Der Kristallplanet (Teil 1)

Ideengeschichte der globalen Gitternetze

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 7/2000

Die Hypothese von einer pentagonalen Energiestruktur der Erde, wie sie zuletzt auch von Siegfried Prumbach vorgetragen wurde, hat in unserem Forum eine lebhafte Diskussion ausgelöst. Das Gespräch konzentriert sich zunehmend auf die grundsätzliche Frage, welche Bedeutung den verschiedenen Konzepten von einer Kristallstruktur der Erde oder von "Gitternetzen" und "Energieleitbahnen" in der Geomantie zukommt. Marco Bischof hat nun erstmals einen historischen Überblick über die einflussreichsten Globalgitter-Theorien von der Geologie des 19. Jahrhunderts bis zum New Age erarbeitet. In den nächsten Ausgaben werden wir neben der Fortsetzung dieses Beitrags die ins Deutsche übersetzten Originaltexte von Christopher Bird sowie von Gontscharow und Neiman veröffentlichen. Wir meinen, dass erst die Kenntnis der zum Teil weit voneinander entfernt entstandenen Ursprungsideen eine kompetente Beurteilung der gegenwärtig propagierten Gitternetz- und Kristallstruktur-Konzepte möglich macht.

In der historischen Entwicklung der Globalgitter-Vorstellungen müssen zwei Hauptphasen unterschieden werden. Die erste Phase bilden die geologischen Hypothesen über eine kristalline Struktur der Erde in der Zeit von ca. 1850 bis 1920 - die russischen Arbeiten von Makarow, Morosow und Gontscharow aus den 70er-Jahren haben nämlich eine lange Vorgeschichte; sie, wie auch das Konzept von Schmutz, haben ihre Vorläufer in der Geologie des 19. Jahrhunderts, wie ich zeigen möchte.
Die große Wende in der Geschichte der Globalgitter-Vorstellungen markiert dann der berühmte Aufsatz von Christopher Bird im "New Age Journal" von 1975, der ihre Verwandlung in eine New-Age-Idee einleitete. Bird griff drei russische Zeitschriftenartikel aus den Jahren 1973 auf und verband sie mit den Ideen von Ivan Sanderson aus der 2. Hälfte der 60er-Jahre, die sich im Zusammenhang mit den Forschungen zum "Bermuda-Dreieck" entwickelt hatten. Die zweite Phase schließlich besteht in der Entwicklung der Globalgitter unter dem Einfluss von New-Age-Ideen, wobei diese sich mit den Vorstellungen der radiästhetischen Gitternetze und der Leylinien vermischten und zu "Energielinien" wurden. In dieser Phase kamen auch die geometrischen Konzepte Buckminster Fullers und seines Fortsetzers Keith Critchlow ins Spiel. Diese Entwicklungsphasen werden im Folgenden in ihrer chronologischen Abfolge dargestellt. Durch genaue bibliographische Informationen zu allen besprochenen und zitierten Werken können alle Angaben vom interessierten Leser selbst überprüft werden.

Konzepte des 19. Jahrhunderts
Die Idee, dass die Erde eine geometrische Gestalt besitzt, geht wohl auf die altgriechische Schule der Pythagoräer zurück. Wie die Russen und Bird anführen, findet sich bei Plato, der in vielem aus dieser Denkschule schöpfte, der Ausspruch, "von oben gesehen gleicht die Erde einem Ball aus zwölf Lederstücken" (Phaidon 109A-110D). Plato bezieht sich bei diesem Vergleich auf den Ball, den Aphrodite dem Eros schenkte, damit er mit ihm Jason in Medea verliebt machen könne (Deonna, 1954; Le Roux, 1955).

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