Ming Tang

von Manfred Kubny erschienen in Hagia Chora 6/2000

Der Terminus technicus Ming Tang bedeutet wörtlich übersetzt "leuchtende Halle" oder "erleuchtete Halle". Das klassische Buch Zhou Li "Die Riten der Zhou" beschreibt sie als einen Raum für Unterweisungen und Regierungsangelegenheiten. Ming Tang kann auch das Gebäude bezeichnen, in dem der Herrscher seinen Platz innehatte und sich gemäß der chinesischen Kosmologie nach bestimmten Richtungen hin orientierte.

Im Werk Yueling "Monatliche Befehle" oder "Das Monatskommando" (3. Jhdt. v.Chr.) findet sich bereits eine Zuordnung von Farben zu bestimmten Himmelsrichtungen sowie die Beschreibung von Ritualen des Herrschers unter dem Aspekt seiner Ausrichtung nach den Himmelsrichtungen. Diese Ausrichtungen entsprechen genau den Beschreibungen der Ming Tang. Aus dem Zhongwen Dacidian, der "Gesamtenzyklopädie zur chinesischen Schrift", geht hervor, dass die "Leuchtende Halle" den Ort bezeichnete, an dem der Kaiser seine Audienzen abhielt. In jeder Dynastie gab es andere Vorstellungen über deren Größe, Baumaterial und ihre Gestaltung. Man war sich jedoch einig, dass die Ming Tang einen konkreten Ort darstellt, der wiederum aus neun gleich großen Segmenten besteht. Deren Verknüpfungen untereinander folgen der kosmologischen Ordnung aus der Numerologie und geometrischen Anordnung der "Fliegenden Sterne" (feixing) - im klassischen Kontext auch bekannt als "Fliegender Himmel" (feitian) oder die "Neun Paläste" (jiugong), welche ihre theoretischen Berechnungsgrundlagen in der Anordnung des sogenannten magischen Quadrats Luoshu, oder der Fluss-Schrift haben. Besonders der letzte Begriff "Neun Paläste" weist deutlich auf die für alle Dynastien gültige Anordnung der Ming Tang hin: Sie ist in eine Fläche von neun gleich großen Quadraten eingeteilt, wobei nicht mitgeteilt wird, ob diese auch durch Bodenkonturen angezeigt wurden. Der Natur der Luoshu-Numerologie entsprechend sind die neun Bereiche der Ming Tang in der Zeit Veränderungen hinsichtlich ihrer Qi-Konfiguration unterworfen. Der Herrscher musste sich gemäß den veränderten Qi-Zuständen jährlich, monatlich oder vielleicht sogar täglich im Raum anders bewegen. Der Name "Leuchtende Halle" weist daher auch darauf hin, dass sich im Raum des Herrschers das Qi des ganzen Landes sammelte und einen besonders vorsichtigen Umgang erforderte. In der erweiterten Theorie der Ming Tang bezeichnete man aber auch speziell denjenigen Ort innerhalb der Leuchtenden Halle als Ming Tang, an dem das Qi "leuchtete" (wang). Diese Auslegung wurde als Konzept in das moderne Feng Shui tradiert. Das Zhongguo Fang Shu Dacidian, die "Enzyklopädie zu den chinesischen Quadratkünsten", berichtet dazu: Der Name Ming Tang bedeutet auch "inneres Yang" (neiyang). Die Kan-Yu-Schule charakterisiert damit einen von Ruhe erfüllten, energetisch "stillstehenden" Ort vor dem "Ausrichtungspunkt" (xue). Xue bedeutet wörtlich übersetzt "Höhle" und bezeichnet gewissermaßen einen Erd-Akupunkturpunkt, an dem das Qi hervortritt. Die zugehörige Ming Tang ist dann der Ort, an dem das Qi kreuzend fließt, sich austauscht, sammelt und verweilt. Falls das Qi sich nicht sammelt, handelt es sich um einen unpassenden Punkt.

Abhängig von der Entfernung zum Ausrichtungspunkt unterscheidet man zwischen kleiner, mittlerer und großer Ming Tang. Dazu die klassische Literatur:

Kleine Ming Tang (xiao mingtang):

"Die kleine Ming Tang befindet sich in der Corona eines Xue (Quellpunkt des Erd-Qi) und entscheidet beim Festlegen eines Xue-Punktes, ob dies ein echter oder ein falscher Punkt ist ... Es ist der Ort, an dem sich das Große (Makrokosmos) mit dem Kleinen (Mikrokosmos) verbindet. (Die Anwesenheit dort) veranlasst den Menschen, sich auf der Seite niederzulegen."

Mittlere Ming Tang (zhong mingtang):

"Die mittlere Ming Tang heißt auch ’innere Ming Tang (nei mingtang) und weist auf einen Bereich vor dem Xue-Punkt hin, an dem sich Drache und Tiger in Balance befinden. Alle schönen Xue-Punkte bedürfen in ihrer Umgebung einer inneren Ming Tang zwischen dem Drachen und dem Tiger zur Akkumulierung des Qi. Die Kraft des Berges lockert sich, wenn sie an diesem Punkt ankommt, verknotet sich dann friedlich im Xue-Punkt und wird von Tiger und Drache umarmt. Liegt dieser Ort vor dem Xue-Punkt, spricht man von einer inneren Ming Tang. Diese sollte nicht zu groß sein, denn dann berührt sie die grenzenlose Weite und kann den Wind nicht mehr speichern. Sie darf aber auch nicht zu eng angelegt sein, denn dann schränkt sie das Qi so ein, dass es keine edle Erscheinung mehr hat. Sie muss betreffend ihrer Größe gut balanciert angelegt sein, ohne dass die Quelle versiegt, sich spitze Erhebungen in ihrem Umfeld befinden und ohne übel wirkende Steine als Untergrund."

Große oder äußere Ming Tang (da mingtang):

"Die große Ming Tang heißt auch ’äußere Ming Tang (wai mingtang) oder ’äußere weiträumige große Ming Tang (wai yang da mingtang). Sie weist auf einen Xue-Punkt vor dem Berg hin, wo sich am vorgelegten Berg das Wasser akkumuliert und kreuzt. Die Kan-Yu-Schule nennt diesen Ort die ’Austrittsöffnung des sich kreuzenden korrekten Wassers der vier Himmelsrichtungen . Das Wassser der Austrittsöffnung muss unbedingt gestaut werden, da sich das korrekte Qi darin sammelt." In der Kan-Yu-Schule meint Ming Tang auch einen Ort, an dem sich das Wasser sammelt. Bei der Anlegung eines Grabes nannte man den Raum vor dem Grab Ming Tang. In der Gesichtsphysiognomie bezeichnet Ming Tang den Bereich zwischen den Augen auf der Stirn, ebenso ist Ming Tang auch ein Name für einen Akupunkturpunkt (internationale Klassifizierung: GV-23).