Architektur als Spiegel der Zeit
Neun Punkte für einen Bewusstseinswandel in der Architektur im neuen Jahrtausend
Eine Neubesinnung in der Architektur fordert Georg Thurn-Valsassina, der durch eine Reihe von geomantischen Bauwerken international bekannt geworden ist. Statt selbstverliebt einer Abfolge purer Moden zu huldigen, meint er, solle die Architektur die Herausforderung annehmen, dem modernen Menschen bei der Gestaltung seiner zeitgemäßen Heimat langfristige Orientierung zu geben.

Man sagt, jede Gesellschaft hat die Architektur, die sie verdient.
Sind Architekten Lakaien ihrer Bauherren? Sind Architekten die Visionäre einer neuen Gesellschaft? Oder sind sie Erfüllungsgehilfen einer mächtigen Baulobby? Sind sie Proponenten des technischen Fortschritts? Ist Architektur immer noch der Gipfel der Künste, wie es in der Renaissance postuliert wurde, oder stellt sie nur mehr Strukturen zur Verfügung, die dann beliebig aufgefüllt werden, weil sich die Bedürfnisse so schnell wandeln, dass jede Festlegung eine Einschränkung darstellt? All die Fragen können mit einem Ja beantwortet werden, wenn wir unter den Tätigkeitsbereich der Architektur das gesamte Baugeschehen subsumieren. Wenn wir uns allerdings darauf beschränken, Architektur mit Baukunst gleichzusetzen, und nicht zustimmen, dass alles Kunst ist, was mit Gestaltung zu tun hat, so nähern wir uns einem Ideal von Architektur, wie es die Geschichte geprägt hat. Der Zeitgeist, dem viele Architekten frönen, will sich seiner Wurzeln entledigen. Vor allem junge Architekten haben die Tendenz, ihre geistigen Väter zu negieren. Heutige Schlagwörter sind: Kreativität, Innovation, Originalität, Abstraktion und Minimalisierung. Wie kommt es, dass die Produkte dieser Haltung so kurzlebig sind - bei ihrem Erscheinen gefeiert, nach drei Jahren vergessen, nach zehn Jahren überholt wirkend und nach zwanzig Jahren freigegeben für den Abriss? Das prominenteste Beispiel dafür ist das Centre Pompidou in Paris, dessen Restaurierung und Umbau ein Vielfaches der Erstellungssumme kostete. Der Abriss wurde als Alternative zur Restaurierung diskutiert. Ein weiteres Beispiel ist die Bibliothèque de France, deren sehr eingeschränkte Brauchbarkeit bereits drei Jahre nach Fertigstellung hohe Nachinvestitionen nötig machte, weil modisches Glas und Bücher schwer vereinbar sind. Sonnenbestrahlung ist Gift für Papier, nichtsdestoweniger wurde der Bau von der Architekturkritik enthusiastisch gefeiert und sollte als eine der Großtaten der Ära Mitterand in die Geschichte eingehen.
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