Die Sprache freischwingender Formen

Intuitive Ideenfindung in der neuen Architektur

von Herbert Antweiler erschienen in Hagia Chora 7/2000

Menschen nehmen Dinge in die Hand, verändern und formen ihre Umgebung. Menschen sind Lebensraumgestalter. durch architektonische Schöpfungen werden besonders langlebige Gestaltungen geschaffen. BauherrInnen und ArchitektInnen beeinflussen durch Ihre Werke die Atmosphäre unserer Lebensumwelt in besonderem Maße. Ich möchte für die Neuentdeckung freischwingender Raumformen in der Architektur plädieren - die unermessliche Vielfalt der Gestaltungsmöglichkeiten, die uns in die Hände gelegt wurde, neu zu entdecken. Unser Alltag ist heute geprägt von vorgetäuschter Wirklichkeit, Zweidimensionalität, Illusionen auf ebenen Flächen. Der Architekt, der Raumplaner kann wie ein Bildhauer mit dem wirklich greifbaren Element, mit Modelliermasse, seine Arbeit entwickeln. Das Anfassen, die unmittelbare Berührung des Materials bietet ideale Voraussetzungen für schöpferisches Arbeiten. In der Auseinandersetzung mit frei im Raum schwingenden Formen erleben wir die fast unbekannte dritte Dimension wieder neu. Formideen, welche in architektonischen Gestaltungen verwirklicht wurden, spiegeln das Denken, den Zeitgeist, das Lebensgefühl der entsprechenden Zeitepochen wieder. Geometrische, leicht konstruierbare Formen, Quader, gerade Flächen und rechte Winkel dominieren seit langer Zeit die Formgebung in der Architektur. Der Quader als Basis jeder Raumvorstellung hat sich tief eingegraben in das Bewusstsein unserer Zeitgenossen. Als Innenraum ermöglicht es eine einfache Wahrnehmung der Begrenzung des Raumes. Man sieht vielfältige Lichtbrechungen an den Winkeln und Kanten der Außenwände, an Fensterleibungen und Türöffnungen. Hinzu kommen quaderförmige Einrichtungsgegenstände. Unzählige scharfe Kanten sind auf uns gerichtet. Parallele und gekreuzte Linien zerteilen und untergliedern den Raum ohne das dies atmosphärisch bewusst eingesetzt worden wäre. Der Mensch erlebt sich in solchen Räumen mit einem Gefühl eigener Begrenztheit, klein und angreifbar, verletzlich und unbedeutend. Er ist abgetrennt vom Universum in seiner zugeteilten Parzelle.

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