Was ist Qigong?

Eine Betrachtung aus Sicht der traditionellen Mediationsschulen. Teil III

von Jia Zhiping erschienen in Hagia Chora 7/2000

Dies ist der dritte und letzte Teil der Abhandlung über die Hintergründe des Qi Gong von Jia Zhiping. Der Text stammt aus der Umgebung des gegenwärtigen Stammhalters der daoistischen Schule des Taijimen, Professor Lu Jinchuan. Der in bester aufklärerischer Absicht verfasste Text fordert zur Auseinandersetzung mit authentischen traditionellen Aussagen heraus.

Von Jia Zhiping
Eine besondere Bewegungsart, die sogenannte spontane Bewegung (zifa donggong), die durch verschiedene Methoden ausgelöst werden kann, ist für Außenstehende rätselhaft und scheint mit meditativen Praktiken zu tun zu haben. Manche selbst ernannten Meister dieser Richtung behaupten von sich, Medium irgendeiner Gottheit zu sein und deren Kraft und Energie auf andere übertragen zu können, um spontane Bewegungen bei anderen auszulösen. Was steckt aber dahinter? Wir Menschen haben zwei verschiedene Muskelsysteme, das eine ist steuerbar, z.B. die Muskeln der vier Extremitäten, das andere normalerweise unsteuerbar, z.B. die Herzmuskeln. Dementsprechend gibt es zwei Bewegungsarten, doch existiert zwischen ihnen keine absolute Trennung. Manche großen Yogis haben gezeigt, dass unsteuerbare Bewegungen unter Umständen steuerbar werden. So können sie die Herzaktivitäten unter Kontrolle halten. Umgekehrt können beim steuerbaren Muskelsystem unter bestimmten Umständen ungesteuerte Bewegungen auftreten, nämlich bei Konzentration und Entspannung. Konzentration kann man auf unterschiedliche Weise erzielen. Nach Ansichten der traditionellen Schulen basiert die menschliche Existenz auf den sogenannten sechs Wurzeln (liugen), nämlich Augen, Ohren, Nase, Zunge (= Mund), (der übrige) Körper und das Bewusstsein. Die Konzentration auf eine oder mehrere dieser Wurzeln führt zum Verlust der Kontrolle über die übrigen Wurzeln, und dadurch beginnen sie, sich zu entspannen. Auf diese Weise entstehen scheinbar spontane Bewegungen, scheinbar spontan, weil sie keineswegs zufällig sind, sondern ihre zwingenden Gründe haben. In den traditionellen Schulen ist diese Art der Bewegung nicht unbekannt. Viele Richtungen der oben kurz geschilderten acht traditionellen Schulen (siehe feng shui spezial Nr. 6) kennen unterschiedliche Methoden, mit denen solche Bewegungen ausgelöst werden. Selbst in der Chan-Schule, deren Praktiken so sehr vom stillen Sitzen dominiert zu sein scheinen, kennt man ähnliche Übungen, die allerdings nicht gefördert werden. Diese Bewegungen dienen allgemein als Einstieg in die eigentlichen meditativen Praktiken. Wichtig dabei ist, wie und mit welcher Methode sie ausgelöst werden. Denn je nach Wurzel bzw. Methode erreicht man nach der Phase der "spontanen" Bewegungen einen anderen meditativen Zustand. So werden durch Wuwei bei der "Stehübung im leeren Kreis" Taijimen die spontanen Bewegungen ausgelöst, um nachher in den Übungszustand der "Taiji-Formen in neun Positionen" (jiugong taiji jia) zu kommen; in Fulumen kommt man durch bestimmte Zauberformeln, durch die Wurzel Zunge also, in spontane Bewegungen und erreicht danach die "Hand mit Wunderkraft der acht Trigramme" (bagua shenli zhang). Beide können auch als Kampfkunst eingesetzt werden. So wird aus "Taiji-Formen in neun Positionen" die "Taiji-Hand in neun Positionen" (jiugong taiji shou), die den Ursprung des populären Taijiquan darstellt . Die "Hand mit Wunderkraft der acht Trigramme" wurde im so genannten Boxer-Aufstand 1900 eingesetzt, konnte aber den Schießwaffen der Westmächte nicht standhalten. Die "spontanen" Bewegungen auszulösen ist nicht schwierig. Dafür braucht man weder eine Gottheit noch irgendwelche Zauberkraft. Sobald man versteht, warum solche Bewegungen auftreten können, kann sie jeder auslösen. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht und weiter verfährt, wenn sie ausgelöst worden sind, denn diese Art von Übung ist nicht gefahrlos. Es gab Todesopfer, als in den 80er-Jahren eine bestimmte Art von "spontanen" Bewegungen auf Massenveranstaltungen praktiziert wurde. Generell kann gesagt werden, spirituelle Entwicklung gleicht einer Fahrt durch unbekanntes Gewässer, Gefahren lauern überall. Nur wenn man selbst einen Weg gefunden hat, kann man andere auf diesen Weg führen. Wenn man selbst noch im Dunkeln tappt und schon andere führt, ist dies schlicht unverantwortlich. Das ist unter anderem einer der Gründe, warum die traditionellen Schulen nichts mehr mit Qigong zu tun haben wollen.

Nebenwirkungen der Praktiken?
Damit kommen wir zu zwei populären Begriffen, mit denen verschiedene "Nebenwirkungen" der Qigong-Praktiken beschrieben werden: zouhuo und rumo. Nach Heise, der sich offensichtlich auf chinesische Qigong-Autoren bezieht, stellen diese zwei "Stadien der unerwünschten Abweichungen" dar: Zouhuo (Feuer unbeabsichtigt entstehen lassen) besagt, dass es zu einer Störung der Gefühlswahrnehmung kommt, indem man dabei - meist mit zuviel willentlicher Anstrengung und ohne die nötige, frei schwebende geistige Aufmerksamkeit - zu weit geht und übertreibt. Als Folge ist das Qi disharmonisch und zirkuliert unkontrolliert nach den Übungen weiter, so dass die Gefühlswahrnehmungsstörungen auftreten. Rumo (das Eintreten von Dämonen) bedeutet, dass es schon zu einer psychischen Störung gekommen ist, eventuell im Sinne einer psychotischen Dekompensation, die bei fehlender sachlicher und erfahrener Hilfestellung vom Exogenen ins Endogene sich verfestigend weitergehen kann." Wenn man die Geschichte beider Begriffe verfolgt, muss man feststellen, dass es sich hier wieder um ein Missverständnis handelt. Zouhuo ist ein Begriff aus Dandingmen. Sein Ursprung in der so genannten äußeren Alchimie ist unverkennbar. In der inneren Alchimie, die viele Begriffe aus der äußeren Alchimie übernommen hat, meint man mit diesem Begriff eine Verfehlung bei der Herstellung der "inneren Pille". Solche Verfehlungen können mit einer Metapher verdeutlicht werden: Wenn man Reis kocht, muss die Stärke der Flamme stimmen, sonst wird der Reis nicht ganz gar oder angebrannt. Bei der Herstellung der "inneren Pille" ist die "Temperaturkontrolle" genauso wichtig, aber viel schwieriger. Wenn solch ein Fehler passiert, heißt es dann zouhuo - das Feuer ist außer Kontrolle geraten. Eines ist sicher, zouhuo ist kein Anfängerfehler. Um solch einen Fehler zu machen, muss man schon ein bestimmtes Niveau erreicht haben. Rumo ist ein Phänomen, das in verschiedenen daoistischen Schulen bekannt ist. Damit sind eigentlich zwei Phasen während der meditativen Praktiken gemeint, die als der kleine und der große Pass des Wahnsinns (xiao fengguan und da fengguan) bezeichnet werden. Es geht um gründliche Um- und Neuordnung der Wahrnehmungen und des Bewusstseins. Wer sich in solch einer Phase befindet, spricht für Außenstehende wirr wie ein Wahnsinniger, wie von Dämonen besessen. Doch das eigene Verhalten ist kontrollierbar. Dieser Prozess ist grauenhaft, aber notwendig, und mit der Hilfe eines Lehrers leicht zu überwinden. Deshalb heißt es im daoistischen Kreis: "Wer die Verrücktheit und den Wahnsinn nicht durchgemacht hat, der kann kein Unsterblicher werden." Um "von einem Dämon besessen" zu sein, muss man schon ein ziemlich hohes Niveau erreicht haben, sprich, man befindet sich kurz vor der Erleuchtung. Zouhuo und rumo sind also zwei Sachen völlig verschiedener Kategorien. Zouhuo ist vermeidbarer Fehler und rumo notwendiger Prozess. Beide Begriffe waren schon sehr früh bekannt, doch richtig populär wurden sie erst durch billige Kungfu-Romane aus Hongkong und Taiwan. Auf diesem Umweg haben sie den Eingang zu Qigong gefunden.
Was bedeuten aber die Symptome, die in der Qigong-Szene als zouhuo und rumo bezeichnet werden? Als Mensch kann niemand, so banal es auch klingen mag, vier Sachen vermeiden: geboren werden, alt und krank werden und schließlich sterben. Das war auch die entscheidende Erkenntnis, die einst Sakjamuni auf den spirituellen Weg führte. Krankheiten gehören also zum menschlichen Dasein. Wenn der menschliche Körper krank werden kann, hat er unbedingt auch Mechanismen, Krankheiten zu überwinden und zu heilen. Wie vorhin erwähnt, kann durch Konzentration auf einzelne Wurzeln die Entspannung anderer Wurzeln erreicht werden. Im Zustand der völligen Entspannung beginnen körpereigene Mechanismen, die normalerweise verdeckt sind, zu wirken, und zwar zu allererst auf die Krankheiten, die man in sich trägt. Das Qi kommt durch Konzentration und Entspannung in Bewegung und beginnt, die Krankheiten, die für das fließende Qi Blockaden darstellen, zu überwinden. Durch die Qi-Angriffe werden Symptome akuter Krankheiten vorerst verstärkt und potenzielle Krankheiten zum vorzeitigen Ausbruch gebracht. Die Überwindung der Blockaden bedeutet Heilung der Krankheit. Aus klinischer Sicht treten dabei nicht selten schwerwiegende Krankheiten und oft psychische Störungen auf. Dadurch lassen sich teilweise die unter zouhuo und rumo zusammengefassten "Abweichungen" und übrigens auch die rätselhaften Schamanenkrankheiten erklären. In traditionellen Schulen bedeutet die Überwindung solcher Krankheiten einen notwendigen Reinigungsprozess. Verschiedene Symptome gelten im Anfangsstadium der meditativen Praktiken sozusagen als normal. Allerdings haben diese Schulen ein reiches Repertoire an Methoden, mit denen solches Leiden vermindert und der Heilungsprozess beschleunigt werden. Zudem verfügen sie über Methoden, um Schüler vor der Einweihung zu untersuchen. Bei schwerwiegenden, besonders bei Herz- und psychischen Krankheiten wird der Betreffende zuerst behandelt. Nur wenn sicher ist, dass beim Ausbruch der Krankheit keine allzu große Störung der Alltagsbewältigung oder gar Lebensgefahr besteht, wird der neue Schüler eingeweiht. Traditionelle Schulen folgen hier sehr vorsichtigen und strengen Regeln. Der Ausbruch von Krankheiten ist also normal, und deren Heilung stellt lediglich ein Nebenprodukt der meditativen Praktiken dar. Manche Symptome, die in der Qigong-Szene als zouhuo und rumo betrachtet werden, fallen jedoch nicht in die oben beschriebene Kategorie. Vielmehr sind sie Folgen davon, dass man ohne genaue Erkenntnisse über die Bahnsysteme das Qi im Körper umherleitet. In solchen Fällen steht sogar die altbewährte TCM oft machtlos da. In diesem Zusammenhang sei gemahnt: Mit Qi zu arbeiten (Qigong) ist kein Kinderspiel. Vorsicht ist geboten.

Besondere Fähigkeiten
Wenn die Gesundheitspflege für Qigong in den 50er-Jahren im Mittelpunkt stand, werden seit Mitte der 80er-Jahre Qigong-Stile zunehmend mit dem Maßstab gemessen, ob man durch solche Übungen besondere Fähigkeiten (teyi gongneng) erlangt. Qigong-Meister bieten nicht mehr einfach eine Übung an, sondern auch Behandlung von Krankheiten durch ausgestrahltes Qi. Mit manchen Kunststücken, z.B. Gegenstände ohne physische Kraft zu bewegen oder einen Zettel mit den Ohren zu lesen, versuchen sie, ihre Meisterschaft zu beweisen. Besondere Fähigkeiten werden zunehmend wichtiger eingeschätzt. Was sind dann solche besonderen Fähigkeiten? Was für eine Rolle spielen sie aus der Sicht der traditionellen Schulen bei meditativen Praktiken? Den so genannten besonderen Fähigkeiten, im Westen als parapsychologische Phänomene oder übersinnliche Fähigkeiten bekannt, hinkt die wissenschaftliche Forschung ziemlich hinterher und kann keine brauchbare Erklärung liefern. Taijimen hat ein Erklärungsmodell, das seit Jahrtausenden in Gebrauch ist und durchaus als Hypothese dienen kann. Es ist nicht auszuschließen, dass dieses Modell sich irgendwann als wissenschaftlich haltbar erweisen wird. Schließlich galt die Akupunktur der TCM für die westliche Schulmedizin lange Zeit als Humbug, bis man Teilaspekte der Nadelstecherei durch Gerätschaften messen konnte. In den traditionellen Schulen werden die in der Qigong-Szene bekannten "besonderen" Fähigkeiten (teyi gongneng) geistige Fähigkeiten (shentong) genannt. Nach Ansicht von Taijimen besitzen die schon erwähnten sechs Wurzeln des Menschen neben den Fähigkeiten, die im Alltag zur Geltung kommen (die Yin-Fähigkeiten) auch Yang-Fähigkeiten, die einen in die Lage versetzen, vieles normalerweise nicht Wahrnehmbares wahrzunehmen. Diese Fähigkeiten sind jedem Menschen angeboren, sind aber durch Nicht-Anwendung allmählich zurückgebildet. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie den Menschen völlig abhanden gekommen wären, sie sind bei jedem latent vorhanden. Sie gehören also zur menschlichen Anlage, kommen deshalb manchmal bei Kindern, Kranken, aber auch bei gesunden Erwachsenen unvermutet zum Vorschein. Ein Beispiel kann der berühmte Blick im Rücken sein: Wenn man von hinten angestarrt wird, kann man diesen Blick manchmal merken und muss sich unwillkürlich umdrehen. Um die Yang-Fähigkeiten wiederzubeleben, braucht man nicht unbedingt meditative Praktiken der traditionellen Schulen, auch nicht Qigong-Methoden. Es genügt schon, wenn man ganz konzentriert den Blick auf einen Punkt z.B. auf der Wand fixiert, ohne irgend etwas anderes zu tun. Der Schlüssel liegt in der Entspannung. Im entspannten Zustand können sich nicht nur überbeanspruchte Funktionen erholen, sondern auch unterdrückte Fähigkeiten wieder befreien. Die Yang-Fähigkeiten haben einige Eigenarten gegenüber den Yin-Fähigkeiten. Man nimmt z.B. an, dass die sechs Wurzeln alle miteinander verbunden sind und es keine absolute Grenze zwischen ihnen gibt. Deshalb kann jede von ihnen auf der Ebene des Yang auch die Funktionen aller anderen Wurzeln übernehmen. Den angeführten Blick im Rücken nimmt man z.B. nicht mit dem so genannten himmlischen oder dritten Auge wahr, das in der Stirnmitte lokalisiert wird. Man kann sagen, dass hier eine Funktionsübertragung stattfindet. Generell herrschen auf der Ebene der Yang-Fähigkeiten andere Gesetzmäßigkeiten. Auf die Ebene der Yin-Fähigkeiten übertragen, würden sie absurd wirken. Die Yang-Fähigkeiten gelten also deshalb als besonders oder parapsychisch, weil man sie normalerweise nicht spüren kann. Übersinnlich sind sie nur bedingt, weil die Wurzel Bewusstsein im Westen nicht zu den Sinnesorganen zählt. Ansonsten sind sie durchaus sinnlicher Natur.

Wundertechniken
Da die Yang-Fähigkeiten zur menschlichen Anlage gehören, ist es nicht verwunderlich, dass diese oder jene von ihnen in irgendeiner Weise in Erscheinung tritt. Man braucht sie nicht zu lernen, kann sie auch nicht erlernen. Erlernbar ist dagegen, diese Fähigkeiten zu kultivieren und gezielt einzusetzen. Die Techniken dafür nennt man in den traditionellen Schulen Wundertechniken (fashu). Mit diesen Fähigkeiten verhält es sich wie mit dem Laufen: Jeder hat die Anlage zum Laufen, doch um Sprinter oder Langstreckenläufer zu werden, braucht man spezielles Training. Der Einsatz der Yang-Fähigkeiten ist allerdings nicht so harmlos wie das Laufen. Ein geübter Läufer kann mit seinem Können Meistertitel gewinnen, im negativen Fall vielleicht einer drohenden Verhaftung entlaufen. Ein Mensch, der z.B. sein Qi irgendwie formen kann, kann mit dem Qi nicht nur Krankheiten heilen, sondern auch andere Menschen umbringen, ohne jede Spur zu hinterlassen, die im "normalen" Leben erkennbar wäre.
Aus diesem Grund werden die Wundertechniken in den traditionellen Schulen stets geheimgehalten. Von solchen Techniken gibt es in Xuanzhenmen und anderen daoistischen Schulen eine komplette Sammlung, die "Staubtechniken in sieben Abteilungen" (qibu chenji) genannt wird. Davon existiert bis jetzt keine schriftliche Fassung, und es wird sie nach Meister Fangfu, einem der wenigen Menschen, die diese Techniken systematisch beherrschen, auch in Zukunft nicht geben, wenngleich man mit diesen Techniken viel Gutes leisten kann. Hier ist die moralische Verantwortung der Gesellschaft und den Mitmenschen gegenüber wichtiger.
Bei den Wundertechniken geht es in erster Linie um die Konzentration der geistigen Kraft. Der menschliche Körper hat physische Kraft, die man konzentriert einsetzen kann, z.B. wenn man einen schweren Gegenstand hebt. Der Geist hat ebenfalls Kraft, die gewöhnlich überall am Körper verteilt ist. Da man gewohnt ist, physische Kraft einzusetzen, aber die geistige Kraft nicht physisch zu erfassen ist, ist sie schwierig zu kontrollieren. Wem es aber gelingt, die eigene geistige Kraft zu kontrollieren, der kann mit bestimmten Methoden seine Yang-Fähigkeiten kultivieren und gegebenenfalls auch gezielt einsetzen. Diese Techniken spielen in Xuanzhenmen eine zentrale Rolle. Gerade weil es so ist, wird diese Schule als die letzte der fünf daoistischen Geheimschulen angesehen. Grund dafür ist, dass man, wenn man in den Wundertechniken und den durch deren Anwendung gewonnenen Erkenntnissen verfangen ist, in der Sinneswelt der sechs Wurzeln stecken bleibt, in der Welt der Relationen. Laut Buddha ist jedoch "alles, was eine Erscheinung hat, Täuschung". Diese Aussage gilt nicht nur in buddhistischen Schulen, sondern in allen Schulen, in denen man bestrebt ist, die Erleuchtung bzw. das Dao zu erlangen. Die Bedeutung der Wundertechniken liegt darin, dass man durch sie erstens eine andere Ebene der Sinneswelt kennenlernt, zweitens in einer bestimmten Phase der Praktiken das eigene Übungsniveau überprüft, und drittens in der Gesellschaft Menschen in Not hilft. Das heißt, man ist nicht prinzipiell dagegen, Wundertechniken anzuwenden. Im allgemeinen heißt es jedoch: "Wer das große Dao übt, versucht nicht, mit Wundertechniken andere Menschen zu überzeugen." Denn das Prinzip der "besonderen" oder "übersinnlichen" Fähigkeiten ist für die meisten Menschen unbekannt. Sie können daher die Menschen eher blenden und in die Irre führen als aufklären.

Schlussbemerkung
Zusammenfassend lässt sich Folgendes über das heutige Qigong feststellen:
1.) Die Entstehung von Qigong im heutigen Sinne ist, wie Heise auch feststellt, eng mit der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung Chinas verbunden. Genauer gesagt, sie verdankt sich dem Umstand, dass die traditionellen Schulen, die Mi-Schule ausgenommen, in den Unruhen seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts versanken und insbesondere in den 50er- bis 80er-Jahren einen Generationsbruch erleiden mussten, bei dem die Erkenntnisse über traditionelle meditative Praktiken in der Gesellschaft verschwunden sind. Wäre die Tradition der TCM ebenfalls für 30 Jahre lang unterbrochen, hätten wir es jetzt wahrscheinlich mit selbst ernannten TCM-Ärzten zu tun. Die lange Abwesenheit dieser Schulen in der Gesellschaft bedeutet aber nicht, dass sie ausgestorben wären und von Qigong wiederbelebt werden müssten. Vielmehr konnten sie ihre Traditionen im Verborgenen weiterführen. Qigong zu verdanken ist es aber, dass seine aus-ufernde Verbreitung eine Atmosphäre geschaffen hat, in der traditionelle Schulen wieder unbesorgt in die Öffentlichkeit treten konnten.
2.) Von den vorhanden Qigong-Stilen sind manche sehr seriös. Diese sind meistens alte Übungen, die oben als klassische "Gymnastik" bezeichnet werden, oder solche, die aus der Kampfkunst stammen. Diese alten Übungen sind hinsichtlich Gesundheitspflege und -förderung sehr effektiv. Als Prophylaxe sind sie in der Tat eine Schatzkiste. Bei meditativen Praktiken und spiritueller Entwicklung können sie aber nicht weiter helfen. Noch weniger können sie als Lebenswissenschaft betrachtet werden, weil sie als aus größeren Komplexen isolierte Einzelteile zu begrenzt sind und ihnen die notwendige theoretische/philosophische Grundlage fehlt.
3.) Viele Qigong-Methoden beruhen auf Missverständnissen, auf falsch verstandenen Praktiken traditioneller Schulen. Solche Übungen sind mit Vorsicht zu genießen. Im schlimmsten Fall trägt man Schaden davon. Es ist ein Hohn, wenn man bei diesen Methoden von tausendjähriger Tradition oder Kulturschatz spricht.
4.) Wegen der Eigenart der meditativen Praktiken und aus Verantwortung der Gesellschaft und den Mitmenschen gegenüber sind die traditionellen Schulen bei Aufnahme neuer Schüler und Weitergabe von Techniken sehr vorsichtig, um nicht zu sagen konservativ. Harmlose Praktiken, die für die Gesundheit nützlich sind, würden sie vielleicht bekannt machen, folgenschwere Übungsmethoden aber auf keinen Fall. Selbst in der Schule Taijimen, die heutzutage in Form von Taiji-Lehre und Taiji-Kultur öffentlich zugänglich geworden ist, werden nur theoretische Fragen offen behandelt. Praktische Übungsmethoden werden dagegen ab einem bestimmten Niveau weiterhin traditionsgemäß im Einzelunterricht weitergegeben. Vor diesem Hintergrund sind Angaben, die manche Qigong-Meister über den Ursprung ihrer Übungsstile gemacht haben, mit größter Vorsicht zu betrachten.
5.) Qigong-Forschung allein durch Studium schriftlicher Quellen kann höchstens manchen Praktiken gewisse theoretische Grundlagen liefern oder beitragen, einige vergessene "gymnastische" Übungen wiederzuentdecken. Mehr ist nicht zu erreichen. In allen traditionellen Schulen werden Übungsinhalte und Methoden nur mündlich überliefert, und wenn schriftlich, dann nur in verschlüsselter Sprache wie bei Wei Boyang oder in geheimnisvollen Symbolen, die ohne Erläuterung unverständlich sind. Die früheste schriftliche Überlieferung in Taijimen sieht z.B. so aus:

Wer will, kann die Glyphen zu enträtseln versuchen und danach üben.