Spuren des Alten Europa

Sakrale Stätten in Alpen und Jura

von Kurt Derungs erschienen in Hagia Chora 8/2001

Von der Donaumündung im Balkan bis zum westlichsten Rand Irlands werden uns die Spuren der "Zivilisation der Göttin" - wie Marija Gimbutas sie nennt - mehr und mehr vertraut. Es sind die Zeugnisse der jungsteinzeitlichen Kultur des Alten Europa. Kurt Derungs ist ihnen im Jura und im Alpenraum nachgegangen.

Die europäische Landkarte zeigt ein vielfältiges Geflecht von Flüssen und Bergen, von Ebenen und Tälern. Ebenso vielfältig ist die europäische Kulturlandschaft, die sich aus verschiedenen lebendigen Regionen zu einem Ganzen fügt, einem bunten Teppich regionaler Vitalität. Doch herrscht nicht lediglich Regionalismus. In vielen Orten finden wir als gemeinsame Wurzel Überlebensformen eines Alten Europa, das regionale Ausformungen eines übergeordneten Kulturzusammenhangs aufweist. Ein verbindendes Element Alteuropas war die mutterrechtlich-matriarchale Organisation der Gesellschaften, die im heutigen Europa nicht überlebt hat. Dennoch finden wir ihre Spuren auch auf unserem Kontinent in der Mythologie - in Mythen, Märchen, Sagen und Legenden. Auch in der Landschaftsmythologie lassen sich ebenso reiche Quellen entdecken, die bei genauerer Betrachtung die Reste einer blühenden, matriarchalen Mythologie darstellen. Lassen wir einmal die schöngeistige, die psychologische oder die esoterische Lesart von Mythen und Landschaften beiseite, so berichten sie auch von kulturgeschichtlichen Ereignissen, insbesondere von Konflikten der matriarchalen Völker mit erobernden, patriarchal organisierten Kriegergesellschaften. Und was geschah mit den alteuropäisch-matriarchalen Gesellschaften? Sie wurden unterworfen oder zogen sich in unwegsame Landstriche zurück, die wir heute als "Randregionen" bezeichnen. Beispiele sind Irland, die Pyrenäen, die Karpaten und eben auch die Alpen oder der Jura, wo wir noch Spuren eines archaischen Alteuropa in der mündlichen Überlieferung oder der Landschaftsmythologie finden.

Jura - Land der Weißen Göttin

Der mitteleuropäische Jura hat eine ganz besondere geologische Ausprägung. Sein Charakteristikum ist der weiße Kalkstein, den wir dort überall vorfinden. Nun ist landschaftsmythologisch eine weiße Landschaft auch eine sakrale Landschaft, denn Weiß war die Farbe der Erd- und Mondgöttin Alteuropas. Der Jura lässt sich daher gut mit Südengland und seinen weißen Küstenlandschaften oder mit der kalksteinhaltigen Insel Rügen vergleichen. Es ist kein Zufall, dass beide Stätten außerordentliche Kultorte beherbergen und der Weißen Göttin (im Sinn von Robert von Ranke-Graves) geweiht waren. Südengland hieß noch in antiker Zeit Albion, was "weißes (heiliges) Land" bedeutet. Im Jura, in der Region Basel, wiederum finden wir eines der größten, mitteleuropäischen Astronomiesysteme, nämlich die Blauen- und Belchenberge im deutschen Schwarzwald, in den französischen Vogesen und im Schweizer Jura. Verbinden wir diese Orts- und Bergnamen, erhalten wir einen jahreszeitlichen Kalender in Form eines Dreiecks, das mit dem Fluss Rhein zusammenspielt. Die Bergnamen "Blauen", "Ballon" und "Belchen" gehen auf einen Wortstamm bhel zurück, der allgemein weiß, hell oder leuchtend bedeutet. Das astronomische Belchen-Blauen-System war der Weißen Göttin und ihrem Sonnenheros gewidmet, das die erobernden Kelten bei ihrem Eindringen von den alteuropäischen AckerbauerInnen übernommen haben bzw. vereinnahmten. Das geometrische Muster des Dreiecks und der hindurchfließende Lebensfluss Rhein zeigen uns nochmals einen Aspekt der Landschaftsgöttin, nämlich ihren heiligen Kosmos- und Erdschoß zusammen mit der Lebensschlange Rhein, der auch als Drache gedacht wurde. Ganz deutlich sehen wir dies am Portal des Basler Münsters: der christlich-patriarchale Eroberungsgeist, repräsentiert durch St. Georg, tötet mit einem Lanzenstich gleichsam den "Ortsgeist", den atmenden Drachen. Deutlicher könnte das patriarchale Eindringen in die Landschaft der Göttin nicht dargestellt sein.

Die weißen Steine der Göttin

Südwestlich von Basel, im Kanton Jura, zeigen sich weitere Stätten der Weißen Göttin. Eine der Ortschaften heißt Bassecourt, wo in der Hubertus-und-Columba-Kapelle eine weiße Stele bzw. ein weißer Menhir zu entdecken ist. Trotz christlicher Überformung erkennen wir auf seiner Seite eine heilige Öffnung, eine ovale Schoßform, aus der das Volk zu Heilzwecken Steinstaub herausgerieben hat. Auch wird berichtet, dass der Stein der Sitz des hl. Columba war, jedoch ist es naheliegender, dass die weiße Stele eine weitere Erscheinung der Weißen Göttin ist. Auch in der Ortschaft Courgenay im Kanton Jura finden wir sie wieder. An der Strasse nach Porrentruy entdecken wir rechter Hand den so genannten Lochstein (linke Seite), den letzten Rest einer Megalith-Anlage. Er ist die durchlochte Frontplatte eines Steinkistengrabes, das einst mit Erde überdeckt war. Entsprechende Monumente der Vorgeschichte trifft man in der ganzen Region, und so mancher Steinzaun eines Bauernhofes entpuppt sich als bronzezeitlicher Rest einer heiligen Stätte. Auch der Lochstein ist ein weißer Kalkstein, zudem mit einer Öffnung versehen, so dass wir in der ganzen Anlage das Abbild der Weißen Göttin erkennen. Übrigens wurde dort früher Gericht gehalten, und heilbedürftige Kinder wurden durch das Loch - den Schoß - gereicht, was im alten Denken einer (Wieder)-Geburt gleichkam. Sogar das heilige Tier der Göttin finden wir wieder, denn nicht umsonst heißt das Wappentier der Region wouivre, "Drachenschlange", die auch in modernen Gärten des Dorfes bildhauerisch dargestellt ist.

Graubünden - das Paradies der Alpen

Der Jura zwischen Basel und Genf ist ungeheuer reich an alteuropäischen Spuren, und ich kann hier nur einige Beispiele herausgreifen. Doch möchte ich noch auf den Jurasüdfuß und das Mittelland hinweisen. In Yverdon am Neuenburgersee wurde vor gut 30 Jahren eine megalithische Steinreihe ausgegraben, die in ihrer Bedeutung den Vergleich mit Avebury in Südengland nicht zu scheuen braucht. Wie die meisten neolithischen Steinsetzungen ist auch diese Anlage einzig in ihrer Art. Im Mittelland wiederum, westlich von Zürich, liegt die Ortschaft Lenzburg mit einem einzigartigen Hügelsystem, das an Silbury Hill in Südengland erinnert. Drei Hügel bilden eine liegende Landschaftsgöttin, die genau dort eine 6000 Jahre alte Steinkistengrabstätte aufweist, wo ihr heiliger Schoß zu liegen kommt. Da alle Bestatteten in Embryonalhaltung gebettet waren, erschließt sich der Sinn: Die Schlafenden erwarten ihre Wiedergeburt durch die Göttin.

Botschaften der Ortsnamen

Nach dem Jura und dem Mittelland gelangen wir in die Alpen, wo sich besonders im Kanton Graubünden archaische Relikte finden. Wer hätte beispielsweise gedacht, dass in dieser Region eine der frühesten Pflugspuren Europas gefunden wurde? In jene frühe Zeit muss auch die sakrale Stätte Carschenna bei Thusis gesetzt werden. Dort entdeckten die Archäologen einen Felsgrat, der mit unzähligen Felszeichnungen bestückt ist. Besonders faszinierend sind verschiedene konzentrische Kreise, die diesen Ort zu einem Puls des Lebens machen. In der Tat war es ein bedeutender Mittelpunkt der Region. Wer wurde hier verehrt? Mythologische Spuren sind hier leider nicht allzu ergiebig, doch erweist sich der Ortsname carschenna als ein möglicher Schlüssel. Dieser Name setzt sich aus zwei Teilen zusammen, nämlich aus car, einem alteuropäischen (nicht indoeuropäischen, und daher auch nicht keltischen) Steinwort aus der Jungsteinzeit, und zum anderen aus enna (auch anna, danna), welches auf eine Große Göttin Ana oder Dana des Mittelmeergebietes hinweist. Vergleichbar mit diesem alteuropäischen Wort sind die Donau (Danubius), die Göttin Danae auf Kreta, das Land Dänemark oder die alteuropäischen Siedler von Irland, die Tuatha De Danann, was "Volk der Göttin Dana" bedeutet. Neben dem zentralen Ort Carschenna muss auch die Steinstätte von Falera bei Ilanz genannt werden. Die Steinreihen liegen auf einer wunderbaren Anhöhe mit einem einmaligen Panorama zum Tal und in die Alpen. Dass es sich auch um eine astronomische Stätte handelt, zeigt die Beobachtung am 21. Mai und 21. Juli, also gut einen Monat vor und nach der Mittsommerzeit vom 21. Juni. Dann nämlich markiert die Hauptsteinreihe den goldenen Sonnenaufgang im Gebirge nach Nordosten. Die Talschaft Surselva und der Ort Falera mit der sakralen Steinstätte wird durch eine "christliche" Heilige personifiziert, die Margaretha, die eine Angleichung an die vorchristliche Göttin Reitia ist. Sie war die Landschaftsgöttin und verkörperte die Täler Alträtiens, was ein altes Lied von ihr bestens bezeugt.

Rückzugsgebiet Engadin

Doch Carschenna und Falera sind keine Ausnahmen im Rückzugsgebiet der Alpen bzw. Graubündens. Besuchen wir das Engadin, wo sich heute wie überall die moderne Spaßgesellschaft ausbreitet, so finden wir auch dort Relikte der Bronzezeit. Wer würde schon einen Dolmen in St. Moritz vermuten? Das Tal heißt nicht zufällig En-gadin, das wir mit "Garten der Inn" übersetzen können. Denn der Inn (Ainos) trägt wiederum den Namen Anna oder Ana, wie wir dies schon bei Carschenna gesehen haben. Ihr sind der Fluss Inn, die Lebensader, die Talschaft und verschiedene sakrale Steinstätten gewidmet. Diese heissen dann in christlicher Dämonisierung "Hexentanzplätze" oder "Hexenplatten", was letztlich auf die Verfolgung von Ritualen aus mutterrechtlichen Zeiten hinweist. Dennoch werden die Besucherinnen und Besucher des Tales wahrscheinlich staunen über die vielen Wasserfrauen, Wassertiere und Drachen an den Häusern. Gerade die Nixe und der Drache personifizieren den Fluss Inn, die Ana als Landschaftsgöttin, der im Volk wohl nicht zufällig il Dragun ("Drache") genannt wird.