Blaue Berge

Sakrale Landschaften Lettlands

von Janina Kursite erschienen in Hagia Chora 8/2001

Wer kennt schon die entfernteren baltischen Länder wie Lettland? Von der Ferne betrachtet, wirken sie wie in einen geheimnisvollen Dunst gehüllt, so wie die Blauen Berge, von denen Janina Kursite berichtet, um uns die geomantische Qualität Lettlands spürbar zu machen.

Die höchsten Berge Lettlands erreichen kaum 500 m Meereshöhe. Doch sind die Berge ein häufiges Motiv der lettischen Folklore, in der sie eine wichtige Rolle spielen. Dies gilt insbesondere für diejenigen, die als "Blaue Berge" bezeichnet werden. Für sieben der Blauen Berge Lettlands belegen historische Dokumente sowie die Folklore, dass sie über die Jahrhunderte hinweg Schauplätze sakraler Riten waren. Der mit 127 Metern höchste und bekannteste der Blauen Berge liegt bei der Stadt Valmiera, 120 km nordöstlich der lettischen Hauptstadt Riga. Früher befand sich auf seinem Gipfel ein Brunnen, zu dem zur Sommersonnwende die Kranken aus der näheren und weiteren Umgebung pilgerten. Eine Besonderheit der Blauen Bergen sind seltene Pflanzen, die an keinem anderen Ort Lettlands vorkommen oder hier gehäuft oder in einer speziellen Varietät auftreten. So finden sich auf den Blauen Bergen im Westen Lettlands innerhalb des Naturschutzgebietes Slitere der braune Schildfarn (Polystichum braunii) und der dornige Schildfarn (Polystichum aculeatum), die es ansonsten im Land nicht mehr gibt. Auf einem anderen Blauen Berg in der Nähe von Nauk?s-eni haben viele Bäume mehrfach geteilte Wipfel, eine ungewöhnliche Wuchsform. Mehrere Naturplätze der Blauen Bergen tragen den Namen der chthonischen Frauengöttin M-ara - die Höhle M-ara, der Brunnen M-ara - auch der Farn wurde früher M-aras Farn genannt, was auf die Verbindung der Blauen Berge Lettlands mit dem Kultus der Großen Urmutter M-ara verweist.

Historische und mythische Quellen

In den historischen Quellen des 17. und 18. Jahrhunderts findet vor allem der Blaue Berg von Valmiera in Dokumenten zu Hexenprozessen Erwähnung. Im Jahre 1636 verhörte das Rigaer Landesgericht eine lettische Frau namens Anna Buka, die gesteht, dort zusammen mit anderen Frauen geheime Versammlungen abgehalten zu haben. Sie beschreibt, wie man dorthin gelange: Während sie selbst schlafe, fliege ihre Seele an hohen Festtagen fort in die Luft, ihr Körper aber bleibe am Ort. Anna Buka wurde im selben Jahr zusammen mit einer weiteren Frau als Hexe verbrannt. Auch in entsprechenden Gerichtsprotokollen Estlands wird der Blaue Berg bei Valmiera erwähnt. Die Blauen Berge sind ein zentrales Motiv der kosmogonischen Sagen Lettlands.