Beziehungen

Über den Ortsbezug in der Architektur

von Tomás Valena erschienen in Hagia Chora 7/2000

In einer inspirierenden Studie erarbeitete der Architekt Tomás Valena eine theoretische Grundlage für einen dialogischen Umgang der Architektur mit der sichtbaren und der unsichtbaren Dimension des Ortes. Die folgenden Gedankengänge basieren auf seinem inzwischen vergriffenen Buch.

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Der Mensch hat ein Urbedürfnis, die Gegenstände und Erscheinungen seiner Welt miteinander in Beziehung zu setzen. So wird ein Haus an einem Ort erbaut, mit diesem in ein Zwiegespräch verwickelt. Es kommt zu einer handfesten, oder besser gesagt zu einer "ortsfesten" Beziehung. Das Haus und der Ort sind gleichermaßen Subjekt und Objekt dieser Beziehung. Baukunst als das Resultat von gesellschaftspolitischen Prozessen, als Spiegel der Zeit zu deuten, ist eine längst eingeführte Interpretationsmethode. Die Frage nach der Ortsbindung, nach der kontextuellen Dimension des Bauens, hat noch lange nicht diese Selbstverständlichkeit erreicht, obwohl sie ohne Zweifel zum unverzichtbaren Bestandteil der Architektur gehört. Die unreflektierte Selbstverständlichkeit des Ortsbezugs in der Architektur der "vormodernen" Zeit ging unwiederbringlich verloren. Heute muss er mit bewusster Anstrengung neu erarbeitet und eingeübt werden.

Typus und Topos
Architektonische Form lässt sich in letzter Vereinfachung aus zwei Quellen ableiten: Aus der Reaktion auf den Kontext, in dem sie entsteht, und aus der Anwendung einer eigenen, autonomen Architektursprache, deren Bausteine aus baulichen Archetypen, Gebäudetypen, Architekturelementen, aus dem Kodex der Stile, aus den Konstruktionsprinzipien, kurz aus der ganzen Berufstradition und den Regeln der Disziplin bestehen. Diese beiden Faktoren - Topos und Typus, das Besondere und das allgemein Verbindliche - sind die zwei ureigenen, der Architektur immanenten Quellen der Form. Immanent freilich innerhalb einer Geisteshaltung, in welcher das Bauen dazu dient, den Menschen zu "beheimaten", das heißt in Beziehung zur Welt zu setzen. Die Analogie der Sprache ist gut geeignet, jenes zu umschreiben, was ich bildhaft zusammenfassend mit "Typus" bezeichne. Nicht zu unrecht ist oft von einer Architektursprache die Rede. Diese ist ein Konvolut von Konventionen, die solche Allgemeingültigkeit erreicht haben, dass sie verständlich, vermittelbar und wiederverwendbar geworden sind. Der Typus tendiert zum Optimalen, Idealen, Allgemeingültigen. Er bezeichnet diejenige Seite der Architektur, die Ordnung ermöglicht und Strukturen entstehen lässt.
Topos ist das zweite immanente Grundelement der Architektur, zumindest solange dies erdgebunden bleibt, das heißt an einen konkreten Ort gestellt und mit diesem in eine konkrete Beziehung verwickelt ist. Ich verwende hier absichtlich das in diesem Zusammenhang etwas ungebräuchliche griechische Wort "Topos" als Sammelbegriff für alle lokalen, auf die Architektur am konkreten Ort wirkenden Kräfte. Gebräuchlich sind neben dem "Ort" Begriffe wie physischer Kontext und Genius Loci. Wenn Typus das Allgemeine bedeutet, dann bedeutet Topos das Individuelle, das Besondere und Einmalige. Wenn der Typus verständliche Strukturen und eine Idealordnung erzeugt, dann verändert sie der Kontext. Die kontextuellen Besonderheiten sind nur am jeweiligen Ort gültig und relevant. Tendiert der Typus zum Idealen, so konfrontiert uns der Topos mit der Realität.

Begründung des Ortsbezugs
Die Lebenszyklen von Bauwerken werden in anderen Zeiträumen gemessen als bei Kleidern und sonstigen Gebrauchsgegenständen. So wird die Architektur immer nur unvollständig den Anforderungen des Zeitgeists genügen können. Der überwiegende Teil des Gebauten überdauert die Spanne einer Generation, was mit ein Grund dafür ist, dass der Architektur etwas "Zeitloses" anhaftet. So ist es naheliegend, dass dem physisch-räumlichen Kontext, dem Ortsbezug in der Architektur, eine besondere Bedeutung zukommt. Als geschichtliches Wesen wird der Mensch in eine Welt hineingeboren, der er sich ständig anpassen muss, um überhaupt leben zu können. Sein Einfluss auf die Umwelt ist relativ begrenzt, er muss sie bald wieder ihrer eigenen Dynamik bzw. dem Einfluss der kommenden Generation überlassen. Daraus ergeben sich Fragen nach der Beziehung des Menschen zur Welt, zum Bestehenden und Gewesenen, es stellt sich die Frage der Verantwortung - in architekturrelevanten Begriffen geht es um die Beachtung, um die Einbeziehung des Kontexts, um den Ortsbezug. Bei Martin Heidegger findet sich eine tieferreichende Begründung einer solchen kontextuellen Haltung. "Mensch sein heißt ...wohnen", sagt er an einer Stelle, nachdem er etymologisch die Identität von Sein und Wohnen abgeleitet hat. Das "Wohnen" wird hier als der wesentliche Seinszustand des endlichen Menschen dargestellt. Dieses Wohnen, das man heute zu dem Privatesten überhaupt zählt, hat jedoch bei Heidegger eine Dimension der Verantwortung, wenn er schreibt: "Die Sterblichen wohnen, insofern sie die Erde retten..." Rettung bedeutet hier nicht nur, einer Gefahr entrissen zu werden, sondern, wie Heidegger sagt, vor allem auch "etwas in sein eigenes Wesen freilassen". Dies ist eine fundamentale Aussage. "In sein eigenes Wesen freilassen" setzt zunächst das Erkennen des Wesens voraus. Es bedeutet weiterhin, diesem Gegenstand der Erkenntnis - dem Ort zum Beispiel - zu seinem ureigenen Ausdruck zu verhelfen. Und schließlich meint es eine persönliche, wohlwollende Beziehung zu den Dingen der uns begegnenden Welt.
Hier kommt Heidegger dem kontextuellen Verständnis vom Bauen als Interpretation und Antwort auf das Wesen eines Ortes sehr nahe. Wäre es erlaubt, seine Gedanken fortzuführen, so könnte man behaupten, dass die kontextuelle Haltung den angemessenen Bewusstseinszustand eines sterblichen Menschen für das Bewohnen der Erde darstellt.

Über die Raumerfahrung
Wenn wir an "Orte" im normalen Sprachgebrauch denken, kommen uns zwei Kategorien in den Sinn. Die eine meint etwas genau Lokalisiertes, fast Punktuelles, etwa wenn wir uns "an Ort und Stelle" befinden. Der zweite beschreibt einen architektonischen oder geographischen Ort, etwa im Sinne einer Ortschaft, von einer gewissen Flächenausdehnung, etwas, das man betreten kann und von dem man weiß, dass man drinnen ist. Dies setzt natürlich eine gewisse Grenzdefiniton voraus. Im Deutschen meint Ort ursprünglich Spitze, so zum Beispiel im Hildebrandslied, wo er zum erstenmal festgehalten ist in der Bedeutung "Speerspitze". Ort hieß ebenfalls eine ins Wasser vorspringende Landzunge. Der deutsche Ort meint in seiner ursprünglichen Bedeutung also einen genau lokalisierbaren, unverwechselbaren Punkt. Das griechische "topos" scheint beide Aspekte - das Punktuelle und das Raumhaltige, von einer Grenze definierte - gleichermaßen zu enthalten. Diese komplexe Bedeutung führt im Deutschen zu Übersetzungsschwierigkeiten, so etwa dann, wenn topos bei Aristoteles einmal mit Raum, einmal mit Ort übersetzt werden muss. Das lateinische "locus", etymologisch der "Stelle" verwandt, vereinigt in nahezu idealer Weise beide erwähnten Aspekte des Ortes. Bis heute kommen wir um die "Lokalisierung" wegen der Präzision der Ortsbestimmung nicht herum. Andererseits ist mit dem Begriff Genius loci eine solche Fülle von örtlichen Eigenschaften verbunden, dass wir im "locus" ein raumhaltiges "Gefäß", eben die Wohnstätte des Ortsgeistes, sehen müssen. Ein Ort hat immer eine Mitte sowie eine äußere oder innere Begrenzung. Der Übergang von außen nach innen ist ein wesentlicher Bestandteil der Struktur des Ortes; er wird bei einem architektonischen Ort entweder als Eingang oder Zugang artikuliert. Ich möchte an dieser Stelle auf die Bedeutung des Ortes für die Erfahrung des Raumes eingehen. Theoretisch wäre es nämlich ohne weiteres denkbar, den drei Grundelementen im Raum - Punkt, Linie, Fläche - jeweils eine spezifische Raumerfahrung zuzuordnen. Der abstrakte Raum - setzen wir ihn zunächst mit dem dreidimensionalen Raum der euklidischen Mathematik gleich - ist homogen. Keine Stelle ist vor einer anderen ausgezeichnet und er ist grundsätzlich unbegrenzt, das heißt unendlich. Diese Raumvorstellung ist eine intellektuelle Konstruktion, die nicht mehr auf einer unmittelbaren sinnlichen Erfahrung beruht. Dies ist die entwicklungsgeschichtlich jüngste Raumvorstellung, die sich erst durch einen langen Abstraktionsprozess aus der Erfahrung des konkreten Raumes ergeben konnte. Der Wegraum dagegen beruht auf der konkreten Erfahrung des gelebten Raumes. Man könnte behaupten, dass der Raum durch die Bewegung am Weg überhaupt erst erschlossen wird. Weglosen Raum können wir überhaupt nicht erfahren. Der natürliche oder künstliche Raum ist nicht homogen, sondern gegliedert und gibt somit Richtungen und Wege vor, an denen entlang wir durch Bewegung und Einsicht unsere Raumerfahrung machen. Wege verbinden Ausgangs- und Zielorte und sind auf diese bezogen. Der Ortsraum steht für die wohl elementarste Raumerfahrung - der Raum wird hier im Bezug zu einem Netz bekannter und vertrauter Orte konstituiert. Je engmaschiger dieses Netz ist, desto dichter ist auch der gelebte Raum des Menschen. Der Ortsbezug dieser Raumvorstellung drückt etwas Statisches aus, doch aus dem Zusammenspiel von Kraftfeldern verschiedener Orte ergibt sich auch in dieser ortsbezogenen Raumerfahrung ein dynamisches Element. Das Haus oder die Wohnung - dieser prominente Bezugspunkt - prägt auch unsere gesamte Beziehung zum Raum, zu der Räumlichkeit unseres Lebens. Haben wir diesen Bezugspunkt verlassen, kehren die Erinnerungen doch zurück, und wir reisen "im Lande der unbeweglichen Kindheit, unbeweglich wie das Unvordenkliche.... Wir trösten uns, indem wir Erinnerungen an Geborgenheit nacherleben... Bevor er in die Welt geworfen wird, wie die eiligen Metaphysiker lehren, wird der Mensch in die Wiege des Hauses gelegt. Und immer ist das Haus in unseren Träumen eine große Wiege...". Gaston Bachelard entwickelte diese Phänomenologie der glücklichen Orte. Seine "Topo-Analyse" der Intimität ist eigentlich die Anleitung zu einer Topo-Philie, durch die uns die Welt zur Heimat werden kann. Diese Orte als Häuser, Schubladen, Truhen, Nester, Muscheln oder Winkel sind klein und doch unermesslich weit, sie beschützen, schließen ein, und doch oder gerade deswegen ermöglichen sie die Kommunikation mit dem All. Wir alle kennen diese mütterlichen, uns umfangenden Orte der Geborgenheit, aber ebenso jene anderen Orte des Ausgesetztseins. Es sind die wohlbekannten komplementären Gegensatzpaare, mit denen diese Raum- und Körperorte apostrophiert werden können: horizontal - vertikal, irrational - rational, warm - kalt, Erde - Himmel, weiblich - männlich, dunkel - hell, Materie - Geist, Gemeinschaft - Isolation, passiv - aktiv, Bindung - Freiheit. Und es sind besonders jene Orte, die beide Ortskomponenten in sich vereinen, welche uns mit ihrer Vielschichtigkeit unmittelbar und nachhaltig ansprechen, denn sie entsprechen der Komplexität unseres eigenen Wesens. Wir können uns mit einem Ort in dem Maß identifizieren, in dem seine innere Struktur unserer Persönlichkeitsstruktur entspricht, insofern er durch Resonanz Saiten in uns zum Erklingen bringt.

Struktur-Schemata
Wenn wir aufgefordert würden, markante Orte mit stark ausgeprägtem Genius Loci aufzuzählen, würden wir wahrscheinlich fast ausnahmslos Städte, Siedlungen und Architekturen nennen. Dies ist naheliegend und besagt zweierlei: Zum einen haben ausgeprägte Orte den Menschen schon immer dazu animiert, sie auch architektonisch zu fassen, überhaupt an solchen Orten zu siedeln; zum anderen haben die aus dem Geist des Ortes entwickelten architektonischen Eingriffe den Ort komplexer und reicher gemacht und seinen Eigencharakter verstärkt. Beschäftigt man sich intensiver mit der Entwicklung von räumlichen Siedlungsstrukturen, wird man feststellen, dass sie auf dreierlei Weise entstehen: aus der Einfügung in die Struktur des natürlichen Raumes bzw. der Wege, aus der Addition einer Vielzahl von baulichen Grundelementen sowie aus einem rationalen Gesamtschema. Unabhängig davon, wie stark die einzelnen Prinzipien an der Entstehung der Siedlungsstrukturen beteiligt waren, wird sich diese nach dem konzentrischen, dem linearen Schema, oder als mehr oder weniger homogenes Feld organisieren. Die elementaren Begriffe Punkt, Linie und Fläche sind nun einmal jene, auf die sich alle räumlich-strukturellen Phänomene zurückführen lassen. Was ist nun die Wirkung dieser Strukturen, welcher Geist wohnt an den so strukturierten Orten? Das konzentrische Schema hat einen Mittelpunkt, radial auf den Mittelpunkt zulaufende Wege und konzentrische Kreise mit immer größer werdendem Radius. Die Mitte ist vor allen anderen Stellen ausgezeichnet und zieht über die radialen Strahlen alles an sich, bzw. strahlt aus. Die radialen Wege untereinander sind gleichwertig. Ihre "Qualität" verändert sich aber mit der Entfernung vom Zentrum. Die Spannung eines konzentrischen Ortes ist stärker ausgeprägt, wenn die radialen Richtungen vorherrschen. Überwiegen dagegen konzentrische Ringe, wie dies oft bei den um einen Hügel gewickelten Städten der Fall ist, herrscht eher eine geschichtete Ordnung vor. In jedem Fall aber ist die konzentrische Struktur hierarchisch gegliedert. Das lineare Schema impliziert einen kontinuierlichen, endlosen Wegverlauf. Alle Stellen des Weges sind gleichbedeutend, es gibt kein Zentrum. Der linear strukturierte Ort wird also zusätzlich Elemente brauchen, die ihm Anfang und Ende setzen, gegebenenfalls auch einen Kristallisationspunkt bilden. Das Hauptcharakteristikum ist die Bewegung und die Dynamik des Raumes. Musterbeispiele sind viele Straßendörfer, wo die Pfarrkirche meist für den Halt im Gelände sorgt. Das homogene Feld wird durch die Gleichheit aller Stellen im Feld gekennzeichnet. Keine Richtung ist vor einer anderen ausgezeichnet. Auch wenn es nicht das einzige ist (siehe z.B. die Sackgassenstruktur des islamischen Städtebaus), repräsentiert doch das orthogonale Raster das häufigste und weltweit üblichste homogene Feld im Städtebau. Es besteht aus parallelen, sich senkrecht überkreuzenden Wegen, wobei alle Blöcke und alle Kreuzungen identisch sind. Ein homogenes Rasterfeld als städtische Struktur wird sicherlich Monotonie verursachen, wenn es sich über größere Flächen ausdehnt, andererseits fördert es aber die Identität des Ortes, indem es durch die Beständigkeit der Wiederholung immer gleicher Elemente seine Prägnanz steigert, vorausgesetzt, dass sich seine Struktur von den umliegenden Strukturen abhebt. Meist sind die Strukturschemata nicht in ihrer reinen Form verwirklicht, mehr oder minder komplexe Überlagerungen sind die Regel. Man denke etwa an den einem alten Pfad folgenden Broadway im Raster von New York.

Der Boden
Es gibt die merkwürdige Erfahrung, dass die ähnliche Wirkung architektonischer Elemente durchaus verschieden sein kann, je nachdem, ob sie einer Körperfigur angehören oder ob sie von einer Raumfigur aus als Raumschale wahrgenommen werden. Wenn nun im folgenden von Oberflächenbeschaffenheit der Architektur die Rede ist, habe ich dabei in erster Linie die Begrenzungen eines städtischen Raumortes vor Augen, also den Boden, die Wände und die Decke. Auch der Boden ist Bestandteil einer städtischen Architektur, und nicht nur der städtischen. So erinnere ich an die architektonisch-räumliche Wirkung der runden, mit großen Steinplatten befestigten Dreschplätze in Griechenland. Entscheidend für die architektonische Wirkung des städtischen Bodens ist seine Reaktion auf die gegebene Geländeneigung. Schiefe Ebene, Treppe und Terassierung sind die drei grundsätzlichen Antworten. Während eine geneigte Fläche das Abrutschen impliziert, hat eine Freitreppe grundsätzlich eine aufsteigende Tendenz, sie führt in jeder Hinsicht zum Höheren. Terrassierung hingegen bringt den Hang zum Stehen, die Gesamtfläche wird in mehrere ruhige "Becken" unterteilt.
Die Beschaffenheit des Bodens kann als weich oder hart charakterisiert werden. Dies ist zunächst einmal wörtlich gemeint, zum Beispiel als Gras, Kies oder Steinpflaster, dann aber natürlich auch im übertragenen Sinne: Weicher wirkt eine Oberfläche mit einem gewissen Relief, kleinteiligen Strukturierungen. Hart werden dagegen glatte, großmaßstäblich gegliederte Flächen wirken. Solche "harten" Bodenflächen haben zuweilen die Wirkung eines Spiegels. Der Blick wird vom Boden sozusagen reflektiert - zu den angrenzenden Bauwerken hin abgelenkt. Diese Wirkung zeigt anschaulich die Pflasterung des dritten Burghofes am Hradschin von Jo?ze Ple?cnik: Der gotische Dom wie auch die barocke Burgfassade erscheinen in ihrer eigenen Identität durch den glatten, neutral gerasterten Boden gestärkt. Damit sind wir schon beim Übergang vom Boden zur Wand angelangt. Die Sockelzone macht Aussagen über die Art und Weise, wie das Gebäude auf dem Boden aufliegt, in ihm verwurzelt oder bodenflüchtig ist ("ortsfester" oder "vagabundierender" Genius Loci). Die Frage, wie das Gebäude auf dem Boden steht und wie es zum Himmel aufragt, gehört zu den wichtigsten Charakteristika der Architektur.

Die Wand
Architektur prägt die Raumgestalt am nachhaltigsten als Wand, beziehungweise als Fassade. Diese vermittelt in der Regel mehrschichtig zwischen Innen- und Außenraum. Entscheidend für den Charakter dieser Wand, beziehungweise der Architektur ist ihre Bauweise: massiv oder skelettartig (mit vielen Zwischenstufen). Die Massivbauweise entstammt der Erde und ist ihr verbunden. Die Wand trägt die Lasten und begrenzt gleichzeitig den Raum, die Öffnungen sind aus ihr herausgeschnitten. Die Räume sind nicht gefügt, sondern gleichsam aus der Masse herausgehöhlt nach Art der Höhle. Dagegen entstammt die Skelettbauweise der Vegetation, dem Wald, der von der Erde getragen wird, aus ihr entspringt. Das Tragen und Begrenzen ist auf verschiedene Bauglieder verteilt. Wo Öffnungen gebraucht werden, wird die Ausfachung bzw. der Vorhang einfach weggelassen. Es wurde bereits angedeutet, dass Öffnungen im Massivbau wie im Skelettbau verschiedenen Charakter haben. Das Fenster und die Türen einer massiven Wand werden einen figuralen Charakter haben. In diesem Figur-Grund-(Wand)-Schema liegt auch die eigentümliche Tiefenwirkung der Lochfassade begründet - die Figuren erscheinen als vor der Wand schwebend. Die Individualität der Öffnungen wird noch unterstützt durch die Freiheit, ein Fenster beliebig anzuordnen. Dagegen ist beim Skelettbau die Fassadengliederung durch die tragstrukturelle Logik vorgegeben. So erscheint es nur als eine konsequente Entwicklung der Skelettbauidee, wenn heute die Vorhangfassade als völig uniforme Gebäudehaut konzipiert wird. Jedes Material besitzt die ihm eigene Palette von Ausdrucksmöglichkeiten, von der materialspezifischen Farbe angefangen über Eigentemperatur, Oberflächenstruktur bis hin zum haptisch relevanten Oberflächenrelief in der Bandbreite seiner Bearbeitungsmöglichkeiten. Auch die Größe und das Format der Einzelglieder im Gesamtgefüge der Wand spielen eine Rolle, genauso wie die Materialübergänge oder ein Wandüberzug, der sie homogen erscheinen lässt. Alle diese Aspekte des Materials offenbaren die Art und Weise, wie das Bauwerk errichtet ist. In Gedanken vollziehen wir die Mühen beim Bewegen großer Steinblöcke nach und sehen das langsame, doch stetige Wachsen einer Ziegelwand unter den Händen der Maurer. Der Genius eines gebauten Ortes erzählt also auch eine menschliche Geschichte von Arbeit, von Mühen, Freuden und Ambitionen der Erbauer. Wie präzise sich die Absichten und Wesenszüge der Erbauer gerade in der Wahl des Materials und seiner Bearbeitung niederschlagen, zeigt die gesamte Baugeschichte. Eine Zyklopenmauer drückt nicht nur rohe, ungestüme Kraft aus, sondern will diese bewusst evozieren. Völlig anders dagegen eine Inka-Mauer aus Cuzco oder Machu Pichu, ebenfalls aus riesigen Steinformaten und im unregelmäßigen Verband. Betrachtet man hingegen die Präzision bei der Zusammenfügung der allergrößten Blöcke und die beherrschte Spannung, die von den winzigen Steinen im Verband ausgeht, so erkennt man hinter diesem Mauerwerk einen kraftvollen, doch selbstbeherrschten Menschen im klassischen Gleichgewicht. Die offensichtlich unprätentiöse Verwendung des kleinformatigen Ziegelsteins, im mittelalterlichen Europa weit verbreitet, deutet hingegen auf eine Geisteshaltung hin, in der sich der Einzelne dem Verband unterordnet, um eines höheren Zieles willen. Das erwachende Selbstbewusstsein und die Individualisierung des Renaissancemenschen zeichnet sich in der verstärkten Verwendung von Stein in plastischer, das heißt individualisierter Hervorhebung im größeren Format ab.

Die Decke
Wenn man im Zusammenhang mit dem architektonisch gefassten Ort nach den raumbegrenzenden Böden und Wänden auch von der Beschaffenheit der Decke spricht, kann man grundsätzlich an zweierlei denken: zum einen an den tatsächlichen oberen Abschluss von städtischen Räumen, zum anderen aber auch an die Dachlandschaft als den oberen Abschluss der Stadt. Dieses ist nicht nur für die "Bedachung" des Ortes als Ganzes relevant, sondern auch von den Stadträumen aus durch Dachvorsprünge, Gauben, Giebel, Türme usw. nachvollziehbar und zeigt so an, wie die Gebäude zum Himmel aufragen, ob sie sich durch eine bewegte Silhouette mit ihm verzahnen oder sich mit einem horizontalen Abschluss eher abweisend abwenden.
Es gibt aber auch echte städtische "Innenräume", öffentliche Räume mit einem Deckenabschluss. Gerade diese Orte als Arkaden, Passagen und überdachte Straßen weisen oft den stärksten Charakter auf. Der massiv überdeckte, gar noch gewölbte Passagenraum hat deutlich chtonischen Charakter. Es sind Wühlschächte durch die verdichtete Baumasse der Stadt, nicht unähnlich den unterirdischen Gängen einer Märchenburg. Neben den Passagen gibt es noch den Typus eines nach oben geschlossenen Stadtraumes von starkem Eigencharakter - die mit Tüchern oder Bambusmatten abgedeckten Basarstraßen des Orients. Selbst wenn es gelingen sollte, sich die typische Basarstimmung mit der dazugehörigen Geräusch- und Duftkulisse wegzudenken, bleibt als bestimmendes Element dieser Straßen gerade jenes durch Tücher gedämpfte gefilterte Sonnenlicht und ein Licht-und-Schatten-Spiel, das zusammen mit dem aufgewirbelten Staub den Luftraum der Straße plastisch und greifbar werden lässt. Auch der ungedeckte Stadtraum findet seinen Abschluss im sichtbaren Ausschnitt des Himmelsgewölbes. Nur wird sein raumbegrenzender Charakter nicht wie bei einer offenen Landschaft vom Horizont her bestimmt, sondern von den begrenzenden Gebäudekonturen. Wie der Übergang vom Boden zur Wand, so bedarf auch der Übergang zwischen Erde und Himmel einer Artikulation, wenn das Gebäude als ein Wesen zwischen Erde und Himmel verstanden wird, ein Wesen, das auf der Erde lagert oder in ihr wurzelt, aber zum Himmel ausgreift. Die reichhaltige Palette von oberen Gebäudeabschlüssen bezeugt anschaulich die Wichtigkeit dieser Beziehung, die in der modernen Architektur auf eine einzige Lösung - den waagerechten, undifferenzierten Flachdachabschluss - reduziert wurde. Die klassische Fassadengliederung kennt neben dem zur Erde hin vermittelnden Sockel(geschoß) auch die Attika, die innerhalb der Fassade den Übergang zum Himmel einleiten soll. Diese Dreiteilung der Fassade ist keine willkürliche Festlegung klassischer Architektur, sondern liegt im Wesen des Hauses begründet. Phänomenologisch gesehen kann man beim Haus nur drei Schichten unterscheiden: den Keller, die oberirdischen Geschoße und die Attika bzw. den Dachstuhl. Das Haus, das auf dem Erdboden steht, bedarf artikulierter "Puffer", Übergangszonen, mit denen es der Erde und dem Himmel Reverenz erweist - nicht wesentlich anders, als es auch ein Baum tut. Das Sezieren von Einzelerscheinungen des Genius Loci, so wichtig es auch für das Verständnis seiner Wirkungen sein mag, läuft Gefahr, die Komplexität des Phänomens aus den Augen zu verlieren. Selbstverständlich ist es wesentlich, wie sich die Anwesenheit des Menschen auswirkt, ebenso bedeutsam sind Möbel, Gegenstände sowie ortsgebundene Geräusche oder Gerüche. Es muss jedoch zugestanden werden, dass im Wesen des Ortsgeistes wohl immer ein Rest bleibt, der sich dem Zugriff der Beschreibung entzieht. Jenem aber, das man nicht greifen kann, sollte man nicht nachjagen. "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen" und den unfassbaren Rest auf sich wirken lassen, sich offen halten für eine mögliche Resonanz mit der geheimnisvollen Seele des Ortes.