Die Wiederentdeckung der Geomantie
Zur historischen Entwicklung der modernen Geomantie in Europa
Anders als das chinesische Pendant Feng Shui kann das, was sich bei uns Geomantie nennt, nicht auf eine uralte Tradition verweisen. Die Überlieferung geomantischen Wissens ist abgebrochen und lebt in Europa höchstens noch in verkümmerten Überbleibseln. Die Wiederentdeckung der Geomantie kommt somit ihrer Neuerschaffung gleich. Der Wissenschaftsautor und enzyklopädische Sachkenner Marco Bischof zeichnet die historische Entwicklung in einer dreiteiligen Artikelfolge nach.

Erste Nachrichten über das Feng Shui ("Wind und Wasser"), die chinesische Lehre von den feinstofflichen Qi-Strömungen in der Erde, von ihrer Wirkung auf den Menschen und den Methoden, sie zu finden, zu beeinflussen und die menschlichen Bauten an sie anzupassen, gelangten im 16. Jahrhundert nach Europa, als die ersten Jesuiten-Missionare ins Reich der Mitte gingen. Sie waren aufgrund ihrer astronomischen und mathematischen Kenntnisse ausgewählte Gelehrte, deren Wissen den Kaiser beeindrucken und von der Überlegenheit der christlichen Kultur überzeugen sollte. Ihre Nachrichten fasste ihr zuhause gebliebener Ordensbruder, der deutsche Spät-Renaissance-Universalgelehrte Athanasius Kircher (1602-1680) in seinem lateinisch geschriebenen Werk "China Monumentis" (1667) zusammen, der als Missionar abgelehnt worden war. Es ist das erste Werk über Geographie, Kultur, Geologie, Botanik etc. des Orients; Feng Shui kommt jedoch nur verzerrt und bruchstückhaft darin vor. In Form einer neuen Ästhetik hatte Feng Shui im Rahmen der allgemeinen Chinoiserie der Zeit einen gewissen Einfluss auf die europäische Architektur und Gartenkunst des 17. und 18. Jahrhunderts und führte unter anderem zum Konzept des "englischen Gartens". Es ist denkbar, dass das Konzept des Qi eine Rolle in den Überlegungen Athanasius Kirchers zum Magnetismus gespielt hat, die Mesmers Entwicklung des "animalen Magnetismus" stark beeinflussten. Doch zu einem tieferen Verständnis der Grundlagen des Feng Shui kam es erst später. Die ersten detaillierteren Kenntnisse verdanken wir christlichen Missionaren zwischen 1870 und 1890, wie Edkins, Eitel, Gray, Hubrig, Genähr und Dore. Die umfassendste Beschreibung des Feng Shui im 19. Jahrhundert findet sich in "The Religious System of China" (1897) und "Universismus" (1918), beides Werke des holländischen Sinologen und Ethnographen Johannes Jacobus Maria de Groot (1854-1921), von 1912 bis zum Tod Professor für Sinologie an der Universität Berlin. Interessant ist, dass de Groot im Feng Shui viele Merkmale einer Wissenschaft erkennt, es dann aber wieder als "Afterwissenschaft" und "falsche Wissenschaft" bezeichnet und in Gegensatz zu einer "gesunden Wissenschaft, die auf wirklicher Naturkunde beruht" (Universismus, S. 383) setzt.
Um den vollständigen Artikel zu lesen, bitte melden Sie sich hier mit Ihren Daten an:
Sie sind bereits Abonnent?
Klicken Sie hier um Ihren kostenlosen Zugang zu aktivieren.
Sie sind kein Abonnent?
Abonnieren Sie hier.


