Das Außen im Innen

Grenze, Raum und Zeit in der Geomantischen Architektur

von Otto Schärli erschienen in Hagia Chora 7/2000

Seit gut einem halben Jahrhundert arbeitet der Architekt Otto Schärli an gestalterischen Konzepten, die wir heute als "geomantisch" zu bezeichnen beginnen. Geomantie ist für ihn ein neues Bewusstsein von Innen und Außen, vom Wechselspiel zwischen Subjekt und Objekt, ein Erkenntnisweg zur Vertiefung der Suche nach Einheit. Als langjähriger Freund und Wegbegleiter von Hugo Kükelhaus steht die Entfaltung der Sinne im Mittelpunkt seines Wirkens. Schärli versteht die Architektur als Medium, mit dessen Hilfe sich der Mensch in seiner Leiblichkeit als mit allem verbundener Teil des Ganzen erfahren will.

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Der rationale, distanzierende Ansatz der Naturwissenschaften hat zwar unbestreitbar Ergebnisse gebracht, von welchen wir alle profitieren, verursachte aber auch eine Situation, die uns Menschen existentielle Gefahren bringt: Entwirklichung der Realität, Entfremdung vom eigenen Selbst und der Mitwelt, Verlust von Solidarität mit andern Menschen und der Natur, Sinnverlust. Über diese Phänomene sind Bücher geschrieben worden, hier sollen diese Stichworte zum Weiterforschen animieren. Aus dem Gesagten wird klar, dass nicht ein Wissen zu vermitteln ist, schon gar nicht Rezepte anzugeben sind. Es geht um die Entfaltung von Fähigkeiten und das Gewinnen eines neuen Bewusstseins.

Leiblichkeit als Grundlage des Bauens
Architektur ist projizierte und abstrahierte Leiblichkeit des Menschen. Wir sprechen auch von seiner dritten Haut. Der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin sagt dazu: "Unsere leibliche Organisation ist die Form, unter der wir alles Körperliche auffassen. Ich werde nun zeigen, dass die Grundelemente der Architektur, Stoff und Form, Schwere und Kraft, sich bestimmen nach den Erfahrungen, die wir an uns gemacht haben; dass die Gesetze der formalen Ästhetik nichts anderes sind als die Bedingungen, unter denen uns allein ein organisches Wohlbefinden möglich scheint, dass endlich der Ausdruck, der in der horizontalen und vertikalen Gliederung liegt, nach menschlichen (organischen) Prinzipien gegeben ist." Ich versuche nun aufzuzeigen, wie sehr ein neues Bild unserer Leiblichkeit die Überbewertung des Kopfes und des Gehirns korrigieren kann. Der Weg wird frei für eine ganzheitliche Schau, die das Ursprüngliche in die Gegenwart heben kann. Wir haben bisher den Leib mehr von außen als Körper gesehen. Was verstehen wir denn unter Leiblichkeit des Menschen? Im Schöpfungsmythos der Genesis erschafft der Schöpfergeist den Menschen "nach Seinem Bilde", und bei Johannes lesen wir: "Das Wort ist Fleisch geworden": Göttlicher Ursprung des Leibes n Einheit von Geist und Materie. Man kann den Leib als Ganzes das "Organ des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses" nennen. Das Wort "Leib" bezeichnet materielle und immaterielle Teile unseres Wesens, Gefühle wie Gedanken sind an leibliche Organe gebunden. Mit dem Leib haben wir Anteil sowohl an unserer Umwelt wie an unserer Innenwelt. Die Verbindung beider geschieht durch unsere Sinne. Die Organe und Bereiche des Leibes "verkörpern" qualitativ verschiedene Bewusstseinsformen und entsprechende Bezugsweisen zur Wirklichkeit. Es zeigt sich bei näherem Hinsehen, dass Kopf, Herz und Bauch, Beine und Hände oder die einzelnen Sinne die Wirklichkeit in sehr verschiedener Weise erschließen. Die Worte "begreifen" und "verstehen" weisen auf diesen Zusammenhang hin. Was wir mit den Händen begriffen haben, wurde auch im Geist begriffen.
Die verschiedenen leiblichen Ebenen seines Wirklichkeitsbezuges werden dem Menschen zunächst nicht reflexiv und begrifflich bewusst, sondern im und durch das Erleben. Dabei weist der Begriff des Erlebens zugleich nach innen und außen. Im Erleben bin ich nicht nur in Kontakt mit der Welt, sondern zugleich auch bei und mit mir. Durch den Leib hindurch werde ich der Welt und meiner selbst bewusst. Die Wahrnehmungsforschung räumt auf mit der rationalen Subjekt-Objekt-Trennung. Objekt und wahrnehmendes Subjekt beeinflussen sich gegenseitig, bilden ein Wirkganzes. Im aufmerksamen Wahrnehmen sind wir ganz beim wahrgenommenen Gegenstand und geraten in den Zustand des Objektes. Beobachten Sie ein kleines Kind, das einem fliegenden großen Vogel nachschaut. Ganz versunken hebt es die Ärmchen und ahmt den Flügelschlag des Vogels nach.
Diese Weltaneignung, die zugleich Selbstschöpfung ist, geschieht durch den ganzen Leib. Die Biologie steht heute im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses. Wie äußert sich Leben? Leben grenzt sich grundsätzlich in Einheiten ab, von der Zelle bis zum hochkomplexen menschlichen Organismus. Dabei entsteht ein Dreifaches aus Haut bzw. Grenze, dem Außen und dem Innen. Die Bedingung für den Vollzug von Leben ist, dass sich das Innen stetig mit dem Außen austauscht. Ein Paradox: Einerseits Abgrenzung gegen alles andere und andererseits unbedingte Notwendigkeit der Überwindung der Grenze im Austausch nach außen. Das Wesen des lebendigen Individuums besteht im steten Austausch von innen und außen. Dies können Sie jetzt leiblich realisieren, indem Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Atem lenken: Einatmen - das Außen nach innen nehmen; ausatmen - das Innen nach außen geben (auch in der Sprache, dem Gesang ...). Verweilen Sie beim Gedanken, was alles das Innen ausmacht (Funktionen des Organismus, Gefühle, Gedanken ...) und wie weit das Außen reicht (Galaxien ...).

Innen und Außen
Unsere Sinne sind genetisch aus der Haut, dem Ektoderm, entstanden. Sie sind Bestandteil dieser Übergangszone von innen und außen, die sowohl abschließt wie verbindet. Die Funktion der Sinne lässt sich generell als Wahrnehmung und Wahrgebung umschreiben (im Sinne von Jean Gebsers Integralem Bewusstsein). Im Zeitalter der Reizüberflutung lohnt es sich, über den Prozess der Wahrnehmung nachzuforschen. Im offenen, aufmerksamen Wahrnehmen geraten wir in den Zustand des Wahrgenommenen. Dazu ist eine Befreiung von Vorurteilen, vorwegnehmendem Urteilen und sich aufdrängendem Wissen notwendig. Diese Offenheit und Vorurteilslosigkeit haben Kinder. Robert J. Oppenheimer sagte einmal: "Auf der Straße spielen Kinder, die einige meiner schwierigsten physikalischen Probleme lösen könnten, weil sie über eine Fähigkeit der Wahrnehmung verfügen, deren ich schon längst verlustig gegangen bin."
Voraussetzung für geomantisches Arbeiten ist ein solches offenes Wahrnehmen, das uns berührt und verwandelt. Sehr schön hat dies der französische Dichter Paul Claudel beschrieben, als er das Wort connaître (erkennen) interpretierte: mit dem Gegenstand des Erkennens neu geboren werden. Ein solches Wahrnehmen will geübt sein und braucht Zeit.
Wir haben von Voraussetzungen für geomantisches Arbeiten gesprochen, von der Leiblichkeit, die voll gelebt werden will und vom Prozess der Wahrnehmung, der unsere Verbindung zur Natur in uns und um uns herstellt. Unter Wahrgebung versteht Jean Gebser den Prozess des Reagierens in Resonanz des Mitteilens. Kommunikation ergibt sich nur in der Ganzheit von Wahrnehmen und Wahrgeben. Nach diesen einleitenden Äußerungen, die nur am eigenen Leib überprüft und erprobt werden können, sollen drei Bauten und ihre Geschichte kurz dargestellt werden.

Die Kirche in St. Niklausen
Durch einen Wettbewerb unter Schweizer Architekten bin ich dazu gekommen, ein Kloster, ein Gästehaus und eine Kirche in St. Niklausen, Obwalden, zu bauen. Der Bauplatz liegt wenige Kilometer vom Ranft entfernt, der Einsiedelei des heiligen Niklaus von Flüe (1417-87). Dessen Name war denn auch mein Projektmotto. Der Heilige meditierte täglich ein Radsymbol, das er als sein Gebet bezeichnete. Damit erreichte er Tiefen der menschlichen Seele, die wir noch heute als Kraftquelle erkennen können. Die Figur zeigt im äußeren Kreis den Kosmos, die Welt; das Außen wendet sich dem wahrnehmenden Innern, dem Menschen zu, bezeichnet durch die Strahlen. Der Mensch ist dargestellt im innern Ring, der sich mit drei Strahlen dem Außen, der Welt zuwendet. Der Punkt im Innern bedeutet den geistigen Kern, der alle Möglichkeiten des Selbst enthält. Dieses Symbol war mir Inspiration zur Gestaltung der Kirche. Im Grundriss erscheint das Quadrat des Daches - eine doppelt gekrümmte Schale aus Holz, ausgehend von zwei Betonpfeilern, die diagonal gegenüberliegen. Dazwischen schwingt das Dach frei. Der seitliche Raumabschluss ist kreisförmig und besteht aus nebeneinander gestellten Holzwinkeln, die zwischen einander senkrechte Lichtschlitze offen lassen. Dadurch entsteht eine "atmende" Haut zwischen Innen- und Außenraum. Durch die kreisförmige Anordnung hat jeder Winkel eine etwas verschobene Richtung gegenüber dem benachbarten. Wenn die Sonne ihren Lauf beschreibt, lässt sich die Veränderung ihres Standes an den wechselnden Streiflichtern und wandernden Schatten auf den Wandelementen feststellen. Die Wand erscheint als Austauschorgan von innen und außen, als Wandlung und als Wahrnehmungsorgan des kosmischen Laufs der Sonne. Der Besucher kommt selber in diesen Zustand der Durchlässigkeit und Offenheit, wenn er sich ergreifen lässt. Die Verbindung von Kreis und Quadrat ist ein Urthema von sakraler Architektur. Das Quadrat ist Symbol der Erde, der Kreis Symbol des Himmels. Hier wird das Quadrat als doppelt gekrümmte Schale in die Höhe gehoben. Der (himmlische) Kreis wird in durchlässige Elemente aufgelöst und auf die Erde herunter gezogen. Eine neue Wirkungseinheit ist entstanden. Da der Wahrnehmende über den wahrgenommenen Gegenstand mit sich selbst befasst ist, transzendiert er im Erlebnis des kosmischen Vorgangs seine eigenen Grenzen. Der durchbrochene Raumabschluss weist durch seine Gestaltung über sich hinaus auf einen kosmischen Vorgang. Im Schauen realisieren wir dies und transzendieren uns selber. Dies kann uns bewusst werden, wenn wir den Blick gleichzeitig nach innen wenden. Die Darstellung von Bethanien mit dieser Kirche hat insofern einen aktuellen Bezug, als im Mai 2000 an diesem Ort ein viertägiges Seminar mit Marko und Ana Pogacnik stattfand an dem über 70 Menschen teilnahmen. Es war für mich als häufiger Besucher der Landschaft um Bethanien eine Offenbarung, im Lauf der 4 Tage den Landschaftstempel entstehen zu sehen. Bethanien, und im besonderen die Kirche mit der Krypta wurde als Ort großer Ausstrahlung erfühlt. Bestimmt spielt eine bedeutende Rolle, dass eine Gemeinschaft von Klosterfrauen hier täglich beten und singen. Da verdichten sich spirituelle Kräfte zu einer heilsamen Atmosphäre. Der Landschaftstempel wurde erwandert und Wegstrecken auf Energiebahnen mit tastenden Schritten und offenen Organen erspürt. Die bewegte Landschaft ließ starke Spannungen erleben - von einem Abstieg in die Melcha-Schlucht zur Einsiedelei von Bruder Klaus und den steilen Aufstiegen zur alten Kirche von St. Niklausen. Durch die Einbindung in den Landschaftstempel hat Bethanien eine ganz neue Qualität gewonnen. Ein noch viel weiterer Bezug kam dazu: Das Stanserhorn, ein ganz besonderer Kraftort (Blanche Merz, Orte der Kraft in der Schweiz) steht mit ihm in Bezug: Eine Kraftlinie führt von diesem Berg über Bethanien zum Ranft. Die Dachform der Kirche hat unbewusst Kontakt aufgenommen mit dem Berg.

Bergkapelle Fräkmüntegg Pilatus
1960 ergriff ein katholischer Priester, Prof. Dr. Georg Staffelbach aus Luzern, die Initiative, auf der vielbesuchten Alp an der Waldgrenze des Pilatus eine Kapelle zu Ehren des Heiligen Niklaus von Flüe zu errichten. Ich ließ mich von der Landschaft, die mir seit Kindheit vertraut war, und den gewachsenen Alpbauten inspirieren und entwarf eine Kapelle mit pyramidenförmigem Walmdach. Die Bergseite des Daches wurde über die Spitze hinaus verlängert und bildete so ein dreieckiges, senkrechtstehendes Oberlicht als Hauptlichtquelle des sakralen Raumes. Vom Bauplatz eröffnet sich ein wundervoller Blick auf die Alpen und den Vierwaldstättersee. Der Ausblick zeigt auch ein altes Alphaus mit tief heruntergezogenem Walmdach zum Schutz vor der Unbill des Klimas. Dieses Haus wurde zum Vorbild für die Kapelle. Dem Bergwanderer und Gottesdienstbesucher, der sich im Anblick dieser weiten Aussicht bewegte, wollte ich einen Ort der Einkehr, der Ruhe und Innerlichkeit anbieten. Nach dem letzten Blick auf die verschneite Alpenwelt wendet sich der Besucher bergwärts und betritt die Kapelle durch zwei Seiteneingänge. Hier empfängt ihn eine total gegensätzliche Stimmung. Ein Zeltdach aus Holz bestimmt den Raum. Das Licht von der Dachspitze fällt auf die gestaltete Chorwand und den Altar, aus Pilatus-Steinen aufgemauert. Die schlichten Bänke sind in U-Form um den Altar angeordnet. Die niedrigen Mauern seitlich sind verputzt und werden durch ein Oblichtband, das mehr der Lüftung dient, gekrönt. Der Boden wirkt durch die Tonplatten sehr erdhaft. Die Chorpartie ist um eine Stufe erhöht. Ein Tabernakel, ein Kreuz und ein paar einfache Sitze ergänzen die Umgebung des Altars. Es ist dieser Raumwirkung zuzuschreiben, dass nach 40 Jahren Bestehen immer noch eine Gemeinde von begeisterten Besuchern die Kapelle mustergültig unterhält und dass trotz allgemeinem Priestermangel von Frühling bis Herbst jeden Sonntag ein Gottesdienst mit Priestern angeboten wird. Der Raum mit seiner konzentrierten Möblierung erzeugt bei voller Besetzung ein außergewöhnliches Gefühl von Gemeinschaft. Dies wird von vielen Menschen immer wieder gesucht. So füllt sich die Kapelle Sonntags um 10 Uhr, und an besonderen Anlässen singt ein Jodelchor traditionelle Gesänge oder eine Jodelmesse. Die Raumakustik lädt auch die Besucher zum Singen ein. Bei sonnigem Wetter zeichnet sich das dreieckige Oberlicht als helle Form auf die Chorwand ab. Es wandert während des Gottesdienstes von oben nach rechts unten und bescheint gegen Ende den Tabernakel mit dem Meditationsrad des Heiligen Niklaus von Flüe.

Haus Obmatt in Adligenswil
Fast zur gleichen Zeit fand ich den Bauplatz für mein eigenes Haus in Adligenswil bei Luzern. Ich war vom Ort und seiner näheren und weiteren Umgebung so sehr angetan, dass ich das darauf zu erstellende Haus als Raumkonzept sehr konkret träumte, sobald mir der Bauplatz zugesprochen wurde. Als erstes wurde der Ort gewählt. In der Bauerngemeinde von 700 Einwohnern gab es keine Ortsplanung und so hatte ich die freie Wahl. Beim ersten Besuch dieser Landschaft wurde ich vom Ort magisch angezogen. Eine innere Stimme sagte mit zwingender Sicherheit: "Hier soll es entstehen". Es gab noch Schwierigkeiten zu überwinden, aber der Kauf kam zustande. Wenige Tage nach diesem Ereignis erwachte ich morgens um 5.00 Uhr und sah vor mir das fast fertige Haus. So musste es sein. Kollegen und Leser werden fragen, was uns ein geträumter Entwurf geben soll, wo wir doch gewohnt sind, aus sorgfältigen Analysen und unter Beteiligung aller Nutzer zu planen. Da ist zu fragen, wie ein solcher Traum zustande kommen kann. Offenbar sind die Wahrnehmungen und Erkenntnisse vorgängig erfolgt, die unter die Haut gingen und die dann im richtigen Augenblick aus dem Innern emportauchten. Damit stellt sich auch die Frage, wie Wahrnehmung der Planungsfakten zu erfolgen hat. Wie schon Comenius, Pestalozzi, Montessori und Rudolf Steiner betonten: als Erlebnis mit möglichst allen Sinnen. Die Untersuchung des Baugrundes auf störende Wasseradern war eine Selbstverständlichkeit. Meine Frau und der zugezogene Experte fanden nur außerhalb der Parzelle einen unterirdischen Wasserlauf. Es konnte also getrost gebaut werden. Das Haus steht auf dem leicht geneigten Zwischenboden einer Hügellandschaft- in der Form des Turmes wurde ein Pfahl eingeschlagen und im Felsen verankert. Durch zwei versteifende Betonscheiben stabilisiert, fächert sich der Holzbau mit den Zimmern von Osten nach Westen auf. Seit meinen ersten Kinderjahren sah ich täglich die Silhouette des Pilatus, des Hausberges von Luzern. Das Haus Obmatt steht diesem Berg frontal gegenüber. Beide Silhouetten zeigen eine erstaunliche Übereinstimmung. Eine solche Gebärde hat sich im unbewussten Schöpfungsvorgang eingestellt und wurde erst viel später bewusst wahrgenommen.
In den Fünfzigerjahren hatte ich die Schriften von Hans Kayser studiert und mir ein Monochord bauen lassen. Proportionsstudien und Versuche am Monochord begleiteten den konstruktiven Prozess mit dem Haus Obmatt. "Die Prinzipien Maß und Wert gingen hier eine wunderbare Ehe ein, eines erkannte sich im andern: Das Maß der Saite im Wert des empfundenen, gefühlten Tones, und der Wert dieses Tones im Mass der Saite" (Hans Kayser). Die Bedeutung dieses umfassenden Ordnungssystems, unter anderem für die Architektur, kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. "Der Säulenschaft, auch die Triglyphe klingt, ich glaube gar, der ganze Tempel singt." Dies lässt Goethe in Faust II den Astrologen sagen.
Mit diesem Wissen und großer Liebe zur Musik ausgerüstet, begann die Proportionierung der Bauteile. Als Grundmaß wurde der Fuß (30 Zentimeter) gewählt. Alle wichtigen Elemente sind Vielfache dieses Fußmaßes. So ergaben sich drei Zonen, die je 3¥1,50 m (Abstand der Doppelsparren) messen: 1) Turm, 2) Wohnräume, die im Winkel um den Turm gelegt sind, und 3) Schlafräume, die durch höhenverschobene Galerien an die Wohnräume anschließen. Auf diese Weise wurde die Zahl 3¥3 = 9 die Leitzahl des Hauses. Fast 30 Jahre später begegnete ich der Figur des Enneagramms in einem Buch (ennea griech. = 9). Ich kopierte diese Figur auf Transparentfolie und legte sie auf den Grundriss. Die Übereinstimmung war präzise und erstaunte mich zutiefst.

Zeitaspekt der Architektur
Damit sind wir beim Thema Bewegung, dem Zeitaspekt der Architektur: 1950-1955 hatte ich Jean Gebsers "Ursprung und Gegenwart" gelesen, 1957 dann Gebser persönlich kennen gelernt. Gebser nennt drei Kriterien, die für ein neues, entstehendes Bewusstsein gelten:
-Einbruch der Zeit
-Überwindung des Dualismus
-Wahrung des Ganzen
Das zweite Kriterium kommt im Abschnitt "Innen und Außen" zur Behandlung, das dritte sollte sich aus der Summe des Dargestellten erahnen lassen. An einem Vortrag beim Symposium der Internationalen Jean Gebser-Gesellschaft 1987 habe ich versucht, die Konsequenzen für die Architektur herauszuarbeiten. "Der Einbruch der Zeit in die Architektur - Gewinnen der 4. Dimension", hieß der Titel. In Siegfried Giedions Werk "Raum, Zeit, Architektur", erschienen 1941 in englischer Sprache, wird Frank Lloyd Wright zitiert: "Das neue Richtmaß für den Raum besteht in dem Messen des Raumes durch Einheiten der Zeit. Es ist bemerkenswert, dass nicht nur Raumwerte sich völlig in Zeitwerte verwandelt haben, die einen neuen Maßstab bilden, sondern dass wir einen neuen Raumsinn besitzen." Diese Raumkonzeption wurde schon in früheren Werken erprobt und war so verinnerlicht, dass sie im Entwurf Obmatt in einiger Komplexität Realität wurde. Mir scheint, dass es sich hier um das eigentliche Charakteristikum zeitgemäßer Architektur handelt, weit entfernt von allen Modeströmungen: Dass das erlebende Subjekt in den Mittelpunkt gestellt wird und Architektur nicht mehr ohne den Erlebnisprozess des durchschreitenden Menschen gesehen wird, ist ein gewaltiger Bewusstseinssprung. Aus dieser Haltung ist es naheliegend, die Kriterien der zeitlichen Künste auf die Architektur anzuwenden: Rhythmik, Musik, Tanz. So habe ich versucht, aus der Rhythmik als Zeitgestalt das Raumerlebnis in der Bewegung zu gliedern. Wer sich auf eine Veränderung der räumlichen Situation zubewegt, z.B. der Knick eines Korridors, entwickelt im Gehen eine Erwartung. Am Ort angekommen, tritt die Erfüllung ein und im Weggehen bleibt das Ereignis als Erinnerung zurück. So enthält diese Zeitgestalt die Zukunft in der Erwartung, die Gegenwart in der Erfüllung und die Vergangenheit in der Erinnerung. Mit solchen Einheiten kann gestaltet werden. Die Erlebnisfähigkeit und Möglichkeit des Menschen wird zum Maß raumzeitlicher Konzepte.
Durch die Versuche mit dem Monochord wurde erlebbar, dass auch die sichtbare, die gebaute Welt klingt - harmonisch oder disharmonisch. Die ganze Schöpfung schwingt - wir wissen es aus der Teilchenphysik. Dasselbe wussten auch schon die altägyptischen Weisen vor 5000 Jahren. Im Kybalion, der Geheimlehre des mythischen Hermes Trismegistos, heißt es: "Nichts ist in Ruhe, alles bewegt sich, alles ist in Schwingung." Diese Lehre besagt auch, dass das ganze Universum von einem Geist durchdrungen ist und sich die Emanationen dieses Geistes durch die Frequenz ihrer Schwingung unterscheiden, bis hinunter zu den materiellen Realisationen. Eine solche Weltschau müsste einiges verändern, wenn sie in Menschen Wiederhall fände. Auch unsere menschliche Existenz ist da eingebunden, und es scheint, dass unsere Zeit die Möglichkeit bietet, dass Menschen zu einer geisterfüllten Lebensgestaltung gelangen können.
Es war mir ein Anliegen, Geomantie nicht nur als von außen auf uns einwirkende Kräfte und Energie zu sehen, die unser Bauen und Wohnen beeinflussen. Darüber können erfahrene Fachleute mehr aussagen. Es geht um die Einheit von Mensch und Mitwelt, um die wahrnehmende Aufmerksamkeit sowohl nach außen wie zum eigenen Innern. So wächst eine neue Sensibilität und ein neues Bewusstsein, deren wir dringend bedürfen und die sich in aufbauendem Tun verwirklichen möge.

Literatur:Gebser, Jean: Ursprung und Gegenwart, Schaffhausen 1978/1999; Giedion, Siegfried: Raum, Zeit, Architektur. Ravensburg 1965 (Englisch 1941); Kayser, Hans: Lehrbuch der Harmonik, Zürich 1950; Kükelhaus, Hugo: Urzahl und Gebärde. Klett u. Balmer, Zug 1999; Kükelhaus, Hugo: Unmenschliche Architektur, Köln 1988
Erfahrungsfeld der Sinne, Essen; Schärli, Otto: Werkstatt des Lebens. Durch die Sinne zum Sinn, AT-Verlag Aarau/Stuttgart 1991/95; drs.: Der Einbruch der Zeit in der Architektur. Gewinnen der 4. Dimension. In: Jahrbuch V der Internat. Jean-Gebser-Gesellschaft, Stuttgart 1988; drs.: Begegnungen mit Hugo Kükelhaus.