Das vergessene Herz Albions

Eine Betrachtung über Weltzentren und den Omphalos Englands

von Paul Devereux erschienen in Hagia Chora 8/2001

Das Kraftzentrum des Landes aufsuchen und dessen Bedeutung für die Nation spüren - für deutsches Empfinden ein heikles Unterfangen. Doch ist der "Nabel der Welt" das zentrale Thema der Geomantie, wie Paul Devereux zeigt. Hier veröffentlichen wir erstmals seine Studie über Croft Hill als Zentrum Englands.

Die meisten alten Kulturen der Erde kannten das grundlegende Konzept einer sakralen Weltmitte - eines "Weltnabels" oder Omphalos. Es handelt sich dabei um einen symbolischen Ort in der physikalischen Welt. Dieses ordnende Meta-Thema wurde auf allen Ebenen - in der natürlichen Umwelt, in Stadt, Tempel, Gesellschaft, im menschlichen Körper und in der Psyche - angewendet und war Bestandteil von religiösen Kosmologien, Mythen und vokstümlichem Brauchtum. Weil diese Idee in unserer modernen Kultur verloren gegangen ist, mag sie uns seltsam erscheinen, sie ist jedoch von allen Themen der alten Geomantie wohl das tiefste und bedeutsamste.

Nabel der Welt - Omphalos, Mundus

Das Konzept der Weltmitte ist nicht auf einzelne Kulturen beschränkt, wie einige zufällig herausgegriffene Beispiele zeigen. Die alten Griechen besaßen Steine mit abgerundeter Spitze, so genannte Omphaloi, in ihren Tempeln, die solche Plätze als Weltnabel kennzeichneten. Das klassische Beispiel ist der Orakeltempel zu Delphi, wo noch heute zwei solcher Nabelsteine besichtigt werden können. Die Etrusker in Norditalien hatten einen Omphalos in Form einer Grube, die sie in den Zentren ihrer Städte anlegten und die als Ausgangspunkt für die Anlage des rechtwinkligen Straßennetzes diente. Diese Grube führte dem Mythos nach direkt in die Unterwelt und wurde durch einen großen Stein abgedeckt, der nur an jenen besonderen Tagen des Jahres entfernt wurde, an denen die Toten sich unter die Lebenden mischen durften, oder wenn die ersten Feldfrüchte als Ernteopfer in die Grube geworfen wurden. Die Römer übernahmen viele Traditionen von der älteren Etruskerkultur: ihre zentrale Grube, die bei den Römern mundus hieß, war von etruskischen Auguren angelegt worden, die auch unter der römischen Hegemonie weiter ihres Amtes walteten. Mundus bedeutet Welt oder Universum und ist ein Wort, das vermutlich von dem etruskischen Begriff für die zentrale Grube abgeleitet war. Während des gesamten römischen Reiches legten die Römer immer einen Mundus im Zentrum ihrer Städte und sogar ihrer Militärlager an.

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