Vasati

Renaissance der Geomantie Indiens

von Marcus Schmieke erschienen in Hagia Chora 7/2000

In jüngster Zeit findet Vastu, die vedische Geomantie (auch als Vasati bekannt), über die Fachkreise hinaus zunehmende Beachtung. Dieser Beitrag deckt die historische und philosophische Verbindung des vedischen Wissens mit europäischen Bautraditionen auf.

Seit Jahrtausenden werden auf der Grundlage des Vastuvidya in Indien
Häuser, Tempel und ganze Städte gebaut. Die altindische Geomantie Vastu beruht auf den Naturgesetzen der Raumenergie, mit deren Hilfe man den Wohnraum in Resonanz mit der Natur und den Bewohnern bringen kann. Die Wissenschaft des Vastu wurde bereits in den frühen Teilen des Rig Veda erwähnt, die über 5000 Jahre alt sind. Beeindruckende Zeugen der Vastu-Baukunst sind die Städte der Indus-Sarasvati-Kultur Mohenjo Daro und Harappa, die vor 5000 Jahren in voller Blüte standen. Die Stadtanlagen und Hausgrundrisse künden davon, dass schon zu jener Zeit Vastu-Prinzipien bekannt waren und angewendet wurden. In Indien werden die Regeln des Vastu in zahlreichen, Jahrtausende alten Schriften wie den Veden, in der epischen und buddhistischen Literatur, aber auch in der Arthasastra, einem Werk über zivile Architektur, den Puranas, Agamas (Architektur und Skulptur) und anderen Texten erwähnt. Daneben sind besonders die so genannten Shilpa-Werke, die wissenschaftlichen Abhandlungen über Architektur, von Bedeutung. Man unterscheidet die nordindische Nagara-Schule, die auf dem Architekten Vishvakarma gründet, von der südindischen Dravida-Schule, die den Lehren Maya Danavas folgt. Ihre Werke Manasara und Mayamatam dürften die bekanntesten Vastu-Texte Indiens sein. Beide beschreiben die Regeln und Gesetzmäßigkeiten, die es im Umgang mit dem Bauland und dem Bauobjekt zu beachten gibt. Sie sind einander inhaltlich und im strukturellen Aufbau sehr ähnlich und geben nicht nur Auskunft über Tempel- und Hausbau, sondern auch über Dorf- und Städteplanung. Darüber hinaus enthalten sie ausführliches Wissen über exakte Proportionen, die für ein energetisch harmonisches Wohngefüge unentbehrlich sind.

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