Wu Ji - Tai Ji

Das Feng-Shui-Lexikon. Für Sie aus Orignaltexten zusammengestellt von Dr. Manfred Kubny

von Manfred Kubny erschienen in Hagia Chora 7/2000

Wu Ji und Tai Ji sind zwei Schlüsselwörter der chinesischen Philosophie und hängen eng miteinander zusammen. Die Begriffe Tai Ji und Wu Ji haben im Wortsinn nichts mit dem Schriftzeichen für die Lebenskraft Qi zu tun! Ji (auch Chi geschrieben) bedeutet "der oberste Dachbalken des Hauses", also "Dachfirst", und übertragen "sehr", "äußerst". Der bekannte Begriff Tai Ji heißt demnach wörtlich "das äußerste (tai) Äußerste (ji)" und ist in der Fachliteratur als das "ultimative Gesetz" bzw. das "äußerst Differenzierte" oder das "Endliche" bekannt. Der Begriff Wu Ji heisst "kein (wu) Äußerstes (ji)" und wird in der Fachliteratur auch als das "Nicht-Äußerste", das "Undifferenzierte", das "Chaotische" oder das "Endlose" bezeichnet. Während Wu Ji der Ordnung des "frühen Himmels" zuzurechnen ist, gehört Tai Ji dem "späten Himmel" an.
In der chinesischen Philosophie bezeichnet Wu Ji den Zustand einer dem Menschen und der gesamten Welt vorausgehenden vorgeburtlichen Einheit, während der weitaus ältere Begriff Tai Ji, der auf eine Darstellung aus dem Yi Jing, dem "Buch der Wandlungen", zurückgeht, die Polarität der Welt bedeutet, nachdem sich Yin und Yang voneinander abgespalten haben und sich die chaotische "große Einheit" in die geordnete Zweiheit geteilt hat. Das Tai Ji-Emblem (die Yin-und-Yang-Monade), das die beiden polarisierten und sich ständig gegenseitig wandelnden Kräfte Yin und Yang ineinander verwoben darstellt, ist allgemein bekannt. Es wird auf den songzeitlichen Philosophen Zhou Dunyi (1017-1073 n. Chr.) zurückgeführt, der als erster den Zusammenhang zwischen dem bereits zu seiner Zeit sehr alten Begriff Tai Ji und dem Begriff Wu Ji herstellte. Letzteren hatte er selbst neu eingeführt. Nach seiner Auffassung kann es kein Tai Ji ohne Wu Ji geben und umgekehrt. Lassen wir Zhou Dunyi selbst die beiden Begriffe und den Vorgang der Teilung erklären, der zu seinem wichtigsten Satz "Wu Ji und daraufhin Tai Ji" - wuji er taiji - schrieb:
"Nach dem [Stadium des] nicht Äußersten [= Undifferenzierten] wuji [stellt sich das Stadium des] äußersten Äußersten [= Differenzierten] taiji [ein] (wuji er taiji). Wenn sich das Tai Ji bewegt, dann bringt es das Yang hervor. Wenn die Bewegung das Äußerste [erreicht hat], dann entsteht Stillstand. Wenn Stillstand besteht, dann wird das Yin hervorgebracht. Wenn der Stillstand das Äußerste [erreicht hat], dann entsteht wieder Bewegung. Einmal bewegt es sich, und einmal ist es stillstehend, so dass beides [Bewegung und Ruhe] sich gegenseitig die Wurzel geben. Wenn sowohl Yin als auch Yang abgesondert werden, dann stehen die beiden Instrumente [des Taiji, Yin und Yang] fest. Das Yang verändert sich, und das Yin vereinigt, so dass Wasser, Feuer, Holz, Metall und Erde entstehen. Die 5 [Ausformungen des] Qi entsprechen [dem Tai Ji] und bedecken [es], die vier Jahreszeiten bewegen sich darin. Die fünf Wandlungsphasen sind ein Yin und Yang. Yin und Yang sind ein Tai Ji. Das Tai Ji [das Differenzierte, das äußerste Äußerste] hat seinen Ursprung im Wu Ji [das Undifferenzierte, das Nicht-Äußerste], [weshalb es sich weiterhin differenziert und aufteilt und daher] die fünf Wandlungsphasen hervorbringt. Diese haben jede ihre individuelle natürliche Anlage‘. Die Wahrhaftigkeit des Undifferenzierten und Feinstofflichen der nach den beiden [Yin und Yang] geordneten fünf Wandlungsphasen, verbinden sich auf wunderbare Weise und verkleben. Das Dao des Hexagramms qian [Himmel] erzeugt das Männliche, das Dao des Hexagramms kun [Erde] erzeugt das Weibliche. Die beiden Qi [Yin und Yang] reagieren miteinander und ergeben die 10000 Wesen, welche das Leben erzeugen‘ (shengsheng). Die 10000 Wesen erzeugen sich immer wieder und wandeln sich ohne Ende."