Sterblichen und Unsterblichen, um den es der christlich-abendländischen Kultur ging, kann er nichts ändern.

Schweizerisches Intermezzo

Unbelastet von einer politischen Diskreditierung und damit vielleicht auch von der Selbstauflösung des physiognomischen Paradigmas konnte in der Schweiz Emil Egli auch noch in den 70er-Jahren einen Aufsatz von 1942 zur Geopsychologie der Schweiz neu auflegen, in dem es heißt: "Ist die schweizerische Landschaft von besonderer Ausdrucksstärke, so muss die seelische Resonanz eine entsprechende sein."14 Die von ihm "seelische Dualität des Schweizers" genannte Qualität - Wille zur Güte bei gleichzeitiger Fähigkeit zur Härte - leitet er aus dem Landschaftsbild ab, "dessen Vordergrund ihm die produktive, gütige Erde und dessen Hintergrund die unumgestaltbare harte Alpenkrone zeigt". Diese landschaftliche Grundprägung würde eine Bezogenheit auf die Schweiz als Ganze über den Heimatkanton oder Gau hinaus bedeuten, wenn nicht das Muster einfach der Züricher oder Berner ist. Gleichzeitig repräsentieren die Alpengipfel auch die symbolischen Werte der Schweizer Demokratie - die Individualität der Berggestalten der Zentralalpen bei annährnd gleicher Höhe des Gesamtstocks. Auch in der Schweiz greift freilich in den letzten Jahren die Ideologie der Globalisierer um sich, zu deren Ritualen die Diffamierung jeder landschaftlichen Bindung gehört. Im Jahr 1999 erschien in der Schweiz ein Buch, das ausgiebig alle Ideologen von Hard bis Wolschke-Bulmahn und Gröning zitiert und sich ernsthaft darüber mokiert, dass der "sonst so kritische Schultz konstatiert", Emil Egli fasse alle Motive des klassischen Landschaftsparadigmas zusammen, "ohne eines deutsch-völkischen Zungenschlags aus der Vergangenheit verdächtig zu sein,"15 als ob es nicht reichte, dass Schultz durchblicken lässt, dass er Eglis Konzept für irrational hält, ohne dies gleich als faschistisch zu verteufeln.16 Der Autor des Buches, der auf dem Rückumschlag ein ausgeräumtes Dutzendgesicht zeigt, das physiognomisch genau den ausgeräumten Industrie-Landschaften entspricht, ist der Meinung, dass Heimat durch das Internet ersetzt werden sollte und meint, dass es besser ist, wenn Menschen keine zu nahen Beziehungen haben. Dass ein derartiges Machwerk als Dissertation angenommen und dessen Druck vom Schweizer Nationalfond unterstützt wird, zeigt dass hier Werten wie der Suche nach Beziehungsfähigkeit - sei es zwischenmenschliche oder landschaftliche - nicht die allergeringste Rolle zugewiesen wird. Die gedankliche und seelische "Zersetzung" wird inzwischen als normal betrachtet.

Antifaschismus als Ablenkung?

Widerstand ist heute gegen die Ideologen der Diktatur des Aktienmarktes angebracht. Sie bemühen in ihrer Ratlosigkeit die Gespenster gestriger Totalitarismen, um von der heutigen Bedrohnung abzulenken. Nicht etwa davon, dass die menschliche Geprägtheit thematisiert würde, sondern von der Tabuisierung solcherlei Themen geht heute eine politische Gefahr aus. Eine systematische Forschung zum Zusammenhang von Mensch und Landschaft hat es - wie ich unter anderem hier zeige - leider nie gegeben. Gerade auch in der Nazizeit hat es sie, wie ich betonen möchte, nicht gegeben, denn der nicht konkretisierte Zusammenhang, eingefasst in der Hülse des Blut-und-Boden-Mythos, war ideologisch viel brauchbarer. Immer da, wo zu einer Konkretisierung fortgeschritten wurde, differenzierte Zusammenhänge gesehen und Konsequenzen durchdacht wurden, war dies eher dazu angetan, die Rassentheorie zu unterminieren.
Besonders interessant ist, dass die nationalsozialistische Ablehnung des für sie nicht instrumentalisierbaren, nicht kausalwissenschaftlich Erfassbaren heute von den Linken bzw. den Ideologen der Globalisierung weitergeführt wird, die ihrerseits den Nationalsozialismus als Irrationalismus darzustellen versuchen. Nach dem gleichen Muster richtet sich der Vorwurf der Irrationalität besonders gegen nicht kausalwissenschaftliche Zusammenhänge. Die Zusammenhänge von menschlicher Psyche, Klima und Landschaft, stellt Watsui Tetsuro fest, entziehen sich dem wissenschaftlichen Zugriff. Er zitiert Herder: "Das Klima zwinget nicht, sondern es neiget, es gibt die unmerkliche Disposition." Ähnlich hat es Schiller in Bezug auf die Astrologie formuliert: "Die Sterne zwingen nicht." Umso mehr scheint alles, was damit zusammenhängt, einer verschwommenen Blut-und-Boden-Mystik verdächtig. Wissenschaftlichkeit hat heute eine ersatzreligiöse Funktion. Sie ist in einer Gesellschaft, die Kulturelles als relativ betrachtet und mit einem falschen Freiheitsbegriff Prägungen nicht als zwingend anerkennen möchte, die einzige zwingende Apellationsinstanz. Paradoxerweise handelt es sich bei der in diesem Sinne betriebenen Wissenschaft gerade um ein System, das behauptet, wertfreie Erkenntnis zu liefern und Wertsetzungen als naturalistische Fehlschlüsse diffamiert .

Anhaltende Tabuisierung

Eine solche Wissenschaft verschiebt die Verantwortung für das mit ihrer Hilfe Geschaffene auf die Politik. Umgekehrt gewinnt die Politik einen voluntaristischen Freiraum, den sie jederzeit zur demokratischen Disposition stellen kann. Sie kann sich auf angebliche Sachzwänge berufen und macht sich durch wissenschaftliche Erkenntnisse unangreifbar. In diesem Spannungsfeld vollzieht sich heute die Zusammenarbeit von Altlinken und Wirtschaftsliberalen. Linke ziehen sich nach dem Scheitern ihrer Utopien weitgehend darauf zurück, die formalen Voraussetzungen von Demokratie zu verteidigen, und sehen den Zusammenhang zu einem eng gefassten Konzept von Rationalität. Jede Annäherung an eine weiter gefasste Wirklichkeit - und sei es auch nur die Beschreibung einer Qualität - sprengen den Rahmen, denn nur, was ohne besondere Fähigkeiten erkennbar ist, ist Grundlage der Gleichheit. Die Agenten der Kapitalmächte benutzen diese Formaldemokratie zur Rechtfertigung. Sie sind zu nichts verpflichtet, weil sie sich im Ernstfall auf wissenschaftliche Expertisen zurückziehen können, die schon allein wegen des apparativen Aufwands nicht von Seiten derer zu kritisieren ist, die keinen Zugang zu den Apparaten haben. Politischer Ausdruck dieser Symbiose ist eine rot-grüne Regierung, die das Feindbild Nazismus aus der Mottenkiste holt, um davon abzulenken, dass sie, weit entfernt von ehemals grünen Anliegen, gegen den ökologischen Holocaust nichts zu unternehmen bereit ist. Es scheint mir geradezu das Signum des Nationalsozialismus zu sein, dass er zerstörte, was er zu bewahren vorgab. Die Identität Mitteleuropas gegenüber "östlichem und westlichem Materialismus", welche die Nazis zu verteidigen beanspruchten, wurde zuerst als Folge ihrer Siege durch brutale Gleichschaltung und physische Vernichtung, dann als Folge ihrer Niederlage durch die Teilung Europas zerstört. Genauso sind auch die Ansätze zu einer Erfassung der Zusammenhänge von Mensch und Erde zerstört worden, erst durch oberflächliche propagandistische Ausschlachtung und in der Folge durch die bis heute anhaltende Tabuisierung. Einen ähnlichen Zweischritt hat Erwin Schleich für die Architektur der deutschen Städte festgestellt und von einer "zweiten Zerstörung" der zerbombten Bausubstanz durch den nur am kurzfristigen Nutzen orientierten Wiederaufbau gesprochen. Was noch zu retten gewesen wäre, wurde der schnellen Wiederbenutzbarkeit geopfert. Die erste Zerstörung lässt er aber mit Recht nicht erst mit dem Bombenkrieg, sondern bereits mit der - freilich größtenteils Plan gebliebenen Naziarchitektur - beginnen. So gibt es auch eine zweite Zerstörung des Geistes. Wenn dem aber so ist, dann setzen wir mit der Tabuisierung all dessen, was der Nationalsozialismus irgendwann benutzte, das Zerstörungswerk nur fort. Es dürfte hilfreich sein, ein paar Regeln geistiger Hygiene zu beachten:
1. Bei historischen Texten nicht auf Reizworte wie "Rasse" oder "Blut und Boden" allergisch reagieren, sondern die jeweiligen Konzepte kritisch anschauen.
2. Völkisch-aktivistische von konservativen Intentionen unterscheiden.
3. Bedeutungs- und Kausalzusammenhänge unterscheiden; Argumentationsebenen unterscheiden, ob biologistisch oder geistesgeschichtlich gedacht wird, auch Übersprungsgedanken, z.B. zwischen Antijudaismus und Antisemitismus, erkennen.
4. Wissenschaftsgläubigkeit (Reduktionismus) und Rationalität auseinanderhalten. Dann haben die heutigen Ideologen, die sich als heldenhafte Gegner der toten Ideologen von gestern gerieren, weniger Chancen.

Die Langversion dieses Artikels ist im Internet abrufbar. www.geomantie.net, Suchwort z.B. "Falter".

Bibliografie zum Quellenstudium:

(1) G. Hard: Was heißt schon Natur, München 1993, 172. Dagegen: R. Falter: Rettet die Natur vor den Umweltschützern, in Garten und Landschaft 7/94
(2) Das Standardwerk der Theorien zum Einfluss von Klima und Landschaft auf den Menschen von der Antike bis zur Neuzeit ist immer noch: Clarence J. Glacken: Traces on the Rhodian Shore, Berkely 1967. Eine kurzer Abriss der Theorieentwicklung findet sich in Werner Sombart: Vom Menschen, Versuch einer geisteswissenschaftlichen Anthropologie, Berlin 1938, 385 ff
(3) Watsui Tetsuro: Fudo - Wind und Erde, Der Zusammenhang zwischen Klima und Kultur, Darmstadt 1992, 182
(4) E. Banse: Die Geographie und ihre Probleme, Berlin 1932, 154 zit. Hans-Dietrich Schultz: Die deutschsprachige Geographie von 1800 bis 1970, Berlin 1980,134
(5) A. Mohler: Die konservative Revolution in Deutschland, 4. Aufl. Darmstadt 1994, 313
(6) Schultz 212. Carl Troll: Die geographische Wissenschaft in Deutschland in den Jahren 1933 bis 1945, Erdkunde 1 (1947), 3-48 hier 7. Auch ich habe Banse in einer früheren Publikation (Falter: Prägung des Menschen durch die Landschaft - Umweltpsychologischer Forschungsansatz oder Rückfall in Blut und Boden-Ideologie? Eine geographiehistorische Revision in: Cosmographica et Geographica, Festschrift für Heribert M. Nobis zum 70. Geburtstag hg. von Bernhard Fritscher = Algorismus Heft 13; 2. Halbband S.369-402) zu undifferenziert als überzeugten Nationalsozialisten eingeschätzt und muss das hier korrigieren
(7) Vgl. Peter Weingart: Doppelleben, Frankfurt 1995, 119 f.; Wie auch gegen Klages ist ein Hauptbetreiber der Kampagne gegen Clauss der Leiter der Abteilung Wissenschaft im Amt Rosenberg Alfred Baeumler. Die direkten Angreifer sind Gross (Leiter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP), Gieseler (1904-45 Direktor des Rassenbiologischen Instituts in Tübingen, geb. 1900) und Schultz (Direktor des biologischen Instituts der Reichsakademie für Leibesübungen)
(8) Mathias Eidenbenz: Blut und Boden, Metaphern des Agrarismus und Biologismus, Bern 1993,11
(9) Ausführlicher zu Hellpach Falter 1994
(10) Hellpach Geopsyche, 5. Aufl. 1939, 210 Zu Ammon später wesentlich kritischer: Memoiren 297
(11) Alwin Seifert: Wasserkraftbau gestern und morgen, in: Münchner Neueste Nachrichten 15/16 Jan 1944. Auch Hellpach (Hellpach 1939, 2267 und 320) bezieht sich während der Naziherrschaft positiv auf Todt; Todt umgekehrt hat sich auf die Neuausgabe der Geopsyche hin an Hellpach gewandt und ihn zur Mitarbeit im Umkreis der Zeitschrift "Die Straße" aufgefordert (Memoiren S. 193). Das stimmt überein mit Seiferts Schilderung, dass Todt bei seiner Mitarbeiterauswahl sich nicht nach der politischen Vergangenheit dieser richtete
(12) R. Falter: Ein Leben für die Landschaft - Die Biographie des Naturschutzes im 20. Jahrhundert - Alwin Seifert (1890-1972), in: Novalis 3/95 S. 38-42. Zum Kontext von Seifert: Joachim Radkau, Natur und Macht, München 2000, 294 ff.. Ein abschreckendes, aber für die Autoren typisches, Beispiel ideologischer Verbohrtheit stellt die "Biographie" Seiferts in Gert Gröning/Joachim Wolschke-Bulmahn Grüne Biographien, Berlin 1997, dar. Sie ist eine eifernde Verurteilung, die Seiferts Leben auf seine Beziehung zum Nationalsozialismus beschränkt. Sie enthält zudem allerlei krause Unterstellungen, etwa dass Seifert "vermutlich" Mitglied der Thule-Gesellschaft gewesen sei. Als Foto zeigen sie ein Bild, auf dem er von hinten zu sehen ist und als neu eingesetzter Landschaftsanwalt für den Autobahnbau gerade dem diesen inspizierenden "Führer" vorgestellt wird. Allein die Tatsache, dass Seifert die Heilkräuterplantage beim KZ Dachau besichtigt hat, genügt den Autoren, um ihn selbst in die Nähe von KZ-Wärtern zu stellen. Mit ungefähr demselben Wahrheitsgehalt ließe sich den Autoren unterstellen, dass sie für ihre ideologisch gute Arbeit von der STASI "vermutlich" hätten ausgezeichnet werden müssen
(13) Bryan G. Norton: Why preserve natural Variety, Princeton 1987, 201
(14) Emil Egli: Mensch und Landschaft, Zürich 1975, 20
(15) Andreas Huber: Heimat in der Postmoderne, Zürich 1999, 158
(16) Man muss auch und gerade wenn man seinen Rationalitätsbegriff nicht teilt, Schultz tatsächlich gemessen an anderen Autoren seiner Generation hohes Lob zollen für die Differenziertheit seiner Kritik.