Was ist Qigong?

Eine Betrachtung aus Sicht der traditionellen Meditationsschulen. Teil II

von Jia Zhiping erschienen in Hagia Chora 6/2000

Dies ist der zweite von drei Teilen eines Beitrags aus der Umgebung des gegenwärtigen Stammhalters der daoistischen Schule des Taijimen, Professor Lu Jinchuan. Der Text möchte in bestem Sinne aufklärend wirken und fordert die Auseinandersetzung mit authentischen Aussagen.

Von Jia Zhiping
Im Daoismus unterscheidet man zwischen philosophischem (daojia) und religiösem Daoismus (daojiao). Diese Unterscheidung kann von Außenstehenden nicht immer klar erkannt werden, da beide sich in Theorie und Praktiken vielfach vermischen und viele historisch bekannte, nicht religiöse Daoisten auch im religiösen Daoismus Zuflucht und Ruhe suchten. Geschichtlich betrachtet ist der philosophische Daoismus älter als der religiöse. Meist führen nicht religiöse Daoisten äußerlich ein weltliches Dasein wie einfache Bürger, während daoistische Mönche in Klöstern leben und einheitliche Tracht tragen. Inhaltlich strebt der nicht religiöse Daoismus nach philosophischen Theorien und folgt den Prinzipien Ziran (Natur, natürlich sein), Wuwei ("Nichthandeln") und Fanben (Rückkehr zur Wurzel). Der religiöse Daoismus strebt dagegen nach theologischen Theorien, handelt nach Youwei (Gegenteil von Wuwei) und verehrt Gottheiten und Heilige. Was die meditativen Praktiken angeht, so sind alle wichtigen Methoden in den fünf Geheimschulen des nicht religiösen Daoismus, in meditativen Kreisen wumi genannt, enthalten. Von dreien dieser Schulen, nämlich von Dandingmen, Fulumen und Xuanzhenmen, stammen die meditativen Praktiken des religiösen Daoismus.

Daoistische Geheimschulen
Taijimen:
Taijimen gilt als die höchste Schule des nicht religiösen Daoismus. In Theorie und Praktiken folgt sie konsequent den besagten drei daoistischen Grundprinzipien Ziran, Wuwei und Fanben. Die Praktiken beginnen mit körperlicher und geistiger Entspannung, indem man versucht, die Kontrolle über den eigenen Körper und Geist, die man sich durch das Erwachsenwerden angeeignet hat, aufzugeben. Körper und Geist geraten dadurch in scheinbar chaotische Bewegung, wobei man klar bei Bewusstsein ist. Diese Phase wird die "Stehübung im leeren Kreis" (shifang wuji dang) genannt und dient der Eröffnung der eigentlichen Praktiken.

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