Blut oder Boden
Eine unerlöste Frage
Der Naturphilosoph Reinhard Falter wagt sich an ein heikles Thema: Seine historische Betrachtung der Frage, ob Heimat und Landschaft den Menschen prägen, deckt die Verbindung von politischer Ideologie und irrationalem Wissenschaftsanspruch im Nationalsozialismus auf. Zu beklagen ist, dass diese Frage nach dem Missbrauch durch die Ideologen des Dritten Reiches unberührbar geworden zu sein scheint.

Durch die Verflechtung von Wissenschaft, Weltanschauung und Politik in der Zeit der Großideologien des 20. Jahrhunderts sind nicht nur Personen, sondern auch ganze Themen diskreditiert worden. Dies wird mit wachsendem zeitlichen Abstand keineswegs schwächer, vielmehr werden mit zunehmender Entfernung wichtige Nuancen damaliger Gedanken gar nicht mehr verstanden. Jeder, der seinerzeit das Wort "Rasse" in den Mund nahm - und wer von den Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tat dies nicht? - gilt als Rassist. Wenn ich heute meinen Volkshochschulhörern Karl Marx Aufsatz "Zur Judenfrage" unkommentiert und ohne Autorennennung vorlege, halten sie ihn für das Machwerk eines Antisemiten. Erschwerend zum "natürlichen" Verständnisschwund durch wachsenden historischen Abstand wirkt außerdem, dass sich die Historiker in Bezug auf den Nationalsozialismus scheuen, ihrer eigentlichen Aufgabe nachzukommen. Diese wäre eben, das nicht mehr aus gleichen Voraussetzungen heraus Selbstverständiche erklärend verständlich zu machen. Statt dessen überwiegt die distanzierende, ja nach heutigen Wertmaßstäben aburteilende Darstellung, zum einen aus der berechtigten Intention, vor Wiederholung zu warnen, zum andern aber auch zur Rechtfertigung eigener Ideologien. Wie die Anhänger des verblichenen Realsozialismus benutzen auch die des kapitalistischen Weltbemächtigungsunternehmens den Nationalsozialismus zur Diskreditierung aller Kritik am Wirtschaftsliberalismus und am Citizen Shopper als Norm des Menschseins. So argumentiert etwa der Kultursoziologe Nathan Sznaider, dass, solange Menschen irgendwelche Ideale und kulturelle Identitäten haben, solange sie irgend etwas wichtiger nehmen als das bloße Überleben, sie dazu neigen, sich für diese Ideen auch umzubringen. Daraus folgert er, die Konsumgesellschaft produziere freiere und tolerantere Menschen.
Verteidigung des Rationalismus
Die Tradition der Kritik am Liberalismus, Nihilismus, Mammonismus und an der Selbstbestimmungsideologie der Moderne ist allen Vertretern der herrschenden Ordnung "organisierter Verantwortungslosigkeit" ein Dorn im Auge. Besonders virulent ist dies dort, wo scheinbar oder tatsächlich aus der Sicht der heutigen Universitätswissenschaft irrationales oder antirationales Denken am Werk ist. Die Verteidiger von Rationalismus und Reduktionismus sehen im Nationalsozialismus das beste Argument, eine erweiterte Sicht der Wirklichkeit zu diskreditieren, obwohl heute eine totalitaristische Gefährdung viel eher aus den hoch rationalistischen Genlaboratorien kommt. Die Verwandtschaft der heutigen und damaligen "Eugenik" wird freilich mt dem Hinweis auf die völlig unterschiedlichen Menschenbilder verschleiert, in deren Dienst die Züchtung wünschenswerten Menschenmaterials geschieht. Damals war das Ideal das heroische, heute ist es das bequeme Leben. Ein solches Zusammentreffen der Angst vor politischer Gefährlichkeit und Irrationalismus ist nicht nur beim Begriff "Heimat" gegeben, sondern auch beim Zusammenhang von Mensch und Landschaft, insofern es um Charakterprägung geht.
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