Sha Qi

Das Feng-Shui-Lexikon. Für Sie aus Orignaltexten zusammengestellt von Dr. Manfred Kubny

von Manfred Kubny erschienen in Hagia Chora 8/2001

Der Begriff Sha Qi findet im Feng Shui umfangreiche Anwendung. Um ihn zu verstehen, bedarf es einer genauen Untersuchung seines Bedeutungsspektrums. Das Schriftzeichen Sha bedeutet "zerstören" (mie) oder "töten" (sha), kann aber auch "verletzen" (shang) heißen. In diesem Sinne weisen klassische Schriften dem Metall des Herbstes eine die Dinge "zerstörende und verletzende" (sha shang) Wirkung zu. Eine weitere Bedeutung des Zeichens Sha ist auch "böser Geist" (xiongshen) im Sinne von "Dämon" bzw. "Dämonisches". Innerhalb der Yin- und Yang-Schule besteht die Theorie der "acht Dämonen" (basha). In der chinesischen Mundart bedeutet Sha im bildhaften Ausspruch "Schwanz des Dämons" (shawei), es wird auch verwendet, um den Abschluss einer Sache oder das Beendigen eines Vorgangs auszudrücken. Als "Sha-Stern" (shaxing) wird ein "übler und perverser Dämon" oder eine "Person, die Unglück bringt", bezeichnet. Lexikographisch kann der Begriff Sha Qi einerseits "übles Qi" bedeuten, dessen Eigenschaft darin besteht, plötzlich hervorzuspringen oder sich äußerst drängend und ungezügelt zu verhalten. Andererseits kann mit Sha Qi auch der Gesichtsausdruck einer wilden Bestie gemeint sein. Im Volksmund wird der Begriff Sha Qi als zorniges Schimpfwort für Personen oder Dinge verwendet, über die man sich sehr ärgert.
In den Theorien zum Feng Shui erscheint der Begriff Sha in der Regel immer als Umkehrung des Konzepts vom "vitalisierenden Qi" bzw. "erzeugenden Qi" (shengqi). Fehlt das "Vital-Qi", sind die Wege für das Sha geöffnet, welches Leben unterdrückend und krankheitsfördernd und keinesfalls lebensspendend und -fördernd wirkt. Sheng-Qi und Sha-Qi können sich im Lebensraum auf verschiedene Art zeigen. Die abgebildete Tabelle zeigt die sich widersprechenden Phänomene.
Auf jedem geomantischen Kompass Luopan der Struktur-Qi Schule (liqi pai) findet man in der Regel einen mehr oder weniger ausführlichen Ring für die Bestimmung von "glücklichen und unglücklichen Ausrichtungen" (qi xiong zuowei), welche nach den Gradzahlen eines Himmelskreises geordnet sind. Dabei markieren Punkte und Kreuze auf dem Kompassring die Positionen für Unglück, Auslassungen diejenigen für Glück. Insgesamt ist die Hälfte aller 365 Grade unglücklich. Die 180 Positionen des Unglücks unterteilen sich in 48 Positionen, welche die veränderbare Quelle des Schicksals oder die verschiedenen durch den Himmel bedingten Einflüsse darstellen. 58 Positionen sind unglücksbringende Sterne, die Zerstörungen der 5 Wandlungsphasen bewirken, und 74 Positionen stellen Verkörperungen der Überwindungsverhältnisse (hier durchaus auch "Zerstörungsverhältnisse") der fünf Wandlungsphasen untereinander dar, die schließlich das bewirken, was man Sha nennt. Betrachtet man hingegen die Logik der Erdzweige oder auch der Himmelsstämme untereinander, wird man erkennen, dass die sich auf dem Kompass ergebenden Sha-Konfigurationen wiederum nichts mit den "Zusammenstößen" oder Clashes (chong) der Erdzweige zu tun haben. Auf der anderen Seite schließt das Vorhandensein von Sha eine zusätzliche widrige Interaktion anderer Faktoren nicht aus. Die Überwindungs- bzw. Zerstörungsverhältnisse der fünf Wandlungsphasen innerhalb einer Sha-Konstellation werden wie folgt benannt:
- Wenn das Metall das Holz in heftiger Weise überwindet, bedeutet dies Siechtum und Verletzung.
- Wenn das Holz die Erde in heftiger Weise überwindet, heißt dies Epidemien und Gelbsucht.
- Wenn die Erde das Wasser in heftiger Weise überwindet, verheißt dies Seuchenplagen, z.B. Pest.
- Wenn das Wasser das Feuer in heftiger Weise überwindet, bedeutet dies einen frühen Tod.
- Wenn das Feuer das Metall in heftiger Weise überwindet, sagt dies Naturkatastrophen voraus.
Die Sha-Konstellationen sind aber nicht nur für Siechtum und körperlichen Niedergang verantwortlich, sondern praktisch auch für alle anderen vorstellbaren Kalamitäten, die sich inerhalb der Theorien des Feng Shui ereignen können. Entsprechend schwierig ist es, Sha zu übersetzen. Edkins bezeichnete es 1872 als noxious Qi (tödliches oder giftiges Qi), jedoch sind die Übersetzungen "dämonisches Qi", "fatales Qi", "morbides Qi" je nach Kontext auch richtig. In den meisten Fällen bedeutet Sha Qi im Feng Shui einen bösen oder schlechten Einfluss, der sich aufgrund von unglücklichen astrologischen Faktoren oder von in Konflikt zueinander stehenden kosmologischen Parametern ergibt. Konkret können das beispielsweise ein "kalter Wind" oder geradlinige Landschaftsstrukturen sein, Ausdünstungen aus dem Erdreich, z.B. in einer marschigen und stinkenden Landschaft oder auch zu viel Wind oder zu wenig Luftaustausch. Auch in Konflikt stehende Gottheiten von benachbarten Tempeln und Schreinen können zu einer dem Sha ähnlichen Situation führen.

Sha im Bazi Suanming

Im Bazi Suanming bedeutet Sha "Unglücksdämon" im Gegensatz zu Shen, was hier als "Glücksgeist" übersetzt werden kann. Bei dieser Prognosetechnik werde die Begriffe Sha und Shen aber nie verwendet, um auszudrücken, dass eine Person von Dämonen befallen sei oder von einem Schutzengel begleitet werde. Gemeint sind hier vielmehr Psychogramme einer Persönlichkeit oder Persönlichkeitsanteile einer Gesamtperson, die sich für deren Entwicklung und ihre Umgebung als günstig oder ungünstig erweisen, so dass der betreffende Mensch zu seinem eigenen Dämon oder Glücksgeist wird. Wenn man beim Bazi Suanming einen "Dämon" (sha) bekämpft, dann geschieht dies, indem man durch sehr konfrontative Diskussion mit der betroffenen Person auf deren Einsehen einwirkt und durch entsprechende Vorschläge zu Verhaltensänderungen hinführt, damit sich ihr Schicksal zum Glück wendet.

Sha im Feng Shui

Wenn im Feng Shui eine Unterdrückung des Sha unternommen wird, geschieht dies, um "Übles abzuwenden". Das Unglück, auf das man trifft, soll in Glück umgewandelt werden. Dazu gibt es zwei Hauptmethoden: die "Abwehr durch Gegenstände" und die "Abwehr durch Embleme und Symbole". Unter den Möglichkeiten der "Abwehr durch Gegenstände" finden sich unter anderem folgende:
- die Abwehr durch Steine,
- die Abwehr durch Shigandang,
- die Abwehr durch Tierbild-Embleme,
- die Abwehr durch Spiegel oder Ba-Gua-Spiegel.
Im Zunsheng Bajian ist dazu verzeichnet: "An Erdzweig-Tagen (H+) misst man die 4 Ecken einer Behausung aus und legt in jede Ecke einen großen Stein, um den Ort zu schützen. Damit werden Katastrophen beherrscht, so dass sie erst gar nicht entstehen können."
Am häufigsten sind Shigandang-Steine als Abwehr vonUnheil zu finden. Im Feng Shui wird davor gewarnt, ein großes Tor frontal zu einer Straßenöffnung zu errichten. Wenn man jedoch mit dieser Situation konfrontiert ist, ohne sie ändern zu können, werden diese Steine an dem betreffenden Tor aufgestellt. Der Shigandang ist ein größerer Stein (von Grabsteingröße bis zu den Ausmaßen eines Menhirs), in den Abwehrsprüche gemeißelt sind. Das Aufstellen der Steine folgt bestimmten Regeln: Man meißelte in den Stein die Zeichen shi gan dang (wörtlich: "Stein, fähig zum Schutz") und stellte ihn in der Richtung auf, wohin die Abwehr ausstrahlen sollte. Man ging davon aus, dass man alle Arten von Dämonen damit abwehren konnte. Die Tradition des Shigandang-Steins war in China sehr verbreitet; ihre Ursprünge werden im frühesten Altertum Chinas vermutet. Ihre Erfindung wird dem Gelben Kaiser nachgesagt: In einer groben Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Geistwesen errichtete der Gelbe Kaiser eine Steintafel auf dem Taishan-Berg, um die Dämonin Nüwu abzuwehren, die auf der Welt wütete. Die Tafel trug die Aufschrift "Stein des Taishan-Bergs - fähig zum Schutz" (Taishanshi, Gandang), um zu bewirken, dass die Dämonin sich dort nicht niederlassen könne. Diese Art von Stein wurde für die Bevölkerung eine Art Reliquie, die man allerorten aufstellte, um Unheil abzuwehren. Eine weitere Methode zur Abwehr von Übeln war die Verwendung von Emblemen der Schriftmagie. Diese Embleme enthielten in chinesischen Zeichen die Objekte dessen, wovor man sich fürchtete, und benannten auch die Aktion, die man gegen diese anwenden wollte. Diese Methode wurde insbesondere im Daoismus und Buddhismus verwendet. Die Schriftmagie ist jedoch eine eigene Wissenschaft, und es ist bis heute nicht üblich, sie nach Belieben selbst auszuführen. Nur besonders autorisierte Personen waren und sind befugt, Schriftmagien zu erstellen. In der Vergangenheit war die unerlaubte Herstellung verboten und wurde streng bestraft, vor allem, wenn sich danach unglückliche Ereignisse häuften. Die Schriftmagie durfte nur innerhalb vorgeschriebener Rituale bis hin zu einer besonderen Atemtechnik durchgeführt werden, und alle Zaubereien mussten durch einen Initiationsritus materialisiert werden. Es gibt eine ungeheuer große Zahl unterschiedlicher Schriftmagien in der chinesischen Kulturgeschichte. Ihre Theorie und Praxis sind äußerst kompliziert.