Ursprüngliches Feng Shui

Aus der Tradition einer Mandarin-Familie

von Frank Behrendt , Nguyen thi Chau erschienen in Hagia Chora 6/2000

Dass ein Europäer in eine asiatische Familie aufgenommen wird, ist nicht alltäglich, und dass er dazu noch in die Familientradition eingeweiht wird, darf als Zeichen von ungewöhnlicher Integration gelten. Dem Deutschen Frank Behrendt ist dies widerfahren: er bekam durch die Aufnahme in die Großfamilie seiner Frau, die chinesisch-vietnamesischer Abstammung ist, deren gesamtes Wissen über chinesische Medizin übermittelt. Dazu gehört auch die für die hochangesehene Familie alltägliche Praxis des Feng Shui, das jedoch, wie der Autor betont, nicht so benannt wird. Exklusiv für ›feng shui spezial‹ wird das Autorenpaar in loser Folge wesentliche Teile seines Wissens veröffentlichen.

"Die menschliche Natur kennt nichts Kostbareres als Güte, nichts Wichtigeres als Weisheit!
Güte ist der Nährboden; Weisheit ist das Mittel, um Güte in die Praxis umzusetzen. Mit diesen beiden Eigenschaften als Grundlage wird alles, was zuträglich ist, vollbracht, wenn Mut, Stärke, Intelligenz, Schnelligkeit, Sorgfalt, Schläue, Scharfsinn, geistige Überlegenheit und Weitblick dazukommen. Bist du aber in deiner persönlichen Entwicklung nicht fortgeschritten und verfügst über technische Fertigkeiten, ohne dass diese von Güte und Weisheit gelenkt würden, dann vergrößerst du den Schaden nur, wenn alle Arten von Zierde hinzukommen. Bist du also wagemutig und kühn, ohne gütig zu sein, dann bist du wie ein Verrückter, der ein scharfes Schwert schwingt; bist du klug und flink, ohne Weisheit verwirklicht zu haben, dann ist es, als würdest du ein schnelles Pferd reiten, ohne zu wissen, welchen Weg du einschlagen musst." (Huai Nan Zi)
Fragt man im chinesischen Raum nach der Bedeutung der Lehre des Feng Shui, so erhält man häufig ein ungläubiges Achselzucken. Wir haben diesen Begriff, der wörtlich übersetzt "Wind - Wasser" bedeutet und wohl auf die fließende und nie endende Bewegung des Tao in der Natur hinweist, so nur selten fallen hören. Wenn ein Haus, gleich ob es sich um ein Geschäfts- oder Wohnhaus handelt, ein Tempel, eine Brücke oder ein Grab nach den Regeln bzw. Gesetzmäßigkeiten und Traditionen der chinesischen Geomantie-Lehre gebaut werden oder Unklarheiten bei einer Einrichtung oder Gestaltung auftreten, wird gewöhnlich nach dem "weisen ehrwürdigen Zauberer" gerufen, hinter dem sich ein taoistischer Großmeister eben dieser Lehre verbirgt. Nach dem Grund befragt, warum etwas gerade so gebaut oder eine Symbol-Figur gerade an jenen bestimmten Platz gestellt wird, bekommt man genau die Gründe aus den Kernaussagen der Feng-Shui-Lehre erklärt, z.B. wie sich die jeweilige Handlung auf das Qi (Energie) des Raumes auswirkt usw. Für die meisten Chinesen der oberen Schicht, in der dieses Wissen eben weiterhin besonders gepflegt wird, ist es jedoch schlicht der Tradition entsprechend. Das Feng Shui in seiner "klassischen" Form kann man sich somit aus der chinesischen Kultur überhaupt nicht wegdenken. Es ist so tief verwurzelt und bildet einen fließenden Übergang zu den Lehren der Traditionellen Chinesischen Medizin, dem taoistischen Gedankengut, der chinesisch-buddhistischen Religion, den Lebensgewohnheiten usw., dass es niemand früher gewagt hätte, ein Haus oder Grab zu bauen, ohne vorher den taoistischen Geomanten um Rat zu fragen oder um Hilfe zu bitten. "Untersuche gründlich die Prinzipien und Bedeutungen. Weißt du die Prinzipien des Körpers und des Geistes nicht zu erkennen, kannst du Gesundes und Abwegiges nicht unterscheiden, und du wirst den Weg verfehlen." (Chang Po-tuan) Was aber genau ist nun eigentlich Feng Shui? Es ist eine Lehre, eine tiefe Erkenntnis, eine Weisheit, deren Wissen über viele Jahrtausende vervollkommnet wurde, um den Menschen mit seiner Umgebung, der Natur, seinem Wohnraum, seinem Arbeitsplatz in Einklang zu bringen. Im Buch der Riten, dem "Li Chi" wird es als "bewirkte Harmonie der Mitte" bezeichnet. "Himmel und Erde kommen an ihren rechten Platz, und alle Dinge gedeihen." Die Einflüsse der Natur und des Universums mussten so günstig wie möglich gestaltet werden, und entsprechend sorgfältig wurden Häuser, Tempel, Brücken, Mauern, Grabanlagen, Baumgruppen, Gärten und andere Örtlichkeiten angelegt. Dies erfordert grundsätzlich eine genaue Betrachtung des Erdbodens (Ti Li), die Kenntnisse der Wissenschaft von Yin und Yang, vor allem aber die Techniken des Feng Shui.

Zweig der chinesischen Medizin
Es ist im Grunde nichts anderes als das dasselbe Lehrprinzip der Traditionellen Chinesischen Medizin, bei der ein durch bestimmte Faktoren erzeugtes Ungleichgewicht der gegensätzlichen Kräfte Yin und Yang eines Organbereiches, das sich als "Krankheit" manifestiert, wieder in Einklang gebracht wird. Dies erfolgt durch bestimmte Hilfsmittel, überwiegend Heilkräuter oder unterstützende Akupunkturbehandlungen usw. (Ausführlich wird diese Thematik übrigens in dem demnächst erscheinenden Buch ’Traditionelle Chinesische Medizin - die natürliche Alternative zur westlichen Schulmedizin dargelegt.) Somit wird das Gleichgewicht, die innere Harmonie, wieder hergestellt; der Patient ist gesund. Durch Feng Shui werden dieselben Lehrprinzipien angewendet, denn lebt der Mensch mit dem Raum-Qi (Energie) seiner Umgebung in Disharmonie, so wird das Körper-Qi davon mit beeinflusst, und es können Krankheiten begünstigt werden oder erst entstehen (besonders betroffen sind hiervon seelische, aus denen bei unterlassener rechtzeitiger Behandlung sehr oft schwere körperliche entstehen können, z.B. Migräne, Schlaflosigkeit, Depression, Angstphobien, Asthma, Parkinson-Syndrom - eine Folge von Leber-Wind, etc.). Feng Shui steht daher als Synonym für das harmonische Fließen der Urkräfte Yin und Yang im äußeren Lebensraum eines Menschen. Deshalb sollte es auch das höchste Ziel sein, nicht nur einseitig die Gesundheit eines Menschen zu erhalten, sondern auf der anderen Seite auch die Natur zu bewahren und sich nicht durch Raubbau, Überzüchtung oder genetische Veränderungen an ihr und ihrem Schöpfer zu vergehen! "Es gibt so viele Meinungen, wie es Menschen gibt." (Mo Ti) Aufgrund unserer persönlicher Erfahrungen ist unser Zugang zum Feng Shui selbstverständlich ein anderer, als derjenige, der durch die vielfältige deutschsprachige Feng-Shui-Literatur derzeit vermittelt wird. Wir stellen allerdings immer wieder mit Erstaunen fest, wie weit diese Welten voneinander entfernt sind. Damit wollen wir keineswegs die derzeitigen europäisierten Feng-Shui-Lehren diskreditieren, sondern nur auf die zum Teil erheblichen Differenzen zu überlieferten chinesischen Traditionen hinweisen. In einiger Literatur lasen wir z.B., dass Feng Shui ursprünglich nur dem Kaiserhaus vorbehalten war. Nach unserer Meinung muss hier eher zwischen verschiedenen Arten, Formen und Lehren des Feng Shui deutlich unterschieden werden. Freilich war das Feng Shui für den Kaiser-Palast ein anderes als das für Fürsten, Mandarine oder Beamte und erst recht ein völlig anderes als das des gemeinen Volkes. Schließlich war der Kaiser das Oberhaupt seines Volkes; sein Feng Shui musste also in erster Linie Macht, Stärke und Überlegenheit symbolisieren, da er ja ein gutes Vorbild für sein Volk abgeben sollte (und nicht, wie häufig durch menschliche Schwächen leider geschehen, das Bild eines Despoten). Viele Darstellungen, die mit dem Kaiser assoziiert werden, z.B. ein Drache mit fünf Krallen, waren dem Volk selbstverständlich verboten, das sich so etwas nicht anmaßen durfte. Aber auch die chinesischen Bauern wenden oft Regeln des Feng Shui an. So sind noch heute in abgelegenen Gebieten Ba-Gua-Spiegel über den Hauseingängen zu finden, die Altäre für die Ahnen nach strengen Richtlinien aufgestellt, die Gräber der Ahnen in den Reisfeldern exakt nach den Feng-Shui-Gesetzmäßigkeiten ausgerichtet usw. Den wenigsten ist allerdings bewusst, dass dies etwas mit Feng Shui zu tun hat. Es ist die Tradition der Vorväter, die ohne zu hinterfragen - würde man dies tun, würde man schließlich die Ahnen beleidigen - bis in unsere heutige Zeit übernommen wurde.

Feng Shui als Modeerscheinung
Viele der Regeln und Gesetzmäßigkeiten des Feng Shui sind in einer wahren Flut von Büchern und Veröffentlichungen hier im Westen publiziert worden. Generell ist es nur positiv zu sehen, wenn altes Wissen kulturübergreifend gelehrt wird. Problematisch scheint uns jedoch, dass Feng Shui mittlerweile zur Mode-Erscheinung geworden ist. Alles, bis hin zum größten Kitsch, dem der exotisch und mythisch bis märchenhaft phantastisch klingende Name "Feng Shui" als Deckmantel verpasst wird, lässt sich eben gut verkaufen - leider eine Erscheinung des heutigen Markt-Denkens: Ob Feng-Shui-Öle und Feng-Shui-Räucherwerk, Feng-Shui-Kräuter, Feng-Shui-Tee, Feng-Shui-DNS-Spiralen, Feng-Shui-Kristalle, Feng-Shui-Dorje (tibetische und nepalesische Donner-Symbole), Feng-Shui-Mandalas (Mandalas gehören genauso wie Dorjes in den indischen und tibetischen Buddhismus und nicht zur chinesischen Kultur), Feng-Shui-Glastiere oder Feng-Shui-Poster (einen Feng-Shui-Joghurt haben wir bislang noch nicht gefunden) - Feng Shui ist eben Trend! Selbstverständlich werden ätherische Essenzen und besonders Räucherwerk zur rituellen Reinigung, zur Raumharmonisierung, Verbesserung der Atemluft durch die gesundheitliche medizinische Wirkung auf Fei (den Lungen-Organbereich), aus Gründen der Verehrung und der Ehrfurcht gegenüber den Ahnen benutzt; es bleibt aber dasselbe Räucherwerk wie vorher, ohne diesen neuen Namen, hergestellt nach denselben Rezepturen, es bleiben diesselben ätherischen Öle. Aber durch einen neuen Namen verkauft sich alles eben besser. "Tradition hatte einst Funktion. Aber heute gibt es keine Tradition mehr. Wo findet man da einen echten Pfad?" (Deng Ming-Dao)

Traditionelle Hilfsmittel
In chinesischen Häusern haben wir nirgendwo etwa ein Wasserfall-Poster gesehen. Selbst in den ärmsten Regionen wird lieber etwas gespart und ein billigeres Seiden-Landschaftsgemälde in Auftrag gegeben. Dazu nimmt diese Lehre, diese Tradition eine viel zu wichtige Stellung ein. Gerade so ein gemaltes Bild ist ein einzigartiges Kunstwerk, das Ruhe und Harmonie ausstrahlen soll, an deren ästhetischer Schönheit man sich in der Stille bei einer Schale hochwertigsten Tees erfreuen will. Selbst die Schrift, die Kalligraphie, ist eine Schreib-Kunst. Ein gewöhnliches Poster käme dort einer Lächerlichmachung gleich. In wohlhabenderen Häusern hängen zumeist edelste Handstickereibilder, die täuschend echt wie Ölgemälde aussehen, oder eben kostbarere Malereien, wodurch besonders auch eine Ehrfurchtshaltung und gewisse Achtung vor der Lehre, der Tradition, zum Ausdruck gebracht wird. "Der Edle ist bedacht in seinen Worten und klug in seinem Handeln." (Kung Fu Tze)

Die Weisheit der Jade
Auch Kristalle haben wir fast nie in Südostasien verwendet gesehen. Ganz selten waren in wohlhabenderen Häusern kleinere bis mittlere Gruppen von naturbelassenen Bergkristallen oder daraus gefertigte Windspiele im Vorhof zu finden; Glas-Kristalle oder Blei-Kristall werden nicht eingesetzt. Wir bezweifeln durchaus nicht die Wirkung oder Ausstrahlung dieses westlichen Feng-Shui-Hilfsmittels, es gehört jedoch nicht zum ursprünglichen, klassischen Feng Shui in China. Die in China hingegen äußerst wichtigen Steine sind seit jeher fast ausschließlich die vielfältigen Sorten von Jade (Halbedelstein), allen voran die edelste Xio-Yan-Jade. Diese Jade symbolisiert die höchste Reinheit und Weisheit überhaupt und wird als der beste Schutz vor negativen Einflüssen angesehen (z.B. symbolisch auch vor Krankheiten - Kuei -, den Dämonen etc.). So werden aus guter Jade eigens verschiedenste, sehr aufwendig hergestellte Symbol-Figuren und Amulette angefertigt, die speziell im Feng Shui verwendet werden (z.B. Drachen, Drachenkopf-Schildkröten, Schildkröten, Chi Lin - Einhörner, Goldfische, Elephanten, Xian Nü - Himmels-Feen - die Schirmherrinnen des Feng Shui, Kuan Yin - der weibliche Buddha der Barmherzigkeit - eine der beliebtesten symbolischen Gottheiten, die im ursprünglichen Feng Shui platziert werden, Guang Gong - der Friedensgott und Gott der Weisheit, Münzen etc. In einem späteren Beitrag werden wir näher darauf eingehen). Im "europäisierten" Feng Shui können wir Jade kaum finden, obgleich es nach unserer Meinung eines der wichtigsten und symbolkräftigsten Hilfsmittel des Feng Shui überhaupt ist und auf keinen Fall durch Ähnliches oder anderes ersetzt werden kann. Auch in den üblichen Feng-Shui-Büchern haben wir es nicht erwähnt gefunden. Es ist hier in der Regel unbekannt. (Was hierzulande meist als Jade bezeichnet wird, ist lediglich die dunkelgrüne, fast wertlose Billig-Jade, die Touristen in China beinahe an jeder Straßenecke erhalten können. Diese Sorte besitzt jedoch so gut wie keinen wesentlichen Symbolwert). Wer sich explizit für die klassische ursprüngliche Lehre des Feng Shui interessiert, sollte viele vermeintliche "Feng-Shui"-Accessoires und auch viele kursierende Lehren genauer unter die Lupe nehmen, um Tradition von individuellen Auslegungen zu unterscheiden. Derzeit erarbeiten wir ein Buch zum Feng Shui, aus dem auch dieser Artikel stammt. Es ist nicht unser Anliegen, nur ein weiteres "Feng-Shui-Regelbuch" herauszubringen, wovon es wahrlich schon zahlreiche gibt und was uns vielleicht auch nicht zusteht. Wir möchten vielmehr die Bedeutung vieler wesensstarker Symbole, die im Westen so gut wie unbekannt sind, für den abendländischen Interessierten in einer Form erschließen, wie sie in der chinesischen Kultur und so auch in unserer Familie seit vielen Generationen bekannt sind.Auch in der westlichen Welt gibt es eine Fülle von Symbolen, die der Leser anhand verschiedener chinesischer Beispiele vielleicht zielgerichteter anwenden kann. Das große Wissen und die Weisheit der chinesischen Geomantie-Lehre Feng Shui bietet jedenfalls die Möglichkeit, diese Symbole wesentlich bewusster einzusetzen, damit unser Umfeld harmonischer und über das Unterbewusstsein (dem "Traumland") beruhigender wird und als Ganzheit erfahren werden kann.
Aus der ursprünglichen Lehre von "Wind und Wasser" können wir besonders in der heutigen, vom Alltagsstress gekennzeichneten Welt großen persönlichen Nutzen ziehen und viel tiefgründige Weisheit lernen, um an unserem Arbeitsplatz, in unserem Heim oder in der Natur Ruhe und Harmonie, Ausgeglichenheit und innere Zufriedenheit und ganz tief in unserem innersten Herzen die Verbundenheit zu Shang Ti, dem höchsten Schöpfer zu erfahren.

In der nächsten Ausgabe von feng shui spezial wird der Artikel fortgesetzt.
Literatur: "Kategorisierung von Nahrungsmitteln entsprechend der traditionellen chinesischen Medizin", Medizinisch Literarische Verlagsgesellschaft mbH - Uelzen, 1999, ISBN 3-88136-197-9; auch auf CD-ROM erschienen: ISBN 3-88136-200-2