Verborgene Klänge
Harmonikale Maße in der Architektur
Ein harmonisches Gebäude kann manchmal den Eindruck eines inneren Klangs entstehen lassen. Der Architekt und Vastu-Experte Wolf-Dieter Blank zeigt, wie die Porportionen eines Bauwerks dessen Stimmung beeinflussen.

Seit alters her spielen Maßsysteme in vielen Kulturen der Welt eine bedeutende Rolle. Stellen sie doch eine Verbindung her entweder zum Kosmos und zur Erde mit ihren Dimensionen (Erdumfang), zum Menschen und seinen Körperproportionen oder zum Transzendenten, Göttlichen, Unaussprechlichen. Damit bringen sie entsprechende Energien in die Manifestation von Bauwerken oder Stadtanlagen ein. Traditionelle Körpermaße sind z.B. Fingerbreiten, Elle, Fuß, Hand etc. Je nach Region sind diese Maße leicht variiert. Körpermaße wurden auch von dem berühmten Architekten Le Corbusier mit seinen Modulmaßen verwendet. Frühe italienische Kirchenbauten legten ihren Grundrissen den menschlichen Körper zugrunde. In Japan ist das Maß ken die Basis für die Proportion von Räumen, es entstand aus der Dimensionierung der Tatami-Matten, die jeden Raum als Bodenraster ausfüllten und damit eine gewisse Strenge der Raumform erzeugten, die durch spezielle Arrangements, wie z.B. Tuschebild oder Blumenarrangement etc., aufgelöst wurde. In Verbindung mit der Qualität des Standortes war es das Ziel, Harmonie zu erzeugen zwischen Erde, Mensch und Kosmos, aber auch weltliche Macht (Kaiser, Könige) und geistige Macht (Kirche) zu etablieren und zu zentrieren. Insofern war harmonikale oder auf speziellen Maßen und Proportionen basierende Architektur überwiegend auf Schlösser, herrschaftliche Bauten und Dome oder Tempelanlagen bezogen. Heutige Proportionssysteme hingegen verfolgen ein anderes Ziel: sie sollen dem Menschen in seinem eigenen Heim dienen und dabei Wohlbefinden, Gesundheit und Harmonie in der von Stress geplagten Familie (Lärm, Sinnesüberreizung, berufliche Anspannung und Existenzkampf) erzeugen.
Was ist Harmonie?
Harmonie ist ein Begriff, der sich in der Musik findet. Das Harmonieempfinden ist eine subjektive Angelegenheit. Zu früheren Zeiten wurden z.B. die Terz als "kühner Klang", hingegen die für heutige Ohren kompliziert und gewöhnungsbedürftig klingenden Septimen- oder Nonenakkorde als schöne Harmonien empfunden. Zusammenklänge sind, physikalisch betrachtet, Proportionen von Frequenzen, d.h. Schwingungsverhältnisse, die unserem "inneren Ohr" verschieden schwierige Rechenaufgaben stellen. Das ungeübte Ohr kommt dabei nur mit einfachen Brüchen zurecht, wie 1 : 2, 3 : 5, 4 : 5, 2 : 3, und wird durch kompliziertere Zahlenverhältnisse irritiert. Der Hörer bezeichnet diese für ihn unlösbaren akustischen Rechenaufgaben als Dissonanzen, Geräusch oder Lärm.
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