Feng Shui und Noticing

Die Wahrnehmung erweitern

von Herbert Gradl erschienen in Hagia Chora 6/2000

Feng-Shui-Experte Herbert Gradl berichtet über seinen persönlichen Ansatz, verschiedene Wahrnehmungstechniken, die er mit dem Begriff "Noticing" zusammenfasst, in die konventionelle Feng-Shui-Beratung zu integrieren.

Feng Shui geht davon aus, dass wir Menschen mit unserem Umfeld ein Resonanzverhältnis eingehen, d.h. dass die Umgebung, in der sich ein Mensch aufhält, der äußere Ausdruck seiner Persönlichkeit ist.
In meiner Arbeit als Berater verbinde ich Feng Shui mit der so genannten Technik des Noticing, bei der es um verschiedene Arten von Wahrnehmung geht. Die eher bekannten Arten betreffen das Sehen, Hören, Riechen und Tasten. Die in der heutigen Zeit fast verloren gegangenen Wahrnehmungswege sind das Fühlen und die Intuition. Noticing ist im Wesentlichen die Kunst, "zu fühlen, wie es meinem Gesprächspartner geht". Dazu gehören Techniken wie Pendeltests, Muskeltests, Visualisierung, Fühlen der Körperveränderung oder Emotionsveränderung etc., mit denen das "Schulwissen" des Feng Shui gezielter und kreativer eingesetzt werden kann.

Hilfestellung durch Noticing
Der westliche Feng-Shui-Berater ist herausgefordert, Lösungen und Methoden zu finden, die zu unserem Kulturkreis passen. Nur wenn sich der Kunde mit der vorgeschlagenen Lösung identifiziert, kann sie ihre optimale Wirkung erzielen. Unter Umständen steht eine nach dem "Schulwissen" ermittelte Lösung in starkem Kontrast zu den Bedürfnissen des Kunden. Der Berater müsste dann fragen: "Ist diese Methode überhaupt noch zeitgemäß? Warum kann der Klient oder die Klientin das Energiemuster nicht leben?" Aus den sich ergebenden Antworten können weitere Empfehlungen, z.B. zu Körperübungen, Ernährung oder Meditation etc., abgeleitet werden. Bei meiner Arbeit zeigt sich immer wieder, dass "unbewusst" Gegenstände, Farben etc. laut Feng-Shui-Richtlinien richtig gewählt oder platziert wurden oder dass man fühlt, dass hier "etwas gemacht" werden muss. Als Berater bin ich nur derjenige, der dieses Gefühl entsprechend artikuliert und Hinweise gibt. In uns ist also die Fähigkeit zu intuitiver Wahrnehmung vorhanden, sie muss nur gefördert werden. Aufgrund dieser Tatsache ist es mir ein Anliegen, die Wahrnehmung meiner Klienten zu fördern oder wieder zu aktivieren. Dadurch gelingt es ihnen, unterschiedliche Energiezustände zu fühlen und zu nutzen, was Eigenverantwortung und Selbstwertgefühl steigert. Oft bieten sich vorhandene Gegenstände zur Lösung eines Problems an, auch wenn sie den Feng-Shui-Regeln nicht entsprechen, besonders, wenn eine persönliche Beziehung zu ihnen aufgebaut wurde. Genauso kann ein solcher Gegenstand als Hauptproblem oder als Auslöser des Unwohlseins identifiziert werden. Unser Körper speichert jedoch nicht nur alles jemals Erlebte, er hat auch die Fähigkeit, sich in zukünftige Situationen hineinzuversetzen. Durch Noticing kann man dem Klienten auf anschauliche Art vermitteln, wie sich die Veränderung positiv auswirken wird. Das "Feng-Shui-Schulwissen" wird plötzlich erlebbar.

Kann das jeder?
Aufgrund meiner Erfahrungen ist das Noticing von allen Menschen erlernbar, die bereit sind, sich auf Neues einzulassen. Ich habe auch schon mit Menschen gearbeitet, die sagten: "Ich habe noch nie etwas gespürt!" Sie waren jedoch in einer neutralen Haltung zu einem Experiment bereit. Dies ist eine wichtige Voraussetzung; selbst Skeptiker können unter diesen Vorzeichen ihr Erlebnis haben. Die Besten auf dem Sektor der Wahrnehmung sind selbstverständlich die Kinder. Es ist eine Freude, mitzuerleben, mit welcher Selbstverständlichkeit - sehr oft zum großen Erstaunen der Eltern - Kinder die unterschiedlichsten Energiezustände fühlen und beschreiben können.
Wenn einem Menschen kein Fühlen möglich war, habe ich jedoch oft erlebt, dass der Muskeltest gut funktioniert. Hier Zeit zu investieren hat sich noch immer gelohnt. Zum einen erschließen sich für den Klienten/die Klientin neue Wege, den "Lebensraum", der ja Körper, Wohnung und Umfeld umfasst, besser wahrnehmen zu können. Zum anderen lohnt es sich für mich selbst, wenn Freude und Überraschung über die eigene Wahrnehmung in den Augen der Kunden glänzt.

Ein Gedankenexperiment
Ein kleines Gedankenexperiment soll den Ansatz dieser Arbeit verdeutlichen: Setzen Sie sich hin, entspannen Sie sich, schließen Sie die Augen, fühlen Sie in Ihren Körper hinein, atmen Sie ruhig und gleichmäßig. Eventuell visualisieren Sie Ihre Lieblingsblume oder etwas anderes, das Ihnen Freude bereitet und ein angenehmes, entspanntes Gefühl im Körper auslöst. Nun stellen Sie sich Ihr Schlafzimmer vor - wie geht es Ihnen dabei? Dann lassen Sie den geistigen Blick langsam durch den Raum gleiten und fühlen in sich hinein: Wo gibt es eine Veränderung, wo ist es angenehm, wo ist es unangenehm? Wenn Sie etwas Störendes gefunden haben, z.B. ein Bild, gilt es festzustellen, ob dieses Bild als Gesamtes ungünstig ist, oder ob es nur für diesen Raum nicht passt. Durch geistiges Abfragen können Sie die Wirkung sofort feststellen. Es kann auch sein, dass es nicht das Bild, sondern der Rahmen ist, der stört. Nun geben Sie den Wänden eine andere Farbe, z.B. gelb - was geschieht jetzt? - oder probehalber ein kräftiges Rot - was passiert jetzt? Auf diese Weise können Sie jeden Raum testen und fühlen, was bei einer visualisierten Veränderung passiert. Ich wünsche Ihnen dabei viel Spaß!