Heilige Maße

Geheimwissen der Baumeister
Bauordnungen der Antike

von Helmut Seifert erschienen in Hagia Chora 7/2000

Zu allen Zeiten haben Baumeister die Geheimnisse ihrer Proportionen gehütet. Mit geübtem Blick erkennt man die verschlüsselten Hinweise auf die heiligen Maße. Helmut Seifert spürt seit vielen Jahren den alten harmonikalen Proportionen nach.

 Diesen Artikel als Adobe Acrobat PDF herunterladen (1.16 MB)

Wenn wir im Rahmen der frühen Baukunst von einem Begriff wie Ordnung sprechen, so dürfte es ganz bestimmt eine andere gewesen sein, als die, die wir heute "Bauordnung" nennen. Bei der antiken Bauordnung wurde im Einklang mit der Natur gebaut. Die Architekten brachten nicht nur Maß und Art des Baumaterials in die Konstruktion ein, sondern einen sehr wichtigen Aspekt, die natürliche Empfindung, das Gefühl von der Ausstrahlung eines Bauwerkes sowie die Aussage der Auguren für den richtigen Bauplatz. Die neuzeitliche Bauordnung bestimmt zum Großteil nur die technischen Einsatzmittel und Arten, wie Bauten für die Gemeinschaft und die Menschen herzustellen sind, insbesondere regeln sie die Sicherheit. Die Voraussetzungen zum Bauen im Einklang mit der Natur werden nur zum Teil berücksichtigt. Die im Lauf der Architekturgeschichte angewandten, oft geheimnisumwitterten Entwurfs- und Proportionsverfahren können nur entschlüsselt werden, wenn man den tieferen Sinn nicht übersieht, die Idee einer höheren Ordnung und Harmonie. Am Anfang der Lehre von der Harmonik stand die fundamentale Entdeckung des akustischen Urphänomens durch die Pythagoräer.
Vorschriften für heilige Handlungen und den Bau von Heiligtümern im Auftrag von Gott oder Göttern finden wir in der Bibel im Alten Testament, im römischen "Codex Agrimensorum Romanum", im Koran, in Sanskrit-Texten im Buch "Aranyka" der Veden und im chinesischen Feng Shui. Viele Bauordnungen prähistorischer Tempel und sakraler Bauwerke sind für uns heute jedoch voller Rätsel, weil ihre Bauordnungssysteme zum Teil bis heute geheim geblieben sind. Es gibt nur wenig schriftliche Überlieferungen. Die Bauwerke selbst sind die Überlieferungen und Zeugen dieser angewandten Kunst. Sie geben uns die Anhaltspunkte für die Lösung der Rätsel, die in einem Bauwerk versteckt sind. Vor 400 Jahren erschienen in Venedig die "Vier Bücher der Architektur" von Andrea Palladio. Er hat ein umfangreiches architektonisches Gesamtwerk hinterlassen, das besonders heute stark diskutiert wird. Zu seinen im Veneto gebauten Villen pilgern jährlich Tausende von Kunstinteressierten (auch Goethe zählte zu seinen Bewunderern). Durch sein Werk über Grundsatzfragen der Architektur verbreiteten sich seine Ideen über die ganze Welt. Im ersten Buch bespricht er alle Grundelemente, die bei der Errichtung eines Gebäudes zu beachten sind. Das zweite Buch ist dem privaten Wohnungsbau in Stadt und Land gewidmet. Die öffentlichen Profanbauten und Stadtbaukunst sind Themen des dritten Buches. Das vierte Buch befasst sich mit dem antiken Sakralbau. Palladio hat die Grundelemente seiner vier Bücher hauptsächlich den zehn Büchern über Architektur von Marcus Vitruvius Pollio entnommen. Bei diesen Betrachtungen der Bauordnungssysteme, die es schon im 2. Jahrtausend v.Chr. in Mesopotamien und Ägypten gab, muss man davon ausgehen, dass zwei verschiedene Maße eine Rolle gespielt haben: die profanen, rationellen Baumaße für Standfestigkeit zur Kontrolle über die Materie sowie die intuitiven, geheimen, "heiligen" Maße für Schwingung und Harmonik und die Kommunikation mit anderen Welten. Letztere waren den Priestern und Auguren bekannt. Bei den Bauwerken für die Lebenden wurden andere Maße verwendet als für Bauten, in denen Tote bestattet wurden.

Diener der Götter mit Intuition
Die alten Ägypter hatten für die wichtige Aufgabe der Orientierung ihrer sakralen Bauwerke eine besondere Gilde, die Harpedonapten (Seilspanner). Deren kultische Bedeutung ersieht man aus den vielfältigen Darstellungen aus allen ägyptischen Epochen. Auf Bildwerken von 3500 v.Chr. und auch auf solchen von 150 v.Chr. findet man immer wieder dieselben Seilspanner, die mit Keulen den Fluchtpfahl einschlagen. Zum Messen größerer Längen verwendeten die Ägypter den Mess-Strick. Er diente den alten Feldmessern lange als einziges Instrument der Messkunst. Höchstwahrscheinlich hatte er eine Länge von 100 Ellen, da die Hieroglyphe des Mess-Stricks gleichzeitig als Zahlzeichen für 100 diente. Das gebräuchlichste Flächenmaß war die Arura, ein Quadrat mit 100 großen Ellen Seitenlänge = 2778,24 Quadratmeter. Das heilige Dreieck wurde in Ägypten als "Heilige Hochzeit" verstanden, wobei die Basis als Osiris 3, die Vertikale als Isis 4 und die Hypotenuse als beider Sohn Horus 5 verstanden wird, mit dem Pharao als Stellvertreter. In der Cheops-Pyramide sind diese Maße verwirklicht (32+ 42 = 52).
Ein Diener der antiken Götter war der nach seinem Tod zum Halbgott erhobene ägyptische Priester Imhotep - sicherlich einer der genialen Baumeister im ägyptischen vorchristlichen Zeitalter. Er war Hoherpriester von Heliopolis, Wesir von König Djoser aus der 3. Dynastie, bekannt als hervorragender Arzt und Wunderheiler. Als Baumeister führte er in Ägypten die Steinarchitektur ein. In Sakkara errichtete er die sechsstufige Pyramide und die Königsbauten. Erstere wurde über der vierstufigen Mastaba von Djosers älterem Bruder Sanacht errichtet, dem Begründer der 3. Dynastie. Zusammen ergeben die Mastabas das Muster eines Djeds als Tierkreis, der auch bei den Mumienhüllen wiederkehrt. Das Djedsymbol zeigt einen Pfeiler, der als "Kraft des Getreides" oder als "Rückgrat des Osiris" interpretiert wird. Er wurde oft auf den Boden eines Sarges gemalt. Jeder Tote starb in Ägypten "in Osiris", wie jeder Christ "in Christus" stirbt. Demgemäß muß die Grabkammer unter dem Zentrum der Mastaba dem Kali Yuga (Widder und Fische) entsprochen haben. Imhotep wurde zum Schutzherr der Baumeister und als Autor bedeutender Schriften auch Schutzherr der Schreiber, die vor Beginn jeder Schreibarbeit für Imhotep einen Tropfen Wasser versprengten. Die Worte eines Schreibers: "Er (Imhotep) enthüllte mir die verborgenen Wunder, zu denen die Vorfahren den Weg genommen hatten und die unter keinem König seit der Zeit des Re ihresgleichen hatten". Sogar als "Sohn des Ptah" wird er angesprochen und seit der Spätzeit als Gott der Heilkunst verehrt. Imhotep wurden viele Tempel und kleine Kapellen gewidmet, die als Wallfahrtsorte Wunderheilungen versprechen. Die Griechen setzten Imhotep mit ihrem Asklepios gleich und nannten ihn Imutes. Aus Berichten über Wunderheilungen geht hervor, daß sein "Asklepieion" in Sakkara jahrhundertelang Wallfahrtsort für Gebrechliche und Kranke war - eine Darstellung findet sich im Museum in Kairo und im Louvre. Um 2675 v.Chr. errichtete Imhotep für König Djoser I, Horus Netjer-Ir-Chet, in einem heiligen Bezirk von 350 m Länge und 300 m Breite einen 62 Meter hohen Monumentalbau aus behauenen Steinen, eine mehrfach vergrößerte Stufenmastaba, ganz ähnlich den mesopotamischen Zikkurats. Das Grab von Imhotep wurde bis heute nicht gefunden. Als großer Architekt wusste er vermutlich, wie man sein Grab unauffindbar machen konnte. Seine Schriften wurden beim Brand der Bibliothek von Alexandria vernichtet. Alle Überlieferungen seines Wissen sind Abschriften von seinen Bewunderern. Was wir heute noch vom geheimen Wissen dieses genialen Baumeisters aufspüren können, ist in Wandgemälden oder Steininschriften in Tempeln und Gräbern zu erforschen.
Wenn wir die alten ägyptischen Naturmaße betrachten, sehen wir, dass die absoluten Proportionen des menschlichen Körpers in einem Quadratnetz festgelegt sind. Entsprechend dem Maß des "Alten Kanons" ist der menschliche Körper in 18 Quadrate eingeteilt. Das sind von den Sohlen bis zur Stirn 4 "geringe Ellen" (1 Elle = 45,28 cm). Zur Messung von Längen bediente man sich hauptsächlich zweier aufeinander im Verhältnis von 6 : 7 abgestimmter Einheiten. Das sind die "geringe Elle" (meh scherer) mit 6 Handbreiten sowie die "Königliche Elle" (meh nesut) mit 7 Handbreiten. Die Königliche Elle ist das größte vom Körper abgeleitete Grundmaß. Im Louvre in Paris befindet sich ein Maßstab aus der 18. Dynastie mit den Angaben von einer "Königlichen ägyptischen Elle", die eine Länge von 52,8 cm aufweist. In der vor 2700 Jahren angelegten "Königskammer" der Cheops-Pyramide ist das Bauordnungssystem der ägyptischen Baumeister am besten verdeutlicht. Für deren mathematische Gesetzmäßigkeit wurde das ägyptische Dreieck vielseitig angewendet. Die Königskammer ist ein quaderförmiger Hohlraum, dessen Grundfläche ein Doppelquadrat ist. Die Länge beträgt 20 Königsellen = 10,56 m, die Breite beträgt 10 Königsellen = 5,28 m. Die besondere Eigenart der Kammer ist, dass in der sonst rationalen Bauordnung für die Höhe der Kammer die irrationale Größe von 5÷ 5 (asu 5) festgelegt wurde. Durch dieses Maß wird eine eigenartige Ordnung verwirklicht, die eine harmonikale Schönheit zur Geltung bringt. Die Raumdiagonale des Doppelquaders ist 25 Königsellen = 13,2 m lang und erweist sich damit als rationale Zahl. Von einer Ecke der Kammer gehen vier ganzzahlige Maßeinheiten zu anderen Ecken, deren Maßzahlen 10, 15, 20 und 25 betragen. Das Bauordnungssystem der Chefren-Pyramide beruht in seiner Grundform hauptsächlich auf dem ägyptischen Dreieck. Der Längsschnitt besteht aus zwei ägyptischen Dreiecken 3, 4 und 5. Das Böschungsverhältnis der Seitenflächen ist 4 : 3. Zu den übrigen Ecken führen die irrationalen Strecken ÷ 5, 2÷ 5, ÷ 21. Die Größe ÷ 5 tritt immer als Diagonale im Doppelquadrat mit den Seiten 2 und 1 auf und hängt mit dem Goldenen Schnitt zusammen.

Harmonik der Phythagoräer
Etwa 500 v.Chr. gaben die Pythagoräer der Baukunst einige Impulse. Pythagoras hat das "Ägyptische Dreieck" und das "Indische Dreieck" bei seinen Besuchen in Ägypten, Mesopotamien und Indien wahrgenommen. Er wird diese verschiedenartigen und doch wesensgleichen Dreiecke verglichen, das gemeinsame Prinzip entdeckt und die Antwort in der Quadratur der Zahlen gefunden haben: 32 + 42 = 52 (9 + 16 = 25) oder 52 + 122 = 132 (25 + 144 = 169). Trotz unterschiedlicher Ausgangssituation für die beiden Knotenrechnungen kommt es durch die innere Ähnlichkeit der Maßsysteme zum gleichen Ergebnis, dem rechtwinkligen Dreieck. Pythagoras fand das gesuchte Prinzip nicht in den Beziehungen der einfachen Zahlen, sondern in denen ihrer Quadrate. Daraus ergab sich der Lehrsatz, der für die Beziehungen der Seitenlängen aller rechtwinkligen Dreiecke gilt. Bei diesen Überlegungen ging es Pythagoras nicht allein um die Mathematik, sondern tatsächlich um die Entdeckung der göttlichen Offenbarung in der Zahl und im Zahlenverhältnis. Am Anfang der Lehre der phythagoräischen Harmonik stand offenbar die fundamentale Entdeckung des akustischen Urphänomens anhand des Monochords. Es sind die kleinen ganzen Zahlen, die, - damals als Saitenlängen - heute als Wellenlängen oder als Frequenzen gedeutet, Verhältnisse bilden, welche konsonanten, also wohlklingenden Intervallen entsprechen. Auf einem Ausschnitt der pythagoräischen Harmonik, auf der faszinierenden Wirkung der Verhältnisse kleiner ganzer Zahlen zueinander, ist der gesamte Kosmos aufgebaut. Wir finden diese Proportionen als ordnende Prinzipien in der Musik, Geometrie, Chemie, Astronomie, Kristallographie und Architektur.
Das akustische Urphänomen ist eine Verknüpfung unserer konkreten, sinnlich wahrnehmbaren Außenwelt mit der Innenwelt, die auf dem Grunde unserer Seele beheimatet ist, die Verknüpfung etwa von messbaren Saitenlängen und deren berechenbaren Verhältnissen mit den Empfindungen, die wir beim Anhören der von den Saiten erzeugten Töne oder Intervalle erleben. Dabei spielt die harmonikale Architektur eines Bauwerks mit seinen Resonanzschwingungen eine wichtige Rolle. Die Resonanzschwingungen, die von einem Bauwerk abgegeben werden, können heute nicht nur in Tonhöhen, sondern auch in Form elektromagnetischer Wellen oder Frequenzen gemessen werden.

Die Kunst der griechischen Baumeister
Die Architekten der griechischen Tempel haben ihr Wissen zum größten Teil von den Ägyptern übernommen, obwohl sie andere profane und heilige Maßeinheiten verwendeten. Griechische Gelehrte, Philosophen und Baumeister lernten an ägyptischen Priesterschulen, doch hatten sie ihre Lehrer durch eigene Forschung bald überholt. Sie übernahmen von den Ägyptern den großen Schoinos (11,119104 km) als Längenmaß und teilten ihn in 60 Stadia zu je 6 Plethra. In einer Broschüre der Ford Motor Company über das Parthenon wird die griechische Elle mit 18,24 Inch (46,3296 cm) angegeben. Diese Länge wurde den Maßen des Parthenons entnommen. Die Elle war unterteilt in 2 Spannen zu je 12 Fingerbreiten = 23,1648 cm. Später wurden 2-3 der Elle auch Fuß (30,8864 cm) genannt.
Für die griechischen Architekten war das Primäre eines Bauwerks dessen Schönheit, die sichtbare Harmonie. Beim altgriechische Poseidon-Tempel z.B., den der Betrachter von allen Seiten bewundern kann, zeigen sich die harmonikalen Zusammenhänge in folgenden Proportionen: Tempellänge 1:1, Tempelbreite 2:5, Giebelhöhe 4:15, Geisonhöhe 1:5, Große Säule 3:20, Cellasäule I. Ordnung 1:10, Cellasäule II. Ordnung 1:18.

Das römische Bauordnungssystem
Auch die Römer verwendeten die ägyptischen Maßeinheiten, z.B. die "heilige Elle" von 29,5 cm. Das Pantheon markiert einen Kulminationspunkt der römischen Architektur und Baukunst. Der Bau des Pantheons (wörtlich "alle Götter") wurde unter Kaiser Marcus Agrippa begonnen und um 118 n.Chr. unter Kaiser Hadrian abgeschlossen. Das Geheimnis der Rotunde liegt in der Idee des zentrierten Raumes, den Proportionen und der perfekten Gleichheit von Durchmesser und Höhe. Die geometrischen Elementarfiguren des riesigen Kuppelsaales sind Kugel und Zylinder mit gleichem Grundkreis. Der Innendurchmesser beträgt 42,48 m und entspricht genau 144 römischen bzw. ägyptischen Ellen. Die Kuppelform entspricht mit ihrer komplexen Symbolik der für das römische Denken typischen Verbindung von Kult- und Staatsfunktion.

Baukunst des christlichen Abendlandes
Die Bauordnungssysteme des Christentums sind in mehreren Entwicklungsstadien aus Einflüssen verschiedener Kulturen und Stilrichtungen entstanden: frühchristliche Architektur, byzantinische Architektur, karolingische Baukunst, frühmittelalterliche Architektur, Romanik und Gotik. Die frühchristliche sakrale Architektur unterscheidet sich insofern vom antiken Tempelbau, als das christliche Kirchengebäude zugleich Haus Gottes, Kult- und Versammlungsraum für die Gemeinde ist. Die Fülle der Bauaufgaben und die Anregungen durch vorchristliche Bauformen bewirkten die Vielfalt und die rasche, regional differenzierte Entwicklung der frühchristlichen Baukunst. Der monumentale Kirchenbau begann mit den ersten Basiliken und Bischofskirchen in Rom, Konstantinopel und Jerusalem. Kultische Gründe und das Streben nach monumentaler Erscheinung des Kirchenbezirks führten häufig zur Gruppierung verschiedener Bauten zu ganzen Baukomplexen. Ab der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts entwickelten sich ungemein differenzierte Bau- und Raumtypen. Als Maßeinheiten wurden ägyptische und griechische heilige Maße übernommen. Ein Zeugnis byzantinischer Architektur ist die Hagia Sophia in Konstantinopel, die Kirche der "Göttlichen Weisheit", eines der großartigsten Bauwerke der Welt. Sie war ein Jahrtausend lang geistiger Mittelpunkt des byzantinischen Reiches. Zwei geniale Architekten-Mathematiker, Anthemios von Tralles und Isidoros von Milet, waren die Erbauer der aus gewaltigen Kuben aufgetürmten, durch die breit gelagerte Kuppel zusammengefasste Baumasse. Justinianischer Raumillusionismus zeigt sich durch verstrebte Kuppeln und Halbkuppeln, Auflösung der Wände in Arkaden und Fenster, optische Raumfallen, Lichtfülle von oben und die Verschleierung der Konstruktion. Auch hier kamen die ägyptischen und griechischen heiligen Maßeinheiten zur Anwendung. Einige Bauwerke im westgotischen Nordspanien, in Frankreich, Deutschland, Irland und England vermitteln uns Eindrücke aus der vorkarolingischen Bauperiode. Die irischen Wandermönche brachten Bauordnungssysteme mit ihren speziellen Maßen nach Mitteleuropa. Diese sind z.B. im 5,38 m hohen Muiredach-Kreuz von Monasterboice verewigt. An allen vier Seiten zeigt das Kreuz Bibelgeschichten. Ich maß einen Außendurchmesser des Rings von 59,04 cm, der Innendurchmesser beträgt 49,16 cm. Diese heiligen Maße wurden von St. Virgil, einem Druiden und Geometer, bis nach Salzburg mitgebracht und im ersten großen Dom nördlich der Alpen von dessen Baumeister angewendet. Die Verbindung von spätantiken und frühchristlichen Komponenten ist in den Bauten Karls des Großen realisiert. Das heilige Maß jener Zeit ist im Zentralbau der kaiserlichen Pfalzkapelle zu Aachen in der Einheit von 33,34 cm dokumentiert. Im Mittelpunkt des Kirchenbaus der Romanik steht das künstlerische Schaffen. Im 11. Jahrhundert standen die Baumeister vor dem Problem, Gotteshäuser zu schaffen, die große Gemeinden und die zahlreiche Priesterschaft aufnehmen konnten. Meisterwerke jener Epoche sind z.B. die Klosterkirche Maria Laach, der Mainzer Dom, das Kloster Ste. Madeleine in Vézelay oder der im salischen Baustil errichtete Dom zu Speyer. In all diesen Bauwerken sind die heiligen Maße aus der karolingischen Baukunst verankert.

Die Bauhüttengeheimnisse der Gotik
Herausragende Zeugnisse gotischer Baukunst sind die mit den Bauhüttengeheimnissen der Benediktiner, Zisterzienser und der Templer erbauten Kathedralen in Santiago de Compostela, Chartres, Fontenay, Cluny, Citeaux, Kloster Bebenhausen, Kloster Maulbronn. Hier wurden jeweils profane Maßeinheiten, die sich von Region zu Region unterschieden, zugleich mit den heiligen Maßen, die von den Templern aus Jerusalem nach Mitteleuropa mitgebracht und im Bauordnungssystem der Zisterzienser integriert worden waren, angewendet. Das allgemeine Maß beträgt 0,417 m - eine halbe "megalithische Elle". Einige Regionen setzten auch Maße von 27,8 cm oder 55,6 cm ein. In der Gotik entstanden viele Bildwerke von Malern, Steinmetzen, Bildhauern, Glasmalern und Handwerkern, die in ihren Werken im Kleinen die heiligen Maße einbrachten. So zeigt unter anderem das Maßwerk der Fenster, dass solche Vielfalt nicht ungebundener künstlerischer Freiheit entsprang, sondern den gleichen geometrischen Gesetzen unterlag wie der Gesamtaufbau, ja wie die Gesamtanlage des Baues überhaupt. Das Abstecken des Grundrisses eines gotischen Domes war eine symbolische Handlung. Die Orientierung der Hauptachse des Domes erfolgte mit dem Chor in Richtung zum Orient, zum Sonnenaufgang. Die "Ortung", die "Orientierung" des Domes erfolgte meist zur Tagundnachtgleiche, wenn die Sonne genau im Osten aufsteigt, oder zur Mittagsstunde nach dem Schattenwurf des Schenkels, manchmal auch entlang der Visierlinie zum Sonnenaufgang am Tag der Verehrung eines Heiligen. Fontenay ist die älteste, am besten erhaltene Abtei in Frankreich, erbaut nach den Zisterzienser-Richtlinien von Bernhard von Clairvaux in strenger, einfacher Architektur. Die Kathedrale von Santiago de Compostela, Grabstätte des Apostels Jakobus, war im Mittelalter Wallfahrtsort nicht nur für Baumeister aus ganz Europa. Der einfache Wunsch nach Vervollkommnung drängte die Menschen damals auf den Pilgerpfad zu einem monumentalen, einzigartigen, von hohen Würdenträgern geweihten Bauwerk. Monarchen, Prälaten, Krieger, Handwerkskünstler, Heilige, Prediger und viele einfache Leute gingen zu Fuß über Hunderte von Kilometern den beschwerlichen Pilgerweg nach Compostela, um das Grab Santiagos zu besuchen und den Segen zu erhalten. Jährlich schreiten nach wie vor viele Millionen Menschen durch den Portikus der Gloria. Die Säulenhalle "Portico de la Gloria" mit ihren Figuren ist ein eindrucksvolles Werk des Bildhauers Miguel de Unamuno. Das Bildnis von Santiago in der mittleren Teilsäule zeigt ihn mit dem Jakobsstab, den er in der linken Hand hält. Dies ist ein ganz besonderer Maßstab, denn er enthält drei wichtige heilige Baumaße. Mit einem ähnlichen Maßstab muss wohl Baumeister Matheo die Kontrollen der Maße seines Bauwerks vorgenommen haben. Die Kathedrale von Chartres ist ein Beispiel für die besondere Akustik eines sakralen Bauwerks. In der Studie von Louis Charpentier sind die harmonikalen Proportionen nicht in den horizontalen oder vertikalen Strecken, sondern in den schiefen Sehstrahlen, die von einem Bodenpunkt aus zu markanten Punkten einer Vertikalen (Säule) führen, nachgewiesen. Diese Sehstrahlen sind unter verschiedenen Winkeln geneigte Hypotenusen von rechtwinkligen Dreiecken, die alle dieselbe Kathete von 40 Halbellen (ein Maß nach Charpentier sowie die Breite des Schiffes) gemeinsam haben. In der Abbildung unten sind die Sehnenvierecke der Kathedrale dargestellt. In seinem Buch "Die Geheimnisse der Kathedrale von Chartres" schreibt Charpentier, "in der Kathedrale gibt es drei Tafeln (drei Grundflächen am Boden der Kathedrale - ein Kreis, ein Quadrat und ein Rechteck ). Dreifach ist auch die Ordnung des Bauplanes. Der Grundriss schließt den Ort ein, er bestimmt die Grenzen der bebauten Fläche. Der Plan ist zweidimensional und leicht zu analysieren. Sein Maß, sein Modul beträgt 0,82 Meter" (die "megalithische Elle" nach Alexander Thom, ein Durchschnittswert, beträgt 0,829 m). Beide Module möchte ich korrigieren. Meinen eigenen Messungen an historischen Bauwerken und den daraus resultierenden Durchschnittswerten zufolge bezeichne ich als ein vielen Konstruktionen zugrunde liegendes heiliges Maß das genaue "Astro-Geodätische-Maß" (AGEO) mit 0,834 Metern. Charpentier schreibt weiter: "An zweiter Stelle haben wir den leeren, den umbauten Innenraum; er erhebt sich in die Höhe. Sein Maß kommt nur beim Mittelschiff zur Anwendung - Seitenschiffe und Chorumgang sind Durchgangsorte, keine Stationen auf dem Einweihungsweg -; im Mittelschiff kommt die Harmonie von Erde, Musik und Licht zum Klingen. Der Klang ist gestimmt auf die Lage, die Chartres auf dem Erdball hat; er gestaltet das Raumgefüge, die dritte Dimension. Sein Zahlenwert beträgt 0,738 Meter." Auch diesen Zahlenwert berichtige ich aufgrund meiner Messungen auf 0,7382 Meter. Charpentier weiter: "Das Modul dritter Ordnung habe ich nicht gefunden. Aber ich bin sicher, dass es diese Ordnung gibt. Die dritte Ordnung überwindet den Widerstand, die Trägheit der Materie und führt hinüber in lebendige Bewegung, in Zeitprozesse, in die vierte Dimension. Die Ordnung des dritten Maßes - sie wird mit der Erdrotation zusammenhängen - ist nicht leicht zu dechiffrieren." Ich selbst hatte eine Ahnung, wo ich meine Berechnungen ansetzen müsste, um der Lösung des Rätsels auf die Spur zu kommen und das genaue Modul der dritten Ordnung zu finden. Das Portal der Kathedrale von Chartres wurde in der Mitte des 12. Jhdt. errichtet. Es zeigt den Übergang von der Romanik zur Gotik. Rechts und links vom mittleren Königsportal stehen gekrönte Figuren, welche die königlichen und geistigen Vorfahren Christi darstellen sollen. Sie stehen auf Sockeln mit verschiedenen eigenartigen Mustern (siehe Titelbild). Diese verbergen das Geheimnis der heiligen Maße, die beim Bau der Kathedrale verwendet wurden. Im mittleren Feld des Nordportals stehen von links nach rechts fünf Gestalten, Melchisedech, Abraham, Isaak, Moses und Aaron sowie König David. Moses zeigt mit der Rechten auf die eherne Schlange, in der Linken hält er eine Steintafel und eine Säule. Die Länge der Säule ist das besondere heilige Baumaß für Kirchen, die zu Ehren Jesu Christi errichtet wurden, 2,004 m - das von Charpentier gesuchte Maß der dritten Ordnung. Bei meinen Forschungen habe ich später im Kloster Bebenhausen, nördlich von Tübingen gelegen, dasselbe Maß wiedergefunden. Mit seinen Malereien und bunten Glasfenstern ist Bebenhausen ein Schmuckstück zisterziensischer Kunst. Im Kreuzgang sind in einer Seitenwand zwei besonders wichtige heilige Maße eingehauen. Das Längenmaß von 2,004 m vom Grab Jesu Christi und das Längenmaß von 1,73 m vom Grab seiner Mutter Maria. Beide Bauordnungsmaße sind in vielen Kirchen verwendet worden - dementsprechend sind diese Kirchen Christus oder der Jungfrau Maria geweiht. Die Inquisition und die Restriktionen der katholischen Kirche vernichteten viele geheime Bauordnungen, die heute mühsam wieder erschlossen werden müssen. In den letzten dreißig Jahren habe ich mich dieser Aufgabe intensiv gewidmet. Leider werden die heiligen Maße oder AGEO-Maße für die harmonische Resonanz eines Bauwerks in der modernen Architektur aus Unkenntnis kaum angewendet. Ein Beispiel optimaler sakraler Geomantie jüngerer Zeit zeige ich an der Rotunda von Mosta in meinem Artikel "Haus Gottes" in Hagia Chora 3.