Haus - Wesen

Von der GeistSeele unserer Häuser

von Birgit Tali Menne erschienen in Hagia Chora 7/2000

Jedes Haus hat seine Atmosphäre und eigene Persönlichkeit. Birgit Tali beobachtet die vielschichtigen Beziehungen eines Gebäudes zu der Umgebung und seinen Bewohnern.

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Das Haus ist Ausdruck der Landschaft und seiner Kultur. Aus der Erde, den Steinen, Bäumen, Pflanzen und Mineralien, Materialien der Erde, einer Landschaft, wurde früher das Baumaterial geschaffen, so dass die Erdgeschichte der Region in seinem Körper eingeschrieben ist. Die Bauweise und die Baustile entstehen aus der regionalen Kultur. Häuser aus Kalkstein erhalten eine andere Atmosphäre als solche aus Sandstein oder Ziegelstein. Die "Landschaftsseele" macht einen Teil der Persönlichkeit des Hauses aus, prägt seinen Körper und vermittelt kulturelle Identität.

Verbindung von Ort, Mensch und Haus
Menschen haben durch die Bauweise versucht, Häuser so entstehen zu lassen, dass auf der vitalenergetischen Ebene ein vitaler Austausch mit der Umgebung stattfindet. Baurituale wie die Grundsteinlegung und das Richtfest dienen dazu, die Erde mit dem Hausbau zu versöhnen. Die Beziehung des Hauses zur GeistSeele des Ortes beeinflusst Friede und Wohlergehen von Haus und Ort. In einem Haus selbst wohnen neben den Menschen noch eine Vielzahl von Bewohnern - Tiere, Elementarwesen etc., die ein Eigenleben führen, jedoch in Wechselwirkung mit dem Gesamten stehen. Lebenszyklen und jahreszeitliche Rhythmen sind hier zuhause, an bestimmten Jahreskreisfesten wird das Haus gereinigt, geräuchert oder werden Gaben für die kleinen BewohnerInnen auf den Dachboden gestellt.
Hausbau war früher eine soziale Angelegenheit der ganzen Familie unter Mithilfe der Nachbarschaft. Die gemeinsame Arbeit beim Hausbau, die sozialen Bindungen und die Kraft jedes Menschen manifestierten sich im Haus. Auch heute ist die eigene Mitarbeit am Hausbau wichtig für die zukünftige Verbindung der Bewohner mit dem Ort. Vor allem die ErbauerInnen sind für das Entstehen der Haus-Persönlichkeit wesentlich. Dies wird durch Hausinschriften, wo Jahreszahl und Erbauer - Mann und Frau zu jeder Seite des Hauseingangs, zugleich Symbol für die Polarität, Yin/Yang - eingraviert werden, kundgetan. Ein Haus beinhaltet somit die Familiengeschichte, wird zur Heimat einer Sippe, zum Stammhaus. Seine Funktion wird durch die Wünsche seiner Bewohner bestimmt, was es beherbergen soll, welche Aufgaben es erfüllen soll. Das soziale Prestige und die Stellung im Land, ob es als Herrenhaus, Handwerkerhaus oder als Bauernhaus gebaut wurde - all dies macht den "Beruf" des Wesens Haus aus. Symbole und die Gestaltung des Hauses drücken dies aus, z.B. Handwerkszeichen für Bäckereien, Mühlen, Schmieden. Weitere Segenszeichen, z.B. das vom Dreikönigstag, sollen Glück und Wohlergehen sichern und das Haus mit seiner Umgebung verbinden. Manchmal sind in Hausinschriften besondere Umstände genannt, wie z.B. die Bitte, vor Feuer geschützt zu sein, nachdem das vorherige Haus an der Stelle niedergebrannt war. Die Seele des Hauses als Gesamtpersönlichkeit kann sich als menschliche Gestalt zeigen, sie kann aber auch die Gestalt einer Katze oder eines anderen Tieres annehmen. Ein Beispiel ist unsere Hauskatze Susi, die schon über 13 Jahre auf dem Hof lebte, den wir kaufen wollten. Sie hatte die Funktion des Hausgeistes übernommen, und wollte schauen, wen sie hinein lässt. Schon vor dem Kauf hat sie uns immer wieder beäugt und schließlich unser Futter angenommen.
Nach unserem Einzug fand ich im Garten und auf dem Dachboden handgefertigte Dachornamente aus Ziegeln, die früher an beiden Dachspitzen angebracht waren und die Energie des Himmels nach unten hin verteilten. Damit konnten wir dem Haus wieder seine "Krone" aufsetzen.

Das Gedächtnis des Hauses
Die Individualität eines Hauses entsteht aus den Erinnerungen an das, was in ihm und um das Haus herum passiert, die in seinem Gedächtnis und seiner Atmosphäre gespeichert sind und je nach emotionaler Heftigkeit über Jahre und Jahrhunderte weitergetragen werden. Geschichten von Häusern teilen oft etwas über besonders prägende Ereignisse und Personen mit, die unter Umständen auch als Geister erscheinen können. Schrecken und Qualen von Menschen halten sich besonders lange im Gedächtnis eines Ortes oder Hauses. Vor einigen Jahren hatten wir überlegt, ein Haus in der Nähe zu mieten, weil wir Arbeitsräume brauchten. Es war ein altes Fachwerkhäuschen, das an seinem Ursprungsort abgerissen und mit dem alten Fachwerk neu errichtet worden war. Die alte Hausseele wohnte im Fachwerk und zog quasi an den neuen Standort mit um. Der neue Bauplatz lag idyllisch an einem sumpfigen Waldrand. Ein Bauer hatte es hier - an einer eigentlich zu feuchten Stelle - ohne behördliche Genehmigung für seine entfernt lebende Geliebte errichtet. Sie nutzte es als Wochenendhaus, bis die Beziehung der beiden endete. Diese Geschichte setzte sich weiter fort, als danach eine andere Frau in das Haus einzog, die mit dem Bauern eine ähnliche Beziehung hatte. Die Persönlichkeit des Hauses zeigte sich mir in der Gestalt einer älteren, strengen Frau in dunklem, hochgeschlossenem Kleid. Sie war gezwungen, sich mit ihrer neuen Umgebung und der neuen Aufgabe als "Wochenendhaus" zurechtfinden. Sie befand sich in einem Dauerstreit mit der das Wasser repräsentierenden "Wasserfrau" des Ortes und brachte schließlich den Bauern dazu, einen Teich auszuheben, in den die Wasserfrau gefälligst umziehen sollte. Das Haus mit seinem saturnischen (erdigen) Charakter vertrug sich nicht gut mit dem wässrigen Element. Die strenge Hausseele hatte auch Vorstellungen über anständiges Verhalten mitgebracht, die sich mit der Nutzung als Wochenendhaus wenig vertrugen. In dieser Geschichte zeigen sich die Prägungen des Hauses durch die alten Vorgänger, den Umzug an einen nicht genehmen Ort und die Prägung, die es durch die neue Funktion des Wieder-Erbauers erhalten hatte.
Die nicht-sichtbaren Dimensionen eines Hauses setzen sich in Gegenwart und Zukunft fort. In manchen Häusern ähneln sich die Schicksale von Bewohnergenerationen und verlaufen nach einem Muster, das sich im Haus verfestigt hat. Beispielsweise wurde ein ehemaliges Häuslingshaus von seinen Eigentümern, die mehrere (Bauern-)Häuser und Ländereien besitzen, ziemlich vernachlässigt. Der Eigentümer ist ein Patriarch, der die Mieter noch wie ihm Hörige behandelt, die das Haus ohne Lohn instand halten sollen. Mindestens drei Mietergenerationen folgten demselben Muster: Die Familie zieht ein, nach einiger Zeit läuft die Frau mit ihren Kindern davon, der Mann bleibt übrig, lässt alles verwahrlosen, der Müll wird im Garten vergraben ... bis die neue Familie einzieht, den Müll der vorherigen wegräumt, am Anfang sich bemüht, ordentlich und sauber zu sein - aber 1, 2 Jahre später liegt der Müll wieder da. Leben in das Haus zu bringen, kostet sehr viel Arbeit und Geld, aber dieser Energiezufluss ist nicht von Dauer. Eine ständige Fluktuation von BewohnerInnen ist die Folge, hinzu kommen Konflikte mit dem Eigentümer, die in Rechtsstreitigkeiten ausarten.

Haus-Arbeit - sich verbinden
Die Verbindung auch zur seelischen Ebene eines Hauses ist durch die Wahrnehmung dieser Dimension und die Achtung des Hauses als Persönlichkeit gekennzeichnet. Hinzu kommen noch weitere Dimensionen wie Baubiologie, Radiästhesie, Haus- und Raumgestaltung, Energieflüsse im Haus usw., auf die ich hier nicht weiter eingehen möchte. Maßnahmen zur Gestaltung und Veränderung eines Hauses sollten seinem Wesen entsprechen. Eine Umnutzung und Veränderung der "beruflichen" Persönlichkeit bedarf des Einverständnisses des Hauses, so dass diese für alle Teile in Ordnung ist. Es als Persönlichkeit zu achten, die auch "ein Wörtchen mitzureden" hat, ist der erste Schritt, wieder im Einklang mit seiner Hülle Haus zu leben. Das Haus steht lange an einer Stelle, während Menschen sich im und außer Haus bewegen. Das Miteinander ist dadurch geprägt, dass das Haus sich zur Verfügung stellt, Menschen es jedoch nicht be-sitzen können. Eine ständige, auch jahreszeitabhängige Bewegung (Haus-Arbeit) ist nötig, um es in Ordnung zu halten. Das Haus-Halten im Sinne eines Haus-Handwerks ehrt die Behausung. "Hausehr liegt am weib, nit am mann", sagt ein seit dem 16. Jahrhundert bezeugter Spruch. Dies bedeutet Arbeit an der Beziehung zum Haus. Häuser sind eine von uns geschaffene Hülle, die ursprünglich dem Mutterleib nachgestaltet wurde, um die Erfahrung von Aufgehobensein, Versorgtwerden, Nährendem im Außen zu manifestieren. Auch ist das Haus als Abbild des Kosmos geschaffen. Dies geschieht durch spezifische Maße, den Grundriss und die Bauweise. Auf einer allgemeineren Ebene ist das Haus ein Ausdruck der drei Welten. Wie bei einem Baum die Krone, so ist bei einem Haus das Dach die "obere Welt", die Baumwurzel bzw. der Keller symbolisiert die Unterwelt, die mittlere Welt ist die Welt, in der die Menschen leben und arbeiten. In der Unterwelt, dem Keller, ist das Dunkle, Unbewusste zu Hause, der Ort für die Vorratshaltung, so wie auch ein Samenkorn im Dunklen wächst. Treppen sind dabei die Stufen zu einer anderen Welt, die Verbindung zwischen den Ebenen. Die Öffnungen des Hauses bringen Licht und den Austausch mit der Außenwelt. Die Tür ist der Mund des Hauses, die Fenster sind seine Augen, die Gebäudefassade ist das Gesicht. Die Raumaufteilung bestimmt, wie die Lebenskraft zirkulieren kann. Das Herdfeuer war früher das Zentrum des Hauses, wo die Alchimie des Kochens und die Gemeinschaft stattfand. Diese Analogien zum Menschen können uns helfen, einen Zugang zu einzelnen Facetten der Haus-Persönlichkeit zu erhalten - sich vorzustellen, dass man selbst das Haus wäre, als würde man aus seinen Fenstern schauen, mit seiner Haut atmen, mit seiner Umgebung, dem sozialen Umfeld, in der Beziehung mit anderen Häusern, der Straße etc. kommunizieren. Dazu gehört auch, sich über seine Geschichte zu informieren. Folgende Fragestellungen können dabei hilfreich sein: Wie ist der Körper des Hauses gestaltet, welche Formen, Umrisse, Ecken und Kanten hat es? Wie ist sein Innenleben, sein Verhältnis zum Außen? Was sieht das Haus? Was hört, schmeckt, fühlt es? Wie öffnet es sich, was sehen seine Augen (Fenster), was nimmt der Mund (Tür) auf? Wo wird es geschützt, wo ist es ausgeliefert? Woher bekommt es "Energie" (Qi, Besucher, Strom, Wasser, ...) und was passiert damit? Was ist die Aufgabe, die Funktion des Hauses, und steht die (derzeitige) Nutzung im Einklang damit? Wieviel Platz braucht das Haus, wie präsent ist es? Welche Nachbarschaft hat das Haus, und wie ist die Beziehung zur Umgebung? Wie steht das Haus in Verbindung zum Ort - zur GeistSeele und der Dimensionen des Ortes, zum Garten und den umgebenden Pflanzen?