Auf der Wellenlänge der Natur

Geomantie und Bauen mit Holz und Lehm

von Gesine Stöcker erschienen in Hagia Chora 7/2000

Genau betrachtet, sind moderne ökologische Bauten nicht weit von den archaischen Bauten unserer steinzeitlichen Vorfahren entfernt - meist handelt es sich um Holzkonstruktionen mit lehmverputzten Wänden. Die Architektin Gesine Stöcker beschreibt, wie lokale Naturmaterialien beim Hausbau eine Atmosphäre von Geborgenheit schaffen.

 Diesen Artikel als Adobe Acrobat PDF herunterladen (883 KB)

Der Bau eines eigenen Hauses ist für die meisten Menschen ein tiefer Lebenseinschnitt. Es ist finanziell die größte Investition, die man sich leistet, um sich den eigenen Lebensraum zu schaffen. Man möchte sich darin frei und geborgen fühlen. Die Entscheidungen, welcher Bauplatz es sein soll, welche Räume von welcher Größe das Haus enthalten und wer es planen soll, werden meist intuitiv getroffen. In dieser Phase lerne ich als Architektin die Bauleute kennen. Es stellt sich die Aufgabe, deren Lebensweise, Bedürfnisse und Gewohnheiten bewusst umzusetzen.
Die geomantische Planung geht dabei einen Schritt weiter als die herkömmliche: Über die funktionale Zuordnung und Gestaltung der Räume hinaus werden die feinstofflichen Eigenschaften der Dinge zugrunde gelegt. Das beginnt mit dem Platz (Himmelsrichtungen, Topographie, Geologie, Radiästhesie, Zeichen, Geschichte, Mythologie, subjektives Empfinden etc.), geht weiter über Formgebung und Materialwahl, Farbgebung, bis hin zur Einrichtung des Gebäudes. In der Regel kann man immer mit dem zu planenden Gebäude auf das Grundstück reagieren. Nur ganz selten, z.B. bei sehr starker Elektrostrahlung oder ungewöhnlich starken Verwerfungen, die einen Ort ins Ungleichgewicht bringen, rate ich, den Bauplatz zu wechseln. Zu den Gegebenheiten, wie den speziellen Randbedingungen eines vorhandenen Bauplatzes (Landschaft, Makro- und Mikrostrukturen, dem baulichen Bestand in der Umgebung, Bebauungsplan etc.), den Wünschen der zukünftigen Bewohner und dem Bedarf in Art und Größe etc., gesellt sich in vielen Fällen ein weiterer, ganz profaner Fakor: Das neue Heim soll möglichst kostengünstig und trotzdem gesund gebaut werden. An dieser Stelle möchte ich einflechten, dass ein Ansatz des ökologischen und ökonomischen (also auch kostengünstigen) Bauens das verdichtete Bauen ist. Dadurch wird wesentlich kompakter und energiesparender gebaut, und Flächen unbebauter Landschaft werden geschont. Je mehr man vom städtischen in den ländlichen Raum kommt, um so öfter ist mit dem Wunsch nach dem eigenen Heim ein eigenes Haus mit Grundstück verbunden. Gerade im ländlichen Bereich ist verdichtetes Bauen vielerorts noch ein Thema, das Initiatoren, Überzeugungskraft und Willen zur Umsetzung braucht. Eine Lösung dieser umfassenden und dem Laien auf den ersten Blick vielleicht widersprüchlich scheinenden Vorgaben liegt sowohl in der Einfachheit des Planungskonzeptes, als auch in der Gründlichkeit der Planung und in der Bereitschaft des Architekturbüros und der Bauleute, sich dieser Aufgabe wirklich zu stellen.

Die vorhandenen Kräfte
Anhand eines Beispieles möchte ich solche Aspekte praktisch darstellen: Die Bauleute haben sich ihr Grundstück in einer Baulücke eines ruhigen Wohngebietes der 70er- und 80er-Jahre ausgesucht. Die Erschließung erfolgt durch eine breite Anliegerstraße als Sackgasse. Das Grundstück ist das drittletzte in seiner Reihe, hat Hanglage mit Gefälle in Richtung Nordwesten. Die Straße liegt auf der Südostseite, die gleichzeitig Bergseite ist. Der Bebauungsplan und die vorhandene Bebauung geben eingeschoßige Bauweise und eine Dachneigung von 30 Grad vor. Bei der radiästhetischen Untersuchung finde ich in dem Grundstücksbereich, in dem das Gebäude geplant ist, drei lineare Strukturen nebeneinander (nicht parallel): eine Wasserader, eine Verwerfung, eine Richtfunkstrahlung. Bei der Wasserader und der Verwerfung handelt es sich um untergeordnete Strukturen, deren Einfluss sich nicht krankmachend" auswirken muss, sofern sie nicht zusätzlich mit schädlicher Information beladen werden. Richtfunk ist grundsätzlich problematisch, zumal sich der Bereich der künstlichen Strahlung laufend verändert. Ich rate meinen Bauleuten zu einer regelmäßigen Überprüfung, damit gegebenenfalls Maßnahmen getroffen werden können.
Neben dem radiästhetischen Untersuchungsergebnis gibt es vielfältige Informationen, die sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen, beispielsweise:
-Die Himmelsrichtung Nordwesten ist durch die Hanglage des Grundstücks stark betont.
-Die Topographie ist weich und weit, sanft abfallend zum in Nord-Süd-Richtung orientierten Mümlingtal.
-Der Baumbestand ist gesund und ohne auffällige Wuchsformen. Er befindet sich außerhalb des Bereichs der drei untersuchten Linien.
-Das Grundstück wurde vor dem Verkauf auch als Pferdewiese genutzt. Die Pferde sind gerne auf dieser Wiese gewesen.
-Dieser Teil des Odenwaldes besteht aus weichem, roten Buntsandstein, entlang des geologischen Mümlinggrabens schiebt sich Muschelkalk nach oben.
-Der unmittelbare Untergrund im Grundstück ist eine dicke Lehmschicht.
-Die Menschen in der Nachbarschaft wirken auf der südwestlichen Seite verschlossen, auf der nordöstlichen sehr offen und freundlich.
Die Analyse der vorhandenen Kraft des Ortes umschreibe ich mit den Elementen und ihren Analogien: Mit erdigen Qualitäten sind Ruhe und Schutz verbunden, mit luftigen Qualitäten Inspiration, Ideenreichtum, mit feuriger Aktivität zuweilen Aggression, und mit wässrigen Qualitäten Wachstum, Fließen, neues Entstehen. Die Himmelsrichtung Nordwest ist hier stark, aber nicht in schädlichem Übermaß vorhanden und hat mit Wandlung und Transformation zu tun. Der Osten, d.h. die wässrige Qualität, ist sehr schwach vertreten. Die anderen Himmelsrichtungen, verbunden mit Erde, Feuer und Luft, sind gleichmäßig präsent. Die geologischen Gegebenheiten - Buntsandstein und Muschelkalk - sind grundlegende Indizien für erdige und wässrige Qualitäten. Das Feuer kommt auf dieser Ebene durch die Bewegung des Muschelkalkes, der an die Oberfläche drängt, hinzu, die Luft durch die Nord-Süd-Orientierung des Mümlingtales. Diese natürlichen Gegebenheiten sind überlagert durch die baulichen und sonstigen Veränderungen in der Landschaft. Die vorhandene Bebauung strahlt einerseits Ruhe und Bedächtigkeit aus, andererseits an einigen Stellen aber zuviel Zurückgezogenheit und Strenge. Klarheit und Fülle sind ebenfalls zwei Umschreibungen, die mir beim Anblick des Wohngebietes einfallen - als negative Aspekte aber auch Sich-Breitmachen, eine verdeckte hohe Schwingung (Überhitzung), Rücksichtslosigkeit, Starre. Diese Situation wird auf dem Grundstück durch den geringen Einfluss des Ostens verstärkt.

Eine gemeinsame Lösung
Das Ziel ist nun, gemeinsam mit den Bauleuten eine Gestaltung ihres Hauses zu finden, die ihnen entspricht und die eventuelle Ungleichgewichte annimmt, so dass eine energetische Ausgewogenheit als Basis entsteht. Das radiästhetische Untersuchungsergebnis und die Festsetzungen des Bebauungsplanes bzw. die Anordnung der bestehenden Bebauung widersprechen sich: Es war nicht möglich, das Gebäude insgesamt neben die drei Linien zu stellen. Das Haus quer zur bestehenden Bebauung zu planen, kam nicht in Frage, da dies ebenfalls als energetische Störung empfunden wurde. Die Ruhe und Klarheit der bestehenden Bebauung war eine wichtige Grundlage des Entwurfs. Daraufhin wurden die Räume so angeordnet, dass weder Wasser, noch Verwerfung, noch Richtfunkstrahlung mit Bett oder Arbeitsplatz zusammenfallen. Die schon beschriebenen negativen Aspekte, wie Zurückgezogenheit, Strenge, verdeckte hohe Schwingung etc., sind typische Erscheinungen unserer heutigen Zeit, auf die ich versuche, besonders intensiv einzugehen. Baustoffe aus Holz und Lehm sind bestens geeignet, auf uns Menschen in einer recht feurigen, hoch schwingenden bis überhitzten Kultur ausgleichend zu wirken. Voraussetzung ist die Naturbelassenheit des Holzes und des Lehms, sowie keine übermäßigen Anteile von eigener Strahlung (z.B. Radioaktivität). Auch ist die Herstellung von Baustoffen (Stützen, Träger, Steine, Platten etc.) aus diesen Materialien mit wenig Energieaufwand verbunden, d.h. der künstliche Informationsgehalt ist niedrig, die Schwingung bleibt natürlich. In Kombination mit der Formgebung läßt sich eine ausgewogene, einfache Architektur entwickeln, in der die "weichen" Materialien mit einer klar strukturierten Konstruktion zusammenwirken. Dabei kann man die Schwerpunkte unterschiedlich setzen. Beim hier genannten Beispiel habe ich das Element Luft durch die hohen, stehenden Fensterformate betont. Die Räume bekommen so eine lichte und klare Ausstrahlung. Die positiven Eigenschaften des Feuers sind durch den sanften Transformationsprozess, der aus den Materialien Baustoffe macht, gegeben. Nicht von der Hand zu weisen sind auch die vielfältigen positiven bauphysikalischen Eigenschaften der Materialien, z.B. Wärme- und Feuchtespeicherfähigkeit etc. Beide Baustoffe sind recycelbar; sie lassen sich ohne Umwege wieder in den Kreislauf der Natur einbinden. Und beide Materialien behalten ihre Maßstäblichkeit bezogen auf den Menschen: Holz kommt vom Baum, der Baum ist Symbol für das Leben, Verbindung zwischen Himmel und Erde. Holz ist Träger der Lebensenergie, es vermittelt Wachstum, es ist auch analog zum Im-Fluss-Sein, zum wässrigen Element. Lehm ist Erde. Erde bietet uns Schutz, ist unser physisches Element, in dem wir leben.

Holz und Lehm
Die Materialien Holz und Lehm sind physisch, gefühlsmäßig, seelisch und geistig unmittelbar. Diese Unmittelbarkeit ist während des Planens und Bauens in der Holz-Lehm-Bauweise wunderbar nachvollziehbar und erlebbar:
Physisch: Das Konstruktionsprinzip ist so einfach konzipiert, dass es sich sehr gut zum Selbstbau und damit auch zur Kostenersparnis eignet. Den Bauleuten wird die Arbeit erleichtert und ein früher Einstieg in das Baugeschehen ermöglicht, nämlich sobald das tragende Holzgerüst steht und das Dach gedeckt ist. Die Lehmbauarbeiten finden dann komplett im Trockenen statt. Lehm muss übrigens nicht unbedingt in der traditionellen Stampftechnik verabeitet werden. Es gibt mittlerweile eine Vielfalt an Lehmbaumaterialien, die ohne lange Trocknungszeiten verarbeitet werden können, ohne dass die Qualität des Materials verloren geht. In der Eigenhilfe entwickelt sich durch den physischen Kontakt mit den Baustoffen ein großer Teil der Identifikation mit dem neuen Haus.
Gefühlsmäßig und seelisch: Die Baustoffe fassen sich gut an, sie riechen gut, sie sorgen für ein angenehmes Raumklima, man spürt das Leben in ihnen. Sie sind in ihrer Energie maßstäblich, d.h. nicht manipuliert. Sie haben die "Wellenlänge" des Kreislaufs der Natur, d.h. die gleiche "Wellenlänge" wie wir Menschen, so dass wir diese Baustoffe als angenehm und wohltuend empfinden. Beim hier genannten Beispiel kommt noch eine weitere Komponente hinzu: der Baugrubenaushub besteht aus so gutem Lehm, dass er für den Verputz verwendet werden kann. Dadurch geht ein Teil der ursprünglichen Qualität des Ortes auf einfachstem Weg in die Qualität des Hauses über. Gerne zitiere ich meine Bauleute, denen ich während des Selbstbaus beratend zur Seite stehe: "Wir sind richtig gerne auf unserer Wohlfühlbaustelle." An Baustellen, auf denen mit derzeit üblichen Materialien gebaut wird, herrscht oft ein unangenehmes Klima, meist erkennbar am strengen Geruch. Darüber hinaus ist ein schwer benennbares Unwohlsein, das auf der gefühlsmäßigen und seelisch-geistigen Ebene liegt, wahrnehmbar. Im Gegensatz dazu steht bei der Verwendung natürlicher Baustoffe klare Luft, reiner Geruch, angenehme Luftfeuchtigkeit, das Gefühl von Schutz, Offenheit und Klarheit etc.
Die seelisch-geistige Ebene der hier beschriebenen Bauweise liegt in der Art, wie die Materialien eingesetzt werden. Das Holz trägt, es hat die aktive Rolle. Aufstrebende Stützen und schlanke Balken entsprechen dem Charakter des Baumes. Die Lebenskraft des Baumes wird so sinnbildlich in das Gebäude getragen. Lehm ist Erde, die Erdhöhle ist die Urbehausung des Menschen. Der Lehm füllt die Holzkonstruktion schützend und harmonisierend, er übernimmt die behütende Rolle. Es besteht eine tiefe innere Verbundenheit der Menschen zu diesen beiden archaischen Baustoffen mit ihrem Symbolgehalt: Lebensenergie und Schutz.