Das Außen im Innen

Grenze, Raum und Zeit in der Geomantischen Architektur

von Otto Schärli erschienen in Hagia Chora 7/2000

Seit gut einem halben Jahrhundert arbeitet der Architekt Otto Schärli an gestalterischen Konzepten, die wir heute als "geomantisch" zu bezeichnen beginnen. Geomantie ist für ihn ein neues Bewusstsein von Innen und Außen, vom Wechselspiel zwischen Subjekt und Objekt, ein Erkenntnisweg zur Vertiefung der Suche nach Einheit. Als langjähriger Freund und Wegbegleiter von Hugo Kükelhaus steht die Entfaltung der Sinne im Mittelpunkt seines Wirkens. Schärli versteht die Architektur als Medium, mit dessen Hilfe sich der Mensch in seiner Leiblichkeit als mit allem verbundener Teil des Ganzen erfahren will.

Der rationale, distanzierende Ansatz der Naturwissenschaften hat zwar unbestreitbar Ergebnisse gebracht, von welchen wir alle profitieren, verursachte aber auch eine Situation, die uns Menschen existentielle Gefahren bringt: Entwirklichung der Realität, Entfremdung vom eigenen Selbst und der Mitwelt, Verlust von Solidarität mit andern Menschen und der Natur, Sinnverlust. Über diese Phänomene sind Bücher geschrieben worden, hier sollen diese Stichworte zum Weiterforschen animieren. Aus dem Gesagten wird klar, dass nicht ein Wissen zu vermitteln ist, schon gar nicht Rezepte anzugeben sind. Es geht um die Entfaltung von Fähigkeiten und das Gewinnen eines neuen Bewusstseins.

Leiblichkeit als Grundlage des Bauens
Architektur ist projizierte und abstrahierte Leiblichkeit des Menschen. Wir sprechen auch von seiner dritten Haut. Der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin sagt dazu: "Unsere leibliche Organisation ist die Form, unter der wir alles Körperliche auffassen. Ich werde nun zeigen, dass die Grundelemente der Architektur, Stoff und Form, Schwere und Kraft, sich bestimmen nach den Erfahrungen, die wir an uns gemacht haben; dass die Gesetze der formalen Ästhetik nichts anderes sind als die Bedingungen, unter denen uns allein ein organisches Wohlbefinden möglich scheint, dass endlich der Ausdruck, der in der horizontalen und vertikalen Gliederung liegt, nach menschlichen (organischen) Prinzipien gegeben ist." Ich versuche nun aufzuzeigen, wie sehr ein neues Bild unserer Leiblichkeit die Überbewertung des Kopfes und des Gehirns korrigieren kann. Der Weg wird frei für eine ganzheitliche Schau, die das Ursprüngliche in die Gegenwart heben kann. Wir haben bisher den Leib mehr von außen als Körper gesehen. Was verstehen wir denn unter Leiblichkeit des Menschen? Im Schöpfungsmythos der Genesis erschafft der Schöpfergeist den Menschen "nach Seinem Bilde", und bei Johannes lesen wir: "Das Wort ist Fleisch geworden": Göttlicher Ursprung des Leibes n Einheit von Geist und Materie.

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