Europa der Fahrenden Völker

Auf der Suche nach dem richtigen Ort

von Sergius Golowin erschienen in Hagia Chora 8/2001

Selbst heute noch finden in Europa erzwungene Siedlungsbewegungen ganzer Volksstämme statt. Die Fahrenden Völker allerdings waren frei, den richtigen Ort zu finden. Sergius Golowin macht die Erinnerung lebendig.

Viele Geschichten über die Stämme von Mitteleuropa, wie wir sie in mündlichen Sagen heraushören oder in alten Chroniken nachlesen, wirken gegenüber den ideologischen Behauptungen des 20. Jahrhunderts erstaunlich modern und sogar zukunftsweisend. Der bayerische Geschichtsschreiber Aventin - er wirkte vor einem halben Jahrtausend und wurde immerhin zu einem Anreger des Gesamtkunstwerks der Ludwig-Schlösser - behauptete: "Nichts ist Beständiges in dieser Welt, es verkehrt sich alles. Wie die Menschen absterben, also verändern sich auch Land und Leute." Er versicherte, sich gelegentlich auf mündliche Quellen stützend: Die einheimischen Völker hätten "keine feste Wohnung gehabt, seien wie Zigeuner hin und her gezogen". Die Schwaben hätten "um die Karpathischen Gebirge gewohnt". Von den Schweizern berichtet er als Tatsache, sie "haben in Polen herwärts der Weichsel gegen Westen gewohnt". Als drei Stämme im ausgehenden 13. Jahrhundert den Bund der Eidgenossen, die Vorstufe des Schweizer Staates, bildeten, betrachteten sie sich keineswegs als ein Volk mit gleichen Bräuchen. Wie wir beim Chronisten Etterlin und in Sagen finden, sahen sich die Urner als aus dem Osten in ihre Bergtäler eingewanderte Hunnen, die Schwyzer als Schweden und die Unterwaldner als Römer. Die später hinzukommenden Stämme glaubten an verschiedenartigste Herkunft, etwa von den arabischen Sarazenen oder den Slawen und Ungarn. Auf der Bergweide Rütli, auf der die drei ersten Stämme den Treueeid schworen, sprudeln drei Quellen. Sie sollten das Zeichen der Erde sein, dass die aus verschiedenen Windrichtungen eingewanderten Stämme in ihrem Willen zu Unabhängigkeit und Freiheit einig waren. Als Kind hörte ich noch, dass ein Trunk aus den drei Quellen zu Gesundheit und Glück des Menschen beitragen kann.

Wegweiser für gutes Land

Will der Mensch auf der Erde weiterziehen und eine Heimat, die er von ganzem Herzen lieben kann, finden, muss er erst in alle Richtungen von Mutter Erde blicken. Aus diesem Grunde, wurde fest geglaubt, sei der Überblick vom Berg aus die beste Hilfe für die Entscheidung: Als das Land noch nicht übervölkert war, war es dann recht leicht, in die gewählte Richtung weiterzuwandern. Man soll an diesem Ort oft eine ganze Woche geblieben sein. Werkzeuge, verwendet nach alter Erfahrung, sollten den richtigen Rat geben: Da war die Rute aus dem Haselzweig, die, wenn sie ein empfänglicher Mensch in den Händen trug und sich im Uhrzeigersinn nach den vier Windrichtungen drehte, sich deutlich bewegt haben soll, zumindest wenn sie genau in jene Windrichtung wies, die zum Platz der Erfüllung der Wünsche zeigte. Dann gab es das Pendel, meistens ein Ring, am besten aus Gold, Silber oder Kupfer, den etwa eine Frau der Familie an einem eigenen langen Haar niederhängen ließ. Sie hielt ihre Hand nach Möglichkeit ruhig, so dass der Gegenstand in der Luft stillstand: Selbstverständlich durfte zuerst kein noch so leises Windlein sein, der das Ding mitriss. Auch hier drehte sich der Pendler nach allen vier Seiten. Auf einmal begann "die Luft zu blasen" oder sie blieb weiterhin still, oder aber das kleine Gewicht begann wie von selber zu schwanken. Hier war entscheidend, ob es in einer bestimmten Richtung besonders lebhaft kreiste, als würde es durch einen fernen Magneten angezogen.

Die Gabe der Ahnung

Eine alte Frau aus einer Familie von Fahrenden erzählte, wie ihre Vorfahren, wenn sie in eine ihnen noch unbekannte Gegend einwandern mussten, zuerst in möglichst unberührte Waldberge zogen. Sie wohnten dort und beobachteten die Natur. Sie war überzeugt, die Natur gebe in ihren äußeren Zeichen auch Hinweise über die inneren Qualitäten für den Menschen. Als wichtig sah sie es vor allem an, welche wilden Tiere in jeder Gegend auffallen. Der Zusammenhang scheint einst auch von den Einheimischen geglaubt worden zu sein: Entsprechende Geschöpfe wurden ja gern an Hütten und Hausrat abgebildet oder schmückten die Wappen von Dörfern oder einzelnen "alten" Geschlechtern. Ist ein Gebiet zum Beispiel voll von Hasen, so war es die Überzeugung, dass dort die Frauen von einer besonderen Fruchtbarkeit gesegnet seien. Auch soll hier das Geschlechts- und Liebesleben fast das ganze Jahr von Bedeutung sein - genau wie bei den Hasen, bei denen Weibchen und Männchen einander nur in dem Monat vor dem wahren Frühlingsbeginn Ostern meiden. Heulen in einer Gegend noch die Wölfe, wie es offenbar damals in den Waldbergen des Jura der Fall war, so bietet sich das Land für besonders kühne, kampflustige und freiheitsliebende Menschen an. Wimmeln in einer Gegend die Moore von fleißigen Bibern, eignet es sich besonders für das fleißige Ausüben des Handwerks, auch für das Errichten von Bauwerken aus Holz. Wo Bären waren, dort war man sicher, dass in diesem Land "gute Mütter" seien, Menschenfrauen, die mit besonders viel Geschick ihre "Jungen" hüteten und aufzogen.

Das Raten der Richtung

Nur einmal habe ich es selbst ausführlich vernommen, und ich glaube, dass auch hier ein wahrer Kern des Brauches vorliegt: Ein weitaus besserer Wegweiser zur Wohnungssuche als die "Zauberbräuche" mit Pendel oder Wünschelrute ist das "Raten der Richtung", wobei man sich in eine Stimmung versetzt, in der die Qualität der Richtungen gefühlt werden kann. Gut ist für das Raten der Richtung wiederum, eine Erhöhung in der Landschaft zu wählen, wo eine Störung der Gedanken unwahrscheinlich ist. Meist weist ein solcher Platz "Zeichen" auf, die das Volk der Umgebung zum Beweis nahm, dass ihn von jeher Menschen dazu benutzten, Rat zu finden: Das konnten alte Bäume oder auffallender Kräuterwuchs sein, ein Quell in der Nähe oder mächtige Steine, ob nun aus Naturvorgängen der fernen Vergangenheit oder auch künstlich von Menschen aufgetürmt. Selbstverständlich konnten sich dort auch Ruinen von Bauwerken finden, deren Bedeutung von dunklen Sagen bezeugt wurde. Hier konnte man dann, etwa im Mondschein oder im Kreis um ein Lagerfeuer, alte überlieferte oder neu geträumte und daraus gedichtete Geschichten über die Gebiete erzählen, in die man von dem bedeutsamen Platz aus leicht einwandern könnte. Dabei gingen die Erzählungen von den unterschiedlichen Stimmungen aus, die von jeher mit den Richtungen Osten, Süden, Westen und Norden verbunden waren. So vermutete man im Sonnenaufgang Völker mit Unternehmungslust, die gern auf Abenteuer sinnen. In Richtung Abend sollten diejenigen ziehen, die den Lebensgenuss suchten oder hofften, sich von ihrer Tage Mühen erholen zu können. Waren die Wanderer von der Begeisterung über solche Geschichten entzündet, und wurde das Erzählen und Zuhören etwa mit Geigenmusik noch lebendiger, wurde es ihnen auf einmal klar: Plötzlich stieg in ihren Seelen das Gefühl auf, nach welchen Zielen sie ihre nächsten Schritte zu richten hatten.