Kleinod in der Scharte

Von der Bauaufnahme zur Geomantie
Die Bergkirche St. Katharina in Hafling

von Peter Knapp erschienen in Hagia Chora 7/2000

Die Bauaufnahme, die am Anfang jeder Arbeit mit einem historischen Gebäude steht, kann eine innige Begegnung sein, in der das zu untersuchende Objekt zum sprechenden Gegenüber wird. Der Architekt Peter Knapp beschreibt diesen intensiven Prozess.

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Als Architekt beschäftige ich mich mit der Bauaufnahme und Analyse von historischen Gebäuden. Im Zuge meiner Untersuchungen an alten Kirchen zeigt sich immer wieder, wie sich architektonische und geomantische Baugestalt durchdringen und wie die Untersuchung der geomantischen Einflüsse Rückschlüsse auf die architektonische Form des Objekts erlaubt. Ein Beispiel soll dies veranschaulichen: In Südtirol, im Südosten von Meran, steht am Berg in Hafling die Kirche St. Katharina in der Scharte. Das Sandsteinmauerwerk des Turmes und der Apsis zeigt an mehreren Stellen starke Abnützungsspuren und muss saniert werden. Dazu benötigt man eine exakte Aufnahme des Mauerwerkes. Mit Hilfe von digital entzerrten, maßstäblichen Fassadenfotos kann dies ohne Beschädigung des Steinmauerwerks erfolgen. Zugleich wird auch eine "verformungsgetreue" Aufnahme des Grundrisses durchgeführt. "Verformungsgetreu" bedeutet, dass alle Unexaktheiten und Irritationen des Objekts dargestellt werden, um daraus Rückschlüsse auf die Baugeschichte ziehen zu können. Mit einer Mitarbeiterin quartiere ich mich in unmittelbarer Nähe des Objekts ein, um die beauftragte Bauaufnahme über mehrere Tage durchzuführen. Schon die Anfahrt zur Kirche ist beeindruckend. Südlich von Meran steigt die neue Straße nach Hafling über mehrere Kilometer steil den Berg auf 1240 Meter hinauf. Durch einen kleinen Tunnel durchstößt man den Grat des Berges und verlässt das Etschtal. Unmittelbar danach zweigt eine kleine Straße zurück zum Grat ab. Dort, in einer Scharte (eine sattelähnliche Vertiefung des Berggrats, die früher meist als Passübergang verwendet wurde), steht das imposante Kirchlein. Die Kirche war, nach dem steilen Anstieg am Saumweg von Meran in die höhergelegenen Orte und benachbarten Täler nach zwei Stunden die erste Möglichkeit für eine Rast oder einen Pferdewechsel, deshalb liegt auch in der unmittelbaren Nachbarschaft ein alter Gasthof. Sie steht in dem in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Sattel am tiefsten Punkt, nach Ost und West fällt das Gelände weiter ab. Von der Kirche erschließt sich ein wunderbarer Blick zurück nach Meran ins Etschtal, in die abzweigenden Seitentäler und die Südtiroler Bergwelt.

Die erste Kontaktaufnahme
Jetzt kommt der spannende Augenblick der Begrüßung und Kontaktaufnahme mit der Kirche. Welche Eindrücke bilden sich aus, welche Gedanken steigen hoch? Diesen Moment ohne Ablenkung zu spüren und in mir nachwirken zu lassen, scheint mir wichtig. Auf mich wirkt der Ort hell und klar, die Kirche empfängt mich offen, es tauchen keine Widerstände gegen die Durchführung der Arbeit auf. Als Erstes wird ein Messraster um und in die Kirche gelegt und von diesem ausgehend der Baukörper vermessen. Dabei werden alle Wände, Fenster, Nischen etc. samt deren Verformungen zentimetergenau aufgemessen. Diese "hand-greifliche" Herangehensweise bedingt eine offene, dichte Auseinandersetzung über mehrere Tage mit dem Baukörper. So kann das Gebäude und dessen Einflussfeld intensiv auf uns wirken. Auch der längere Aufenthalt in der Kirche gibt uns positive Impulse. Die Arbeit geht gut voran, man fühlt sich in diesem kraftspendenden Feld wohl aufgehoben. Beim Vermessen entdecken wir Vorsprünge, Fugen, Irritationen des Gefüges, die Rückschlüsse auf die Zeitgestalt zulassen. Diese Spuren können zunächst nur aufgenommen werden, später werden sie sich wie ein Puzzle zu einem stimmigen Ganzen fügen. So zeigt z.B. die Verschiebung des Chores und Triumphbogens um ca. 20 cm nach Süden (hier im Grundriss nach oben), dass der Chor vor dem Turm umgebaut wurde. Die dadurch entstehende Verschiebung in der inneren Symmetrie war notwendig, um den neuen Chor von außen symmetrisch an das Langhaus zu setzen. Der spätere Umbau des Turmes verdeckt dann diese Symmetrievorgabe.

Die Zeitgeschichte des Baukörpers
Manchmal helfen uns Mutungen mit der Rute, die Zeitgestalt zu vervollständigen und Gefügeirritationen ins rechte Licht zu rücken. Ein besonders augenscheinliches Beispiel für Grundrissirritationen, die unter anderem durch energetische Vorgaben bedingt sind, zeigt die nahe Pfarrkirche in Terlan, die ich zu einem früheren Zeitpunkt vermessen habe. Hier ist die Längsachse der Kirche zwischen Apsis und Langhaus geknickt. In der Literatur wird dies oft als eine ikonische Interpretation des geneigten Hauptes Christi am Kreuze gesehen. Meine Untersuchungen ergaben jedoch, dass diese Verdrehung durch einen früheren Vorgängerbau, der sich jetzt noch unter dem Sandsteinverblendmauerwerk verstecken dürfte, entstand. Die Ausrichtung dieser frühen Bauphase deckt sich zudem mit radiästhetischen Strukturen des Baues. Auch während der Arbeit in Hafling tauchen wir langsam in die Zeitgeschichte des Baukörpers ein und entdecken Spuren früherer Bauphasen. St. Katharina wurde vor 1250 erbaut, von dem ursprünglichen romanischen Bau sind heute noch sichtbare Teile (grün) erhalten. Etwa um 1450 wurde die östlich gelegene Apsis durch einen gotischen, polygonalen Chor (orange) ersetzt. Im Zuge dieser gotischen Adaptierungen erfolgte ein Gesamtumbau. Die Wände des Kirchenschiffs wurden ebenso wie der angebaute Turm (gelb) erhöht. In der Kirche konnten zwei unterschiedliche Ausführungen und Höhen des Daches nachgewiesen werden; eventuell dürfte die Kirche oder der Dachstuhl aufgrund ihrer exponierten Lage (Blitzeinschlag!) einmal abgebrannt sein (Steinschäden am Turm deuten zusätzlich darauf hin). Weitere Veränderungen der Gestalt und Anbauten (rot: Vorbau) fanden von 1500 bis 1900 statt. Durch die Bauaufnahme konnte, wie bereits erwähnt, in mehreren Bereichen der genaue Ablauf der damaligen Bautätigkeiten aufgezeigt und Irritationen im heutigen Grundriss erklärt werden.

Ein älterer Kultplatz?
Meine Vermutung, dass an einer derart hervorgehoben Position in der Landschaft eigentlich schon früher Bautätigkeiten stattgefunden haben müssten, beginnt sich zu verdichten. Im Gespräch mit den Anrainern werde ich auf eine alte Broschüre aufmerksam gemacht, in der auf die frühere Ansicht, die Kapelle stehe an der Stelle eines alten Heidentempels, verwiesen wird. Bei früheren Grabungsversuchen sind allerdings nur Tonscherben und Knochen gefunden worden. In einem kleinen Büchlein entdecke ich jedoch die Abbildung einer Steintafel aus vorromanischer Zeit, die in der Nähe der Kirche gefunden worden sein soll. Sie stellt eine menschliche Figur mit ausgestreckten Armen, einen Baum und eine Blume tragend dar; an ihrer linken Seite befindet sich eine Scheibe mit sieben Speichen, die eventuell die Sonne darstellen könnte. Nach mehreren intensiven Arbeitstagen am Objekt bestätigt sich unser erster Eindruck von der kraftgebenden, dynamisierenden Ausstrahlung der Kirche. Die radiästhetische Untersuchung weist darauf hin, dass die Kirche auf dem Kreuzungspunkt eines von Meran herauf kommenden Energie-Strahls mit einem längs des Sattels verlaufenden Energie-Fluss steht. Vor dem Altar in optimaler Position liegt der Kreuzungspunkt des Systems; zugleich scheint die polygonale Apsis dazu zu dienen, jene Energie von diesem Kreuzungspunkt aus in mehrere Richtungen über das Hinterland zu verströmen.

Astro-archäologische Bedeutung
Mich beschäftigt immer wieder die kleine Steintafel. Könnte die Kirche nicht auch noch eine astro-archäologische Bedeutung haben? Es ist bekannt, dass die Gegend um Meran schon zu frühesten Zeiten besiedelt war. Unterhalb von Schloss Tyrol finden seit Jahren archäologische Grabungen statt; dabei wurden sehr frühe Siedlungsspuren freigelegt. Könnte nicht die Kirche in einer Beziehung zu diesem frühen kulturellen Zentrum stehen? Zudem erscheint die Kirche von diesem Ausgrabungsplatz aus gesehen wie das Korn in der Kimme, die durch den gegenüberliegenden Bergsattel gebildet wird. Mittels einer exakten Landkarte bestimmen wir die geographische Lage und Ausrichtung der Punkte und erfassen die Daten in einer entsprechenden Software. Die Berechnungen ergeben, dass von Schloss Tyrol aus genau zur Wintersonnwende am 21. Dezember die Sonne im Sattel hinter der Kirche St. Katharina aufgehen müsste. Eine weitere Überprüfung von astro-archäologisch relevanten Daten ergibt, dass vom gleichen Siedlungsplatz aus gesehen die Sonne zur Sommersonnwende genau über einem markanten Berg der Umgebung ("Hirzer Spitz", 2780 m) aufgeht. Durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Kirchlein, durch die Integration sichtbarer und unsichtbarer Wirklichkeiten, ist ein umfassendes Bild dieses Platzes entstanden. Die dabei wahrgenommenen mehrdimensionalen Einflüsse fügen sich zu einem stimmigen Ganzen. Die Erkenntnisse dienten als Grundlage einer mineralogischen Untersuchung des Sandsteinmauerwerkes. Dabei konnte auch die interessante Frage, wo die bis zu 650 kg schweren Steine des Turmmauerwerks herstammen, durch Materialvergleich mit näheren Steinbrüchen geklärt werden. Die jetzigen Sanierungen des Mauerwerkes können in die nun vorhandene Bauaufnahme eingetragen werden, womit zumindest dieser Teil der langen Kirchengeschichte dokumentiert ist. Zudem werden unsere Erkenntnisse in einen Kirchenführer eingearbeitet und können auf diese Weise den interessierten Besucher zu einer nachvollziehbaren Baugeschichte hinführen.