Vater Land und Mutter Sprache

Eltern, die verstanden sein wollen

von Wolfgang Schmidt-Reinecke erschienen in Hagia Chora 8/2001

In der Geomantie suchen wir die unmittelbare Beziehung zur Seele eines Landes. Ernst genommen, schließt dies seine kollektive Vergangenheit ein. Der individuelle geomantische Weg beginnt in diesem kollektiven Feld. Soll er zur Reife führen, wollen die unbewusst prägenden Faktoren in mildem Lichte betrachtet worden sein, unter anderem auch das eben Gesagte, Ernste, Reife . Ein solcher, kantiger Faktor für die Geomantie ist die jüngere deutsche Geschichte. Was unsere unverkrampfte Beziehung zum deutschen Land so schwierig macht, versucht Wolfgang Schmidt-Reinecke aufzuklären - und leistet auch damit ein Stück "Erdheilung".

Moderne Geomantie basiert als Erfahrungswissenschaft sowohl auf neueren Untersuchungen als auch auf historischen Erkenntnistraditionen. Sie versteht sich als ganzheitliche Praxis mit einem Weltbild, das sich nicht scheut, auch wissenschaftlich (noch) ungesicherte, als "esoterisch" bezeichnete Komponenten in das Forschungsgefüge zu integrieren. In Deutschland wurde geomantisches wie anderes so genanntes esoterisches Wissen nachweislich in das Instrumentarium des Dritten Reiches verstrickt. Angesichts des Missbrauchs eines ganzen Spektrums ganzheitlicher Theorie und Praxis durch den Nationalsozialismus wurde die Anfang des 20. Jahrhunderts neu entstandende Kontinuität geomantischer Forschung nach dem Krieg unterbrochen.1 Darüber weit hinaus gerieten im Gefolge des Nazi-Spuks zentrale Bestandteile geistig-seelischer Identität und Kultur in Deutschland unter Generalverdacht. Um an unbelastete geomantische Traditionen wie generell an "gesunde" seelische Kräfte in diesem mitteleuropäischen Land mit seiner langen und reichen Kultur anzuknüpfen, bedarf es unterscheidender Wiederaneignung.

Am liebsten intergalaktisch ...

Die Auseinandersetzung um eine "Leitkultur" in Deutschland führte Ende letzten Jahres in Medien und Politik zu überwiegend skeptischen, besorgten und abwehrenden Stellungnahmen. Ironie erwies sich in der öffentlichen Debatte oft als intellektueller Reflex, um ein tiefergehendes Eingehen auf eventuelle Folgerungen einer deutschen Kulturidentität zu vermeiden. Vielfach wurde auch die Diskussion um das Für und Wider eines "Hausrechts" einheimischer Kultur in Deutschland mit dem aggressiv vorgetragenen Zweifel daran abgeschnitten, dass es eine authentische Identitätstradition hierzulande überhaupt gäbe. "Was ist das denn: deutsche Kultur?!", fragte Kerstin Müller, Fraktionschefin von Bündnis 90/Grünen im Bundestag provozierend.2 Und mit ihr ein Großteil der Vertreter der deutschen Kultur in Medien, Politik, Wirtschaft und Kunst. Allein auf Vernunft setzendes Politikverständnis und rational argumentierende Philosophie versuchen heute in Deutschland - auch in der Leitkulturdebatte - etwa mit dem Habermas schen Begriff des "Verfassungspatriotismus" gemeinsame kulturelle Identität auf einen bloßen gesellschaftlichen Konsens zu reduzieren.

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