Was ist Qigong?

Eine Betrachtung aus Sicht der traditionellen Meditationsschulen. Teil II

von Jia Zhiping erschienen in Hagia Chora 6/2000

Dies ist der zweite von drei Teilen eines Beitrags aus der Umgebung des gegenwärtigen Stammhalters der daoistischen Schule des Taijimen, Professor Lu Jinchuan. Der Text möchte in bestem Sinne aufklärend wirken und fordert die Auseinandersetzung mit authentischen Aussagen.

Von Jia Zhiping
Im Daoismus unterscheidet man zwischen philosophischem (daojia) und religiösem Daoismus (daojiao). Diese Unterscheidung kann von Außenstehenden nicht immer klar erkannt werden, da beide sich in Theorie und Praktiken vielfach vermischen und viele historisch bekannte, nicht religiöse Daoisten auch im religiösen Daoismus Zuflucht und Ruhe suchten. Geschichtlich betrachtet ist der philosophische Daoismus älter als der religiöse. Meist führen nicht religiöse Daoisten äußerlich ein weltliches Dasein wie einfache Bürger, während daoistische Mönche in Klöstern leben und einheitliche Tracht tragen. Inhaltlich strebt der nicht religiöse Daoismus nach philosophischen Theorien und folgt den Prinzipien Ziran (Natur, natürlich sein), Wuwei ("Nichthandeln") und Fanben (Rückkehr zur Wurzel). Der religiöse Daoismus strebt dagegen nach theologischen Theorien, handelt nach Youwei (Gegenteil von Wuwei) und verehrt Gottheiten und Heilige. Was die meditativen Praktiken angeht, so sind alle wichtigen Methoden in den fünf Geheimschulen des nicht religiösen Daoismus, in meditativen Kreisen wumi genannt, enthalten. Von dreien dieser Schulen, nämlich von Dandingmen, Fulumen und Xuanzhenmen, stammen die meditativen Praktiken des religiösen Daoismus.

Daoistische Geheimschulen
Taijimen:
Taijimen gilt als die höchste Schule des nicht religiösen Daoismus. In Theorie und Praktiken folgt sie konsequent den besagten drei daoistischen Grundprinzipien Ziran, Wuwei und Fanben. Die Praktiken beginnen mit körperlicher und geistiger Entspannung, indem man versucht, die Kontrolle über den eigenen Körper und Geist, die man sich durch das Erwachsenwerden angeeignet hat, aufzugeben. Körper und Geist geraten dadurch in scheinbar chaotische Bewegung, wobei man klar bei Bewusstsein ist. Diese Phase wird die "Stehübung im leeren Kreis" (shifang wuji dang) genannt und dient der Eröffnung der eigentlichen Praktiken. Durch diese Phase kommt man allmählich in die sogenannte Formbewegung des Taiji in neun Positionen (jiugong taiji jia), die erste der insgesamt neun Stufen der eigentlichen Praktiken. Die Praktiken sind dann beendet, wenn man die letzte Stufe verlassen hat. Erst dann begreift man, was Wuwei, Ziran und Fanben eigentlich bedeuten. Die neun Stufen, die alle ein Geheimnis in sich bergen, bilden drei größere Einheiten, die jeweils vorwiegend auf die körperliche, die Qi- und die geistige Ebene wirken. Diese drei Einheiten mit ihren neun Geheimnissen, sangong jiumi genannt, stellen den Kern der meditativen Praktiken dieser Schule dar. Methodisch zeichnet sie sich dadurch aus, dass es keine Anweisung für die Praktizierenden gibt. Das Geheimnis der jeweiligen Stufe muss der Schüler selbst lüften. Der Inhalt jeder Stufe wird ihm erst dann mitgeteilt, wenn der Praktizierende die nächst höhere Stufe erreicht hat. Diese Schule wurde Jahrhunderte lang so geheim gehalten, dass jede Generation nur einen einzigen Lehrer und einen einzigen Schüler hatte. Als einzige der fünf Geheimschulen des nicht religiösen Daoismus trat sie in den 80er-Jahren durch ihren jetzigen Stammhalter Dao-Meister Fangfu, im bürgerlichen Leben Prof. Lu Jinchuan, in die Öffentlichkeit. Die Übungsmethode blieb aber aus dem Prinzip des Wuwei weitestgehend unverändert.
Dandingmen:
Die bekannteste Schule ist Dandingmen (die Schule des Dreifußes zur Herstellung der "Unsterblichkeitspille"), auch die Schule der inneren Alchemie genannt. Sie stammt von der sogenannten äußeren Alchemie ab und hat auch weitgehend deren Begriffe übernommen. Ihre Praxis beginnt mit Atemtechniken und geistiger Konzentration und besitzt ebenfalls neun Stufen. Das Ziel ist die so genannte Unsterblichkeitspille der neunfachen Umwandlung, die nicht in irgendeiner materialisierten Form zu fassen ist, sondern den sogenannten ursprünglichen Geist (yuanshen) darstellt. Die konkreten Methoden dieser Schule sind besonders seit dem 14. Jahrhundert Opfer von Spekulationen und Fälschungen, da die Übungen stets geheim gehalten werden. Die Überlieferung erfolgt schriftlich in Geheimsprache und mündlich in Geheimformeln. Bei der einzigen schriftlichen Überlieferung geht es um Wei Boyangs "Zhouyi cantong Qi" aus der Östlichen Han-Dynastie (25-220). Über dieses Buch gibt es in China weit mehr als 40 Kommentarwerke. Eingeweihte halten die Kommentare allerdings für unbrauchbar, denn Wei Boyang beschrieb die Übungen und die daraus abgeleiteten Erfahrungen mit Metaphern, da sie nicht mit der Sprache zu fassen sind. Die Metaphern können nur Übende mit den entsprechenden Erfahrungen verstehen. Andererseits bedeutet die Herausbildung der sogenannten Unsterblichkeitspille einen langwierigen Prozess, der mit vielerlei Risiken und sogar Lebensgefahr verbunden ist. So sah sich Wei Boyang gezwungen, seine Schulung so aufzubauen, dass der Leser stets nach den anfangs verständlichen Anweisungen üben und somit bestimmte Erfahrungen machen muss, um das nächste Kapitel verstehen zu können. Auf diese Weise sollte der Leser schrittweise und sicher in die Praktiken eingeführt werden. Dieses Verfahren ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. In manchen Situationen, z.B. beim "Anfachen des Feuers" oder beim "Kontrollieren der Temperatur" während der Heranbildung der "Pille", ist direkte Hilfe eines Meisters unerlässlich.
Deshalb erfolgt die Überlieferung hauptsächlich mündlich. Dabei geht es um in lyrisch metaphorischen Formeln beschriebene Übungserfahrungen und -anweisungen, die ohne Erläuterung unverständlich bzw. missverständlich sind. Die Erläuterung der Formeln, die Einweihung in bestimmte Methoden also, erfolgt strikt unter vier Augen. So kann Dandingmen seine Übungsinhalte bis heute geheim halten, auch wenn manche Begriffe vom Namen her größeren Kreisen bekannt sind. Hier sei kurz erwähnt, dass der heutige religiöse Daoismus eine Abspaltung von Dandingmen darstellt. Wang Chongyang (1113-1170) lernte zuerst die Kunst der Herstellung der Unsterblichkeitspille und versuchte danach, aus Daoismus, Buddhismus und Konfuzianismus eine Synthese zu schaffen. Nach buddhistischem Vorbild führte er das Zölibat ein. Seine Richtung wurde die kleine Dan-Schule genannt (xiao danmen), von ihm selbst aber die Schule des "Vollständigen Wahren" (quanzhen). Qiu Chuji (1148-1227), der bekannteste seiner sieben Schüler, überzeugte Dschingis Chan derart, dass er von diesem zum Oberhaupt des Daoismus erklärt wurde. Kubilai, Enkel von Dschingis Chan und Gründer der Yuan-Dynastie, machte die Richtung dann zur Staatsreligion und vollzog somit die Spaltung von Dandingmen. Seitdem werden Theorie und Praktiken der Quanzhen-Schule nur an daoistische Mönche weitergegeben. Als Gegenmaßnahme von Dandingmen und anderen Schulen, die unter dem Namen Zhengyi (die richtige Rückkehr zu dem Einen) zusammengefasst wurden, wurden deren Theorien und Praktiken nur an weltliche Schüler weitergegeben. Mit Ausnahme von Taijimen halten sich alle Schulen noch heute an diese Regel.
Jianxianmen:
Zusammen mit Taijimen und Dandingmen bildet Jianxianmen (die Schule der Unsterblichen des Schwertes), auch "Schwertschule" genannt, die drei großen der fünf Geheimschulen. Wie in der Schule der inneren Alchemie beginnt man in der Schwertschule ebenfalls mit Atemtechniken und geistiger Konzentration, nur ist der Schwerpunkt etwas anders. Bei den ersten drei Stufen der Praktiken wird das Qi zum "Schwert" geformt (eine Metapher für das länglich schmal geformte Qi). Auf den mittleren drei Stufen geht es darum, das Qi-Schwert anzuwenden. Auf den letzten drei Stufen wird man der Schwertkörper des wahren Einen und schafft somit das Schwert der neunfachen Umkehr. Der letzte Schritt ist die Rückkehr zu Wu, die Vereinigung von Qi und Geist. In der ausgehenden Ming-Dynastie existierten vier Strömungen dieser Schule, die sich in Mitte der Qing-Dynastie zur nördlichen und südlichen Schule vereinigten. In der nördlichen Richtung kultiviert man das Schwert des Bauchs, bei der Anwendung kommt das Qi aus der Nase und dem Mund. Von dieser Richtung ist heute nichts mehr bekannt. In der südlichen Schule kultiviert man das Schwert der Hand, das Qi kommt aus der Hand. Von dieser Richtung gibt es noch einige Meister, die anonym in Südchina leben. Die Hauptlinie ist aber schon seit längerem in Taijimen aufgegangen.
Bei den übrigen beiden Schulen handelt es sich um Fulumen und Xuanzhenmen, die auch im religiösen Daoismus praktiziert werden. Diese Schulen haben eine starke religiöse Färbung und stellen die eigentliche Traditionslinie des religiösen Daoismus dar.
Fulumen:
Die "Schule der Zaubersprüche und Zauberzeichen" lehrt Schamanentechniken wie Regenmachen oder Geistervertreibung. Sie ist die älteste Schule des gesamten Daoismus. Archäologische Funde belegen, dass spätestens in der Shang-Zeit bereits verschiedene schamanistische Techniken angewendet wurden. Als eine eigenständige Schule ist Fulumen allerdings jedoch erst später entstanden. Etymologisch gesehen hat der chinesische Schamanismus den gleichen Ursprung wie die TCM. Das alte Zeichen für Medizin, yi, hat wu, Schamanin, als sinngebendes Radikal. Viele bekannte Ärzte wie Bian Que aus der Zeit der Streitenden Reiche oder Sun Simiao (581-682) waren gleichzeitig auch Heiler schamanistischer Art. In dieser Schule geht es um die Anwendung von Qi und geistiger Kraft. Dabei stehen Zaubersprüche und -zeichen sowie die Tanzschritte des Großen Yu (yu bu) zeremoniell im Mittelpunkt. Diesen wird Wunderkraft zugesprochen. In Wirklichkeit dienen sie zur Qi- und Geisteskonzentration. Die Wundersprüche und -zeichen sowie Tanzformen sind lediglich sichtbare Mittel. Das, was tatsächlich wirkt, sind Qi und Geist. Da es zu allen Zeiten viele selbst ernannte Schamaninnen und Schamanen gab, war der Schamanismus schon sehr früh in Verruf geraten. So heißt es bereits vor dem 2. Jahrhundert v.Chr.: "Wer nicht der Medizin, sondern einer Schamanin vertraut, ist nicht heilbar." Andererseits gab und gibt es seriöse Schamaninnen und Schamanen, die ihre Kunst aufrichtig kultivieren.
Xuanzhenmen:
Die "Schule des Unergründlichen Wahren" ist ebenfalls sowohl im religiösen als auch im nicht religiösen Daoismus tradiert. Folgende Gedichtzeilen verdeutlichen den Inhalt ihrer Praxis: Hälfte aus Fulu und Hälfte aus Danding Verehrung dem Laozi und einem Drittel Daodejing Laozi wird in dieser Schule häufig zitiert, ihre Praktiken haben jedoch nicht viel mit Laozis Philosophie gemeinsam: in ihr werden hauptsächlich die so genannten Wundertechniken kultiviert. Darauf wird später noch eingegangen. Xuanzhenmen hat ebenfalls eine lange Geschichte. Ihre wichtigsten Vertreter, die Maoshan-, Laoshan- und die Qingchengshan-Richtung, waren schon in der späteren Han-Zeit entstanden. Aus der Ming- und Qing-Zeit sind mindestens ein Dutzend weitere Richtungen überliefert. Bei den Praktiken von Xuanzhenmen geht es darum, durch die Kultivierung der Wundertechniken den Weg zum Dao zu finden, um dem Dao entsprechend die Kunst der Unsterblichkeitspille (dan) zu erwerben. Beide Schulen, Fulumen und Xuanzhenmen, sind stark religiös gefärbt und von missionarischem Charakter. Da sie zu sehr auf die Wundertechniken und deren Anwendungen bedacht sind, werden sie niedriger eingestuft als die ersten drei Schulen. Nach Etablierung der drei buddhistischen und der fünf daoistischen Schulen als die führenden in der Tang-Zeit nahm die Entwicklung der meditativen Praktiken eine andere Richtung. Anstatt weiterer Vervielfältigung der Methoden geht es seitdem um Verfeinerung der vorhandenen Methoden und die Vertiefung des Erkenntnisstandes. Diese Tendenz hat sich trotz des von politischer Unterdrückung und Verfolgung verursachten Generationenbruchs von den 50er- bis 80er-Jahren nicht verändert.

Einige populäre Qigong-Begriffe
Vor diesem Hintergrund ist zu betrachten, woher verschiedene Qigong-Praktiken stammen, was sie bewirken und insbesondere, wie weit sie dem meditativen und spirituellen Anspruch gerecht werden können. Im Folgenden betrachten wir einige konkrete Übungsmethoden, die in der Qigong-Szene heute als selbstverständlich gelten, und analysieren einige populäre Qigong-Begriffe.
Konzentration auf Dantian (yi shou dantian):
Dantian, das Feld der Unsterblichkeitspille, ist ein Begriff aus Dandingmen. Seine älteste Erwähnung findet sich allerdings in "Huangdi neijing", einem Klassiker der TCM: "Der Geist wandert im oberen Dantian." Das Zitat beweist, dass man bereits im 3. Jahrhundert mehr als ein Dantian kannte. Dennoch gibt es unzählige Versuche, das Dantian zu lokalisieren. Nach gängiger Erklärung befindet es sich zwei oder drei Fingerbreit unterhalb des Bauchnabels. In Dandingmen heißt es, Dantian hat keinen bestimmten Platz, jede Körperstelle kann Dantian werden. Dantian ist erst vorhanden, wenn das Dan sich herausgebildet hat. Die Stelle, wo das Dan hinfällt, ist Dantian. Diese Stelle kann die Hand sein oder unterhalb der Kinnlade. Niemand kann vorhersagen, wo Dantian ist. Was bedeutet dann die in vielen Qigong-Stilen geforderte Konzentration auf Dantian? Erstens, sie hat nichts mit der Überlieferung in Dandingmen zu tun. In der Dandingmen-Ausbildung gibt es in der Tat eine Phase der Konzentration, und zwar genau auf eine Stelle in der Nähe des Bauchnabels, genauer, auf eine Stelle "vor den Nieren und hinter dem Bauchnabel, unterhalb des Feuers und oberhalb des Wassers". Diese Stelle kann man nur spüren, wenn der Übende sich im natürlichen Zustand des Wuwei befindet und der Meister ihm vom Kopf ab diese Stelle ertastet und den "Samen" sät. Erst wenn man diese Stelle spürt, kann man sich darauf konzentrieren und das Qi dorthin leiten. Wenn das Qi stark genug angesammelt ist, entfacht sich das "Feuer". Damit wird eine Aufforderung Laozis in die Tat umgesetzt: "Vieles Reden führt zur Fassungslosigkeit, lieber beharrt man auf der Mitte." Die Herstellung der Unsterblichkeitspille kann beginnen. Diese Phase nennt man "den Kochherd aufstellen und das Feuer anzünden". Zweitens, da man normalerweise diese Mitte nicht spürt, kann man sich nur auf eine Stelle auf der Körperoberfläche konzentrieren. Die Oberfläche bietet dem Qi aber keinen Halt, so muss das Qi nach außen fließen. Je mehr man sich konzentriert, desto stärker strömt das Qi aus dem Körper. Konzentration auf Dantian bedeutet also, den Körper zu öffnen und das Qi nach außen zu leiten. Wenn man eine Krankheit auf der Oberfläche hat, kann man sich für begrenzte Zeit unter Anleitung eines Erfahrenen auf die entsprechende Stelle konzentrieren, damit die Krankheitsenergie den Körper verlässt. Gegen tiefer liegende Krankheit ist die Methode sinnlos. Zudem führt solche Konzentration über längere Zeit zum Qi-Verlust und kann die Gesundheit gefährden. An dieser Stelle eine authentische Episode: Ein älterer Qigong-Meister wollte einen jüngeren Kollegen bestrafen und sagte ihm: "Was ist mit dir los? Ist deine Übung schief gelaufen? Du verlierst ja Qi aus dem Hintern!" Der junge Mann überprüfte sich erschreckt selbst - in der Tat, aus seinem Gesäß strömte das Qi! Voll Sorge beobachtete er jeden Tag den Qi-Strom. Innerhalb weniger Monate nahm er stark ab. Er bat überall um Hilfe, doch keiner konnte ihm helfen. Schließlich kam er zu Meister Fangfu. Dieser überlegte kurz, testete sein Qi und meinte, es sei nicht schlimm. Was hervorkäme, sei Krankheitsenergie. Beruhigt ging der junge Mann heim. In einigen Monaten erholte er sich wieder. Meister Fangfu fragte ihn, was er gegen den Qi-Fluss getan hätte. Er erwiderte: "Da es Krankheits-Qi war, habe ich nicht weiter darauf geachtet. Irgendwann hat es dann von sich aus aufgehört, herauszufließen."
Visuelles Leiten des Qi (yi yi ling qi):
Vom Qi des Menschen gibt es verschiedene Kategorien, und jede Art hat ihre eigenen, geordneten Bahnen (mai). Je nach Schulsystemen kennt man verschiedene Bahnsysteme. Im Daoismus kennt man 24 Bahnen mit über 100 Punkten, im Buddhismus drei Bahnen und fünf, sechs bzw. neun Kreise (lun = Chakren). Auch die Kampfkunst hat ein eigenes Bahnsystem. Diese Systeme werden aber im Interesse der Gesellschaft und der Übenden bis heute geheim gehalten und sind nirgendwo schriftlich fixiert. Das einzige bekannte Bahnsystem ist das der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), das sehr flach unter der Körperoberfläche liegt. Dieses System dient ausschließlich der Heilung von Krankheiten und hat mit spiritueller Entwicklung eines Menschen nur bedingt oder gar nichts zu tun. Doch genau dieses System wird bei den meisten Qigong-Richtungen benutzt. Noch bedenklicher ist es, dass viele selbst ernannte Qigong-Meister anscheinend nicht wissen, dass der Verlauf der Leitbahnen nach diesem System sich je nach Krankheit verändern kann. Das Leiten des Qi erfordert genaue Kenntnis des jeweiligen Systems, zudem dient es nur der Behandlung von Krankheiten. Unter Anleitung eines Erfahrenen kann man das Qi zu bestimmten Stellen auf der Oberfläche führen, um die betreffende Krankheit zu schwächen und zu beheben. Kennt man die Bahnen des Qi nicht genau, kann es dazu kommen, dass das Qi sich an unzulässigen Stellen anstaut und Qi-Beulen entstehen, die schwer zu beheben sind.
Der kleine und große Himmelskreislauf:
Beim Leiten des Qi auf die Oberfläche, um Krankheit zu behandeln, ist das Gefühl der Wärme oder des Prickelns ein sicheres Zeichen dafür, dass das Qi nach außen fließt. Bei meditativen Praktiken geht es dagegen darum, das Yang-Qi nach innen zu leiten. Bei beiden soll nicht das Bahnsystem der TCM benutzt werden. Nach statistischen Untersuchungen von Meister Fangfu und seinen chinesischen Schülern wird bei den meisten Qigong-Richtungen jedoch genau das Bahnsystem der TCM benutzt. Der so genannte kleine und große Himmelskreislauf sind die bekanntesten Qigong-Übungen zum Leiten von Qi. Beide basieren auf dem Bahnsystem der TCM. Der Begriff Himmelskreislauf (zhoutian) stammt in der Tat von Dandingmen. In dieser Schule unterscheidet man zwischen dem kleinen, mittleren und großen Himmelskreislauf. Damit sind gemeint der Himmelskreislauf von Yin-Yang, von Geist und Qi sowie vom ursprünglichen Geist. Der genaue Inhalt der Übungen gehört zur Geheimüberlieferung. Was in der Qigong-Szene als Himmelskreislauf bezeichnet wird, heißt in Dandingmen "Himmelskreislauf des oberflächlichen Yang" (fuyang zhoutian) und dient zur Reinigung der Körperoberfläche, daher auch "Dusche" (muyu) genannt. Diese Übung gehört zur Vorbereitung auf die Grundausbildung.
Aufrollen der Zungenspitze gegen den Obergaumen:
Diese Methode hat ihre Wurzel ebenfalls in Dandingmen, basiert aber auf einem Missverständnis. Der richtige Ausdruck lautet: "Die Elsternbrücke wird blitzartig geschlagen" (queqiao feijia). Damit wird folgendes Phänomen beschrieben: Wenn zwei verschiedene Qi-Arten jeweils im Obergaumen und in der Kinnlade stark genug angestaut sind, wird die Zungenspitze blitzartig von unten angeschoben und von oben angezogen. Damit bildet die Zunge eine provisorische Brücke. Der Austausch der zwei Qi-Arten vollzieht sich in dem Augenblick, in dem die Brücke ohne künstliches Zutun entsteht und gleich verschwindet. Diese Brücke entsteht also auf natürliche Weise und bleibt auch nicht als Dauerzustand. Das Drücken der Zungenspitze gegen den Gaumen hat zwei Folgen: Das künstliche Zutun führt zur unnötigen Anspannung der Zungenwurzel. Dadurch wird ein wichtiges Stück in einer Hauptbahn im Halsbereich, die "siebenstöckige Pagode", blockiert. Das Qi kann deshalb nicht mehr nach oben fließen. Zweitens, da die künstlich hergestellte Brücke den Qi-Fluss blockiert, sammeln sich die zwei Qi nicht mehr an, sondern fließen wie ein plätscherndes Bächlein. Um im Bild zu bleiben: Ein Bächlein ist zu schwach, um sich ein Flussbett zu bahnen. Wird das Wasser aber gestaut und strömt schließlich dammbruchartig ab, gräbt es sich ein breites Bett. Die Ansammlung des Qi bedeutet eine Stärkung, das nutzlose Fließen des Qi durch die künstliche Zungenbrücke betrachtet man deshalb als Verlust von Qi.
Stille und Ungestörtheit:
Bei fast allen Qigong-Richtungen wird betont, dass man in den Zustand der Ruhe bzw. der Stille kommen sollte. Dies ist in der Tat eine fundamentale Voraussetzung für die Praktiken in traditionellen Schulen. "Das große Dao erlangt man nur in der Stille", lautet die Devise.
Aber was bedeuten Ruhe und Stille? Viele Qigong-Meister verstehen darunter einen Zustand, in dem der Praktizierende nicht mehr denkt und völlig frei von Gedanken ist. Nach Erkenntnissen der modernen medizinischen Forschung ist das menschliche Gehirn immer aktiv, solange man lebt. Das heißt, man kann nicht verhindern, dass Wahrnehmungen ins Bewusstsein kommen und dadurch Gedanken entstehen. Das schließt nicht aus, dass man durch bestimmte Verfahren, etwa die "Gedankentötung" aus der Frühphase des chinesischen Chan-Buddhismus, den gedankenfreien Zustand erreichen kann. Doch dieser wird im Buddhismus als "sinnlose Ungestörtheit" (kongding) und im Daoismus als "Ungestörtheit eines Toten" (siding) bezeichnet. Buddha ist jedoch jemand, der erwacht und erleuchtet ist. Die Sinnlosigkeit der gedankenlosen Stille macht folgendes Bild klar: Der menschliche Gedankenstrom gleicht einem Fluss, der Schlamm mit sich führt - störende Gedanken sind der Schlamm, die Weisheit das reine Wasser. Will man reines Wasser haben, darf man den Fluss nicht anhalten. Wenn man den Gedankenfluss abwürgt, kommen zwar die störenden Gedanken nicht mehr, aber die Weisheit ist gleichfalls verschwunden. Deshalb verneinte schon im 7. Jahrhundert Huineng, der 6. Patriarch des Chan-Buddhismus, die inhaltslose Stille.
In traditionellen Schulen versteht man unter Stille oder Ruhe den Zustand, in dem man durch nichts gestört wird, auch nicht von eigenen Gedanken. Im Zustand der Ungestörtheit (ding) lässt man sich von nichts führen und verführen. Daher heißt es im Diamantsutra: "Man soll das Herz entstehen lassen, indem man an nichts haftet." Dies bedeutet keineswegs die völlige Gedankenlosigkeit.
Klassische Gymnastik und festgelegte Bewegungen:
Die meisten Qigong-Stile bestehen aus festgelegten Bewegungsfolgen. Fast jeder Qigong-Meister bietet eine eigene Folge an, welche die einzig richtige sein soll. Vorsichtigere Meister nennen ihre Bewegungsformen beim ursprünglichen Namen: Wuqin xi (Spiele der fünf Tierarten), Ba duan jin (die acht Brokatübungen), Shi er duan jin (die 12 Brokatübungen), Emei shi er zhuang (die 12 Stehhaltungen von Emei), Taiji shisan quan (die 13 Taiji-Kreise), Yijin jing (Klassik zur Erneuerung der Sehnen) oder Xisui jing (Klassik zur Reinigung des Knochenmarks) usw. Bei diesen Bewegungsformen arbeitet man in der Tat mit Qi. Traditionell dienen sie, unter dem alten Begriff daoyin zusammengefasst, der Gesundheitspflege. Hier haben sie sich als äußerst effektiv erwiesen. Soll ihnen aber ein meditativer/spiritueller Aspekt zugesprochen werden, dann nur insofern, als sie der Vorbereitung auf die Grundausbildung in meditativen Praktiken dienen können. Da diese Übungen genau genommen nicht zu den meditativen Praktiken gehören, dienen sie seit mindestens 1000 Jahren in den traditionellen Meditations- und den Kampfkunstschulen nur zur Entspannung und Körperertüchtigung bzw. als unterstützende Übungen. Mit einem modernen Wort könnte man sie vielleicht als "klassische" Gymnastik bezeichnen, die im Unterschied zur modernen Gymnastik den Aspekt des Qi sehr betont. Bei den Bewegungsfolgen neu entstandener Qigong-Stile handelt es sich meist lediglich um neue Kombinationen von altbekannten Formen. Mehr als klassische Gymnastik können sie nicht bewirken. Eine Anregung zum Nachdenken: In vielen buddhistischen Tempeln sind Luohans (Arhat) in verschiedenen Haltungen dargestellt. Man kann diese noch so gut nachahmen, es kann sich sogar auf die Gesundheit gut auswirken, doch man wird dadurch selbst kein Luohan: Es fehlt im Inneren des Nachahmenden etwas, was einen Luohan zu solchen Bewegungen veranlasst hat. Genau dieses Etwas ist es jedoch, worauf es bei meditativen Praktiken ankommt.

Die Fortsetzung des Artikels erscheint in der nächsten Ausgabe von ðfeng shui spezialÐ. Teil III erklärt weitere Begriffe aus der Qigong-Praxis und setzt sich mit den so genannten besonderen Fähigkeiten auseinander.