Das vergessene Herz Albions

Eine Betrachtung über Weltzentren und den Omphalos Englands

von Paul Devereux erschienen in Hagia Chora 8/2001

Das Kraftzentrum des Landes aufsuchen und dessen Bedeutung für die Nation spüren - für deutsches Empfinden ein heikles Unterfangen. Doch ist der "Nabel der Welt" das zentrale Thema der Geomantie, wie Paul Devereux zeigt. Hier veröffentlichen wir erstmals seine Studie über Croft Hill als Zentrum Englands.

Die meisten alten Kulturen der Erde kannten das grundlegende Konzept einer sakralen Weltmitte - eines "Weltnabels" oder Omphalos. Es handelt sich dabei um einen symbolischen Ort in der physikalischen Welt. Dieses ordnende Meta-Thema wurde auf allen Ebenen - in der natürlichen Umwelt, in Stadt, Tempel, Gesellschaft, im menschlichen Körper und in der Psyche - angewendet und war Bestandteil von religiösen Kosmologien, Mythen und vokstümlichem Brauchtum. Weil diese Idee in unserer modernen Kultur verloren gegangen ist, mag sie uns seltsam erscheinen, sie ist jedoch von allen Themen der alten Geomantie wohl das tiefste und bedeutsamste.

Nabel der Welt - Omphalos, Mundus

Das Konzept der Weltmitte ist nicht auf einzelne Kulturen beschränkt, wie einige zufällig herausgegriffene Beispiele zeigen. Die alten Griechen besaßen Steine mit abgerundeter Spitze, so genannte Omphaloi, in ihren Tempeln, die solche Plätze als Weltnabel kennzeichneten. Das klassische Beispiel ist der Orakeltempel zu Delphi, wo noch heute zwei solcher Nabelsteine besichtigt werden können. Die Etrusker in Norditalien hatten einen Omphalos in Form einer Grube, die sie in den Zentren ihrer Städte anlegten und die als Ausgangspunkt für die Anlage des rechtwinkligen Straßennetzes diente. Diese Grube führte dem Mythos nach direkt in die Unterwelt und wurde durch einen großen Stein abgedeckt, der nur an jenen besonderen Tagen des Jahres entfernt wurde, an denen die Toten sich unter die Lebenden mischen durften, oder wenn die ersten Feldfrüchte als Ernteopfer in die Grube geworfen wurden. Die Römer übernahmen viele Traditionen von der älteren Etruskerkultur: ihre zentrale Grube, die bei den Römern mundus hieß, war von etruskischen Auguren angelegt worden, die auch unter der römischen Hegemonie weiter ihres Amtes walteten. Mundus bedeutet Welt oder Universum und ist ein Wort, das vermutlich von dem etruskischen Begriff für die zentrale Grube abgeleitet war. Während des gesamten römischen Reiches legten die Römer immer einen Mundus im Zentrum ihrer Städte und sogar ihrer Militärlager an. Die Anlage des Straßennetzes begann stets an jener Stelle, wo die zentrale Straße in Nord-Süd-Richtung (cardo) und diejenige in Ost-West-Richtung (decumanus) sich kreuzten. Cardo gibt die Kardinalpunkte des Kompasses, Nord und Süd, Ost und West, vor. In den von den Römern angelegten Marktstädten Britanniens nannte man den Mundus später das "Kreuz" oder das "Hohe Kreuz" (High Cross). Ein Weltmitte-Schema liegt auch der keltischen Landschaft des vorchristlichen Irland zugrunde, das in die vier alten Provinzen Ulster, Munster, Leinster und Connacht geteilt war. Diese trafen sich in der alten Provinz der Mitte, Mide, wo der Hill of Uisneach liegt (heute auf dem Territorium der modernen Grafschaft Westmeath). Am Abhang des Hügels werden noch heute um den Cat Stone, einen großen Felsblock mit dem gälischen Namen Aill na Mireann, "Stein der Teilungen", Maifeste gefeiert. Jerusalem besitzt sowohl für Juden, Moslems wie auch für Christen einen speziellen Status als Weltnabel. Im mittelalterliche Christentum findet dies seinen Ausdruck in den verschiedenen Mappae Mundi, den religiöse Weltkarten mit Jerusalem als Mitte. In Nordeuropa, dem arktischen Eurasien und Sibirien wurde das Weltzentrum als Weltenbaum oder Weltachse (Axis Mundi) dargestellt. Die Jakuten des nordöstlichen Sibirien glaubten, am "goldenen Nabel der Erde" stehe ein Baum mit acht Ästen. Der bekannteste Weltenbaum ist jedoch die nordische Yggdrasil. Der europäische Maibaum und der Weihnachtsbaum widerspiegeln vermutlich dieses Axis-Mundi-Thema. Selbst in Nord- und Südamerika existiert diese Vorstellung. Die Lakota-Indianer errichten bei ihrem Sonnentanz im Zentrum des Tanzplatzes einen Sonnenpfahl. In einer Astgabel unter der Spitze des Pfahles bringen sie Sweetgrass, Salbei und Büffelhaar an. Diese Handlung wird begleitet von einem Lied mit folgenden Worten:
Im Zentrum der Erde
Steh und schau um dich.
Erkenn deinen Stamm,
steh und schau um dich.


Indianische Traditionen

Auf ganz ähnliche Weise war das Konzept, das eigene Dorf mit dem "Ort der Mitte" gleichzusetzen, für die Kosmologie der Pueblo-Indianer im amerikanischen Südwesten grundlegend. Nach ihrem Schöpfungsmythus sind die Pueblo-Indianer aus der Erde hervorgegangen. Der Ort, wo dies geschehen sein soll, wird symbolisiert durch den Sipapu, ein Loch im Erdboden der Kiva, dem Raum, der in jedem Pueblo für Zeremonien reserviert ist. Der Stamm der Tewas von den Puebloindianern des westlichen New Mexico betrachtet das Zentrum seiner Dörfer als heilige "Erdmutter, Erdnabel, Ort der Mitte". Die Hauptstadt der Azteken, Tenochtitlan, das heute unter dem modernen Mexico-City begraben liegt, war nach den vier Himmelsrichtungen angelegt, mit der Hauptpyramide, dem Templo Mayor, in der Mitte. Mexico-City weist noch heute Spuren dieses kosmologischen Grundrisses auf. Die Vierteilung der Welt war tief im aztekischen Weltbild verankert, wie auch in demjenigen vieler anderer präkolumbischen Indianerkulturen. Für die nordamerikanischen Oglala Sioux war der Mount Harney in Süddakota das Zentrum der Welt. Dieser Ort wurde berühmt wegen der visonären Schau des berühmten heiligen Mannes der Oglala Sioux, Schwarzer Elch, in welcher er auf die Spitze des Berges versetzt wurde. Die gesamte Vision ist durchdrungen von der mächtigen und unvergesslichen Symbolik der Mitte und der sechs Himmelsrichtungen - Norden, Süden, Osten, Westen, oben ("Himmel") und unten ("Erde"). Obwohl der Harney Peak in seiner Vision der physische Repräsentant der Weltachse war, bemerkte der weise alte Schwarze Elch: "Überall ist die Mitte der Welt."

Der mythische Berg der Hindus

Auch die Kulturen des Orients kannten das Bild eines Berges der Mitte. In der indischen (Hindu-)Kosmologie ist es der mythische Berg Meru - physisch verkörpert durch den Himalaya-Berg Kailash -, der in der Mitte der Welt steht. In Indien baute man selbst Städte, nicht nur Tempel, nach dem Bild des Universums mit einer symbolischen Repräsentation des Berges Meru im Zentrum. Noch im 18. Jahrhundert wurde die Stadt Jaipur in Rajasthan nach diesem traditionellen Modell errichtet. Das Bild des Kosmischen Berges spielt auch in Südostasien eine Rolle. Die Mauern und Gräben der alten Stadt Angkor in Kambodscha stellen die Welt dar, umgeben von einer Bergkette und vom kosmischen Ozean, und der Tempel in ihrem Zentrum repräsentiert den Berg Meru. Ganz Thailand wurde als Verkörperung des Universums, mit einer Teilung in vier Provinzen und einer zentralen Hauptstadt, betrachtet. Im Zentrum der Hauptstadt wiederum befand sich der Königspalast - mit dem König im Herzen der Welt.

Die Axis Mundi

Die Axis Mundi sah man auch am Himmel repräsentiert. In vielen frühen Gesellschaften wurde das Firmament des Himmels als Dach oder Zelt betrachtet, und der Polarstern, der als fix erscheint, schien das Himmelszelt wie eine Zeltstange zu stützen, um die herum der Himmel sich dreht. Der Polarstern markiert den nördlichen Himmelspol - wenn man sich am Nordpol befindet, scheint er direkt über dem Kopf zu stehen. Von einem südlicheren Standort aus sieht man ihn unter einem Winkel über dem Horizont, der der geographischen Breite entspricht. Die Lappen und andere arktische Bewohner Europas wie auch die sibirischen Rentier-Hirtenvölker nannten den Polarstern den "Nagelstern". Bei den Burjaten Südsibiriens heißt er die "Weltsäule". Der Polarstern leuchtet auch über dem hinduistischen Weltberg Meru, was die Identifikation des mythischen Berges mit der Weltachse noch unterstreicht. Der Weltnabel verlieh nicht nur dem Himmel und dem Land ihre Ordnung, er wurde auch in die Struktur von Bauwerken einbezogen. Für die sibirischen Rentierhirten, wie z.B. die Sojoten und Burjaten, war die Mittelstange des Zeltes die Zentralachse des Himmels. Der Pfahl selbst war heilig. Auf einem kleinen Stein an seiner Basis wurden Opfergaben niedergelegt. Der Mittelpfahl gehörte, bzw. gehört heute noch, zur Struktur vieler Wohnstätten in Stammeskulturen, wie z.B. der Ainu der nordjapanischen Insel Hokkaido und des russischen Sachalin, vieler amerikanischer Ureinwohner und der Khasis im nordöstlichen Indien (Assam). In allen diesen Kulturen war es Brauch, Opfergaben am Fuße des Pfahls darzubringen. In vielen alten und traditionellen Gesellschaften wurde auch das häusliche Feuer als Omphalos der Wohnstätte betrachtet.

Schamanische Verbindung der Welten

Die Weltmitte als Modell für Wohnstätten bringt das Bild auf eine intimere und menschlichere Dimension. Aber selbst auf dieser häuslichen Ebene sind wir noch nicht ganz bei seinen tiefsten Wurzeln angekommen, die direkt in Körper und Seele der menschlichen Existenz liegen, denn das Bild der Weltmitte oder des Weltnabels ist im Wesentlichen eine Projektion der menschlichen Physiologie. Der Organismus des Menschen ist eine Achse durch den Schnittpunkt der vier körperlichen Dimensionen (vorne, hinten, links, rechts), die in die vier Himmelsrichtungen ausgedehnt werden. Die Weltmitte ist somit hier, und dieses "hier" tragen wir mit uns. Dieser Umstand ist im wörtlichen Sinne die Crux des uralten Instinktes für die Weltmitte und gibt auch die Antwort auf die Frage, warum diese überall sein kann. "Hier" ist immer die Mitte, und all die Milliarden menschlicher Wesen auf diesem Planeten befinden sich in der Mitte ihrer Welten. Wie tief diese vier Hauptrichtungen unserer körperlichen Existenz und Raumwahrnehmung in unserem Unbewussten verankert sind, zeigt sich in C.G. Jungs Identifikation eines seelischen Archetyps der Quaternität. Jung sprach in diesem Zusammenhang von einem "Prozess der Zentrierung und der radialen Anordnung". Die Suche nach der Mitte kann noch tiefer gehen als bis zum menschlichen Körper. Die geheimnisvolle Achse in der Mitte der Welt war auch ein wichtiges Element des Schamanismus, denn sie wird dort als Passage zwischen dieser und anderen Welten oder Bewusstseinszuständen betrachtet. Das elementarste schamanistische Weltmodell ist dasjenige der Drei Welten, die durch eine vertikale "Achse" verbunden sind: der Unterwelt, der mittleren Welt der menschlichen Existenz und der Oberwelt der Götter. Der Schamane "reist" in Trance in die anderen Welten, fliegt zum Weltenbaum, dem kosmischen Berg oder wie auch immer man sich die Axis Mundi in der betreffenden Kultur vorstellte. Dieser Weltachse entlang bewegte sich der Schamane "hinauf" oder "hinunter", um in die Unterwelt oder die Welt des Himmels zu gelangen. Der hölzerne Rahmen einer sibirischen Schamanentrommel war überlieferungsgemäß "aus einem Zweig des Weltenbaums gebildet", und ein Bild des Urbaums zierte auch oft das Trommelfell. Auf dem Zeremonialgewand eines Schamanen vom Stamm der Goldi prunkte eine Darstellung des Weltenbaums. Die sibirischen Tschuktschen hielten den Polarstern für ein Loch im Himmel, durch welches ein Zugang zu den Geisterwelten möglich war. Der Geist des sibirischen Schamanen schwebte mit dem Rauch des zentralen Feuers durchs Rauchloch in der Mittte des Dachs, das manche Stämme ebenfalls mit dem Polarstern in Zusammenhang brachten.

Zwischen Himmel, Erde und Zeit

Die Weltmitte am Schnittpunkt der vier Himmelsrichtungen ist der Spalt zwischen den Welten, der Ort, an dem Kommunikation mit den Geistern und Göttern möglich ist und wo ein Zutritt zu den geistigen Welten stattfinden kann. Nach außen über Körper und Geist hinaus projiziert, wird sie zum Referenzpunkt für die Strukturierung der Erde und des Himmels, und so auch von Raum und Zeit. Mit anderen Worten, die Weltmitte verlieh einem Volk sowohl seine territoriale Verankerung wie auch seine Koordinaten im symbolischen Raum; sie gab ihm seinen Ort in der kalendarischen und auch in der mythischen Zeit, und sie half ihm, seinen inneren Raum zu kartographieren. Die Bildwelt und Kosmologie der Weltmitte ist im Wesentlichen ein physiologischer und neurophysiologischer Reflex. Es ist die Erfahrung des "Hier"-Seins in ihrer Übertragung auf einen größeren Maßstab. In früheren Zeiten nahm man die Zyklen des Himmels von einem geozentrischen Standpunkt aus wahr - die zentrale Erde war umgeben vom Universum, und es war das Firmament, das sich bewegte, nicht unser Planet. Aber mit Kopernikus und dem auf ihn folgenden Zeitalter des Denkens, das wir das wissenschaftliche nennen, verlor die Erde ihre zentrale Position im Universum und wurde zu einem bloßen Krümel in einem unendlichen kosmischen Raum - einem Kosmos ohne Peripherie und Mitte. Diese Entwicklung blieb keine bloße astronomische Angelegenheit, sondern wurde zur Grundlage unserer heutigen Kosmologie. Deshalb hat sie tiefgreifende kulturelle Auswirkungen und prägt die Art, wie jedes Mitglied der modernen Gesellschaft seinen oder ihren Platz in dieser Welt wahrnimmt. Unsere moderne Kultur ist im wahrsten Sinne des Wortes "exzentrisch", ein Wort, das vom griechischen ekkentrikos abgeleitet ist und "aus der Mitte heraus gerückt" bedeutet. Wir sind verloren im All.

Nationale Nabelschau

Viele alte Länder hatten einen allgemein anerkannten territorialen Omphalos, und noch heute besitzt jedes Land seinen optimalen geographischen Mittelpunkt - seinen nationalen Nabel, der mit dem symbolischen nationalen Omphalos zusammenfallen mag oder nicht. Weil die Grenzen eines Landes in der Regel unregelmäßig sind, gibt es meistens mehrere Orte, die sich um die Ehre des nationalen territorialen Zentrum streiten. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel gilt ein Ort in der Nähe von Lebanon im Bundesstaat Kansas als Kandidat für das Zentrum der kontinentalen USA (ohne Alaska und Hawaii); den Ort kennzeichnet eine Steinplatte mit einer Bronzetafel als Fundament für eine Fahnenstange mit dem Sternenbanner. Mit ihm rivalisieren unter anderem Junction City und Fort Riley. Wenn Alaska berücksichtigt wird, verschiebt sich das Zentrum nach Castle Rock in Süddakota. In Australien wurde 1988, anlässlich der Zweihundertjahrfeier als moderner Staat, ein offizieller Versuch gemacht, das territoriale Zentrum des Landes zu bestimmen. Mit Hilfe der Triangulation von Tausenden von Küstenpunkten, was die Berechnung des exakten Zentrums der Landmasse erlaubte, kam man auf das Gebiet der Lilla Creek Station nahe der südlichen Grenze des Nordterritoriums. Der Ort wurde durch eine Kopie der Fahnenstange vor dem Parlament in Canberra markiert. Doch damit war die Angelegenheit nicht für alle erledigt, denn andere Experten waren der Auffassung, es hätte eine andere Berechnungsgrundlage verwendet werden müssen. Ungeachtet dessen haben die Bewohner des nahegelegenen Alice Springs ihre Stadt schon immer als Mitte des Landes betrachtet, während die Aborigines seit unzähligen Generationen das beeindruckende Naturdenkmal des Uluru (Ayers Rock), ebenfalls nicht weit entfernt, als Herz des Landes sahen. Auch für das Zentrum von Frankreich gibt es mehrere Kandidaten. Am umstrittensten sind einige Dörfer bei der Stadt Bourges, die ihren Namen von den Biturigern, einem keltischen Stamm, ableitet. Der Ort, der von einer Mehrheit als Nabel Frankreichs akzeptiert wird, ist Chateaumeillant (Mittlere Burg), das in der Tat sehr nahe am geographischen Zentrum des Landes liegt. Ein weiterer Kandidat ist jedoch Chartres, das weiter nördlich liegt. Heute berühmt für seine prächtige gotische Kathedrale, war Chartres einst wichtiger Versammlungsplatz des vorchristlichen Keltenstammes der Karnuten: Cäsar bemerkte, sie betrachteten ihr Territorium als "Zentrum ganz Galliens". Es war ganz allgemein Brauch bei den heidnischen Kelten, ihre wichtigsten religiösen und Gerichtsplätze im Zentrum ihrer Territorien anzulegen.

Das vergessene Herz Albions

Vor vielen Jahren erwachte mein Interesse für die symbolischen Zentren meines eigenen Landes England, des alten Albion, doch ich stellte fest, dass dies ebenfalls eine sehr konfuse Angelegenheit war, da auch hier eine Reihe mehr oder weniger zentral gelegener Örtlichkeiten miteinander wetteiferten. Der Ehrwürdige Bede, ein englischer Mönch und Historiker des 7. und 8. Jahrhunderts, identifizierte Lichfield in der Grafschaft Staffordshire als Angli Mediterranei, die Mitte Englands. Als genauer Platz dieses Nabels gilt die heutige Kathedrale. Ein Ort, der oft als geographisches Zentrum Englands propagiert wird, ist das unscheinbare Dorf Meriden in Warwickshire, aber dieser Anspruch wird von keiner Autorität unterstützt. In dem alten walisischen "Mabinogion" berichtet die eigenartige Geschichte von "Ludd und Llefelys", dass der keltische König Ludd seinen Bruder Llefelys angewiesen habe, die Länge und die Breite der britischen Insel zu messen, um seine Mitte zu bestimmen. Dort solle er einen Schacht graben, darin einen Bottich des besten Biers aufstellen und diesen mit einem Stück Seide bedecken. Mit dieser List sollte Llefelys zwei Drachen fangen, die an dieser Stelle miteinander kämpften und dabei ein schreckliches Kreischen von sich gaben, das im ganzen Land zu vernehmen war. Ludd ließ also die Insel vermessen, und als ihr Mittelpunkt wurde laut Mabinogion Oxford bestimmt. Die römischen Feldmesser identifizierten das Zentrum Englands (entlang der Achse von der Südküste bis zum Hadrianswall im Norden) als Venonae, das sie als Kreuzungspunkt für zwei ihrer großen Straßen, Watling Street und Fosse Way, festlegten. Heute ist das ein abgelegener Ort an der Grenze zwischen Warwickshire und Leicestershire, ein paar Meilen vor Hinckley. Hier grenzen vier Pfarreien aneinander, und wegen ihrer erhöhten Lage - sie macht es angeblich möglich, von hier aus mit bloßem Auge 57 Kirchen zu sehen - wurde die Straßenkreuzung als Standort für ein Leuchtfeuer verwendet. Im Jahr 1711 errichtete man zur Erinnerung an das römische Venonae auch eine Säule, von der heute aber nur noch der Sockel steht. Weitere Kandidaten für den Omphalos sind unter anderem Midland Oak in Lillington, in der Nähe von Leamington Spa, und die zentrale Straßenkreuzung in Dunstable, wo sich die Watling Street mit einer weiteren römischen Straße, dem Icknield Way, kreuzt und die vier von dem Punkt ausgehenden Straßen nach den vier Himmelsrichtungen benannt sind.
Meine eigenen geomantischen Nachforschungen haben einen weiteren Kandidaten für den englischen Omphalos zu Tage gefördert - Croft Hill in Leicestershire. Ich folge dabei dem Lokalhistoriker T.L. Walker, der 1879 über diesen auffallend symmetrischen und stimmungsvollen Hügel ein paar Meilen südwestlich der Stadt Leicester schrieb: "Jede der frühen Nationen scheint ihren Heiligen Hügel oder Omphalos gehabt zu haben. Im antiken Gallien soll sich im Zentrum des Landes, am Fluss Legre oder Loire, ein Mesomphalos befunden haben, wo sich die Druiden periodisch für spezielle Zeremonien und Ratsversammlungen trafen. Dieser Mesomphalos war ein isolierter Hügel in der Mitte einer Ebene ... Die Idee eines solchen Mesomphalos soll von Britannien übernommen worden sein. Da hier bisher kein Druidentempel beschrieben wurde, der dem gallischen Mesomphalos entsprechen würde, dies aber bei Croft Hill der Fall ist, der in der Tat ein isolierter Hügel in der Mitte einer Ebene ist, beinahe im Zentrum des Landes am Ufer des Flusses Leire oder Soar, und noch heute an seinem Fuße Spuren eines Grabens zeigt, schien es mir wohl möglich zu sein, dass dieser Hügel der Mesomphalos der britischen Druiden gewesen sein könnte."

Croft Hill

Es gibt eine Reihe von Argumenten für diese Idee, denn Croft Hill erhebt sich nicht nur praktisch am Ufer des River Soar, sondern ist außerdem nur knappe vier Meilen vom Dorf Leir entfernt. Dieser Ortsname wird zurückgeführt auf das Wort Legra, das dieselbe Bedeutung wie der französische Flussname Loire besitzt (die Loire hieß im alten Gallien Ligeris). Croft Hill war ohne Zweifel in der Vergangenheit ein wichtiger Ort: im Jahre 836 n.Chr. hielt König Wiglaf von Mercia dort eine Ratsversammlung ab, an der bedeutende Würdenträger wie der Erzbischof von Canterbury und elf weitere Bischöfe teilnahmen. Andere Chroniken lassen auch vermuten, dass Croft Hill ein Freiluft-Gerichtsplatz und Standort eines jährlichen Marktes gewesen sein könnte. Obwohl Croft Hill nur ein niedriger Hügel ist, nimmt er trotzdem eine auffallende Position in der flachen Landschaft der Umgebung ein, und von seiner Spitze aus genießt man eine hervorragende Sicht. Er liegt fast genau auf der Mitte einer Linie, welche die Küste von Norfolk im Osten mit der walisischen Küste im Westen verbindet, und befindet sich weniger als drei Meilen von der Nord-Süd-Achse der römischen Vermessung (und nur fünf Meilen von High Cross) entfernt. Er ist also sehr zentral. Der alte Name von Croft Hill war Crebre, ein keltisches Wort, das aus den zwei Elementen bre, Hügel, und cre besteht, was möglicherweise von craeft, "rotierende Maschine" (wie z.B. Mühlen, die ja in einigen europäischen Traditionen, einschließlich der germanischen, gewisse symbolische Assoziationen zur Axis Mundi besitzen) abgeleitet ist. Im nahegelegenen Dorf Croft gibt es eine Arbor Road, und arbor kann sich auch auf die Achse eines Rades beziehen. Alles in allem genügend Hinweise, dass der Hügel früher mit der Vorstellung einer Radnabe oder eines Drehpunktes in Zusammenhang gebracht wurde.

Der vorrömische Nabel Englands

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Croft Hill der vorrömische Nabel-Ort Englands, ja der gesamten südlichen Hälfte der britischen Inseln ist. Bei meinen Besuchen jedoch schien niemand sich der symbolisch-geographischen Bedeutung des Hügels bewusst zu sein. Er liegt einsam und verlassen da, das seit langem vergessene Herz Albions. Wie andere westliche Kulturen hat auch England ein gebrochenes Herz und versteht den Wert des sakralen Raumes nicht mehr.
Selbstverständlich kann man sich auf verschiedene Weise dem Zentrum einer Nation nähern - geographisch, symbolisch, begrifflich, und auch Sie, liebe LeserInnen von Hagia Chora, werden Ihre Wahl treffen. Ich lege Ihnen eindringlich ans Herz: Suchen Sie Ihre persönliche Mitte auf, und lassen Sie sich dort auf das Gefühl ein, im Zentrum Ihres Landes zu stehen, um auf diese Weise die innere und äußere Symbolik der Heiligen Mitte zu vollenden. Denken Sie dabei an die Verse der Lakota-Indianer, die sie am Fuße ihres Sonnentanz-Pfahls gesungen haben:
Im Zentrum der Erde
steh und schau um dich.
Erkenn deinen Stamm,
steh und schau um dich.