Heimat, was bist du?

Persönliche Meditationen

von Claas Fischer , Dorothee von Gagern , Gesine Stöcker , Helmut Seifert , Ingeborg M. Lüdeling , Jochen Kirchhoff , Manfred de Vries , Michael Gotthardt-Bartsch , Rainer Söhmisch , Ulrich Fischer , Ulrich Magin , Wolf-Dieter Blank erschienen in Hagia Chora 8/2001

"Landschaft ernährt alles menschliche Leben. Ohne in Mutter Erde gegründet zu sein, hat die menschliche Kultur keine Basis; Leben, Geist und selbst des Menschen Gedanken blieben ungeboren - das ist die Essenz des deutschen Konzepts von Heimat, für das es im Englischen kein Äquivalent gibt. Heimat spricht von allem, das mit der Landschaft der Ahnen zu tun hat - etwas, wozu leider viele von uns keinen Kontakt fühlen. Auf ihrer tiefsten Ebene transzendiert diese Erkenntnis die Grenzen der Kultur- und Glaubenssysteme. Heimat ist buchstäblich die fundamentale Basis dessen, wer wir sind."

Diese Sätze fanden wir kürzlich in Nigel Pennicks inspirierter Abhandlung über die Anima Loci. Was aber ist das, "die Landschaft der Ahnen"? Gehört ein Konzept wie das der "Ahnen" nicht zu einer Kulturstufe, die wir längst hinter uns gelassen haben? Auf den ersten Blick scheint es so zu sein, hat doch die familiäre "Ahnenreihe" heute kaum noch Bedeutung. Doch wer sich ein wenig mit dem Begriff der Ahnen in der Ethnologie beschäftigt, weiß, dass es hier um mehr geht als um den Familienclan. Als wir im Jahr 1992 von einer kurzen Reise nach Kalifornien zurückgekehrt waren, fühlten wir einen unbändig drängenden Impuls, Europa zu verlassen und in ein "freies Land" zu gehen. Was uns aber gehalten hat, lässt sich tatsächlich am besten mit dem altertümlich anmutendem Begriff der "Ahnen" umschreiben: Wir entdeckten sie als ein mächtiges Feld, zu dem wir in Resonanz stehen und das uns an Mitteleuropa bindet. Stand diese Wahrnehmung nicht quer zu unserem kosmopolitischen Lebensgefühl? Sind Grenzen von Ländern, Kontinenten nicht Fiktion? Wir wollten aber keine neblig-bequeme "Unabhängigkeit von Raum und Zeit" simulieren. Wenn wir akzeptieren, in die Zeit hineingedehnte Wesen zu sein, sind die Ahnen nichts von uns Getrenntes - sie sind der Resonanzboden, der unserer persönlichen Melodie Wärme verleiht. Die Kulturlandschaft verschmilzt mit Leib und Seele. Das sich wandelnde Europa zu ver-"körpern", und damit auch zu verantworten, schien unser Beitrag zum "globalen Bewusstsein" zu sein. Heimat gewann eine unerwartet moderne Dimension: Unberührt von aller "Tümelei" fanden wir 1997 Kalifornien in Vorpommern. Die neue Heimat verlangt uns ganz, und mit jedem Quant Lebensenergie, das wir hier entäußern, rücken wir der feinen Grenze, jenseits derer wir uns selbst in die Gemeinschaft der Ahnen der Landschaft einreihen, näher. LM&JH


Heimat ist Teil eines Ganzen
Rainer Söhmisch

Heimat ist Teil eines Ganzen, dem die Spuren menschlicher Tätigkeit ständig neue Impulse geben. Sie kann z.B. als "morphogenetisches Feld", als eine komplexe Komposition unterschiedlicher energetischer Informationsebenen gesehen werden. Heimat ist vielschichtig interpretierbar. Sie kann nicht nur mit der linken, logischen, sondern am sinnvollsten mit der rechten, intuitiven Gehirnhälfte verstanden werden. Heimat ist auch die unverwechselbare Komposition natürlicher Vorgaben.

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