Aufbruch der Formen
Die Renaissance der Geomantie in der modernen Architektur
Geomantie und Architektur sind nicht voneinander zu trennen, allerdings scheinen sie heute weit voneinander entfernt zu sein. Hans-Jörg Müller behauptet, auch die moderne Baukunst weise nach wie vor geomantische Aspekte von herausragender Bedeutung auf. Er fordert die kompetente Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Architektur, um beide Bereiche wieder zur Synthese zu führen.

Ursprünglich waren Architektur und Geomantie eine Einheit - von der Frühzeit über die Megalithkultur, Ägypten, Griechenland, Rom bis etwa ins abendländische 14. Jahrhundert. Jedes Bauwerk - ob sakral oder profan - beinhaltete immer gleichzeitig geistige, atmosphärische, kräftemäßige und funktionale Ebenen: die megalithischen Steinkreise holten die kosmischen Gestirnswelten in die Erdenspäre, Steingräber als frühe Bauwerke lagen "im Schnittpunkt" von Diesseits- und Jenseitswelten. Selbst die Hausbauten des Megalithikums folgten einheitlichen Maßen. Der griechische Tempel führte mit architektonischen Mitteln zu den Mysterien der Götter, und die antiken Städte waren nach kosmologischen Mustern angelegt, um den Mensch in einen geistig geordneten Raum zu stellen. Die mittelalterlichen Kathedralenbauer schufen einen metaphysischen Raum, der in seiner Zeit als realisiertes zeitliches Paradies galt. Sie arbeiteten mit Platzierung, Orientierung, Proportionierung, Formenkräften und der Berücksichtigung lokaler Topographie. Dabei lenkten und leiteten sie Kräfte, die auch den Emotionalkörper der Besucher bewegten. Noch heute kann man an jedem "funktionierenden" Portal nachempfinden, was Architektur zu leisten vermochte: innerhalb weniger Meter wird man befreit von alltäglichen Sorgen, emotionalen "Anhaftungen"; der Geist wird geöffnet für geistige Welten. Mit der Säkularisierung der Gesellschaft im Zuge der Aufklärung fielen diese ganzen "Funktionen" bzw. "Aufgabenstellungen" weg. Die Bauhütten verfielen; gerieten in die Hände privater Handwerksmeister, es entstanden Geheimlogen und brüchige Traditionslinien, die sich nur noch in einzelnen herausragenden Künstlern (Balthasar Neumann etc.) offenbarten. Das Wissen der Baukunst wanderte in die Gartenkunst und die bildenden Künste. Es war dann der immanente Materialismus von Aufklärung und Moderne, der die Grundlagen der traditionellen Baukünste vollständig ignorierte. An die Stelle der Proportionskunst trat das Raster, an die Stelle der Farblehren die Farbpsychologie. Die Geomantie wurde partiell durch Verhaltenspsychologie abgelöst. Schon das 19. Jahrhundert griff nur noch auf historische Baustile zurück: Neogotik, Neoromanik, Neorenaissance, Barock und Klassizismus. Stil war nur noch äußeres, formales Abbild und drängte danach, revolutioniert zu werden. Im Zuge der industriellen Revolution entstand in den Metropolen eine neue und historisch einmalige Architektur. Die neuen Materialien Eisen, Zink, Glas, Stahl und Beton lösten Holz, Backstein und Naturstein ab. Neue Konstruktionsweisen unterstützten eine Reduzierung auf funktionale Komponenten. Mit dem Aufbruch in eine dem Fortschrittsglauben verfallene Epoche bereiteten sie ein Architekturdenken vor, welches in dem Ausspruch Louis Sullivans gipfelte: Form follows function. Es galt: "Etwas Unpraktisches kann nicht schön sein" (Otto Wagner).
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