Europa der Fahrenden Völker
Auf der Suche nach dem richtigen Ort
Selbst heute noch finden in Europa erzwungene Siedlungsbewegungen ganzer Volksstämme statt. Die Fahrenden Völker allerdings waren frei, den richtigen Ort zu finden. Sergius Golowin macht die Erinnerung lebendig.

Viele Geschichten über die Stämme von Mitteleuropa, wie wir sie in mündlichen Sagen heraushören oder in alten Chroniken nachlesen, wirken gegenüber den ideologischen Behauptungen des 20. Jahrhunderts erstaunlich modern und sogar zukunftsweisend. Der bayerische Geschichtsschreiber Aventin - er wirkte vor einem halben Jahrtausend und wurde immerhin zu einem Anreger des Gesamtkunstwerks der Ludwig-Schlösser - behauptete: "Nichts ist Beständiges in dieser Welt, es verkehrt sich alles. Wie die Menschen absterben, also verändern sich auch Land und Leute." Er versicherte, sich gelegentlich auf mündliche Quellen stützend: Die einheimischen Völker hätten "keine feste Wohnung gehabt, seien wie Zigeuner hin und her gezogen". Die Schwaben hätten "um die Karpathischen Gebirge gewohnt". Von den Schweizern berichtet er als Tatsache, sie "haben in Polen herwärts der Weichsel gegen Westen gewohnt". Als drei Stämme im ausgehenden 13. Jahrhundert den Bund der Eidgenossen, die Vorstufe des Schweizer Staates, bildeten, betrachteten sie sich keineswegs als ein Volk mit gleichen Bräuchen. Wie wir beim Chronisten Etterlin und in Sagen finden, sahen sich die Urner als aus dem Osten in ihre Bergtäler eingewanderte Hunnen, die Schwyzer als Schweden und die Unterwaldner als Römer. Die später hinzukommenden Stämme glaubten an verschiedenartigste Herkunft, etwa von den arabischen Sarazenen oder den Slawen und Ungarn. Auf der Bergweide Rütli, auf der die drei ersten Stämme den Treueeid schworen, sprudeln drei Quellen. Sie sollten das Zeichen der Erde sein, dass die aus verschiedenen Windrichtungen eingewanderten Stämme in ihrem Willen zu Unabhängigkeit und Freiheit einig waren. Als Kind hörte ich noch, dass ein Trunk aus den drei Quellen zu Gesundheit und Glück des Menschen beitragen kann.
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