Der Kosmos lebt, weil wir leben

Eine Gaia-Meditation

von Jochen Kirchhoff erschienen in Hagia Chora 7/2000

Der Philosoph Jochen Kirchhoff denkt über eine andere Naturwissenschaft und das Rätsel der Gravitation nach.

In diesem Essay geht es um einen neuen Zugang zu dem als lebendig ange-
sehenen Universum. Lassen Sie sich einladen zu einer Gedankenreise über Gaia, über das Schweben und die Schwere.1 Dies verlangt ein Sich-Einlassen, das über das bloße Lesen hinausgeht. Der Text hierzu ist kursiv gesetzt und zieht sich wie ein Leitmotiv durch den ganzen Essay.
Nehmen Sie eines der bekannten Photos der Erde (= Gaia) aus der Sicht der Astronauten, wenn möglich ein großformatiges. Es wird zunächst schwierig sein, die kollektive Vernutzung und Trivialisierung dieser Ikone zu vergessen, die alle feineren Wahrnehmungsschichten verschüttet hat. Aber es ist möglich. Versuchen Sie, die "astronautische" Perspektive, die eine solche des Außen und des Daraufblickens ist, zu verschieben zugunsten einer Art "psychonautischer" Perspektive, als eine solche des Innen, ohne jedoch das Äußere, d.h. das Abbild von Gaia, dabei auszublenden. Es geht zentral um eine Zusammenführung von Innen und Außen, von Wesen und Erscheinung, Idee und Gestalt, im Schauen, das immer auch Meditation ist, wenn es in eine gewisse Tiefe reicht.

Die kollektive Abspaltung
Die Trennung von "Ich und Welt" (so Gottfried Benn)2 sei "die schizoide Katastrophe, die abendländische Schicksalsneurose". Das lässt sich nicht ernsthaft widerlegen. Das ist die Lage, mit der wir - denn auch wir sind "Abendländer" - zunächst einmal zu rechnen haben, mit der wir konfrontiert sind. Die kollektiv herrschende Bewusstseinsform ist die einer Abspaltung, ja Absprengung. In der Apparate-gestützten und abstraktionistischen Naturwissenschaft, die sich heute global als Sieger gibt, kommt diese Abspaltung, diese kollektive Neurose, gleichsam zu sich selbst. Das ist zunächst einmal ein eher trauriger, ein ernüchternder Tatbestand, dem wir uns aber gleichwohl zu stellen haben, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, ins Schwärmerisch-Unverbindliche abzugleiten. Auch die Geomantie, als ein großartiger Versuch, sich lebendig-ganzheitlich erneut der lebendigen Erde zu verbinden, muss sich die Gretchenfrage gefallen lassen: "Wie hältst du s mit der (herrschenden) Naturwissenschaft?" Damit steht und fällt nicht die Geomantie, aber: Hier ist eine entscheidende Nahtstelle, die nach einer naturphilosophischen Grundlagenbesinnung verlangt, die (leider) selten genug geleistet wird.

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