Fließen - Wachsen

Ein Waldorfkindergarten gewinnt Leben

von Maria Weig erschienen in Hagia Chora 7/2000

Gerade soziale Brennpunkte wie eine Schule oder ein Kindergarten - Orte der Kreativität und des Lernens - verlangen nach Geborgenheit und Harmonie. Aus einem Seminar der Architektin Maria Weig ergaben sich Anregungen zu einem bemerkenswerten neuen Planungsentwurf.

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Als Architektin und Geomantin bin ich bei der Betreuung von Projekten oftmals Ausführende des Bauprojekts , manchmal habe ich auch nur die Rolle der Vermittlerin, die die Energien und Informationen eines Ortes so übersetzt, dass in einem für alle Beteiligten nachvollziehbaren Prozess ein harmonischer Lebensraum entstehen kann. Im Beispiel der Waldorfschule in Prien am Chiemsee, die ich nachfolgend darstellen möchte, war ich selbst nicht als Architektin beteiligt, sondern von den Betreibern gebeten worden, dort eine geomantische Begehung und ein Seminar abzuhalten. Die Zusammenarbeit mit dem Architekten des Objekts ergab sich mehr oder weniger unbeabsichtigt: Ohne, dass ich darüber Bescheid wusste, nahm er an dem Seminar teil. Anschließend schickte er mir die veränderten Pläne - er hatte nach dem Seminar seine gesamte bisherige Planung abgeändert und ein faszinierendes, neues Konzept entwickelt. Diesen spannenden Prozess möchte ich hier kurz schildern.
Ein ehemaliges Krankenhausgebäude wurde vor zwanzig Jahren von der Waldorfschulinitiative Prien übernommen. Städtebaulich gesehen, ergab sich für das Gelände eine problematische, aber auch einzigartige Situation: Ein viel zu schnell fließender Bach zerteilt das Hauptgebäude, im Osten stören der Lärm und die Unruhe der Hauptstraße, im Norden drückende und abweisende Energie der Rückwand eines Gewerbehofes und im Süden gibt es zu wenig Raum und kaum Aussicht. Einige LehrerInnen und Eltern, die meine Arbeit kannten, luden mich zu einer geomantischen Untersuchung ein und formulierten die Frage: Zerteilt der Bach nicht nur unser Gebäude, sondern auch unsere Gemeinschaft? Warum ist der soziale Prozess an der Schule so schwierig und anstrengend? Prien ist eine am Chiemsee-Hochufer gelegene Marktgemeinde. Die Prien, der zweitgrößte Zufluss zum Chiemsee, umfließt diesen Ort. Noch um die Jahrhundertwende wurde der Höhenunterschied in der Uferregion von fast 40 Metern zur Wasserkraftgewinnung intelligent genutzt; es war ein sensibles Ineinander von Mensch und Natur. Dazu wurden von der Prien mehrere Seitenarme abgezweigt. Einer davon, der Mühlbach, ist der einzige heute noch sichtbare - dieser fließt durch die Schule.

Die Schule über dem Bach
"Die Schule über dem Bach" - so müsste man diesen Ort betiteln. Fast exakt mittig fließt der reißende Bach durch das Gebäude hindurch. Eine große, starke, sichtbare Wasserader. Immer und immer wieder versuche ich sie zu spüren und zu empfinden, zu erforschen. Faszinierend, wie der Bach aus dem großen Maul unter dem Gebäude hervor stürzt.
Im Seminar gehen wir zurück zu der Stelle, wo er durch Menschenhand geboren wird. Ein Mühlkanal, künstlich geschaffen, heute schon wieder natürlich eingewachsen, stellenweise sehr lieblich, friedlich, bereichernd. Wir können seine "Quelle" erleben, ein gut durchdachter Wasserbau, sinnvoll, versöhnlich - einstmals speiste er 45 Wasserräder! Heute existiert noch eine einzige Turbine im nahegelegenen Gewerbehof, im Rücken der Schule. Ab hier ist der Bach ein Kanal, funktional, linear, ein tiefer Wassergraben. In dieser Gestalt tritt er in die Schulwiese ein, unbeachtet, ungestaltet, unförmig, zu schnell. Betonmauern und verrostete Drahtzäune, eine hässliche Eisenbrücke, Eisenrechen und eine Asphaltstraße sind die prägenden Elemente. Schon ist der Bach wieder unter dem Gebäude verschwunden. Vorne an der Wand dann dieses unförmige Maul: er wird geradezu ausgespuckt. Nach zwei, drei Sekunden Fließen im Garten entschwindet er in Kanalrohren unter der nächsten Straße. Ich versuche, mitzulaufen, mit meinen Blicken mitzufließen, aber bevor ich den Fluss nur einen Gedanken lang erhasche, ist das Wasser verschwunden.

Der lebendige Bach
Ich gehe zum Zaun zurück, dorthin, wo der Kanal in das Schulgelände eintritt. Ich drehe dem Wasser meinen Rücken zu, lasse es durch mich hindurchfließen und verweile. Das ist auch seine Botschaft: Lasst mich verweilen, lasst mich durch Kurven, durch Strudel, über Steine laufen, dann kann ich meine Kraft abgeben. Jetzt muss ich dem Ort Energie entziehen, die Atmosphäre unruhig machen, die Harmonie zerteilen. Das ist es, was die Menschen täglich unterbewusst wahrnehmen. Nicht der Bach als solcher belastet, sondern seine von Menschen gemachte "tote" Form entzieht ihnen Kraft. Ich gehe den Bach noch einmal ab. Vor meinem inneren Auge beginne ich zu entwerfen, zu gestalten - Biegungen, Stauzonen, Steinsetzungen, lebendige Uferbereiche, Treppchen zum Wasser hinab, Strudelzonen, ich setze das Wasserrad an die richtige Stelle, ein weiteres Auffangbecken mit Strudelzonen und Trauerweiden. Ich gehen zu einem nahen Platz mit tiefer, ernster und doch sehr warmer Energie - Erdenweisheit und Erdenmutter - und kann empfindend erkennen, dass nur die Sprache der schönen und sensiblen Gestaltung der Fülle und dem Geschenk der göttlichen Schöpfung gerecht wird, nur dann fügen wir uns in rechter Weise ein in das feinenergetische Kräftespiel der Natur.

Der neue Waldorfkindergarten
Der Architekt Peter Schorr legt eine neue Gesamtplanung vor, welche die Biegung des Baches bereits aufnimmt. Ich bin begeistert. Auch die Störung im Norden des Schulgeländes durch eine überhohe Mauer des Nachbargebäudes nimmt er kreativ auf und verwandelt diese Blockadezone in eine neue Hofqualität. Das neue Kindergartengebäude ist wie ein lachender Flusskiesel im ätherischen Strom des sich freuenden Baches. Ein Anfang ist gemacht. Nun soll der Architekt selbst berichten:

"Das Seminar mit Maria Weig hat mich, der ich gerade mit Vorüberlegungen zur geplanten Schulerweiterung beschäftigt war, sehr beeindruckt. In meine Arbeit kamen neue Gesichtspunkte hinzu, vor allem: Der Bach muss im Rahmen der Möglichkeiten "erlöst" werden. Das geht am besten, wenn er durch das eigentlich an anderer Stelle geplante Gartenbaugelände fließt. Ich schlage daher vor, den Schulgarten an den Fluss zu legen. Er kann sich entfalten und die freiwerdende Energie auch an die neuen Gebäude abgeben. Ein weiterer Aspekt entsteht: Der Bach wird zum Begleiter für die Schulgebäude, zum Rückgrat und vermittelt zwischen Erweiterungsbauten und Altbau. Genau im Zentrum dieser Anlage befindet sich dann das Haus am Mühlbach, der Kindergarten mit der Kuppel beim Anbau. Das Gebäude hat schon einiges durchgemacht. Die ursprüngliche Arztvilla stand in einigem Abstand zum damals noch kleinen Krankenhaus. 1928 und 1955 raubten ihm zwei Erweiterungen die Freiheit, dann wurde es in eine Isolierstation mit Sterbezimmer umgewandelt, war anschließend Mütterheim und zuletzt ein provisorisches Logistikzentrum. Als der Waldorfkindergartenverein es 1999 von der Gemeinde erwerben konnte, war die Freude zwar groß, aber es blieb eine gewisse Unsicherheit: Woher wird das Gebäude die Kraft für seine neue Aufgabe bekommen? Jetzt, durch die Anknüpfung an den Bach spüre ich: Das Schattendasein ist vorüber.

Die lebendige Form in der Architektur
Der Kindergarten wird zum Angelpunkt der Schulanlage. Bei dem in freien, plastischen Formen gestalteten Anbau habe ich versucht, die Erstarrung der bestehenden Baukörper aufzulösen. Wie in der Pädagogik die Erziehung zur Freiheit, zur Entfaltung der ureigenen, in die Zukunft gerichteten Persönlichkeit im Vordergrund steht, so soll das für die Kinder Gebaute nicht den Ist-Zustand unserer Baukultur vermitteln, sondern das, was möglich wäre, was als Ideal, als Traum, als etwas Zukünftiges vor uns steht, aber auch das, was uns mit dem Besten unserer Vergangenheit verbindet.